{"id":4166,"date":"2022-12-28T11:10:12","date_gmt":"2022-12-28T11:10:12","guid":{"rendered":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=4166"},"modified":"2023-08-17T05:19:57","modified_gmt":"2023-08-17T05:19:57","slug":"vor-100-jahren-auf-schloessertour-durch-mittelsachsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2022\/12\/28\/vor-100-jahren-auf-schloessertour-durch-mittelsachsen\/","title":{"rendered":"Vor 100 Jahren auf Schl\u00f6ssertour durch Mittelsachsen"},"content":{"rendered":"<p>Artur Henne hat zwischen den Weltkriegen zu den bekanntesten Radierern Sachsens gez\u00e4hlt. W\u00e4hrend die Ansichten aus dem Osten des Freistaats von dem in seiner Wahlheimat Liebstadt vor 60 Jahren verstorbenen K\u00fcnstler nach wie vor pr\u00e4sent sind, gilt es, jene um Penig, Rochlitz oder Augustusburg entstandenen erst wiederzuentdecken.<\/p>\n<p class=\"fliesstext\">ROCHLITZ\/KRIEBSTEIN. Vor knapp 20 Jahren, zum 40. Todestag, ist dem K\u00fcnstler Artur Henne in Liebstadt eine Ausstellung gewidmet worden: in der kleinsten Stadt Sachsens, 15 Kilometer s\u00fcdwestlich von Pirna. 1945 war der idyllische Ort, \u00fcber dem Schloss Kuckuckstein thront, endg\u00fcltig Hennes Wahlheimat geworden und blieb es bis <!--more-->zu dessen Tod am 19. Februar 1963. Wohnung und Werkstatt in Dresden mit gro\u00dfen Teilen seines malerischen und druckgraphischen Schaffens, darunter rund 700 Radierplatten, sind am 13. Februar beim Bombenangriff verloren gegangen. An seinem 58. Geburtstag.<\/p>\n<p class=\"fliesstext\">Seine gewaltige Graphikfolge zu Sachsen, Th\u00fcringen und Franken \u2013 141 Motive sind bekannt \u2013 hatte er rund 20 Jahre vorher geschaffen. Eine Radebeuler Buchhandlung, die sich seinem Werk besonders verpflichtet sieht, verwahrt eine Werkliste, dazu viele Dutzend Arbeiten. \u201eSchon mein Vater hat sich mit Artur Henne besch\u00e4ftigt und einen umfangreichen Bestand f\u00fcr unser Antiquariat angekauft\u201c, sagt Inhaberin Ute Sauermann. Sie gew\u00e4hrt Einblicke in Dutzende Bl\u00e4tter, das Gros auf B\u00fctten-, dazu Vorzugsausgaben auf Japanpapier.<\/p>\n<p class=\"fliesstext\">Licht und Schatten sind auf den Hoch- wie Querformaten meisterlich komponiert, dazu Gel\u00e4ndestufen und Geb\u00e4ude unz\u00e4hliger Orte zwischen Kloster Banz am Obermain und Oybin im Zittauer Gebirge. Auff\u00e4llig oft finden sich mittels\u00e4chsische Motive darunter: Darstellungen von Schloss Augustusburg etwa, der Ruine Frauenstein, von Burg Kriebstein, Mildenstein in Leisnig, von Penig, Reinsberg und Rochlitz, Rochsburg oder Wechselburg mit Schloss und St.-Otto-Kirche. Der K\u00fcnstler zeigte vorrangig alte, weit \u00fcber die Umgebung hinaus bekannte Kulturlandschaft.<\/p>\n<p class=\"fliesstext\">Auch auf Postkartenserien, so Sauermann, wurden St\u00fccke gedruckt. Gekonnt greifen gro\u00dfe wie kleine Formate die im 19. Jahrhundert aufgekommene und nicht mehr abgerissene Mittelalterbegeisterung auf. Oft gew\u00fcrdigt wurde Hennes Gabe, Vegetation zu zeigen: Wie hingetupft wirkt das Laub. Das Astwerk steht unter Spannung, als f\u00fchre Wind hindurch. Der Kunsthistoriker Hans W. Singer (1867-1957) diagnostizierte 1928 \u201e\u00fcberaus feines Stilgef\u00fchl\u201c. Und: \u201eDenn es ist immer das Ungequ\u00e4lte, das sich von selbst Ergebende, das sich auf die Dauer in der Kunst h\u00e4lt.\u201c Der geb\u00fcrtige Rochlitzer und K\u00fcnstlerkollege Georg Gelbke (1882-1947), selbst ein Meister der Radierung, sah 1936 bei Henne \u201eunsagbar feine[n] Duft \u00fcber den Weiten ausgebreitet und die Sehnsucht und Freude an der Sch\u00f6nheit\u201c von Natur und Kultur.<\/p>\n<p class=\"fliesstext\">Zur Lebensmitte war der geb\u00fcrtige Dresdner ein Anerkannter seines Fachs und geh\u00f6rte zu den bedeutendsten Radierern Sachsens. Seine Werke z\u00e4hlen zum Bestand der Kupferstichkabinette Berlins, Dresdens, Londons, von Paris \u2013 um nur die namhaftesten zu nennen. Wer nicht so weit reisen m\u00f6chte, kann drei seiner Radierungen in der Galerie Dippoldiswalde betrachten: Ansichten vom \u00f6rtlichen Schloss, von Frauenstein und Liebstadt. Sie illustrieren Hennes Schule unter bedeutenden Lehrern: dem Theatermaler Ermenegildo A. Donadini oder Oskar Seyffert, dem Begr\u00fcnder des Dresdner Volkskunstmuseums. Das Radieren indes, jene aufwendige Kunst, bei der das Motiv mit einer Nadel aus h\u00e4rtestem Stahl in eine Metallplatte gekratzt wird, brachte er sich selbst bei. Der Kunsthistoriker Gert Clau\u00dfnitzer rechnete ihn 1997 stilistisch einem sp\u00e4timpressionistischen, lyrischen Realismus zu.<\/p>\n<p class=\"fliesstext\">Seiner Herkunft nach durch N\u00e4he zu Adel und Bildungsb\u00fcrgertum beg\u00fcnstigt \u2013 der Vater Hofbeamter in Dresden, die Mutter aus dem schweizerischen Emmental \u2013, hatte Henne die Kunstakademie absolviert und war Eugen Brachts Meistersch\u00fcler. Dass er bei einem namhaften Landschaftsmaler gelernt hat, zeigt das Blatt von Burg Kriebstein. Majest\u00e4tisch pr\u00e4sidieren die Steinmassen \u00fcber der Zschopau. Manches Fenster scheint zu zwinkern, so anschaulich hat es der K\u00fcnstler neben verdunkelten illuminiert. Schloss Rochlitz wiederum spiegelt sich im friedlich dahingehenden Wasser der Zwickauer Mulde. Blo\u00df zaghaft ist es aus der Ruhe gebracht, als tanzten von Kindern geworfene Kiesel dar\u00fcber.<\/p>\n<p class=\"fliesstext\">Auch wenn Hennes Bl\u00e4tter durchweg k\u00fcnstlerisch angelegt wurden, also nicht nur Geb\u00e4ude oder Landschaft abbilden, taugen sie zu dokumentarischen Zwecken; das Oschatz-Blatt zeigt es eindr\u00fccklich mit Marktkarren und Automobilen. Die Arbeiten halten fest, wie sich die Orte vor rund 100 Jahren darboten und sind so auch Zeugnisse regionaler Kulturgeschichte.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artur Henne hat zwischen den Weltkriegen zu den bekanntesten Radierern Sachsens gez\u00e4hlt. 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