{"id":4215,"date":"2023-06-01T05:50:39","date_gmt":"2023-06-01T05:50:39","guid":{"rendered":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=4215"},"modified":"2023-10-18T15:55:38","modified_gmt":"2023-10-18T15:55:38","slug":"als-flaneur-an-der-donau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2023\/06\/01\/als-flaneur-an-der-donau\/","title":{"rendered":"Als Flaneur an der Donau"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4219\" aria-describedby=\"caption-attachment-4219\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4219 size-full\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0321-scaled.jpeg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1517\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0321-scaled.jpeg 2560w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0321-370x219.jpeg 370w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0321-1024x607.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0321-768x455.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0321-1536x910.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0321-2048x1214.jpeg 2048w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0321-300x178.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4219\" class=\"wp-caption-text\">Das Caf\u00e9 Pr\u00fcckel z\u00e4hlt zu den wenigen, die an der Wiener Ringstra\u00dfe \u00fcberlebt haben und zu den authentischsten H\u00e4usern der Innenstadt obendrein. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wo ist Wien zu finden; was macht es aus? Das h\u00e4ngt davon ab, was man sucht. Ein Spaziergang.<\/p>\n<p>WIEN. Wien! \u201eWer die Stadt nennt\u201c, schrieb Helmuth Burgert 1937, \u201eh\u00f6rt einen Geigenton mitschwingen.\u201c Als wir uns am Tag nach Christi Himmelfahrt den Weg vom Fr\u00fchst\u00fcck im ehrw\u00fcrdigen Caf\u00e9 Pr\u00fcckel \u00fcber die Wollzeile in die Stadt bahnen, t\u00f6nen von Ferne andere Kl\u00e4nge. Die USC Trojan Marching Band aus Los Angeles, einst mit Michael Jackson oder Diana Ross auf der B\u00fchne, gibt am Stephansplatz ein Konzert mit Pauken und Trompeten, Tuben, Saxofonen. Sonne satt, wie in Kalifornien, brennt auf die auch mit Tanzeinlagen aufwartende Kapelle und die Menschenscharen vor<!--more--> ihr. Nach kurzem Innehalten l\u00f6sen sich Touristenschn\u00fcre heraus und ziehen in den Dom ein und bald wieder heraus. Andacht kommt drinnen keine auf, der Ger\u00e4uschpegel ist hoch; immerfort blitzen Kameras. Das Gewimmel dr\u00e4ngt weiter auf den Graben mit der Pests\u00e4ule, Hofburg und Nobelgesch\u00e4ften entgegen. Wien hat sich l\u00e4ngst zu einem Touristenmagneten internationalen Ranges gemausert; unabl\u00e4ssig sinken Flugzeuge aus aller Welt hernieder und steigen sp\u00e4ter wieder auf.<\/p>\n<p>Die Stadt, deren kulturelle Relikte aus der Zeit der Kaffeehausliteraten vom Fin de Si\u00e8cle bis zum Ende der Drei\u00dfigerjahre ich mit einer kleinen Gruppe aufzusp\u00fcren suche, jenes Wien, das Friedrich Torberg schon 1968 nur in der R\u00fcckschau das seiner Tr\u00e4ume nannte, gibt es nicht mehr: das \u201eder Lieder \u2026 die Kaiserstadt, Haupt- und Residenzstadt des einstigen 50-Millionen-Reiches, die Metropole, in der sich dieses Reiches V\u00f6lkerschaften (ihrer zehn oder zw\u00f6lf) amalgamierten, in deren Umgangssprache sich slawische, ungarische, j\u00fcdische und italienische Brocken mischten: ein geographischer, politischer und geistiger Mittelpunkt von ungeheurer Anziehungskraft und Ausstrahlung, die noch im entlegensten Nest an der galizisch-russischen Grenze, noch im dalmatinischen Fischerdorf sp\u00fcrbar blieb\u201c.<\/p>\n<p>Dieses Wien, diagnostizierte der Publizist nach seiner R\u00fcckkehr aus dem amerikanischen Exil, in das er als Jude geflohen war, \u00fcberlebte den Zusammenbruch der Monarchie um zwanzig Jahre. Es ging unter mit der \u201eHeimkehr\u201c ins Tausendj\u00e4hrige Reich, aus dem die Stadt nach sieben Jahren und anf\u00e4nglichem Jubel freikam, doch unersetzlicher K\u00f6pfe beraubt und abgeschnitten von den Bindungen nach Norden, S\u00fcden, Osten. In dies alte \u00d6sterreich, in dem Wiener F\u00e4den bis Czernowitz, Lemberg und Prag, Laibach oder Triest reichten, gab es kein Zur\u00fcck. Auch f\u00fcr uns gibt es keines. Wir nehmen Wien, wie es uns heute entgegentritt, staunen etwa \u00fcber die Ringstra\u00dfenarchitektur, die im deutschen Sprachraum einmalig weltst\u00e4dtisch daherkommt, und manch andere Fleckerl. Viele Sehensw\u00fcrdigkeiten \u2013 von der Hofburg bis zum Prater \u2013 stehen nicht auf dem Programm, sind l\u00e4ngst abgeschritten.<\/p>\n<p>Wir lassen uns forttragen im Gew\u00fchl des Grabens und spazieren \u00fcber die Naglergasse und den Heidenschu\u00df auf die Freyung zur Schottenkirche. Jenseits der Liturgien oft nur bis zum Gitter unter der Empore zu betreten, entz\u00fcnden wir in einer Nische zum gleichnamigen Benediktinerstift hin eine Kerze f\u00fcr die Familie \u2013 und drei Dominikaner-Diakone. Am Samstag werden sie in der Kirche des Ordens, S. Maria Rotunda, von Christoph Kardinal Sch\u00f6nborn zu Priestern geweiht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4220\" aria-describedby=\"caption-attachment-4220\" style=\"width: 278px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4220\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0348-278x370.jpeg\" alt=\"\" width=\"278\" height=\"370\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0348-278x370.jpeg 278w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0348-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0348-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0348-1536x2048.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0348-225x300.jpeg 225w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0348-scaled.jpeg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 278px) 100vw, 278px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4220\" class=\"wp-caption-text\">Das alte Caf\u00e9 Central wurde 1943 geschlossen; bis dahin war es Heimat zahlreicher Schriftsteller. Im Jahre 1975 sperrte es abermals auf und ist heute v\u00f6llig \u00fcberlaufen. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nach einem Vaterunser streben wir weiter, Ausschau haltend nach einer Rast, durch die Ferstel-Passage auf die Herrengasse. Im Caf\u00e9 Central, \u00fcber das der Feuilletonist Alfred Polgar 1946 eine \u201eTheorie\u201c ver\u00f6ffentlichte, als es schon drei Jahre lang geschlossen war (1975 \u00f6ffnete es abermals), ist kein Platz frei. Dutzende Touristen, in langer Schlange sich vor den T\u00fcren windend, begehren Einlass. Um schnelle Fotos zu knipsen f\u00fcr die sozialen Netzwerke? Immerhin z\u00e4hlten Freud, Friedell, Hofmannsthal, Perutz zu den Stammg\u00e4sten. Auch Musil, Schnitzler, Zweig und Polgar kamen gern. Ob die Wartenden letzteren gelesen haben? \u201eTeilhaftig der eigentlichen Reize dieses wunderlichen Kaffeehauses\u201c, hatte er notiert, \u201ewird allein der, der dort nichts will als dort sein. Zwecklosigkeit heiligt den Aufenthalt.\u201c Nur wer dies verstehe, sei dem Fluidum des Ortes auf der Spur. Seinerzeit. Das heutige \u201eCentral\u201c taugt daf\u00fcr kaum noch.<\/p>\n<p>Wir wandern nach einem Abstecher in den Schmetterlingszoo im Palmenhaus des Burggartens, nun m\u00fcden Schrittes, in Richtung Stallburggasse zum \u201eBr\u00e4unerhof\u201c. Es war des \u00f6sterreichischen Skandalschriftstellers Thomas Bernhard Lieblingscaf\u00e9. In der Spannung seines \u00fcberspannten, von Krankheit gepeinigten Lebens verlieh er seiner Sympathie vor allem so Ausdruck, dass er\u2019s immer wieder ansteuerte, sich darin, schrieb er, wie zu Hause f\u00fchlte. Obgleich er es hasste, auch das liest man in seiner Erz\u00e4hlung \u201eWittgensteins Neffe\u201c (1982), \u201eweil alles in ihm ganz gegen mich ist\u201c, lie\u00df er sein Alter Ego bekunden.<\/p>\n<p>Ich bestelle ein St\u00fcck Topfenstrudel. Zeitungen liegen auf und wandern, wenn auch seltener als fr\u00fcher, von einem zum n\u00e4chsten, auch unserm Tisch. Der Ober serviert gespritzten Apfelsaft, Melange, Verl\u00e4ngerten. Durch die offenen Fenster weht eine sanfte Brise das leise Stimmengewirr \u00fcber die Tische. In stiller Schau der Umst\u00e4nde stellt sich f\u00fcr den Gast eine Ahnung ein davon, was sie meint: Polgars Rede vom Fluidum. Mehr nicht. \u201eWos vorbei is, is vorbei\u201c, sang Johann H\u00f6lzel.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen reift die Idee zum Entschluss: Wenn Kaffeeh\u00e4user und Prachtstra\u00dfen nicht gen\u00fcgen, die Sehnsucht nach dem Gestern zu stillen \u2013 angelesen und verkl\u00e4rt zwar, doch gerade darum m\u00e4chtig \u2013, dann (mehr Gestern geht nicht) auf ins Antiquariat! Auf zu L\u00f6cker an der Annagasse, am Ort seit 50 Jahren; es sind nur sieben Minuten Fu\u00dfweg.<\/p>\n<p>Stille da, endlich, innere Einkehr. Was ist hier eine Dreiviertelstunde? B\u00fccher bis zur Decke, Druckgraphik, verglaste Vitrinen mit Erstausgaben. Eine von Doderers \u201eMerowingern\u201c, zwei Torberg-B\u00e4nde, Burgerts B\u00fcchlein \u00fcber \u201eDas Wiener Kaffeehaus\u201c, Hubmanns Fotoretrospektive \u201eCaf\u00e9 Hawelka\u201c und eine kleine, unleserlich signierte Radierung \u2013 wohl aus der Zwischenkriegszeit \u2013, die von der Reitschulgasse den Blick freigibt auf die Michaelerkirche: Sie alle landen nach freudigem Bestaunen in zwei T\u00fcten und sp\u00e4ter in Dresden, von wo die Reise ins verl\u00e4ngerte Wochenende angetreten worden war.<\/p>\n<p>Mag vieles von einst verloren sein, vergangen. Es ist nicht zu \u00e4ndern. \u201e[E]in bisschen goldener Nachglanz der Kaiserzeit, ein St\u00fcck Sachertorte, die schw\u00fcle Erotik eines Gustav Klimt, die zartlila Unschuld des Wiener Jugendstils, der Pomp der Oper, die Wortmacht des Burgtheaters\u201c \u2013 all das l\u00e4sst sich finden, nach wie vor, schrieb der Journalist Martin Tschechne. Auf Inszenierung verst\u00fcnden sie sich, die Wiener. \u201eBitte, h\u00f6flichst\u201c, sagt am Montagmorgen der Ober im Caf\u00e9 Schwarzenberg, dem \u00e4ltesten seiner Art an der Ringstra\u00dfe.<\/p>\n<p>Bevor wir uns auf die R\u00fcckfahrt \u00fcber Br\u00fcnn und Prag begeben, f\u00fchrt der Weg \u00fcber die gepflasterte H\u00f6henstra\u00dfe hinauf zum Kahlenberg im 19. Bezirk. Mit 484 Metern ist er der h\u00f6chste Ausl\u00e4ufer der bis an die Donau reichenden Kalkvoralpen. Die kostenfrei zug\u00e4ngliche Aussichtsterrasse bietet grandiosen Ausblick \u00fcber die Stadt. Im September 1983 hat Papst Johannes Paul II. die Anh\u00f6he besucht, auf der sich das Nationalheiligtum der in \u00d6sterreich lebenden Polen befindet: eine Kopie der Schwarzen Madonna von Tschenstochau.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4217\" aria-describedby=\"caption-attachment-4217\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4217\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0315-scaled.jpeg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1205\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0315-scaled.jpeg 2560w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0315-370x174.jpeg 370w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0315-1024x482.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0315-768x361.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0315-1536x723.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0315-2048x964.jpeg 2048w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/IMG_0315-300x141.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4217\" class=\"wp-caption-text\">Wiener Stadtpanorama, vom heutigen Kahlenberg aus gesehen. Einst trug der nunmehrige Leopoldsberg diesen Namen, was immerfort zu Verwechslungen f\u00fchrt. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Josefskirche, in der sie verehrt wird, steht indes \u201ef\u00e4lschlich mit der T\u00fcrkenbelagerung in Verbindung\u201c. Daran erinnert der Historiker Felix Czeike in seinem Wien-F\u00fchrer. Denn der urspr\u00fcnglich Kahlenberg gehei\u00dfene heutige Leopoldsberg liegt einen halbst\u00fcndigen Fu\u00dfmarsch entfernt. Was immerfort zu Verwechselungen f\u00fchrt, bliebe ohne Belang, w\u00e4re nicht davon die Lokalisierung der ber\u00fchmten Feldmesse vor der Entsatzschlacht Wiens (1683) betroffen, die hier zelebriert wurde. Der polnische K\u00f6nig Jan III. Sobieski hatte dabei ministriert, das Entsatzheer, das danach den t\u00fcrkischen Belagerungsring brach, teilgenommen.<\/p>\n<p>Wien war und ist in sehr weitem Sinne \u201eVorstadt Europas\u201c (Hans Weigel). Wir kehren ihr nun den R\u00fccken, so Gott will: nicht f\u00fcr lange.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo ist Wien zu finden; was macht es aus? Das h\u00e4ngt davon ab, was man sucht. Ein Spaziergang. WIEN. 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