{"id":3520,"date":"2019-10-31T13:16:47","date_gmt":"2019-10-31T13:16:47","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3520"},"modified":"2019-12-30T17:51:15","modified_gmt":"2019-12-30T17:51:15","slug":"3520","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2019\/10\/31\/3520\/","title":{"rendered":"Leben am Toten Meer"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3526\" aria-describedby=\"caption-attachment-3526\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3526\" alt=\"Die Entwicklung des Kreuzbeinsattels f\u00fcr Dromedare vergr\u00f6\u00dferte den Bewegungsradius arabischer St\u00e4mme schlagartig und machte Handel und Eroberungsz\u00fcge auch in der Region des Toten Meeres m\u00f6glich. Foto: Michael Kunze\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/IMG_9125-300x225.jpeg\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/IMG_9125-300x225.jpeg 300w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/IMG_9125-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/IMG_9125-250x187.jpeg 250w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/IMG_9125-624x468.jpeg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/IMG_9125-960x720.jpeg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3526\" class=\"wp-caption-text\">Der Kreuzsattel &#8211; hier ein f\u00fcr die Chemnitzer Ausstellung angefertigter Nachbau &#8211; vergr\u00f6\u00dferte den Bewegungsradius arabischer St\u00e4mme f\u00fcr Handel und Eroberungsz\u00fcge auch in der Region des Toten Meeres betr\u00e4chtlich. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Staatliche Museum f\u00fcr Arch\u00e4ologie in Chemnitz zeigt die Sonderausstellung &#8222;Leben am Toten Meer&#8220;. Ein thematisch derart ausgreifendes Panorama der Region mit herausragenden Leihgaben hat es in Europa noch nicht gegeben.<\/p>\n<p>CHEMNITZ. Als Sabine Wolfram vor sechs Jahren nach Israel reist, um \u00fcber die Geschichte der j\u00fcdischen Kaufhausdynastie Schocken zu forschen, machte ihr Barack Obama, gerade auf Staatsbesuch, einen Strich durch die Rechnung. Die Sicherheitsvorkehrungen<!--more--> f\u00fcr den Amerikaner lie\u00dfen ihr kaum Bewegungsfreiheit in Jerusalem. &#8222;Ich konnte gerade noch &#8218;fliehen&#8216;, bevor der Pr\u00e4sident das &#8218;King David&#8216; verlie\u00df, woraufhin tagelang ganze Stadtviertel abgeriegelt waren; ins Schocken-Archiv kam ich nicht&#8220;, sagt die Direktorin des im s\u00e4chsischen S\u00fcdwesten beheimateten Staatlichen Museums f\u00fcr Arch\u00e4ologie schmunzelnd, das seit 2012 in Erich Mendelsohns legend\u00e4rem, 1930 er\u00f6ffneten Chemnitzer Musterbau des einstigen Warenhauskonzerns untergebracht ist.<\/p>\n<p>Spontan stellte die Ur- und Fr\u00fchhistorikerin ihre Pl\u00e4ne um, reiste ans Tote Meer nach Masada, in die En-Gedi-Oase (&#8222;Quelle des Zickleins&#8220;), wo man damals noch baden konnte, und nach Jericho. Sp\u00e4ter wuchs der Entschluss, eine Ausstellung \u00fcber die Levante vorzubereiten, die es so in Europa noch nicht gegeben hat: &#8222;Leben am Toten Meer. Arch\u00e4ologie aus dem Heiligen Land&#8220; hei\u00dft der j\u00fcngst er\u00f6ffnete gro\u00dfe kulturgeschichtliche Wurf \u00fcber das Grenzland von Israel, Westjordanland und Jordanien um den 430 Meter unter dem Meeresspiegel liegenden, vom Jordan gespeisten Salzsee.<\/p>\n<p><strong><\/strong><strong>12.000 Jahre Siedlungsgeschichte im Fokus<\/strong><\/p>\n<p>Als vor 70 Jahren in den H\u00f6hlen von Qumran Schriftrollen, darunter die \u00e4ltesten bislang bekannten Bibelhandschriften, entdeckt wurden, ging die Nachricht um die Welt. Pr\u00e4sentationen, die diese auch in einen \u00fcber die \u00f6rtliche Historie hinausgehenden Kontext einbetteten, gab es schon. Nur nahmen sie entweder vorrangig auf die Berichte der Bibel bezug, lie\u00dfen die Zeit davor und danach aber weithin au\u00dfer Acht. Oder sie blieben auf heute israelisches Territorium beschr\u00e4nkt und klammerten Funde aus dem Umland aus, die nun dank potenter Leihgeber zur Verf\u00fcgung stehen. &#8222;Dabei handelte es sich einst um eine ungeteilte Region&#8220;, sagt Wolfram. Heilig ist sie Juden, Christen wie Muslimen.<\/p>\n<p>&#8222;Mit dem Bronzezeit-Spezialisten Martin Pfeilst\u00f6cker als Kurator, der lange in Israel lebte, haben wir ein Konzept entworfen, das zwar nicht mit der Bibel in der Hand geschrieben wurde&#8220;, erg\u00e4nzt sie. Aber religi\u00f6se und kulturelle Bez\u00fcge spielen eine wesentliche Rolle.\u00a0Herausgekommen ist eine in acht Bereiche gegliederte Schau, die den Landstrich bei aller, etwa durch das Klima verursachten Lebensfeindlichkeit als einen \u00fcber Jahrtausende hinweg anziehenden beschreibt. Die gezeigten St\u00fccke reichen von der Sesshaftwerdung vor etwa 12.000 Jahren bis in die byzantinische Zeit. Dazu gibt es jeweils aktuelle Ausblicke. Die thematische, darin je chronologische Gliederung reicht von den Bereichen &#8222;Forschen&#8220;, der auch als Geschichte von Irrt\u00fcmern \u00fcber Datierungen, Zuschreibungen und Ortsbestimmungen gelesen werden kann, &#8222;Natur und Subsistenz&#8220; \u00fcber &#8222;Wellness&#8220; mit den bis in die Antike zur\u00fcckreichenden Thermen, &#8222;Mobilit\u00e4t&#8220;, &#8222;H\u00f6hlen, D\u00f6rfer, St\u00e4dte&#8220; bis zu &#8222;Macht und Ohnmacht&#8220;, &#8222;Kult und Religion&#8220; sowie &#8222;Textilien&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Korb aus Nahost: Keine Kooperation mit Israel, auch nicht indirekt<\/strong><\/p>\n<p>So sind f\u00fcr die rund 1,3 Millionen Euro teure Pr\u00e4sentation, die bis M\u00e4rz 2020 in Chemnitz zu sehen ist, bevor sie ins Paderborner &#8222;Museum in der Kaiserpfalz&#8220; zieht, rund 350 Objekte zusammengekommen. Sie stammen etwa von der Israel Antiquities Authority, aus dem Israel-Museum in Jerusalem, dem &#8222;Ashmolean&#8220; in Oxford, vom British Museum wie auch dem Vorderasiatischen Museum zu Berlin. Die Bem\u00fchungen, arabische (und pal\u00e4stinensische) Leihgeber ebenfalls zu \u00fcberzeugen, schlugen indes fehl. Das h\u00e4tte &#8211; wenn auch nur indirekt &#8211; f\u00fcr sie bedeutet, mit Israel zu kooperieren und wurde abgelehnt. Kunst, Kultur und Geschichtsschreibung taugten immer zum Politikum &#8211; dabei ist es geblieben.<\/p>\n<p>Dennoch ist das, was geboten wird, auch eine l\u00e4ngere Anreise wert: Entlang von f\u00fcnf halbkreisf\u00f6rmigen B\u00e4ndern, die sich um einen Kernbereich zu Geologie und Lebensbedingungen legen, sowie in zwei angrenzenden R\u00e4umen werden die Exponate verst\u00e4ndlich erl\u00e4utert \u2013 Alltags- und Kultgegenst\u00e4nde wie \u00c4xte, Messer, Pfeilspitzen, Schalen, Gef\u00e4\u00dfe, Schmuck, dazu Nahrungsmittel- und Pflanzenreste, r\u00f6mische M\u00fcnzen \u2013 Drachmen, Denare, Sesterzen \u2013, Schuhe, Textilien, Schriftst\u00fccke, Grabbeigaben und S\u00e4rge, die Bestattungsrituale ausdeuten. Auch ein nachgebauter Kreuzsattel wird gezeigt, der einst die Beweglichkeit der Araber wesentlich erh\u00f6hte und Eroberungsz\u00fcge wie auch Handel \u00fcber gro\u00dfe Strecken m\u00f6glichmachte: mit Salz oder Wasser, Asphalt oder Balsam, einer gleichnamigen Pflanze, aus der einst teuerste Kosmetika hergestellt wurden.<\/p>\n<p>Wertvollstes St\u00fcck ist die \u00e4lteste bekannte Abschrift der Naturgeschichte von Plinius dem \u00c4lteren (23-79), der zu den bedeutendsten Gelehrten im antiken Rom z\u00e4hlte. Sie entstand im 5. Jahrhundert in einer kl\u00f6sterlichen Schreibstube auf der Bodensee-Insel Reichenau. Wie eine weit farbenpr\u00e4chtigere, um 1470\/80 in Augsburg und Verona gearbeitete Sammelinkunabel mit einem Hauptwerk des Flavius Josephus wird sie sonst im K\u00e4rntner Benediktinerstift St. Paul verwahrt. Hinzu kommen etwa auf 70 n. Chr. datierte, winzig kleine Phylakterien-Fragmente, von Kapseln gesch\u00fctzte und auf Pergament geschriebene Ausz\u00fcge der f\u00fcnf B\u00fccher Mose, die von j\u00fcdischen M\u00e4nnern, an Riemen befestigt, beim Gebet am K\u00f6rper getragen werden.<\/p>\n<p><strong><\/strong><strong>Gro\u00dfartiger Katalog, trotz peinlich ausufernder Gendersprache<\/strong><\/p>\n<p>Besonders sehenswert ist zudem der Textilbereich und dort beispielsweise eine wollene r\u00f6mische Tunika, dazu teils bis ins Neolithikum zur\u00fcckreichende Exponate aus Leinen, Baumwolle, Ziegenhaar, die die Kleidungsherstellung nachvollziehbar machen. Die Geschichte von der Zerst\u00f6rung der Stadtmauern des heute rund 22.000 Einwohner z\u00e4hlenden Jericho durch Posaunenkl\u00e4nge ist genauso Thema wie die Bedeutung des Sees, dessen Salzgehalt von derzeit rund 30 Prozent Jahr f\u00fcr Jahr durch die zur\u00fcckgehende Wassermenge steigt, als Gesundheitszentrum von Weltrang, wobei es sich keineswegs um ein auf die Moderne beschr\u00e4nktes Ph\u00e4nomen handelt.\u00a0Der opulent illustrierte, nicht nur die Ausstellungsst\u00fccke, sondern eine Vielzahl vertiefender Essays von internationalen Fachleuten enthaltende Begleitband, bei dem nur die exzessiv verwendete Gendersprache st\u00f6rt, setzt Ma\u00dfst\u00e4be und kann gleichwohl als landeskundliche Einf\u00fchrung zur Reisevorbereitung gelesen werden.<\/p>\n<p>Um religi\u00f6s interessierten Besuchern zus\u00e4tzliche Informationen zu bieten, wurde unter dem Titel &#8222;Spuren des Glaubens am Toten Meer&#8220; eine f\u00fcr Gruppen buchbare, einst\u00fcndige Sonderf\u00fchrung erarbeitet. Sie gew\u00e4hrt Einblicke in die Geschichte erster, schon f\u00fcr die Kupferzeit nachgewiesener Tempel, ebenso wie zu riesigen fr\u00fchbronzezeitlichen Grabfunden im heute jordanischen Bab edh-Dhra, wo 500.000 Bestattungen in mehr als 20.000 Schachtgr\u00e4bern vermutet werden, und reicht bis in die Geschichte des Juden- und des Christentums sowie des Islams.<\/p>\n<p>Auf die Resultate jahrelanger Schocken-Recherche muss \u00fcbrigens niemand verzichten, der nach Chemnitz f\u00e4hrt. In drei Erkern des Hauses geben sie Aufschluss \u00fcber dessen Geschichte, die von Salman Schocken als auch von Erich Mendelsohn (1887-1953) als Architekten und Pionier des Neuen Bauens.<\/p>\n<p><em>Die Ausstellung &#8222;Leben am Toten Meer&#8220;\u00a0im Staatlichen Museum f\u00fcr Arch\u00e4ologie, Stephan-Heym-Platz 1, 09111 Chemnitz, wird bis 29. M\u00e4rz 2020 gezeigt, ge\u00f6ffnet Dienstag bis Sonntag: 10 bis 18, donnerstags bis 20 Uhr. Geschlossen am 24., 25., 31. Dezember und 1. Januar. F\u00fchrungen buchbar unter Telefon 0371 911999-0.<\/em><\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Staatliche Museum f\u00fcr Arch\u00e4ologie in Chemnitz zeigt die Sonderausstellung &#8222;Leben am Toten Meer&#8220;. Ein thematisch derart ausgreifendes Panorama der Region mit herausragenden Leihgaben hat es in Europa noch nicht gegeben. CHEMNITZ. 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