{"id":3855,"date":"2020-06-26T07:56:44","date_gmt":"2020-06-26T07:56:44","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3855"},"modified":"2024-01-05T08:52:04","modified_gmt":"2024-01-05T08:52:04","slug":"dresden-26-juni-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2020\/06\/26\/dresden-26-juni-2020\/","title":{"rendered":"Dresden, 26. Juni 2020"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4413\" aria-describedby=\"caption-attachment-4413\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4413\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/IMG_4831-scaled.jpeg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1709\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/IMG_4831-scaled.jpeg 2560w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/IMG_4831-370x247.jpeg 370w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/IMG_4831-1024x684.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/IMG_4831-768x513.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/IMG_4831-1536x1025.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/IMG_4831-2048x1367.jpeg 2048w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/IMG_4831-300x200.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4413\" class=\"wp-caption-text\">Beides: Ausbruch und Innehalten, einmal mehr &#8211; Donnerstag, 4. Januar 2024. Die Eierspeise wird noch serviert. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eFreitagmorgens zu \u201aGradel\u2018\u201c lautete bald nach dem Umzug nach Dresden Woche f\u00fcr Woche die selbsterteilte Weisung, die schnell Sehnsucht wurde und logische Konsequenz aus der Erkundung des n\u00e4heren Wohnumfelds \u2013 bis das Coronavirus das \u00f6ffentliche Leben vorderhand zum Stillstand brachte, auch Caf\u00e9s oder Restaurants einstweilen schlossen.\u00a0Dann wurden Baumkuchen \u2013 saftig und nicht zu s\u00fc\u00df \u2013, eine Spezialit\u00e4t des Hauses, in alle Himmelsrichtungen per Post auf den Weg gegeben, um Freunde und Verwandte zu gr\u00fc\u00dfen und dem vertrauten <!--more-->Haus an der Wehlener Stra\u00dfe 28 anderweitig nahe zu sein und von seinen Erzeugnissen zu zehren.<\/p>\n<p>Was w\u00e4hrenddessen fehlte, wog dennoch schwer: der Ausbruch aus der Alltagsroutine, f\u00fcr eine oder anderthalb Stunden, dazu das \u201egro\u00dfe Fr\u00fchst\u00fcck\u201c, zu dem ein K\u00e4nnchen Kaffee, Salami- und K\u00e4seauswahl, die eine Woche diese, die andere jene Br\u00f6tchen, Marmelade und die zus\u00e4tzlich georderte Portion R\u00fchrei mit Schinken gereicht werden, oft noch eine weitere Tasse Kaffee und, weil ich bei der Bezahlung an der Theke nicht vorbeikomme, ein, zwei kugelrunde hausgefertigte Pralin\u00e9s als Finale. Zu diesem \u201eProgramm\u201c geh\u00f6rt auch eine der \u00f6rtlichen Tageszeitungen, die Seniorchefin Monika Gradel stets &#8211; nach anf\u00e4nglichem Fragen, bald ohne &#8211; direkt aus dem Briefkasten, doch mit immer gleicher Bitte um Nachsicht herbeischafft, dass sie noch nicht im Caf\u00e9 liegt: Man komme selbst kaum zum Lesen, jedenfalls nicht vor dem Abend, wenn das Tagwerk verrichtet.<\/p>\n<p>Das Zeitungsangebot ist sp\u00e4rlich. Die Nachfrage fehlt. Alles flie\u00dft. Papierne Presseerzeugnisse, die einst zum Inventar von Kaffeeh\u00e4usern z\u00e4hlten, geraten aus der Mode wie ihre fr\u00fcheren Herbergen. Doch die geringe Anzahl morgendlicher G\u00e4ste, die hier an ihrer Tasse Kaffee nippt, speist, miteinander ged\u00e4mpft plaudert, hat ihr Gutes f\u00fcr den Ungest\u00f6rtheit suchenden Stammgast, auch wenn die Hausleitung hart daran tr\u00e4gt, nicht vom Touristenstrom zu profitieren, der sich t\u00e4glich durch die Altstadt w\u00e4lzt.\u00a0Denn bei der raren Anzahl Gleichgesinnter, die dem Caf\u00e9 die Aufwartung macht, w\u00e4hrend der Laden schon st\u00e4rker frequentiert ist, handelt es sich meist lediglich um einige Lehrer aus dem nahen Schulkomplex \u2013 oder Trauernde. Letztere bringen hier manche Stunde wartend zu, bis sie auf dem gegen\u00fcberliegenden Friedhof mit der von Reichstagsarchitekt Paul Wallot m\u00e4chtig \u00fcberkuppelten Kapelle von ihren Lieben Abschied nehmen \u2013 oder erst im Anschluss, um die Mittagsstunde, zu \u201eGradel\u201c wechseln. So hat der Besucher den langen Schlauch, der sich wie der senkrechte Balken des Buchstabens \u201eL\u201c an das Ladengesch\u00e4ft schmiegt, oft als Gastraum f\u00fcr sich. Einst befand sich hier die Backstube, die in ein Seitengeb\u00e4ude auf dem Grundst\u00fcck umgezogen ist.<\/p>\n<p>Frau Gradel, fr\u00fcher eine begeisterte Theaterg\u00e4ngerin, seit Jahren aber ganz vom Betrieb gefordert, hatte mit ihrem Mann Wolfgang, Konditormeister und Sohn der vorherigen Inhaber, in dritter Generation, 1977, das Haus von dessen Eltern Gerhard und Anni \u00fcbernommen. Gerhards Vater, der Konditor- und Pfefferk\u00fcchlermeister Max, und Mutter Olga waren es, die es 1919 zun\u00e4chst an der Striesener Stra\u00dfe er\u00f6ffneten. Dort war das Gesch\u00e4ft im Zweiten Weltkrieg ausgebombt worden. Der Neuanfang gelang, \u201etrotz der Wirren des Sozialismus\u201c, wie die Familie \u00fcber die Nachkriegszeit schrieb, stadtausw\u00e4rts: in Tolkewitz, Stra\u00dfenbahnlinie 4, Haltestelle \u201eJohannisfriedhof\u201c. Vom fr\u00fcheren Laden und dem Caf\u00e9 ist auch am nunmehrigen Standort kaum noch etwas zu ahnen. Nach 1989 wurde grundlegend modernisiert, doch das Interieur hat l\u00e4ngst liebensw\u00fcrdig Patina angesetzt.<\/p>\n<p>Das ist kein Coffeeshop, will auch keiner sein. Hier darf der Gast ankommen, rasten \u2013 muss nicht davonhasten, mit dem \u201eCoffee to go\u201c, den es im Laden f\u00fcr Eilige dennoch gibt. Das Haus zollt der Zeit Tribut und ist sich doch unter der Regie der vierten Generation mit Jens und Synke Gradel treugeblieben. Sie haben im April 2012 den Staffelstab \u00fcbernommen und einen Onlineshop f\u00fcr die Konditorei- und P\u00e2tisserie-Spezialit\u00e4ten des Hauses eingerichtet, die national und international Anerkennung eintrugen \u2013 von der Goldmedaille\u00a0beim Culinary Worldcup 2002 in Luxemburg als Angeh\u00f6rige der Nationalmannschaft der K\u00f6che Deutschlands bis zum Gewinn\u00a0des \u201eBattle for the Lion\u201c in Singapur, vier Jahre sp\u00e4ter, mit Jens Gradel als Chef-P\u00e2tissier ebenjener Equipe.\u00a0Dresdner Christstollen, Baum-, Honig- und alle Arten sonstiger Kuchen und Torten oder Petit Fours muss deshalb bei \u201eGradel\u201c niemand missen. Dass hier Schriftsteller oder K\u00fcnstler zu Stammg\u00e4sten wurden, ist dennoch nicht \u00fcberliefert. Nachvollziehen l\u00e4sst sich das schwer.<\/p>\n<p>Irgendwann ist das Caf\u00e9 im \u201eCorona-Jahr\u201c wieder aufgesperrt, der Stammgast kehrt zur\u00fcck, ordert \u2013 noch an der Auslage, schon aber strahlend \u2013 ein St\u00fcck Dresdner Eierschecke und eines von der Sachertorte. \u201eSie k\u00e4mpfen weiter, Frau Gradel?\u201c \u201eNa, hilft doch n\u00fcscht\u201c, sagt die Seniorchefin. Doch, hilft!<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eFreitagmorgens zu \u201aGradel\u2018\u201c lautete bald nach dem Umzug nach Dresden Woche f\u00fcr Woche die selbsterteilte Weisung, die schnell Sehnsucht wurde und logische Konsequenz aus der Erkundung des n\u00e4heren Wohnumfelds \u2013 bis das Coronavirus das \u00f6ffentliche Leben vorderhand zum Stillstand brachte, auch Caf\u00e9s oder Restaurants einstweilen schlossen.\u00a0Dann wurden Baumkuchen \u2013 saftig und nicht zu s\u00fc\u00df \u2013,&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2020\/06\/26\/dresden-26-juni-2020\/\"><span class=\"screen-reader-text\">Dresden, 26. 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