{"id":4140,"date":"2022-12-12T06:32:51","date_gmt":"2022-12-12T06:32:51","guid":{"rendered":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=4140"},"modified":"2022-12-14T07:23:28","modified_gmt":"2022-12-14T07:23:28","slug":"ich-mache-weiter-solange-ich-kann-zum-75-geburtstag-des-dresdener-antiquars-claus-kunze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2022\/12\/12\/ich-mache-weiter-solange-ich-kann-zum-75-geburtstag-des-dresdener-antiquars-claus-kunze\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich mache weiter, solange ich kann.&#8220; Zum 75. Geburtstag des Dresdener Antiquars Claus Kunze"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4143\" aria-describedby=\"caption-attachment-4143\" style=\"width: 209px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4143 size-medium\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/09673A58-8BDC-447F-8CE3-D3A300D1D848-209x370.jpeg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"370\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/09673A58-8BDC-447F-8CE3-D3A300D1D848-209x370.jpeg 209w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/09673A58-8BDC-447F-8CE3-D3A300D1D848-578x1024.jpeg 578w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/09673A58-8BDC-447F-8CE3-D3A300D1D848-768x1360.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/09673A58-8BDC-447F-8CE3-D3A300D1D848-867x1536.jpeg 867w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/09673A58-8BDC-447F-8CE3-D3A300D1D848-1157x2048.jpeg 1157w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/09673A58-8BDC-447F-8CE3-D3A300D1D848-169x300.jpeg 169w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/09673A58-8BDC-447F-8CE3-D3A300D1D848-scaled.jpeg 1446w\" sizes=\"auto, (max-width: 209px) 100vw, 209px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4143\" class=\"wp-caption-text\">Im Ladengesch\u00e4ft, Pillnitzer Landstra\u00dfe 18: Claus Kunze im November 2022. Foto: M. Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>DRESDEN. Im Herbst des Jahres 1990, noch vor der Deutschen Wiedervereinigung, war es so weit: Claus Kunze konnte im Dresdener Stadtteil Loschwitz sein Antiquariat er\u00f6ffnen. Endlich! Endlich deshalb, hatte er doch jahrelang immer wieder vergeblich beim Rat der Stadt, Abteilung Handel und Versorgung, einen Gewerbeschein beantragt. &#8222;Man wollte in der DDR keine private Konkurrenz f\u00fcr die in der Mehrzahl staatlich organisierten Betriebe; das war im Volksbuchhandel so wie anderswo&#8220;, sagt Kunze in der R\u00fcckschau. Am 6. November ist das Urgestein der Branche an der Oberelbe 75 Jahre alt geworden.<\/p>\n<p>In den vier \u00fcbersichtlich eingerichteten R\u00e4umen an der Pillnitzer Landstra\u00dfe 18 f\u00fchrt der geb\u00fcrtige L\u00f6bauer sein auf Belletristik, Kunst-, Literatur-, allgemeine Geschichte sowie Saxonica und Graphik spezialisiertes Gesch\u00e4ft seit dem Jahr\u00a0<span style=\"font-size: 1rem;\">1996. Wer es betritt, trifft auf einen gastfreundlichen, wissbegierigen und \u00fcber Geschichte und Kultur der Stadt selten kundigen Inhaber, mit dem sich \u2013 auch dank seiner umfassenden Handbibliothek \u2013 eintauchen l\u00e4sst in die Welt der B\u00fccher, ihre Herstellung und die Autoren. Zielsicher zieht er schlie\u00dflich und ohne Computerhilfe aus seinem, sich nach wie vor entwickelndem Sortiment Passendes.\u00a0<\/span><!--more--><\/p>\n<p>Bis zum Bezug des Ladens befand sich der Verkaufsraum wenige H\u00e4user stadteinw\u00e4rts, im Pfarramt der lutherischen Kirchgemeinde. Die ersten sechs Monate Selbstst\u00e4ndigkeit meisterte er gar in der Wohnung seines F\u00fcnf-Personen-Haushaltes, zu dem eine seinerzeit bald hundertj\u00e4hrige ostpreu\u00dfische Tante geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend er die 30-Jahr-Feier seines Antiquariats vor zwei Jahren mit Stammkunden ausgiebig feierte, lie\u00df er es zum Geburtstag hier still angehen. F\u00fcr einen Plausch zum Pfeifchen ist dennoch Zeit, zu dem er gern in seinem offenen B\u00fcro mit Stehpult und zwei Sitzgelegenheiten bittet. Einen Schreibtisch hingegen sucht man vergeblich.<\/p>\n<p>Zum eigenen Laden kam Kunze, der seine Kindheit in Bautzen verbrachte, auf Umwegen. Am Anfang stand eine Lehre zum Kraftfahrzeugschlosser. Immerhin zehn Jahre arbeitete er in dem ihm nicht sonderlich lieben Beruf, bevor er, durch Freunde und Bekannte angeregt, in den Kunstsalon am Dresdner Altmarkt wechseln konnte. Nicht nur Kunst und B\u00fccher standen in der DDR hoch im Kurs. Vor dem Kaufhaus in der N\u00e4he erlebte er regelm\u00e4\u00dfig lange Kundenschlangen, dazu mitunter schweres Gerangel, das von der Polizei wenig zimperlich geordnet wurde, etwa wenn prominente westliche Musiker eine neue Schallplatte auf den Markt brachten und die Nachfrage das Angebot weit \u00fcberstieg. Das Ringen um in der DDR kontingentierte Ware offenbarte lange vor dem Untergang des Staates Mangelwirtschaft und Verfall.<\/p>\n<p>Kunze gelang 1980 der Wechsel ins staatlich verwaltete Dresdener Antiquariat, damals ans\u00e4ssig an der Bautzner Stra\u00dfe 27. Er absolvierte eine Ausbildung zum Buchh\u00e4ndler, &#8222;eine wunderbare Lehrzeit&#8220;. Auch hier zeigten sich indes die Konsequenzen der politisch-\u00f6konomischen Umst\u00e4nde: &#8222;Im volkseigenen Antiquariat&#8220;, schilderte er sie 1990 zur Gesch\u00e4ftser\u00f6ffnung in einer Lokalzeitung, &#8222;waren vor allem Exportpl\u00e4ne zu erf\u00fcllen. Die B\u00fccher wurden zuerst in \u00dcbersee angeboten, dann in Westeuropa, zuletzt im Inland.&#8220; Ausverkauf \u2013 Rarit\u00e4ten schwanden nach und nach aus heimischen Regalen, nur weniges gelangte von au\u00dfen herein. Dennoch sch\u00e4tzte er seine Arbeit (inbegriffen zahllose Lese-, Kultur- und Kunsterlebnisse) und seinen Chef Wolfgang Lange.<\/p>\n<p>Als dieser aus dem Haus gedr\u00e4ngt worden war, begann Kunze nach einer Alternative zu suchen. Er k\u00fcndigte 1985 und ging in eine der wenigen Nischen, die sich boten: in den Kirchlichen Kunstverlag in Dresden-Blasewitz. &#8222;Boteng\u00e4nger war ich nun, Kraftfahrer, M\u00e4dchen f\u00fcr alles&#8220;, sagt Kunze, &#8222;und ich habe darauf gewartet, dass Schluss ist.&#8220; Mit der DDR.\u00a0Als der Unmut anschwoll, nahm auch er mit seiner Frau an den Demonstrationen vom Herbst 1989 teil, w\u00e4hrend die Tante zu Hause die Kinder h\u00fctete. Sp\u00e4ter war er in Dresden ehrenamtlich in einem Verein an der Aufl\u00f6sung der Stasi beteiligt.<\/p>\n<p>Es waren wichtige, bewegende Jahre. Die politische \u00d6ffnung, die sie brachten, bescherten ihm innert weniger Tage den ersehnten Gewerbeschein. Vom Elbhang gelangten in den Neunzigern unz\u00e4hlige Privatbibliotheken auf den Markt; die Kundschaft freute es. Kunze war in den mehr als 32 Jahren vielleicht an f\u00fcnf Tagen krank, sagt er und: &#8222;Ich mache weiter, solange ich kann.&#8220;<\/p>\n<p>Kommt er auf seine Lieblinge der \u00f6sterreichischen Literatur zu sprechen, allen voran Joseph Roth, leuchten seine Augen wie die eines Kindes. Das Herz des Bibliophilen schl\u00e4gt; Woche f\u00fcr Woche steht er in seinem Laden. Ad multos annos! (zusammen mit <a href=\"https:\/\/lauterliteraten.wordpress.com\/about\/\">Udo Geithner<\/a>)<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DRESDEN. Im Herbst des Jahres 1990, noch vor der Deutschen Wiedervereinigung, war es so weit: Claus Kunze konnte im Dresdener Stadtteil Loschwitz sein Antiquariat er\u00f6ffnen. Endlich! 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