{"id":3605,"date":"2020-04-11T13:09:59","date_gmt":"2020-04-11T13:09:59","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3605"},"modified":"2021-01-16T10:36:26","modified_gmt":"2021-01-16T10:36:26","slug":"schatze-aus-alten-kirchenbuchern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2020\/04\/11\/schatze-aus-alten-kirchenbuchern\/","title":{"rendered":"Sch\u00e4tze aus alten Kirchenb\u00fcchern"},"content":{"rendered":"<p>Keiner kennt sie mehr &#8211; doch nun ruft Klaus R\u00f6berts Arbeit Hunderte meiner Vorfahren bis in die 16. Generation in Erinnerung. Dank des einstigen Langenhessener Pfarrers liegen 500 Jahre Familiengeschichte aus der Region Werdau\/Zwickau vor &#8211; zusammengetragen aus Tauf-, Trau- und Sterberegistern. Ein Streifzug durch Zeiten und Sitten.<\/p>\n<p>LANGENHESSEN\/SCH\u00d6NFELS. Schriftsteller, Adel, &#8222;verdiente \u00c4rzte des Volkes&#8220; &#8211; Fehlanzeige. Seit im Jahr 2004 erste Abschriften aus Kirchenb\u00fcchern der Region <!--more-->bei mir eintrudelten und Ende Januar die bislang letzten, ist dennoch ein beeindruckendes Bild entstanden, das politische, Sitten-, Kirchen-, Familiengeschichte aus f\u00fcnf Jahrhunderten miteinander verbindet. M\u00f6glich gemacht hat das der Sch\u00f6nfelser Klaus R\u00f6bert, bis 2002 evangelischer Pfarrer in Langenhessen (Landkreis Zwickau) &#8211; seither kennen wir uns. Der 77-J\u00e4hrige hat \u00fcber Jahre auf meine Bitte hin Kirchenb\u00fccher zahlreicher Pfarr\u00e4mter nach meinen Vorfahren durchforstet, Namen und Daten abgeschrieben &#8211; eine Herausforderung, auch weil sich die Schriftarten wiederholt \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das Fazit: Wer etwas \u00fcber seine Vorfahren herausbekommen m\u00f6chte, kann an diesen B\u00fcchern nicht vorbei, jedenfalls f\u00fcr die Jahre bis 1875. Im Folgejahr wurden in Sachsen\u00a0Standes\u00e4mter eingerichtet, die &#8211; wie vorher nur die Kirchen &#8211; Geburten, Hochzeiten, Todesf\u00e4lle registrieren. &#8222;Daher sind die Register wichtige Quellen zur Familiengeschichte &#8211; ob jemand heute konfessionell gebunden ist oder nicht&#8220;, sagt Klaus R\u00f6bert. Auch wenn nur noch ein Viertel der Sachsen einer Kirche angeh\u00f6rt &#8211; 1945 waren es etwa 90 Prozent.<\/p>\n<p>Gef\u00fchrt werden die Tauf-, Trau- und Sterberegister vom Ortspfarrer oder Beauftragten. Der Impuls zur Erfassung sei im Zusammenhang von Reformation und Renaissance zu sehen, sagt R\u00f6bert. Der einzelne Mensch &#8211; von Gott geschaffen, geliebt, in Christus erl\u00f6st &#8211; r\u00fcckte in den Mittelpunkt. Die \u00e4ltesten ihm bekannten Kirchenb\u00fccher setzten um 1550 ein. &#8222;Allerdings&#8220;, schr\u00e4nkt er ein, &#8222;sind etwa durch den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg, den Zweiten Weltkrieg und Br\u00e4nde Aufzeichnungen verloren gegangen.&#8220; In Werdau\u00a0gelte das f\u00fcr den Stadtbrand von 1756, dazu Pfarrhausbr\u00e4nde wie in Blankenhain\u00a01665 oder Tr\u00fcnzig um 1760. Andere Quellen seien Steuerlisten, Grundb\u00fccher, Kataster. In Staatsarchiven werden Vertr\u00e4ge aus vorreformatorischer Zeit aufbewahrt. &#8222;Aber das ist nicht mein Gebiet&#8220;, sagt er &#8211; anders als die Kirchenb\u00fccher.<\/p>\n<p>Eine Auswahl dessen, was er \u00fcber meine (protestantischen) Vorfahren zusammengetragen hat:<\/p>\n<p><b>Einer der fr\u00fchesten Eintr\u00e4ge<\/b>\u00a0handelt von Georg Schmidt, &#8222;geboren um 1516&#8220;, Sterbebuch K\u00f6nigswalde, Januar 1612: &#8222;seines Alters 96 Jhar, hatt 71 Jhar in Ehestande gelebt, 13 Kinder gezeugt, davon 12 fr\u00f6lig zur Welt geborn 11t\u00f6chter und 1 Sohn, Hatt 119 Kinder und Kindes Kinder gesehen. Ist den 10. freytags hernach Christl. zur Erden bestaht worden&#8220;.<\/p>\n<p><b>Zur Rolle der Frau\/Familie:<\/b>\u00a0Frauen werden in fr\u00fchen Eintr\u00e4gen teils nicht mit Namen genannt, sondern in ihrem Verh\u00e4ltnis zu M\u00e4nnern: 1637 etwa als &#8222;Frau des Paul Neser&#8220;, 1622 die \u201eWitwe des Matthes Tr\u00f6ger\u201c. Sp\u00e4ter \u00e4ndert sich das. Familiennamen wird au\u00dferdem lange ein &#8222;in&#8220; angef\u00fcgt, was TV-Zuschauer von der &#8222;Ro\u00dfhauptnerin&#8220;, jener hemds\u00e4rmeligen Haush\u00e4lterin von Pfarrer Braun, gespielt von Ottfried Fischer, kennen. Auch aus slawischen Sprachen ist eine weibliche Form des Familiennamens bekannt. Im Langenhessener Taufbuch des Jahres 1832 ist, statt vieler, von der &#8222;Lippoldin&#8220; die Rede. Das heute noch prominenteste Beispiel d\u00fcrfte die im vogtl\u00e4ndischen Reichenbach geborene Mitbegr\u00fcnderin des regelm\u00e4\u00dfigen deutschen Schauspiels, Caroline Neuberin (1697 bis 1760), sein. Wichtig bleibt, je nach Kontext, zudem der Hinweis auf Jungfr\u00e4ulichkeit, etwa bei Eheschlie\u00dfungen. Mitunter kommt es anders: 1753 wurde in Rudelswalde der Langenreinsdorfer Christoph Schiefer mit Eva Maria Jacob &#8222;copuliret&#8220; (verheiratet), nachdem bekanntgeworden war, dass er sie &#8222;in Unzucht geschw\u00e4ngert&#8220; hatte. Die Trauung fand &#8222;abends in der Stille&#8220; statt. Wie wichtig es war, dass Mann und Frau &#8211; nach der Hochzeit &#8211; Geschlechtsverkehr haben, da sie die Ehe erst dadurch &#8222;vollzogen&#8220; (ein kirchenrechtlicher Begriff), zeigt, dass auch dies teils dokumentiert wurde. Denn davon hing (h\u00e4ngt!) die G\u00fcltigkeit ab &#8211; zum ersten Sex kam es mitunter gar vor Zeugen. Oder es mussten Beweise vorgelegt werden. 1598 ist in einem Langenhessener Buch \u00fcber Peter Franz und Sabina Friedrich zu lesen: Franz &#8222;hat seine Hochzeit und ehlich Beylager mitt ihr gehabt in seines Schwehers (Schwiegervaters oder Schwagers) Ilgen Friedrichs behausung den 25. octob. anno 98&#8220;. Augenf\u00e4llig ist der h\u00e4ufige Hinweis darauf, dass Nachkommen &#8222;eheleiblich&#8220; geboren sind, nicht &#8222;nur&#8220; leiblich oder ehelich. Auf die Verbindung kommt es den Chronisten an. Leibliche, nichteheliche gelten lange mehr noch als nichtleibliche, eheliche Kinder als unsittlich &#8211; nicht von ungef\u00e4hr, wenn es etwa um die Erbverteilung geht.<\/p>\n<p><b>Umgang mit Suizid:<\/b>\u00a0Menschen, die sich das Leben nehmen, wird auch dann, wenn das Urteil hart ausf\u00e4llt, nicht leichtfertig begegnet: \u00dcber Andreas Lorenz\u00a0aus Kleinbernsdorf steht 1716 zu lesen, &#8222;ohngeacht man an Ihm vorhin nichts gemerket, da\u00df er &#8230; trist sinnig gewe\u00dfen&#8220;: &#8222;Ist desselben tages noch von dem Scharfrichter Knecht zu Zwickau\u00a0abgeschnitten und auf Befehl eines Wohll\u00f6bl. Consistorii in Leipzig durch Ihm d. 4. September wo er sich erhenket, eingescharret worden.&#8220; Man hat Lorenz ein christliches Begr\u00e4bnis auf dem Friedhof verwehrt, eine schwere Strafe &#8211; dies aber nicht vor Ort entschieden, sondern in Leipzig. Aus Zwickau musste der Scharfrichterknecht kommen. Nicht nur, aber auch angesichts der eingeschr\u00e4nkten Mobilit\u00e4t ist das ein gewaltiger Aufwand. Der Pfarrer schlie\u00dft: &#8222;Gott wehre u. steure doch dem Satan, da\u00df Er nicht Sein List u. T\u00fccke an uns Menschen aus\u00fcbe &#8230;!&#8220; Anders der Fall von Regina Hedrich von 1707, Taufbuch Neumark, die tot in einem Teich gefunden wird: &#8222;Weil sie &#8230; ein recht Christl. stilles Leben gef\u00fchret, davon ihr jedermann &#8230; Zeugni\u00df giebt&#8220;, seit Wochen schwer krank war und sich wohl nur Abk\u00fchlung verschaffen wollte, k\u00f6nne man &#8222;nicht vermuthen, da\u00df sie sich vorsorgl. u. bo\u00dfhafftiger Weise solte &#8230; ers\u00e4uffet haben.&#8220; Der Pfarrer notiert: &#8222;Ich schreibe, Vater, seuffzend ein: Ach! la\u00df sie nicht verloren seyn!&#8220; Der Superintendent wurde zurate gezogen &#8211; man setzte sie auf dem Friedhof bei.<\/p>\n<p><b>&#8222;Priester Hetzer&#8220;, &#8222;Prediger Feind&#8220;:<\/b>\u00a0Wenngleich f\u00fcr die meisten Vorfahren in religi\u00f6sen Fragen wenig Kritik und auch manche Wohltat dokumentiert ist, gibt es zwei, bei denen die Sache anders liegt: Michael Drommer, gestorben am 27. Mai 1707 in Langenhessen, wird als &#8222;Erz-Z\u00e4nker und Priester Verfolger&#8220; ausgewiesen, der, so des Pfarrers Hoffnung, nach, &#8222;Gott gebe, wahrer Bekehrung seelig verstorben&#8220; sei. Nur wenige Wochen vorher, am 8. Mai, starb Johann N\u00fcrnberger, &#8222;ein Gerichts Sch\u00f6pff und Bo\u00dfhafftiger Prediger-Feind und Verfolger&#8220;, auch er, &#8222;Gott gebe!&#8220;, nach Bekehrung.<\/p>\n<p><b>Krieg\/Auswanderung:<\/b>\u00a0Wie sich der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg (1618-1648) auswirkte, lassen mehrere Eintr\u00e4ge erahnen: So ist 1632 im Langenhessener Sterbebucheintrag von Eva Schmidt, die der Schlag getroffen habe, die Rede vom &#8222;Th\u00fcrannisch Weltlauff&#8220;. Georg Karg wird 1641 &#8222;von einem Raubrischen Soldaten j\u00e4mmerlich in seinem Hoff wegen seines Pferdtes erschossen und umgebracht&#8220;, hei\u00dft es in Langenbernsdorf. Im Langenhessener Sterbebucheintrag von Johann Georg D\u00e4umler steht am 31. Mai 1867, er hinterlasse sieben Kinder, von denen &#8222;4 nach Amerika\u00a0ausgewandert sind, darunter eine verehel. Peuckert&#8220; &#8211; seinerzeit f\u00fcr Sachsen eher un\u00fcblich. Denn im 19. Jahrhundert wanderten laut Judith Matzke vom S\u00e4chsischen Staatsarchiv nur rund 100.000 Sachsen nach Nordamerika aus. Dies seien in diesem Zeitraum lediglich zwei Prozent der deutschen Migration dorthin gewesen.<\/p>\n<p>Was aber waren meine Vorfahren, wenn keine Musiksternchen, Physiker, Pr\u00e4sidenten? Fast durchweg Bauern, auch M\u00fchlenbesitzer, Huf- und Waffenschmiede, Schuhmacher. Vor allem die Gutsbesitzer \u00fcbten vielfach angesehene \u00c4mter aus &#8211; etwa als Hochadelig Bosischer, Herrlich Eschescher, als Friedens-, Amtsrichter oder Kirchvorsteher.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keiner kennt sie mehr &#8211; doch nun ruft Klaus R\u00f6berts Arbeit Hunderte meiner Vorfahren bis in die 16. Generation in Erinnerung. 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