{"id":4234,"date":"2023-07-13T07:35:47","date_gmt":"2023-07-13T07:35:47","guid":{"rendered":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=4234"},"modified":"2023-08-07T19:26:52","modified_gmt":"2023-08-07T19:26:52","slug":"mehr-als-eine-haftanstalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2023\/07\/13\/mehr-als-eine-haftanstalt\/","title":{"rendered":"Mehr als der Ort einer einst ber\u00fcchtigten Haftanstalt"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4238\" aria-describedby=\"caption-attachment-4238\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4238\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0607-scaled.jpeg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1920\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0607-scaled.jpeg 2560w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0607-370x278.jpeg 370w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0607-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0607-768x576.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0607-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0607-2048x1536.jpeg 2048w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0607-300x225.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4238\" class=\"wp-caption-text\">Bautzen &#8211; so, wie es sich selbst gern sieht: von der Friedens-, vormals Kronprinzenbr\u00fccke. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein Gewirr von Giebeln, T\u00fcrmen, Zinnen: Wer Bautzens Sch\u00f6nheit und Vielfalt zu ersp\u00fcren sucht, sollte sich Zeit nehmen f\u00fcr die \u00fcber der Spree sich erhebende, weithin barocke Altstadt auf mittelalterlichem Grundriss.<\/p>\n<p>BAUTZEN. Nur wenige ahnen, dass sich in Bautzen weit mehr auftun l\u00e4sst als die wichtige Gedenkst\u00e4tte der einst ber\u00fcchtigten DDR-Haftanstalt. W\u00e4hrend G\u00f6rlitz l\u00e4ngst scharenweise G\u00e4ste anlockt, gilt die Stadt an der Spree als <!--more-->Geheimtipp. Doch das Gewirr der Giebel, T\u00fcrme, Zinnen, das sich uns, auf der Autobahn 4 gen Osten fahrend, von einer Anh\u00f6he vor der Stadt bietet, taugt auch f\u00fcr einen zweiten oder dritten Abstecher. Sp\u00e4testens beim Blick auf die mittelalterlich gegliederte, nach einem Stadtbrand barock \u00fcberbaute Silhouette wird deutlich: Mit einem Aufenthalt von ein, zwei Stunden ist nichts auszurichten. Budissin \u2013 obersorbisch: Budy\u0161in \u2013, so lautete noch bis vor 155 Jahren der amtliche Name der Stadt, der im Geist der Zeit \u201everdeutscht\u201c wurde, aber als \u201eBautzen\u201c seit 1523 bezeugt ist, Budissin fordert mehr Beachtung.<\/p>\n<p>Wer von der Autobahn abf\u00e4hrt, strebt der Spree entgegen, die sich durch den letzten Granitriegel zw\u00e4ngt, der den Fluss von der norddeutschen Tiefebene trennt. Die so entstandenen Felssporne und Steilufer b\u00fcrgten f\u00fcr Schutz, schrieb Oskar Kaubisch 1926 \u00fcber die Stadt; heute verspr\u00fchen sie landschaftliche Reize.<\/p>\n<p>Die Vielbet\u00fcrmte erreichen wir \u00fcber die B\u00f6gen der Friedens-, einst: Kronprinzenbr\u00fccke. Zu unserm Bedauern flie\u00dft der Verkehr an der Ampel dahinter rasch ab. Denn schon vom Auto aus wird ein Teil des Gesamtkunstwerks sichtbar, ragen einen Steinwurf entfernt auf am Spreeufer: nach Norden die Alte Wasserkunst (1558), nach S\u00fcdosten die Neue (1606\/1721). Beide waren Teil der Wehranlagen, versorgten die Stadt dank Sch\u00f6pfsystemen mit Trink- und L\u00f6schwasser. Nach Nordosten folgt mit der Michaeliskirche die Gebetsst\u00e4tte der rar gewordenen lutherischen Sorben. \u201eMit der Reformation\u201c, so ein Faltblatt des einstigen Superintendenten, \u201ewurde das sorbische Volk bis auf einige Gemeinden bei Kamenz und Bautzen protestantisch.\u201c Heute ist das Verh\u00e4ltnis ein anderes: Der Anteil der Katholiken unter den Sorben in den Lausitzen wird auf zwei Drittel gesch\u00e4tzt. Wer sich f\u00fcr ihre Geschichte, Kultur, Kunst, ihr Brauchtum interessiert, m\u00f6ge einen Besuch des auf dem Gel\u00e4nde der Ortenburg gelegenen Museums einplanen.<\/p>\n<p>Der Blick schweift zu ihr, einst Sitz der b\u00f6hmischen, ab 1635 kurs\u00e4chsischen Landv\u00f6gte, heute S\u00e4chsisches Oberverwaltungsgericht. Die Besichtigung der im Freistaat einmaligen Prachtstuckdecke des Audienzsaals (17. Jh.) mit anspruchsvollem Bildprogramm bleibt so ein Wunsch; doch im Internet sind leicht Fotos aufzusp\u00fcren.<\/p>\n<p>Die Autoschlange nimmt Fahrt auf. Das Auge eilt gen Nordosten, macht den an die Ruinen der Franziskanerkirche geschmiegten Wasserturm aus. Es folgen drei weitere T\u00fcrme: der des Domes, dem nie der geplante Zwilling zugesellt wurde; tiefer gelegen, schlanker pflanzt sich der des Rathauses auf und schlie\u00dflich, nah bei der Ampelkreuzung: der m\u00e4chtige, eckige Lauenturm.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Schau bleiben, je nach L\u00e4nge der Blechlawine, Sekunden oder Minuten. Wer es geruhsamer sch\u00e4tzt, stellt den Wagen im Parkhaus einer Einkaufspassage bei der Kreuzung ab und geht wenige Schritte zur\u00fcck auf die Br\u00fccke, dann in die nahe Altstadt. Oder man steuert das Gef\u00e4hrt wie wir zwischen das Rathaus mit den drei zum Hauptmarkt weisenden Uhren und den Dom auf den Fleischmarkt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4240\" aria-describedby=\"caption-attachment-4240\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4240\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0616-scaled.jpeg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1920\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0616-scaled.jpeg 2560w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0616-370x278.jpeg 370w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0616-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0616-768x576.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0616-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0616-2048x1536.jpeg 2048w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0616-300x225.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4240\" class=\"wp-caption-text\">Blick vom Hauptmarkt auf das Rathaus mit den drei \u00fcbereinander angeordneten Uhren, vorn der Ritter-Dutschmann-Brunnen. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>St. Petri war lediglich von 1921 bis 1980 Domkirche, die vermutlich einzige, je in einem Simultaneum untergebrachte, zumal dem \u00e4ltesten. Seither dient der Bau mit nach S\u00fcden weiten, viel Licht ins Innere lassenden Fenstern als Konkathedrale des Bischofs von Dresden-Mei\u00dfen. Die Katholiken halten den Chor, die Lutheraner seit 1524 das Langhaus. Sie verwalten die Kirche gemeinsam, deren katholischen Teil Papst Benedikt XV. zur Kathedrale des wiedererrichteten, in der Reformation untergegangenen Bistums Mei\u00dfen bestimmte. Darin wurde Johann Leisentrit beigesetzt, dessen Relevanz f\u00fcr die Wahrung des katholischen Glaubens im heutigen Osten Sachsens wie als Vermittler zwischen den Konfessionen nicht zu \u00fcbersch\u00e4tzen sein d\u00fcrfte. Obendrein trat er 1567 mit einem Gesangbuch hervor, das als umfangreichstes und sch\u00f6nstes der Gegenreformation in Deutschland gelten kann. Man beachte das Kruzifix nahe dem Hochaltar; es stammt von Balthasar Permoser.<\/p>\n<p>Nach Verlassen der Kirche umrunden wir den Turm und stehen schon vor dem pr\u00e4chtig sanierten, barocken Domstift. Bis zum Umzug nach Dresden und der Erhebung der ehemaligen Wettiner-Hofkirche zur Kathedrale sa\u00df hier der Bischof.<\/p>\n<p>Wir wollen in die kaum bekannte Domschatzkammer, die f\u00fcr ein Diasporabistum mit bemerkenswerten Preziosen aufwartet \u2013 wenn die \u00d6ffnungszeiten es zulassen, die man vorab studieren sollte. Beim uns wichtigsten St\u00fcck der Sammlung von liturgischen Ger\u00e4ten, Gef\u00e4\u00dfen, Textilien, Skulpturen, B\u00fcchern, Devotionalien, Glasarbeiten handelt es sich um das \u00e4lteste: einen Tragaltar, dessen Mittelst\u00fcck, eine Kreuzigungsgruppe, um das Jahr 1220 in Limoger Emailtechnik gefertigt wurde.<\/p>\n<p>Nach der Seelenrast in Dom und Stift solche des Leibes: im vorz\u00fcglich gef\u00fchrten Caf\u00e9 \u201eGoliath\u201c an der Gro\u00dfen Br\u00fcdergasse. \u00dcber einen Gang durch die H\u00e4userfront, die dem Domturm gegen\u00fcberliegt, ist es flugs erreicht. Wir bestellen ein Hei\u00dfgetr\u00e4nk aus der Siebdruckmaschine, dazu bodenlose Eierschecke und sto\u00dfen sp\u00e4ter zur Schlo\u00dfstra\u00dfe. Bei einem fr\u00fcheren Besuch haben wir vom Senf-Gasthaus die wenigen Schritte zum etwas absch\u00fcssig stehenden Nicolaiturm zur\u00fcckgelegt. Der Friedhof dahinter mit der seit dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg ruinierten Kirche liegt malerisch, ist Ruhest\u00e4tte vieler Geistlicher, auch einiger Bisch\u00f6fe. Wir begeben uns auf der Schlo\u00dfstra\u00dfe zum Matthiasturm; tiefrot schlie\u00dft er gen Himmel ab und tr\u00e4gt den Namen des Ungarnk\u00f6nigs Matthias Corvinus. Der Rabe erlangte im Mittelalter die Herrschaft \u00fcber die Oberlausitz. Nach seinem Tod fiel sie an B\u00f6hmen zur\u00fcck. Sein Denkmal an der Fassade von 1486, in Ungarn ohne Beispiel, z\u00e4hlt zu den wichtigsten Herrscherbildnissen der Sp\u00e4tgotik Mitteleuropas, schrieb der Kunsthistoriker Kai Wenzel.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4239\" aria-describedby=\"caption-attachment-4239\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4239\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0611-scaled.jpeg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1920\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0611-scaled.jpeg 2560w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0611-370x278.jpeg 370w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0611-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0611-768x576.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0611-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0611-2048x1536.jpeg 2048w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/IMG_0611-300x225.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4239\" class=\"wp-caption-text\">Blick von der Inneren Lauenstra\u00dfe gen Lauenturm am S\u00fcdrand der Altstadt. Dessen Name r\u00fchrt vom b\u00f6hmischen Wappentier her: einem L\u00f6wen (poetisch: Leu). Wer die Stadt gen B\u00f6hmen verlie\u00df, hatte das einst beim Turm befindliche, gleichnamige Tor zu passieren. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auf der S\u00fcdseite des Burgareals, das wir durch das Tor des Turmes betreten, sto\u00dfen wir neben dem Sorbischen Museum auf eine im Volksmund als Rietschelgiebel bekannte Figurengruppe. Diese Sehensw\u00fcrdigkeit ersten Ranges, die \u201eAllegorie der Trag\u00f6die\u201c, schaut auf uns herab nur aus geringer \u00dcberh\u00f6he, hinter Glas, im 2003 errichteten Neubau des Burgtheaters, anders als am einstigen Dresdner Aufstellungsort. Der Meister des Weimarer Goethe-Schiller- und des Wormser Lutherdenkmals, Ernst Rietschel, hatte sie 1840 f\u00fcr einen Giebel der ersten, abgebrannten Semperoper Dresdens geschaffen. Die hinter den Figuren liegende Kette von F\u00fcgungen und die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Umzug nach Bautzen rekapitulierte das Stadtmuseum zu des K\u00fcnstlers 200. Geburtstag.<\/p>\n<p>Ein Besuch des Hauses am Kornmarkt erfordert Zeit. \u00dcber den s\u00fcdlichen Burgausgang erreicht es nach 20 Minuten, wer nicht von der Heringstra\u00dfe die Treppen zu Michaeliskirche und Alter Wasserkunst hinabsteigt: von der dortigen Aussichtsterrasse der beste Spreeblick. Vor uns aber liegt die Kunst: Die Sammlung birgt gro\u00dfe Namen \u2013 Werke von Cranach dem \u00c4lteren, Carus, Liebermann, Slevogt, Sterl, Dix, Carl Lohse.<\/p>\n<p>Wer Luft hat, besteigt anderntags den Reichenturm, begibt sich auf Peter Bamms Spuren, sucht den Taucherfriedhof \u2013 oder die Villa Weigang. \u201eJa, das ist ein Bau!\u201c, schrieb 1903 zwei Wochen nach Fertigstellung ein Rezensent \u00fcber 600 Quadratmeter Jugendstil, das Stadtpalais eines 26-J\u00e4hrigen. Wir jedoch, aus dem Museum heraus, passieren den Reichenturm, blicken auf den Wendischen, den Gottfried Semper gerettet hat, und biegen zum Abendessen in die gleichnamige Gasse ein gen Dom. An deren Ende verabschiedet sich die kleine Schar ins sorbische Restaurant \u201eWjelbik\u201c (Gew\u00f6lbe) zum \u201eHochzeitsessen\u201c.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gewirr von Giebeln, T\u00fcrmen, Zinnen: Wer Bautzens Sch\u00f6nheit und Vielfalt zu ersp\u00fcren sucht, sollte sich Zeit nehmen f\u00fcr die \u00fcber der Spree sich erhebende, weithin barocke Altstadt auf mittelalterlichem Grundriss. BAUTZEN. Nur wenige ahnen, dass sich in Bautzen weit mehr auftun l\u00e4sst als die wichtige Gedenkst\u00e4tte der einst ber\u00fcchtigten DDR-Haftanstalt. 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