{"id":3880,"date":"2020-07-16T08:27:15","date_gmt":"2020-07-16T08:27:15","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=3880"},"modified":"2020-07-25T09:07:27","modified_gmt":"2020-07-25T09:07:27","slug":"der-kapitaen-aus-dem-gebirge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2020\/07\/16\/der-kapitaen-aus-dem-gebirge\/","title":{"rendered":"Der Kapit\u00e4n aus dem Erzgebirge"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3881\" aria-describedby=\"caption-attachment-3881\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3881 size-large\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/262FB873-9EF9-41D1-9009-8B6F08D63BFF-1024x768.jpeg\" alt=\"\" width=\"739\" height=\"554\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/262FB873-9EF9-41D1-9009-8B6F08D63BFF-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/262FB873-9EF9-41D1-9009-8B6F08D63BFF-370x278.jpeg 370w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/262FB873-9EF9-41D1-9009-8B6F08D63BFF-768x576.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/262FB873-9EF9-41D1-9009-8B6F08D63BFF-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/262FB873-9EF9-41D1-9009-8B6F08D63BFF-2048x1536.jpeg 2048w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/262FB873-9EF9-41D1-9009-8B6F08D63BFF-300x225.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 739px) 100vw, 739px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3881\" class=\"wp-caption-text\">Sven Spielvogel hat 2019 mit einem Compagnon die ab 1895 in Dresden-Laubegast aufgebaute Werft der Wei\u00dfen Flotte gekauft. Wenn es nach seinem Willen geht, k\u00f6nnten die Dampfer bald dazukommen &#8211; im Hintergrund die 1898 als &#8222;K\u00f6nig Albert&#8220; in Dienst gestellte &#8222;Pirna&#8220; auf der Slipanlage. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>In Aue aufgewachsen, geh\u00f6rt Sven Spielvogel zur CDU-Generation Ministerpr\u00e4sident Michael Kretschmers. Doch politisch aktiv ist er nicht mehr. Stattdessen hat der Immobilienunternehmer im Herbst die Werft der ins Straucheln geratenen Raddampferflotte in Dresden gekauft. Dabei soll es nicht bleiben.<\/p>\n<p>AUE\/DRESDEN. W\u00e4re Sven Spielvogel den Weg gleichaltriger Parteikollegen gegangen, s\u00e4\u00dfe er nun wom\u00f6glich auch im Land- oder im Bundestag \u2013 so wie einige aus seiner Generation, die in den Biedenkopf-Jahren der s\u00e4chsischen CDU beitraten und vorangekommen sind: Ministerpr\u00e4sident <!--more-->Michael Kretschmer, Kultusminister Christian Piwarz, der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz, oder die vogtl\u00e4ndische Bundestagsabgeordnete Yvonne Magwas, um nur einige der bekanntesten zu nennen.<\/p>\n<p>Spielvogel indes, aufgewachsen in Schneeberg und Aue, schon in den fr\u00fchen 90er-Jahren in der Jungen Union aktiv, deren Bundesvorstand er 2002 bis 2008 angeh\u00f6rte, 1999 bis 2014 Stadtrat in Aue, bis 2009 Kreisrat und noch 2019 Aufsichtsrat der Auer Wohnungsbaugesellschaft, steht nun nicht im Landtag oder in einem Dresdner Ministerium und dennoch am Elbufer. Dass es einige Kilometer weiter s\u00fcd\u00f6stlich sind, auf dem weitl\u00e4ufigen, ab 1895 errichteten, denkmalgesch\u00fctzten Werftgel\u00e4nde, auf dem die ins Straucheln geratene \u00e4lteste Raddampferflotte der Welt ihre historischen Schiffe wartet, st\u00f6rt ihn nicht.<\/p>\n<p>Sonnenschein, blauer Himmel, Dresden-Laubegast \u2013 erst wenige Tage her ist das. Die Dampfer \u201eKrippen\u201c und \u201ePirna\u201c liegen an Land, \u201eKurort Rathen\u201c vert\u00e4ut im Elbwasser. Sven Spielvogel strahlt. F\u00fcr Politik, sagt der verheiratete Vater dreier Kinder, hat er keine Zeit mehr. Doch dem Aue-Bad Schlemaer CDU-Ortsverband geh\u00f6rt er weiter an. Nun wartet der Immobilienunternehmer nicht als Tourist auf eine technikhistorische F\u00fchrung, sondern ist einer der Eigent\u00fcmer des 3,3-Hektar-Werftareals und erkl\u00e4rt selbst, wie es damit weitergehen soll. Erst im November 2019 hat er es mit einem Compagnon gekauft.<\/p>\n<p>\u201eBis 2013 wurden hier Schiffe gebaut, F\u00e4hren f\u00fcr die Dresdner Verkehrsbetriebe, einst auch Raddampfer. Nun wird nur noch instand gesetzt\u201c, sagt der 45-J\u00e4hrige. Das Gros der Dampfer, deren Betreiber im Juni bei weiterlaufenden Fahrten Antrag auf Er\u00f6ffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt hat, geht alle zwei Jahre an Land, wird \u00fcberholt, sagt Spielvogel.<\/p>\n<p>\u201eOhne Werft in Laubegast keine Wei\u00dfe Flotte\u201c, ist sich der Unternehmer sicher, f\u00fcr den die schmucken, in Wei\u00df und Gr\u00fcn get\u00fcnchten alten Damen zu Dresden geh\u00f6ren \u201ewie Eierschecke zum Repertoire s\u00e4chsischer Backkunst\u201c. Dabei wirkt die Werft auf den ersten Blick wie ein Relikt aus Urgro\u00dfvaters Zeiten: Hallen mit mattem Oberlicht, vernietete Stahlpfeiler, urt\u00fcmliche neben modernen Maschinen, eine Schmiede mit offener Feuerstelle, auch wenn die l\u00e4ngst kalt ist. Noch handschriftlich gef\u00fchrte, 110 Jahre alte B\u00fccher \u00fcber Pensionszahlungen l\u00e4ngst vergessener Schiffsbesatzungen lagern in einer Vitrine, als seien sie Anschauungsobjekte zum Jahr der Industriekultur.<\/p>\n<p>Kann man unter diesen Umst\u00e4nden Geld verdienen? \u201eMit heutigen Kostenstrukturen ist so eine alte Werft schwer zu vereinbaren\u201c, bekennt Spielvogel und spricht von \u201eeinem Wirtschaftsbetrieb mit historischem Charakter\u201c. Seit der \u00dcbernahme seien zwar die Eink\u00fcnfte, die das Areal abwirft, um 30 Prozent gesteigert worden. Profitabel sei der Standort aber noch nicht. Vieles, was Platz beansprucht, diene einzig dazu, die Schiffe in Fahrt zu halten. Spielvogel vermietet dem kompliziert strukturierten Unternehmen mit knapp 500 Eigent\u00fcmern, an dem der Freistaat \u00fcber eine GmbH als haftender Gesellschafter beteiligt ist, Geb\u00e4ude, Technik, Hilfsmittel. Da Investitionen n\u00f6tig sind, soll die Werft mit eigener Tischlerei und Schlosserei Platz f\u00fcr weitere Mieter schaffen. Gespr\u00e4che \u00fcber Testanlagen f\u00fcr Forschungsinstitute der TU Dresden, die in den Mitteltrakt ziehen k\u00f6nnten, seien im Gange. Schon ans\u00e4ssig sind ein Yachtbetrieb, Tanzstudio, KfZ-Pr\u00fcfstelle, Hausmeisterdienst, Kleingewerbe. Die Firmen hielten rund 45 Besch\u00e4ftigte in Lohn und Brot. Privatleute k\u00f6nnen Boote und Wohnmobile abstellen.<\/p>\n<p>Da geht noch was: Erst vor wenigen Tagen zitierte die Lokalpresse den Unternehmer mit der Idee, die durch jahrelanges Niedrigwasser, teure Umweltauflagen und Coronapandemie zu Kostensenkung gezwungene Dampfschifffahrt k\u00f6nnte mit weiteren Gesch\u00e4ftsbereichen nach Laubegast ziehen. Das mache \u00fcber mehrere Etagen gemietete R\u00e4ume unweit der Frauenkirche \u00fcberfl\u00fcssig, die \u00fcppig zu Buche schlagen sollen. Ob es so kommt, ist offen. Eine Entscheidung dar\u00fcber h\u00e4nge davon ab, wie es mit der S\u00e4chsischen Dampfschifffahrt (SDS) weitergeht, f\u00fcgte Spielvogel hinzu.<\/p>\n<p>Das Werftgel\u00e4nde mit Ausblick auf Pillnitz, Elbtal, Fernsehturm und Barockkirchlein geizt jedenfalls nicht mit Reizen. Die Slipanlage, \u00fcber die Schiffe an Land gezogen und nach Reparatur wieder zu Wasser gelassen werden, beansprucht rund ein Drittel der Fl\u00e4che. Hinzu kommen 5500 Quadratmeter bereits bebauten Grundes. \u201eJenseits des Ufers, das zum Hochwasserschutz freibleiben muss, bleibt Platz, den wir entwickeln wollen\u201c, sagt er und will Tempo. \u201eWir planen einen B\u00fcroneubau; die Abstimmung mit der Genehmigungsbeh\u00f6rde l\u00e4uft\u201c, erg\u00e4nzt der Diplom-Geograf, der nach dem Studium an der TU Dresden zun\u00e4chst im Landesamt f\u00fcr Umwelt und Geologie arbeitete. Seit 2012 ist er einer der beiden Gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden Gesellschafter der mittelst\u00e4ndischen Immobilienfirma Richert &amp; Co., die darauf spezialisiert ist, Altbauten zu revitalisieren.<\/p>\n<p>\u201eDie Unternehmensgruppe\u201c, hei\u00dft es selbstbewusst auf der Internetseite, \u201ebefindet sich auf Expansionskurs.\u201c\u00a0Rund 1200 Wohnungen mit Schwerpunkten in Dresden, Leipzig, Chemnitz geh\u00f6rten zum Firmenbestand, ein \u00c4rzte- und Gesch\u00e4ftshaus auf dem Gel\u00e4nde des einst \u00fcber Sachsen hinaus renommierten Lahmann-Sanatoriums in Dresden-Wei\u00dfer Hirsch, ein Gasthof. Nun die Werft. Wie passt die ins Portfolio? \u201eSehr gut\u201c, findet Spielvogel, \u201esie diversifiziert es.\u201c Sie schnell zu verkaufen, sei nicht geplant. Seit Berlin an Bedeutung eingeb\u00fc\u00dft habe, seien die Spielr\u00e4ume in Dresden gr\u00f6\u00dfer geworden. \u201eNach den Entscheidungen zur staatlichen Mietpreisfestsetzung\u201c, erkl\u00e4rt der Unternehmer, \u201ehat sich der Markt an der Spree selbst marginalisiert.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr die Wei\u00dfe Flotte \u2013 neun bis 1929 gebaute Dampfer sowie zwei moderne Salonschiffe \u2013 will sich auch der s\u00e4chsische Ministerpr\u00e4sident starkmachen. Wie sein einstiger JU-Kollege sch\u00e4tzt er griffige Vergleiche: Die Flotte, sagte Michael Kretschmer k\u00fcrzlich der Zeitschrift \u201eSuperillu\u201c, sei Kulturgut \u201ewie die Frauenkirche\u201c. Der Freistaat habe \u201ein den letzten Jahren mehrmals eingegriffen und das Unternehmen in Krisen unterst\u00fctzt\u201c. Auch diesmal solle geholfen werden.<\/p>\n<p>Spielvogel, nach wie vor gut in der Partei vernetzt, hatte die Werft f\u00fcr einen mittleren einstelligen Millionen-Euro-Betrag gekauft; schon wirbt er f\u00fcr den Umzug von Flottenpersonal nach Laubegast. Ist das alles? \u201e\u00dcber einen Anleger auf dem Gel\u00e4nde k\u00f6nnten bald Charterschiffe die Werft anlaufen. Daf\u00fcr\u201c, sagt er, \u201esprechen wir gerade mit dem Wasser- und Schifffahrtsamt.\u201c<\/p>\n<p>Und sonst? Die Nachfrage folgt Tage sp\u00e4ter. Der Verein \u201eWei\u00dfe Flotte Dresden \u2013 Freunde der S\u00e4chsischen Dampfschiffahrt\u201c hat am Montag Zweifel an deren privatwirtschaftlichem Betrieb angemeldet. Die Insolvenz zeige, so der Zusammenschluss von Dampfschiff-Enthusiasten, dass private Eigentumsverh\u00e4ltnisse f\u00fcr das \u201efahrende Museum\u201c ungeeignet seien. Darum wollen die Mitglieder Geld f\u00fcr dessen Erwerb sammeln, hoffen auf Hilfe von Freistaat und Kommunen. Zur \u00dcbernahme sei ein mittlerer einstelliger Millionen-Euro-Betrag n\u00f6tig, hei\u00dft es in einer Vereinsmitteilung.<\/p>\n<p>Am Dienstag geht die Dresdener Stadtratsfraktion von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen mit einem Eilantrag f\u00fcr die Ratssitzung am 16. Juli an die \u00d6ffentlichkeit. Dieser sieht vor, den Oberb\u00fcrgermeister zu beauftragen, \u201eschnellstm\u00f6glich mit dem Freistaat und den Regionen S\u00e4chsische Schweiz und Mei\u00dfen eine Bietergemeinschaft zu gr\u00fcnden\u201c, um sich \u201emit einem sogenannten nicht indikativen Gebot, also zun\u00e4chst einer Interessenbekundung\u201c am Insolvenzverfahren der Dampfschifffahrt zu beteiligen, sagt Torsten Schulze, der wirtschaftspolitische Fraktionssprecher, auf Nachfrage. Die Initiatoren des Antrags haben nach Gespr\u00e4chen mit der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung \u201edie Idee entwickelt, eine Bietergemeinschaft zu gr\u00fcnden\u201c. Ziel sei es, die historische Dampferflotte in \u00f6ffentliche Hand zu \u00fcberf\u00fchren. Bei Einstieg eines Privatinvestors wird auch die Zerschlagung der Flotte bef\u00fcrchtet.<\/p>\n<p>Unternehmer Spielvogel pl\u00e4diert f\u00fcr den Bestand der Flotte und sagt Tage nach der Werft-Visite am Telefon: \u201eWir haben Interesse angemeldet, die SDS mit den Tochterunternehmen Elbezeit, einem Cateringdienst, und der Veranstaltungsfirma Crash-Ice zu \u00fcbernehmen.\u201c Auch ein konkretes Kaufangebot sei mittlerweile vorgelegt worden. Nun st\u00fcnden Gespr\u00e4che mit Insolvenzverwalter, Freistaat und anderen an.\u00a0Die SDS-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung best\u00e4tigt die Offerte nicht. Ein Sprecher verweist auf mehr als einen und weniger als zehn \u00dcbernahme-Interessenten. Zu Details \u00e4u\u00dfere man sich nicht, auch um anderen \u201edie T\u00fcr weiter offen zu lassen\u201c. Nur soviel: Entscheidend f\u00fcr einen Verkauf seien die Kombination aus Konzept und Kaufpreis sowie der Wille, Flotte und Arbeitspl\u00e4tze zu erhalten.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Aue aufgewachsen, geh\u00f6rt Sven Spielvogel zur CDU-Generation Ministerpr\u00e4sident Michael Kretschmers. Doch politisch aktiv ist er nicht mehr. Stattdessen hat der Immobilienunternehmer im Herbst die Werft der ins Straucheln geratenen Raddampferflotte in Dresden gekauft. Dabei soll es nicht bleiben. AUE\/DRESDEN. 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