{"id":4017,"date":"2021-02-06T09:36:08","date_gmt":"2021-02-06T09:36:08","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=4017"},"modified":"2021-03-06T10:04:40","modified_gmt":"2021-03-06T10:04:40","slug":"und-zwar-im-besonderen-im-sinne-der-neuen-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2021\/02\/06\/und-zwar-im-besonderen-im-sinne-der-neuen-zeit\/","title":{"rendered":"&#8222;Und zwar im Besonderen im Sinne der neuen Zeit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Ein im Leipziger Stadtarchiv \u00fcberlieferter Lebenslauf aus dem Jahr 1945 gibt Aufschluss \u00fcber das damalige Wirken des heute weithin vergessenen Holzschnittmeisters Leopold W\u00e4chtler, der vor 125 Jahren in Penig geboren wurde. W\u00e4hrenddessen wird eine Ausstellung seiner Kunst wahrscheinlicher.<\/p>\n<p>PENIG\/LEIPZIG. Das bislang kaum erforschte Leben des K\u00fcnstlers Leopold W\u00e4chtler (1896-1988) nimmt nach neuen Recherchen Konturen an. Im<!--more--> Stadtarchiv Leipzig erhaltene Dokumente, darunter ein Lebenslauf, den W\u00e4chtler verfasst hat, informieren \u00fcber seinen Werdegang bis Kriegsende, w\u00e4hrend die Zeit danach vorerst im Dunkeln bleibt.<\/p>\n<p>Aus dem auf den 27. Dezember 1945 datierten, zweiseitigen Schriftst\u00fcck geht hervor, dass W\u00e4chtlers Vater Hugo in einer Emaillierfabrik arbeitete. In welcher, ist unklar. Der Sohn hat nach eigenen Angaben vom 6. bis 14. Lebensjahr die Peniger Volksschule besucht, von 1911 bis 1916 das \u201eSeminar zu Waldenburg\u201c, eine Lehrerausbildungsst\u00e4tte. Dann arbeitete er als Hilfslehrer im seit 1952 zu Zwickau geh\u00f6renden Auerbach und in Oberhohndorf, sp\u00e4ter in Penig. \u201eSeit dem 1. August 1921 war ich in Leipzig angestellt\u201c, schrieb er, \u201ehaupts\u00e4chlich an der 14. und 33. Volksschule.\u201c Er nahm ab 1917 am Ersten und von Juni bis September 1940 am Zweiten Weltkrieg teil.<\/p>\n<p>Der Lebenslauf geh\u00f6rt in Leipzig zum Bestand \u201eGesuche von Kunstmalern, Graphikern, Lithographen, Fotografen, Bildhauern und sonstigen Kunstgewerblern zur Anerkennung als freischaffende K\u00fcnstler, 1945-1952\u201c. Dar\u00fcber informierte Olaf Hillert vom Archiv. Derartige Schreiben hatten den Zweck, nach der Nazizeit eine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Dazu war auch ein Bogen mit einer Eidesstattlichen Erkl\u00e4rung auszuf\u00fcllen, der etwa nach NSDAP-, SA-, SS- oder Hitlerjugend-Mitgliedschaft fragte. Das Gesuch ist an das Kulturamt der Stadt gerichtet.<\/p>\n<p>Wie der 96-j\u00e4hrige Kunsthistoriker Hans Joachim Neidhardt, damals wie W\u00e4chtler in Leipzig-Gohlis zu Hause, in seinen j\u00fcngst vorgelegten <a href=\"https:\/\/verlag.sandstein.de\/detailview?no=98-568\">Memoiren<\/a> berichtete, hing von einer Arbeit auch die Einstufung der Lebensmittelkarte ab; viele Nahrungsmittel waren rationiert. Wer Arbeit hatte, bekam mehr zu essen: Es galt, von der \u201eminimal belieferten Lebensmittelkarte \u201aF\u00fcr Sonstige\u2018 wegzukommen, mit der man nur verhungern konnte\u201c, so Neidhardt. \u201eMit der Karte \u201aF\u00fcr Angestellte und freiberuflich T\u00e4tige\u2018 war man etwas besser versorgt.\u201c W\u00e4chtler bekam die Arbeitserlaubnis nach Pr\u00fcfung seiner Angaben, mit denen er glaubhaft machen wollte, \u201eenergisch\u201c eine \u201eBet\u00e4tigung in der Hitler-Partei oder einer ihrer Gliederungen\u201c zur\u00fcckgewiesen zu haben. Er schrieb: \u201eMit verschiedenen meiner Vorgesetzten in Schule, NSV [Nationalsozialistische Volkswohlfahrt] und Wohnblock hatte ich schwere K\u00e4mpfe.\u201c<\/p>\n<p>Um sich \u201epolitisch zu bew\u00e4hren\u201c, sei er in den Bezirk Kattowitz (poln. Katowice, seit der Besetzung 1939 Hauptstadt des Gaus Oberschlesien) versetzt worden. Gegen den \u201eaufgezwungenen Dienst im fremden Land\u201c habe er sich gewehrt und im Dezember1943 die R\u00fcckkehr nach Leipzig erreicht. Am 9. Juni 1945, einen Monat nach Kriegsende, wurde er laut Lebenslauf kommissarischer Leiter der 33., ab Oktober Leiter der 11. Leipziger Volksschule. Deren kriegszerst\u00f6rte Ruine hielt er k\u00fcnstlerisch fest. Ein Blatt davon ist im dortigen Stadtgeschichtlichen Museum erhalten. W\u00e4chtler gab die Leitung schnell ab. Seinem Antrag auf ein Jahr Urlaub ab 1. Dezember 1945 wurde stattgegeben. Begr\u00fcndet hatte er diesen damit, sich ganz der Kunst widmen zu wollen, \u201eund zwar im Besonderen im Sinne der neuen Zeit\u201c. Es liegt nahe, seine Portr\u00e4ts von Stalin, Otto Grotewohl oder Wilhelm Pieck damit in Zusammenhang zu bringen. Au\u00dferdem ist auf einem der Formulare vermerkt, er habe zum 3. Januar 1946 die SPD-Mitgliedschaft beantragt. Ob dem Antrag stattgegeben wurde, ist Pia Heine, der Vorsitzenden des Arbeitskreises Geschichte der SPD Leipzig, nicht bekannt.\u00a0\u201eWir verf\u00fcgen dazu \u00fcber keine Unterlagen\u201c, informierte sie.<\/p>\n<p>Die SPD in der DDR wurde im April 1946 mit der KPD zur SED zwangsvereinigt. Wie W\u00e4chtler die Umst\u00e4nde beurteilte, ob er Mitglied blieb, ist unklar. Weitere Angaben f\u00fcr die DDR-Zeit fehlen. Aufzeichnungen des Gohliser Friedhofs geben lediglich dar\u00fcber Aufschluss, dass er am 19. Juni 1988 gestorben und an der Seite seiner Ehefrau Magdalene W\u00e4chtler (1898-1977), geborene Freytag, beigesetzt wurde. Das Grab bestand bis 1998.<\/p>\n<p>Karsta H\u00f6nicke, die in Penig das Kleine Kino betreibt, h\u00e4lt w\u00e4hrenddessen daran fest, im Herbst eine Ausstellung mit Werken des K\u00fcnstlers auszurichten. Bei der Suche nach Leihgaben kann sie erste Erfolge melden: \u201eEin Chemnitzer Ehepaar stellt einen Scherenschnitt von Schloss Wolkenburg zur Verf\u00fcgung\u201c, sagte sie. Au\u00dferdem hat sie sich im Leipziger Stadtmuseum, das zahlreiche W\u00e4chtler-Werke verwahrt, erkundigt: Leihgaben seien kostenfrei, so H\u00f6nicke, die nun Versicherungs- und Transportfragen kl\u00e4ren muss.<\/p>\n<p>Der Peniger Roland Albrecht, Mitglied des Geschichtsvereins, konnte indes ein Missverst\u00e4ndnis korrigieren, das einem fr\u00fcheren Bericht zum Leben des K\u00fcnstlers zugrunde lag. Darin hie\u00df es, dieser sei in der Peniger Schule an der Bahnhofstra\u00dfe, im ehemaligen Gerichtsgeb\u00e4ude, geboren worden. Das stimmt sehr wahrscheinlich nicht. Vielmehr geh\u00f6rte das Haus Poststra\u00dfe 10 mit der Wohnung der Familie einst zur Bahnhofstra\u00dfe. Bei einer Neugliederung des Stra\u00dfennetzes im Jahre 1910 wurde die neue Post- von der Bahnhofstra\u00dfe abgetrennt und dieser das Eckhaus mit der neuen Nummer 10 zugeschlagen, berichtete Albrecht. Geburts- und Wohnhaus sind also ziemlich sicher\u00a0ein- und dasselbe.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein im Leipziger Stadtarchiv \u00fcberlieferter Lebenslauf aus dem Jahr 1945 gibt Aufschluss \u00fcber das damalige Wirken des heute weithin vergessenen Holzschnittmeisters Leopold W\u00e4chtler, der vor 125 Jahren in Penig geboren wurde. W\u00e4hrenddessen wird eine Ausstellung seiner Kunst wahrscheinlicher. PENIG\/LEIPZIG. 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