{"id":3512,"date":"2019-12-05T07:10:17","date_gmt":"2019-12-05T07:10:17","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3512"},"modified":"2020-01-02T19:00:27","modified_gmt":"2020-01-02T19:00:27","slug":"auf-die-autoritat-verweisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2019\/12\/05\/auf-die-autoritat-verweisen\/","title":{"rendered":"Auf die Autorit\u00e4t verweisen"},"content":{"rendered":"<p>Vor 65 Jahren starb der heute weithin vergessene katholische Publizist Waldemar Gurian. Es lohnt, das Werk des geb\u00fcrtigen St. Petersburgers neu zu entdecken.<\/p>\n<p>DRESDEN\/BONN. Das Diktum vom &#8222;Kronjuristen des Dritten Reiches&#8220;, mit dem der Publizist Waldemar Gurian im Oktober 1934 den Staatsrechtler Carl Schmitt belegte, nachdem dieser die von Hitler angewiesenen Massenerschie\u00dfungen ohne Gerichtsverfahren vom 30. Juni in der &#8222;Deutschen Juristenzeitung&#8220; <!--more-->gerechtfertigt hatte, ist bekannter als sein Urheber. Der war als Spross russisch-armenischer Juden aus Deutschland in die Schweiz geflohen und gab dort (mit Otto M. Knab),\u00a0zum eigenen Schutz anonym,\u00a0die auch\u00a0f\u00fcr deutsche Leser bestimmte\u00a0Wochenschrift &#8222;Deutsche Briefe&#8220; heraus, die sich bis 1938 halten konnte. Dabei war deren Verbreitung hierzulande umgehend von der Gestapo verboten worden.<\/p>\n<p>In den in kleiner Auflage herausgebrachten, teils nachgedruckten &#8222;Briefen&#8220;, die auch an prominente Kirchenleute\u00a0gelangten \u2013 Bisch\u00f6fe, \u00c4bte, Priester, Wissenschaftler \u2013, griffen Gurian und Knab den Nationalsozialismus und dessen Kirchenpolitik scharf an, was n\u00f6rdlich des Bodensees l\u00e4ngst unm\u00f6glich geworden war. Zudem dr\u00e4ngten sie die Hirten zu klarer Kritik und klagten an, wenn dies aus ihrer Sicht ungerechtfertigt unterblieb. &#8222;In allen ihren Urteilen&#8220;, hei\u00dft es in einer in Gurians Nachlass \u00fcberlieferten Aufzeichnung, werden die &#8222;Briefe&#8220; &#8222;beweisen, da\u00df sie von Katholiken geschrieben sind.&#8220; Freunde vermittelten aus Deutschland dazu Material, das dort anderen Presseerzeugnissen kaum mehr zug\u00e4nglich war.<\/p>\n<p><strong>Sch\u00fcler Max Schelers und Carl Schmitts<\/strong><\/p>\n<p>Als Gurian in der Schweiz ankam, war er l\u00e4ngst katholisch. 1914 hatte er sich taufen lassen wie seine Mutter vor ihm. Aus fr\u00fchester Kindheit in Moskau ist \u00fcberliefert, dass im dortigen Wohnzimmer Bilder des Heiligen Franziskus hingen \u2013 lange bevor die Mutter konvertierte. Geboren 1902 in Sankt Petersburg, war der Spross eines j\u00fcdischen Kaufmanns mit ihr 1911 nach Berlin gekommen, hatte in K\u00f6ln, Breslau, M\u00fcnchen, Berlin ein Studium absolviert, \u00fcber das n\u00e4here Angaben nicht \u00fcberliefert sind, au\u00dfer, dass er bei Max Scheler 1923 mit einer Dissertation \u00fcber &#8222;Die deutsche Jugendbewegung&#8220;, der er selbst angeh\u00f6rte, zum Dr. phil. abschloss.<\/p>\n<p>&#8222;Seit seiner Taufe ist sein Leben bis in den \u00e4u\u00dferen Ablauf hinein von der Bindung an die Kirche bestimmt gewesen&#8220;, schrieb Gurians Biograf Heinz H\u00fcrten. Nach Abschluss des Studiums trat er ein in die Redaktion der &#8222;K\u00f6lnischen Volkszeitung&#8220;,\u00a0einem traditionsreichen Blatt des Katholizismus. Dass der Publizist es als seine Verpflichtung verstand, von Anfang an als dezidiert katholisch in Erscheinung zu treten, wird fr\u00fch deutlich, obschon er die Stellung als Nachtredakteur Ende 1924 aufgab (und fortan in Godesberg als freier Schriftsteller lebte) \u2013 auch in dem B\u00fcchlein &#8222;Der katholische Publizist&#8220;.<\/p>\n<p>Dabei handelte es sich um die Druckfassung einer Rede, die er w\u00e4hrend der Salzburger Hochschulwoche gehalten hatte. Sein Leitbild entwickelt er als Antithese zum Vorl\u00e4ufertypus des liberalen Publizisten. Um selbst frei zu werden, habe dieser die ihm entgegenstehende Tradition, auch die Kirche bek\u00e4mpft, den Aufstieg der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft bef\u00f6rdert und dies so erfolgreich getan, dass er die \u00f6ffentliche Meinung mit zu beherrschen scheine. Doch dabei sei er nicht selbst tonangebend geworden, sondern &#8222;Opfer&#8220; Dritter, die sich seiner bedienten. Dass Gurian, angelehnt an Karl Mannheims Konzept vom freischwebenden Intellektuellen, Jahre vor dem Nationalsozialismus auch die Bedr\u00e4ngnis seines Standes in Diktaturen wie der Sowjetunion im Sinn hatte, als er schrieb, dass &#8222;der Anspruch des Publizisten, autonom, aus sich heraus die \u00f6ffentliche Meinung als Sprecher der Vernunft zu bestimmen, zur Selbstvernichtung f\u00fchren mu\u00df&#8220;, liegt auf der Hand.<\/p>\n<p><strong>Die Aufgaben des Publizisten<\/strong><\/p>\n<p>Den katholischen Publizisten sah er vor der Herausforderung, die Kirche einerseits gegen den Liberalismus, andererseits vor antiliberalen, falschen Freunden zu verteidigen \u2013 etwa Charles Maurras\u2018 Action Fran\u00e7aise. Mit dieser hatte er sich in dem B\u00fcchlein &#8222;Der integrale Nationalismus in Frankreich&#8220; (1931) auseinandergesetzt. Es\u00a0folgte der Studie &#8222;Die politischen und sozialen Ideen des franz\u00f6sischen Katholizismus 1789\/1914&#8220;, in der er schlussfolgerte: &#8222;Die laizistische Offensive ist auch politisch misslungen. Trotz aller Verfolgungs- und Ausnahmegesetze kann man die Kirche nicht aus der Gesellschaft vertreiben.&#8220; Sein Frankreich-Interesse m\u00fcndete genau in jenen Jahren in mehrere Publikationsprojekte, als Intellektuelle beiderseits des Rheins auf Auss\u00f6hnung hinwirkten.<\/p>\n<p>Stets verstand er die Aufgabe des katholischen Publizisten darin, der &#8222;nach Erfassung der Ewigkeit in seiner Zeit Suchende&#8220; zu sein, nie aber Autorit\u00e4t, sondern lediglich der, der auf sie verweise. Unsicherheit (auch \u00f6konomische, die er selbst durchlebte) geh\u00f6re zu den Wesensmerkmalen \u2013 &#8222;als st\u00e4ndige Mahnung, sich nicht zufrieden zu geben, nicht jene Unruhe zu vergessen, ohne die alle Publizistik nur eitler Zeitvertreib&#8220; sei. Es gehe darum, die &#8222;Aktualit\u00e4t der Kirche f\u00fcr alle Zeiten sichtbar zu machen&#8220;, aber gerade nicht in der Zeit aufzugehen.<\/p>\n<p>Fr\u00fch erkannte Gurian die Bedrohung, die f\u00fcr die Kirche von den neuen Diktaturen ausging. Hans Maier wies ihn als &#8222;Urheber der deutschen Totalitarismustheorie&#8220; aus, der das Gemeinsame von Bolschewismus und Faschismus erstmals &#8222;Totalitarismus&#8220; nannte. Gleichzeitig warb Gurian, etwa in seiner aufsehenerregenden Schrift &#8222;Der Bolschewismus. Einf\u00fchrung in Geschichte und Lehre&#8220; von 1931, f\u00fcr Differenzierung. Er hatte den Bolschewismus nicht aus marxistischer Theorie, sondern von seinem Anspruch her, alle Gesellschaftsbereiche zu durchdringen, hergeleitet und Italien als &#8222;lange nicht so total&#8220; beurteilt. Der italienische Staat erkenne &#8222;wenigstens theoretisch einen Bereich der Religion an [\u2026], den inhaltlich zu bestimmen er nicht den Anspruch erhebt&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Hannah Arendt nach Indiana geholt<\/strong><\/p>\n<p>In der 1932 unter Pseudonym publizierten Untersuchung &#8222;Um des Reiches Zukunft&#8220; \u00fcbertrug er dies auf den Nationalsozialismus. Der, schrieb er, &#8222;hat den Sinn f\u00fcr den Appell an die Gesinnung und die Bedeutung des politischen F\u00fchrers geweckt wie das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr gesellschaftliche und geschichtliche M\u00e4chte gesteigert. Doch ist damit sein metaphysischer\u00a0 Einheitsrausch nicht gerechtfertigt.&#8220; Fr\u00fch sah Gurian in NS-Ideologie und Bolschewismus Charakterz\u00fcge einer &#8222;politischen Religion&#8220;, nannte einen autorit\u00e4ren Staat ohne Parlament und Parteien, der Selbstverwaltung bejahe und Volkswillen erf\u00fclle, einen &#8222;Traum jenseits aller Wirklichkeit&#8220;. Gurian pl\u00e4dierte f\u00fcr eine &#8222;autorit\u00e4re Demokratie, welche die Antithese Volksstaat\u2013Obrigkeitsstaat zu \u00fcberwinden und an Stelle eines liberalen Gesellschaftsatomismus organische Bindungen zu setzen sucht&#8220;.<\/p>\n<p>1937 in die USA emigriert, fasste er an der katholischen Universit\u00e4t Notre-Dame in Indiana Fu\u00df, gr\u00fcndete die angesehene Zeitschrift &#8222;Review of Politics&#8220;, zu deren fr\u00fchen Beitr\u00e4gern Jacques Maritain und Hannah Arendt z\u00e4hlten. Die Philosophin holte er laut\u00a0Victor Conzemius als erste Frau zu einer Vorlesung in der M\u00e4nnerbastion.<\/p>\n<p>Gurian, der 1954 bei einem Erholungsaufenthalt am Michigansee starb, k\u00f6nne nur verstehen, wer ihn erlebt habe, schrieb Karl Jaspers in einem Nachruf mit Blick auf dessen oft auf Widerspruch sto\u00dfendes Temperament. Er, &#8222;der in seiner Jugend einem supranaturalistischen Integralismus angehangen hatte und die Kirche m\u00f6glichst von der Welt hatte geschieden sehen wollen&#8220;, so Conzemius, &#8222;wandelte sich in seiner letzten Lebensphase zu einem \u00fcberzeugten Anh\u00e4nger von Liberalismus und Demokratie&#8220;.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 65 Jahren starb der heute weithin vergessene katholische Publizist Waldemar Gurian. Es lohnt, das Werk des geb\u00fcrtigen St. Petersburgers neu zu entdecken. DRESDEN\/BONN. Das Diktum vom &#8222;Kronjuristen des Dritten Reiches&#8220;, mit dem der Publizist Waldemar Gurian im Oktober 1934 den Staatsrechtler Carl Schmitt belegte, nachdem dieser die von Hitler angewiesenen Massenerschie\u00dfungen ohne Gerichtsverfahren vom&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2019\/12\/05\/auf-die-autoritat-verweisen\/\"><span class=\"screen-reader-text\">Auf die Autorit\u00e4t verweisen<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\" aria-hidden=\"true\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,13,10,1,14,11],"tags":[1456,1452,1445,1448,1460,269,1451,30,1458,1444,1454,1447,1450,46,1449,832,694,572,1457,59,1459,1455,79,1319,1049,97,1013,1453,1446,1443,65],"class_list":["post-3512","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-geschichte","category-kultur","category-politik","category-religion","category-wissenschaft","tag-action-francaise","tag-bolschewismus","tag-carl-schmitt","tag-charles-maurras","tag-deutsche-briefe","tag-deutschland","tag-faschismus","tag-frankreich","tag-godesberg","tag-hannah-arendt","tag-hans-maier","tag-heinz-hurten","tag-indiana","tag-italien","tag-jaques-maritain","tag-judentum","tag-katholische-kirche","tag-koln","tag-laizismus","tag-nationalsozialismus","tag-otto-knab","tag-publizistik","tag-russland","tag-sankt-petersburg","tag-schweiz","tag-sowjetunion","tag-totalitarismus","tag-totalitarismustheorie","tag-victor-conzemius","tag-waldemar-gurian","tag-weimarer-republik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3512","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3512"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3512\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3515,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3512\/revisions\/3515"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3512"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3512"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3512"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}