{"id":4031,"date":"2021-03-18T09:22:02","date_gmt":"2021-03-18T09:22:02","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=4031"},"modified":"2021-03-21T13:25:42","modified_gmt":"2021-03-21T13:25:42","slug":"ein-jahrhundertzeuge-schaut-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2021\/03\/18\/ein-jahrhundertzeuge-schaut-zurueck\/","title":{"rendered":"Ein Jahrhundertzeuge schaut zur\u00fcck"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4037\" aria-describedby=\"caption-attachment-4037\" style=\"width: 990px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4037 size-full\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Bildschirmfoto_Cover-H.-J.-Neidhardt.png\" alt=\"\" width=\"990\" height=\"1584\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Bildschirmfoto_Cover-H.-J.-Neidhardt.png 990w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Bildschirmfoto_Cover-H.-J.-Neidhardt-231x370.png 231w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Bildschirmfoto_Cover-H.-J.-Neidhardt-640x1024.png 640w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Bildschirmfoto_Cover-H.-J.-Neidhardt-768x1229.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 990px) 100vw, 990px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4037\" class=\"wp-caption-text\">Hans Joachim Neidhardt, der ma\u00dfgeblich daran mitwirkte, dass in Dresden Frauenkirche und Historischer Neumarkt wiedererstanden sind, hat seine Erinnerungen vorgelegt, die einen packenden \u00dcberblick von der Kindheit in &#8222;Weimar&#8220; bis ins Jahr 2000 offenbaren. Cover: Verlag<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der 96 Jahre alte Kunsthistoriker Hans Joachim Neidhardt, der Capar David Friedrich und die Romantiker in der DDR aus der Schmuddelecke holte, hat seine Memoiren vorgelegt. Sie entfalten einen weiten Blick auf das wechselvolle 20. Jahrhundert.<\/p>\n<p>DRESDEN\/LEIPZIG. Der 1925 in Leipzig-Gohlis geborene, in Dresden heimische und <!--more-->\u00fcber Sachsen hinaus angesehene Kunsthistoriker Hans Joachim Neidhardt hat seine Erinnerungen vorlegt.\u00a0Die in Anlehnung an ein Gem\u00e4lde Caspar David Friedrichs \u201e\u00dcber dem Nebelmeer\u201c betitelten rund 250 Seiten geben Auskunft \u00fcber ein Leben, das seit der Kindheit in der Weimarer Republik zwischen den so vielf\u00e4ltigen Entbehrungen wie Freuden des 20. Jahrhunderts hin- und hergeht.<\/p>\n<p>Der Vater stirbt fr\u00fch. Der \u201ebraune[n] Verf\u00fchrung\u201c, dass eine militante Erziehung richtig sei, glaubte er \u201eals Junge blind\u201c, schreibt Neidhardt, der im Juli 1943 achtzehnj\u00e4hrig in den Krieg musste. Auf dem Balkan, wo sich die Wehrmacht mit Titos Partisanen erbitterte Gefechte lieferte, wurde er schwer verwundet. Eine \u201eStunde Null\u201c gab es nach kurzer Gefangenschaft f\u00fcr ihn nicht. Um zu \u00fcberleben, musste er bei Bauern um Nahrungsmittel betteln \u2013 und \u201ebezahlte\u201c diese auch mit selbstgeschaffenen kleinen Kunstwerken, die er etwa von Bauernh\u00f6fen anfertigte.<\/p>\n<p>Eine 1947 diagnostizierte Lungentuberkulose verhinderte die Fortsetzung seiner w\u00e4hrend des Krieges begonnenen Studien; er ging durch zehn schwere Jahre. Stets wenn Hoffnung keimte, endlich stabilisiert zu sein, folgte der R\u00fcckfall in mehrfach lebensbedrohliche Krankheitsphasen, m\u00fcndete in Spital- und Kuraufenthalte (\u201eZauberberg I-V\u201c). Erst 1959 konnte er in Leipzig sein Studium der Kunstgeschichte abschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Das Gros der Ausf\u00fchrungen widmet er den DDR-Jahren \u2013 vielfach humorvoll, aber auch plastisch bedr\u00fcckend. Die Gem\u00e4ldegalerie Neue Meister mit der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, seinerzeit in Schloss Pillnitz untergebracht, f\u00fcr die Neidhardt als Kustos wirkte, bot nur wenige Nischen. Auch im Kunstbetrieb hatte die Staatspartei das Sagen, abgesichert durch unz\u00e4hlige Stasizutr\u00e4ger. Dennoch schildert Neidhardt gerade die Pillnitzer Jahre als Idylle, in der er im Bergpalais der einstigen Wettiner-Sommerresidenz wegen drastischen Wohnungsmangels in Dresden mit seiner Frau einige Zimmer bezog. Wiederaufbau und Neustrukturierung der Sammlung sind auch sein Werk; er erlebte die aufsehenerregende Heimf\u00fchrung der Dresdner Sch\u00e4tze aus der Sowjetunion.<\/p>\n<p>\u201eMit der Pr\u00e4sentation der Sammlung Neuer Meister in beiden Palais des Schlosses\u201c, schreibt er, \u201ekonnte sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte in einem \u00fcberschaubaren r\u00e4umlichen Zusammenhang gezeigt werden.\u201c Obwohl Museumsneuling, wurde Neidhardt im Wasserpalais mit der H\u00e4ngung der gro\u00dfen Impressionisten Max Liebermann, Lovis Corinth und Max Slevogt betraut. Die Familie lebte b\u00fcrgerlich. Zwei Kinder werden geboren. Mit Eleonore von Hofmann, Witwe des bedeutenden Jugendstilmalers und Akademieprofessors Ludwig von Hofmann, die in Pillnitz in der Brockhaus\u2019schen Villa lebte, verband die Familie eine gute Bekanntschaft. Die heile Welt, so Neidhardt, war jedoch nicht von Dauer. Die marxistische Umgestaltung des Museumswesens sollte vorangetrieben, Museen sollten \u201esozialistische Bildungsst\u00e4tten des Volkes\u201c werden. Den Eintritt in die SED, der ihm nahegelegt wurde, lehnte er aufgrund seiner christlichen \u00dcberzeugung ab: \u201eErwartet wurde nicht nur politisches Bekenntnis, sondern Unterwerfung &#8230;\u201c Durch seine Ablehnung, schildert Neidhardt, habe er Generaldirektor Max Seydewitz als Unperson gegolten.<\/p>\n<p>Dennoch verschaffte er sich Reputation, auch im Ausland. Er gestaltet herausragende Kunstausstellungen, ist international als Fachmann gefragt. Die Meister der Romantik, die in den fr\u00fchen DDR-Jahren ein Schattendasein fristeten, deren Schaffen als gef\u00fchlsduselig und reaktion\u00e4r galt, erlebten bald ungekannte Aufmerksamkeit, vor allem dank der Werke Caspar David Friedrichs; sp\u00e4ter wurde der auf dem Neuen Katholischen Friedhof in Dresden beigesetzte (Adrian) Ludwig Richter wiederentdeckt. An der Elbe stand am Anfang aber der Friedrich-Sch\u00fcler Carl Gustav Carus im Fokus, den die Dresdner zum 100. Todestag 1969 im Albertinum mit einer Ausstellung ehrten. Der anhaltende Zuspruch zur Kunst der Romantik ist mit Neidhardts federf\u00fchrenden Beitr\u00e4gen zu den ber\u00fchmten Ausstellungen der 1970er-Jahre in London, Hamburg\/Dresden, Paris, Tokio\/Kyoto und Oslo (1980) mitbegr\u00fcndet und untermauert worden.<\/p>\n<p>Mit der Wiedervereinigung und Neidhardts Eintritt in den Ruhestand begann ein neues Kapitel seines Wirkens, dem das Ehrenmitglied des Dresdner Geschichtsvereins, den er mitbegr\u00fcndet hat, den letzten Teil seiner bis ins Jahr 2000 reichenden Erinnerungen widmet: die ma\u00dfgebliche Mitarbeit am Frauenkirchen-Wiederaufbau. Zahlreiche Kritiker des Vorhabens, die seinerzeit das Wort erhoben, verstummten sp\u00e4testens bei Fertigstellung des v\u00f6lkerverbindenden Projekts, f\u00fcr das neben manch anderem Neidhardt an hervorgehobener Stelle Verantwortung \u00fcbernahm.<\/p>\n<p><em>Hans Joachim Neidhardt: <a href=\"https:\/\/verlag.sandstein.de\/detailview?no=98-568\">\u00dcber dem Nebelmeer. Lebenserinnerungen<\/a>, Sandstein-Verlag,\u00a0256 Seiten, 24 Euro.<\/em><\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 96 Jahre alte Kunsthistoriker Hans Joachim Neidhardt, der Capar David Friedrich und die Romantiker in der DDR aus der Schmuddelecke holte, hat seine Memoiren vorgelegt. Sie entfalten einen weiten Blick auf das wechselvolle 20. Jahrhundert. DRESDEN\/LEIPZIG. 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