{"id":3849,"date":"2020-06-18T12:16:50","date_gmt":"2020-06-18T12:16:50","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3849"},"modified":"2020-06-22T12:46:55","modified_gmt":"2020-06-22T12:46:55","slug":"katholische-grenzfragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2020\/06\/18\/katholische-grenzfragen\/","title":{"rendered":"Katholische Grenzfragen"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3850\" aria-describedby=\"caption-attachment-3850\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3850 size-medium\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/img_6448-370x218.jpg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"218\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/img_6448-370x218.jpg 370w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/img_6448-1024x604.jpg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/img_6448-768x453.jpg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/img_6448-1536x905.jpg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/img_6448-2048x1207.jpg 2048w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/img_6448-300x177.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 370px) 100vw, 370px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3850\" class=\"wp-caption-text\">Petrus Legge, Bischof von Mei\u00dfen, bei einer Firmung in Seitendorf mit Pfarrer Edmund Grohmann (1869-1969). Die Aufnahme ist vor 1945 entstanden. Seitendorf war eines der wenigen D\u00f6rfer im &#8222;Zittauer Zipfel&#8220; mit katholischer Bev\u00f6lkerungsmehrheit. Foto: Zentrum f\u00fcr Kultur\/\/Geschichte (Niederjahna)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auch Sachsen musste nach dem Zweiten Weltkrieg Gebiet abtreten. Das ist heute kaum mehr bekannt \u2013 ebenso wenig, dass davon die Kirchenstrukturen betroffen waren. Eine neue Studie ruft die Umst\u00e4nde in Erinnerung.<\/p>\n<p>ZITTAU\/DRESDEN. Tief hat sich der 22. Juni 1945 ins Ged\u00e4chtnis der Bewohner des \u00f6stlich der Lausitzer Nei\u00dfe gelegenen \u201eZittauer Zipfels\u201c einst eingegraben. Ein polnischer R\u00e4umungsbefehl lie\u00df ihnen seinerzeit keine andere Wahl, als Haus und Hof gen Westen zu verlassen. Nur wenige durften (zun\u00e4chst) bleiben. Denn was kaum noch bekannt ist: Nicht nur Schlesier, Pommern, Ostbrandenburger und -preu\u00dfen mussten ihre Heimat nach dem Weltkrieg aufgeben. Auch Sachsen trat im Zuge der von Stalin forcierten \u201eWestverschiebung\u201c Polens Territorium ab.<!--more--><\/p>\n<p>Um 22 durch Textilindustrie und bis heute von Braunkohlenabbau gepr\u00e4gte, teils diesem mittlerweile zum Opfer gefallene D\u00f6rfer geht es, auf 144 Quadratkilometern mit rund 24.000 Einwohnern (Stand: 1939). Sie hatten zum Kreis Zittau geh\u00f6rt. \u201eMeist wird das Gebiet &#8230; unter Schlesien subsummiert, was historisch falsch ist\u201c, schreiben die Historiker Lars-Arne Dannenberg und Matthias Donath in ihrer Studie \u201e\u201aDo hoan uns die Polen nausgetriebm\u2018. Vertreibung, Ankunft und Neuanfang im Kreis Zittau 1945-1950\u201c. Zustande gekommen ist diese mit Mitteln der Bundesbeauftragten f\u00fcr Kultur und Medien.<\/p>\n<p>Die Autoren, die den Titel einem die Erlebnisse verarbeitenden Mundart-Gedicht entlehnten, werteten private und amtliche Korrespondenz, Dokumente, Erinnerungsberichte aus und interviewten Zeitzeugen, die vor allem beim Einmarsch der Roten Armee, aber auch dar\u00fcber zeitlich hinausgehend von Pl\u00fcnderung, Suizid oder Vergewaltigung berichten. Bis um das Jahr 1960, kalkulieren sie anhand einer sogenannten Heimatortskartei, sei rund ein Drittel jener Vertriebenen in die (sp\u00e4tere) Bundesrepublik ausgewandert, die meisten in die SBZ\/DDR, einige ins Ausland.<\/p>\n<p>An jenem 22. Juni musste die Mehrzahl der B\u00fcrger des \u201eZipfels\u201c, der sich an den heutigen S\u00fcdosten des Freistaats Sachsen anschlie\u00dft, auf und davon. Unter ihnen waren Tausende Katholiken, die rund 20 Prozent der Einwohnerschaft ausmachten \u2013 betreut von vier Priestern in vier Pfarreien: 1. Seitendorf mit Hirschfelde, Rosenthal, Dittelsdorf, 2. Grunau mit Reutnitz, Sch\u00f6nfeld, Trattlau, Wanscha, 3. K\u00f6nigshain und 4. Reichenau mit Lichtenberg, Markersdorf, Reibersdorf, Bad Oppelsdorf, Sommerau.<\/p>\n<p>Bislang wurde die \u201ekatholische Frage\u201c f\u00fcr das Gebiet kaum gestellt. Dannenberg und Donath schlie\u00dfen mit einem ausf\u00fchrlichen Buchkapitel eine Forschungsl\u00fccke \u2013 denn gerade die Geschichte einst ans\u00e4ssiger Katholiken bietet Z\u00fcndstoff. Der Sprengel geh\u00f6rte nicht zum Erzbistum Breslau. Zust\u00e4ndig war der Bischof von Mei\u00dfen, Petrus Legge (1882 bis 1951), der in Bautzen residierte. Der auch von der katholischen Kirche Polens \u2013 voran Primas August Kardinal Hlond (1881 bis 1948) \u2013 fr\u00fch und massiv betriebenen Polonisierung der einstigen deutschen Gebiete fehlten so f\u00fcr die katholischen Strukturen die kirchenrechtlichen Mittel. Lutherische und unierte Liegenschaften und Gliederungen gingen an die Evangelisch-Augsburgische Kirche inPolen \u00fcber.<\/p>\n<p>Der von Hlond f\u00fcr Breslau eingesetzte Administrator Karol Milik (1892 bis 1976) \u2013 Erzbischof Adolf Kardinal Bertram war im Juli 1945 gestorben \u2013 konnte aber f\u00fcr die katholischen Gliederungen \u201ekeine Jurisdiktionsrechte aus\u00fcben. Nach &#8230; Kirchenrecht war es allein Angelegenheit des Bischofs von Mei\u00dfen &#8230;, &#8230; Priester abzuberufen oder einzusetzen\u201c,\u00a0so Dannenberg und Donath. Kardinal Hlond erwirkte unter Berufung auf vermeintliche Sondervollmachten des Papstes \u2013 dass diese f\u00fcr deutsche Di\u00f6zesen nicht galten, stellte sich f\u00fcr die Deutschen erst sp\u00e4ter heraus \u2013, dass die Bisch\u00f6fe von Ermland (damaliger Sitz: Frauenburg) und Danzig ihre Bist\u00fcmer verlie\u00dfen bzw. ihre Amtsgewalt auf von Polen beanspruchtem Gebiet nicht mehr aus\u00fcbten. Neue Administratoren konnten nun kirchenrechtskonform deutsche Pfarrer durch polnische ersetzen.<\/p>\n<p>Konflikte waren an der Tagesordnung, auch im \u201eZipfel\u201c, auf den die polnischen Kirchenstellen noch keinen Zugriff hatten: Denn obwohl die meisten Deutschen fr\u00fch vertrieben worden waren, auch vor\u00fcbergehend zwei katholische Pfarrer, blieb die Struktur weithin unangetastet. Doch keiner der deutschen Priester sprach Polnisch, um die Neuank\u00f6mmlinge zu betreuen, die meist aus den vormaligen polnischen Ostgebieten kamen. Diese wehrten sich vielfach gegen deutsche Priester, die schikaniert wurden. Das Bistum Mei\u00dfen entsandte darum den Muttersprachler und Jesuitenpater Paul Banaschik 1946 nach Grunau. \u201e[D]urch die seelsorgliche Beeinflussung [legte sich] der Hass\u201c, hielt daraufhin Ordinariatsrat Johann H\u00f6tzel in Bautzen fest. Als aber in Reichenau der polnische Jesuit Piotr Mr\u00f3wka eintraf \u2013 vom Jesuiten-Provinzial in Krakau entsandt, um Religionsunterricht zu erteilen \u2013 nahmen die Spannungen zu. Mr\u00f3wka, der mehrere Konzentrationslager \u00fcberlebt hatte, \u201edem\u00fctigte &#8230; seinen Amtsbruder [Franz Schwarzbach], rief &#8230; die Polizei, weil Schwarzbach angeblich staatsfeindliche Handlungen begehe\u201c, so die Autoren. Der Pfarrer wurde ausgewiesen.<\/p>\n<p>Als Pater Banaschik 1948 nach Krakau abreiste und die Jesuiten keinen Ersatz schickten, war die Versorgung der polnischen Katholiken gef\u00e4hrdet. Im November traf stattdessen ein Schreiben aus der Breslauer Administratur in Bautzen ein, in dem vorgeschlagen wurde, die Gebiete unter polnische Kirchenverwaltung zu stellen. \u201eDieser Druck, dazu die Verpflichtung, die Seelsorge f\u00fcr die polnischen Katholiken sicherzustellen, und das Wissen um eine weitgehende Aussiedlung der deutschen Katholiken f\u00fchrten zu dem Entschluss\u201c, so die Historiker, im Januar 1949 \u201edie Jurisdiktion &#8230; an Karol Milik abzutreten.\u201c<\/p>\n<p>Damit endete de facto die Zugeh\u00f6rigkeit der Pfarreien zum Bistum Mei\u00dfen. Doch erst 1972, mit der Konstitution \u201eEpiscoporum Poloniae coetus\u201c, ordnete Papst Paul VI. die Bistumsgrenzen in Polen neu und passte sie den v\u00f6lkerrechtlichen an. Das Mei\u00dfnische Gebiet \u00f6stlich der Nei\u00dfe gelangte zum Erzbistum Breslau. In den ehemaligen deutschen Ostgebieten wurden f\u00fcnf Di\u00f6zesen errichtet: Gorz\u00f3w (Landsberg an der Warthe), Szczecin-Kamie\u0144 (Stettin-Cammin), Koszalin-Ko\u0142obrzeg (K\u00f6slin-Kolberg), Opole (Oppeln), Warmia (Ermland). Aus den westlich der Oder-Nei\u00dfe-Linie liegenden Gebieten des Erzbistums Breslau um G\u00f6rlitz und Cottbus ging eine Apostolische Administratur hervor, seit 1994 Bistum G\u00f6rlitz.<\/p>\n<p><em>Lars-Arne Dannenberg\/Matthias Donath: <a href=\"https:\/\/via-regia-verlag.de\/laender-und-regionen\/laender-und-regionen-oberlausitz\/do-hoan-uns-die-polen-nausgetriebm-vertreibung-ankunft-und-neuanfang-im-kreis-zittau-1945-1950\">\u201eDo hoan uns die Polen nausgetriebm\u201c. Vertreibung, Ankunft und Neuanfang im Kreis Zittau 1945-1950<\/a>, Via-Regia-Verlag, K\u00f6nigsbr\u00fcck 2020, 268 Seiten, 19,90 Euro.<\/em><\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch Sachsen musste nach dem Zweiten Weltkrieg Gebiet abtreten. Das ist heute kaum mehr bekannt \u2013 ebenso wenig, dass davon die Kirchenstrukturen betroffen waren. Eine neue Studie ruft die Umst\u00e4nde in Erinnerung. ZITTAU\/DRESDEN. Tief hat sich der 22. Juni 1945 ins Ged\u00e4chtnis der Bewohner des \u00f6stlich der Lausitzer Nei\u00dfe gelegenen \u201eZittauer Zipfels\u201c einst eingegraben. 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