{"id":4281,"date":"2023-08-31T05:00:32","date_gmt":"2023-08-31T05:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=4281"},"modified":"2023-09-01T14:01:06","modified_gmt":"2023-09-01T14:01:06","slug":"am-schnittpunkt-von-raum-und-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2023\/08\/31\/am-schnittpunkt-von-raum-und-zeit\/","title":{"rendered":"Am Schnittpunkt von Raum und Zeit"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4283\" aria-describedby=\"caption-attachment-4283\" style=\"width: 253px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4283 size-medium\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1460-253x370.jpeg\" alt=\"\" width=\"253\" height=\"370\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1460-253x370.jpeg 253w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1460-701x1024.jpeg 701w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1460-768x1122.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1460-1051x1536.jpeg 1051w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1460-1402x2048.jpeg 1402w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1460-205x300.jpeg 205w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1460-scaled.jpeg 1752w\" sizes=\"auto, (max-width: 253px) 100vw, 253px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4283\" class=\"wp-caption-text\">Die Porte Noire, unterhalb der Kathedrale von Besan\u00e7on \u00fcber einer schmalen Stra\u00dfe aufragend, wurde im Jahre 175 unter Kaiser Marc Aurel errichtet. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Keltischen Ursprungs, war Besan\u00e7on lange Zeit r\u00f6misch, sp\u00e4ter reichsunmittelbar und liegt f\u00fcr viele deutsche Reisende doch nur am Weg gen S\u00fcden. Dabei hat die Stadt Aufmerksamkeit verdient.<\/p>\n<p>Als der Kulturhistoriker Wilhelm Hausenstein 1927 schrieb, sie lebe nach drei Seiten \u2013 der r\u00f6mischen, der deutschen und der franz\u00f6sischen \u2013, war ihr alter Name Bisanz noch ein Begriff. Heute wird man das nicht mehr behaupten k\u00f6nnen. Geblieben ist das \u201esummende, dunkle Besan\u00e7on, das nach franz\u00f6sischem Rotwein zu schmecken schien\u201c, Hauptstadt der Franche-Comt\u00e9 im Osten des Landes. Hausenstein nahm den Bericht \u00fcber seinen Besuch auf in den Band \u201eReise in S\u00fcdfrankreich\u201c.<\/p>\n<p>Weithin aus in der Region verbreitetem grau-blauen Kalkstein gemauert, liegt die belebte Altstadt organisch gewachsen vor dem Betrachter. Sie wirkt, w\u00e4ren die Temperaturen niedriger, eher atlantisch-k\u00fchl, ruht in schlichter Eleganz \u2013 hineingef\u00fcgt als Generationen-Werk in eine beinahe zugebundene Schleife des kristallklaren Fl\u00fcsschens Doubs. Wo jene Windung nach S\u00fcdosten hin offengeblieben ist, steigt ein von der gewaltigen Zitadelle bekr\u00f6nter Felskegel auf. Hier harrte im Jahre 1870 der Schriftsteller Theodor Fontane (1819-1898) f\u00fcr einige Wochen seines Schicksals. Als Kriegsberichterstatter war er im Deutsch-Franz\u00f6sischen Krieg an die Front entsandt und gefangengenommen worden \u2013 ob seiner Sprachkenntnisse <!--more-->und Aufzeichnungen unter Spionageverdacht.<\/p>\n<p>Die Festung, die des Sonnenk\u00f6nigs Feldherr und Baumeister Vauban ersonnen hat, galt mit Sedan als wichtiger Anker franz\u00f6sischer Verteidigung gen Osten. Im Mittelalter freie Reichsstadt, von Kaiser Karl V. gef\u00f6rdert, wechselte sie vielfach die Zugeh\u00f6rigkeit. Die Urspr\u00fcnge keltisch, geriet Besan\u00e7on durch Julius Caesar unter die Fittiche Roms. Er erhob das Vesontio gehei\u00dfene Oppidum zur Hauptstadt der Provinz Maxima Sequanorum. Strategisch g\u00fcnstig gelegen, wuchs sie betr\u00e4chtlich und wurde im zweiten Jahrhundert Bischofs-, im vierten Erzbischofssitz. Schon in r\u00f6mischer Zeit war die heutige Grande Rue, jene langgestreckte Diagonale zwischen Pont Battant im Nordwesten und Kathedrale im S\u00fcdosten, Hauptstra\u00dfe. Doch im Stadtbild erinnert wenig an die antike Vergangenheit. Diese findet, wer sich in das wenige Hundert Meter von der Grande Rue entfernte, vorz\u00fcglich sanierte und 2018 von Pr\u00e4sident Macron wiederer\u00f6ffnete Museum der Sch\u00f6nen K\u00fcnste und der Arch\u00e4ologie am Patz der Revolution begibt. Gegr\u00fcndet 1694, ist es knapp 100 Jahre \u00e4lter als der Pariser Louvre.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4303\" aria-describedby=\"caption-attachment-4303\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4303 size-medium\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1397-370x278.jpeg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"278\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1397-370x278.jpeg 370w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1397-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1397-768x576.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1397-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1397-2048x1536.jpeg 2048w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1397-300x225.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 370px) 100vw, 370px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4303\" class=\"wp-caption-text\">Victor Hugos Geburtshaus, 140 Grande Rue. Lange hat die Familie hier nicht gelebt. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wer die Hauptstra\u00dfe nach S\u00fcdosten abschreitet, gelangt zum im Innern wenig sehenswerten Geburtshaus Victor Hugos (1802-1885). Die urspr\u00fcngliche Ausstattung ist verloren. Die Ausstellung versucht das mit technischer Animation zu kompensieren, f\u00fcr uns wenig gl\u00fccklich. N\u00fctzlicher ist es, eines der B\u00fccher des Autors der \u201eElenden\u201c oder des \u201eGl\u00f6ckners von Notre-Dame\u201c zur Hand zu nehmen. Die Familie zog bald nach der Geburt fort, Hugo kehrte nie zur\u00fcck. Am Platz vor dem Haus stehen wir bereits wie Fontane am Anfang des sich in Serpentinen windenden Aufstiegs zur Zitadelle, den er in seinem Band \u201eKriegsgefangen. Erlebtes 1870\u201c festgehalten hat. Besan\u00e7on, so schrieb er, \u201emacht einen sehr guten Eindruck, wohl \u2026 deshalb, weil [es] einen bestimmten Charakter, ein Gesicht f\u00fcr sich hat\u201c. Zu Fu\u00df durchma\u00df er die Stadt, trotz misslicher Lage unter Bewachung: mit bemerkenswerter Wachheit \u2013 und Sympathie. \u201eEr liebt ja die Franzosen\u201c, hie\u00df es hierzulande \u00fcber den Spross einer Hugenottenfamilie. Es war nicht als Kompliment gemeint.<\/p>\n<p>Wie Fontane, dem schlie\u00dflich kein Prozess gemacht wurde, und Hausenstein nehmen wir den Anstieg, lassen linker Hand einen kleinen Park mit korinthischen S\u00e4ulen aus gallo-r\u00f6mischer Zeit liegen, in dem eine in der Revolution zerst\u00f6rte Kirche stand, bis wir, vorbei am einstigen erzbisch\u00f6flichen Palais, vor der Porte Noire, dem Schwarzen Tor stehen. Einst ein Triumphbogen, errichtet im Jahre 175 zu Ehren Kaiser Marc Aurels, stellt es das ber\u00fchmteste Relikt aus antiker Zeit in der Stadt dar. Eine schmale Stra\u00dfe f\u00fchrt unter dem Bogen hindurch, dessen vordem freistehende Pfeiler \u00fcppig mit nun verwaschenen Szenen geschm\u00fcckt sind, die an die Einnahme der Partherstadt Seleukia-Ktesiphon (heute Irak) im Jahre 165 erinnern.<\/p>\n<p>Schwarz ist das Bauwerk nicht mehr, der Eindruck dennoch ein bleibender. Es strahlt gro\u00dfe Ruhe aus, war urspr\u00fcnglich 15,50 Meter hoch. Heute ist es wegen der Bodenaufsch\u00fcttungen \u00fcber die Jahrhunderte ein Meter weniger.\u00a0Dahinter erhebt sich das Johannesm\u00fcnster, die Kathedral-Basilika mit Doppelchoranlage, hervorgegangen aus zwei im Mittelalter verbundenen Kirchen. Sch\u00e4den durch einen Erdrutsch im Jahre 1729 erkl\u00e4ren das barocke, zur Stadt hin weisende Portal unweit der ebenfalls neuerrichteten Ostapsis und den Stil des Turmes. Sie entstanden nach dem Ungl\u00fcck. Als besonders sehenswert darf neben der sanierungsbed\u00fcrftigen Astronomischen Uhr mit siebzig Ziffernbl\u00e4ttern ein im Jahre 1050 von Papst Leo IX. geweihter Scheibenaltar gelten, der als Johannisrose bezeichnet wird. Er befindet sich in einer der s\u00fcdlichen Kapellen. Die Piet\u00e0 des fl\u00e4mischen Renaissancebildhauers Conrat Meit ist derzeit nicht an ihrem Platz, offenbar aus konservatorischen Gr\u00fcnden.\u00a0Das Gotteshaus \u00fcber eine Stiege im Turm verlassend, die am Zugang zur Uhr vorbeif\u00fchrt, wandern wir zur Zitadelle, von deren vorderen Mauern sich, ohne Eintritt in die inneren Anlagen l\u00f6sen zu m\u00fcssen, interessante Blicke zur Stadt hin bieten. Auf dem Gel\u00e4nde wird an ein d\u00fcsteres Kapitel erinnert: die Erschie\u00dfung von Widerstandsk\u00e4mpfern w\u00e4hrend der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg, dar\u00fcber hinaus die Deportation der Juden. Die Geschichte ihrer \u00f6rtlichen Gemeinde reicht bis ins Mittelalter zur\u00fcck. Vor\u00fcbergehend vertrieben, kehrte sie nach der Revolution zur\u00fcck und legte 1796 einen Friedhof an. Lange Zeit z\u00e4hlte sie um die 700 Gl\u00e4ubige, wuchs in den 1960er-Jahren jedoch beinahe auf das Dreifache, als aus Nordafrika zahlreiche Juden zuwanderten. Die Synagoge im maurischen Stil, direkt am Doubsufer gelegen, wurde 1869\/70 errichtet.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4295\" aria-describedby=\"caption-attachment-4295\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4295 size-medium\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1557-370x278.jpeg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"278\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1557-370x278.jpeg 370w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1557-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1557-768x576.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1557-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1557-2048x1536.jpeg 2048w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG_1557-300x225.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 370px) 100vw, 370px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4295\" class=\"wp-caption-text\">Die Synagoge am Ufer des Doubs. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck in die Altstadt biegen wir vor der Kathedrale zu einem ehemaligen Klarissenkloster ab, in dem nun ein Hotel und ein Restaurant untergebracht sind: \u201eLe Sauvage\u201c. Wir lassen uns eine vorz\u00fcgliche kalte Erbsensuppe servieren, danach Gefl\u00fcgel, franz\u00f6sischen Wein, mit dem auch Hausenstein zufrieden gewesen w\u00e4re, schlie\u00dflich ein Aprikosen-Dessert \u2013 und sind, dankbar von der Terrasse in die Abendsonne blinzelnd, selig.<\/p>\n<p>Besan\u00e7on jedoch gibt mehr Ziele auf, als sich an einem Tag bew\u00e4ltigen lie\u00dfen. So machen wir uns anderntags auf an das Ufer des Doubs, entlang dessen sich im gesamten Stadtgebiet spazieren l\u00e4sst. Wir bestaunen den Fischreichtum und unz\u00e4hlige, emsig gesch\u00e4ftige Nutrias, schwimmende Nagetiere, die an eine Kreuzung von Biber und Bisamratte denken lassen. Wenige Meter von der Pont Battant entfernt, l\u00e4sst sich \u00fcber einen Stich durch die Uferbebauung in nur wenigen Schritten auf den Revolutionsplatz gelangen.\u00a0<span style=\"font-size: 1rem;\">Wir besuchen das Museum der Sch\u00f6nen K\u00fcnste, f\u00fcr das sich auch eilige Besucher zwei Stunden Zeit nehmen sollten. In der Antiken-Sammlung f\u00fchrt kein Weg vorbei am bronzenen, dreifach geh\u00f6rnten Stier von Avrigney, einem Kultobjekt aus dem 1. oder 2. Jahrhundert. Das Haus f\u00fchrt auch eine \u00e4gyptische Sammlung. Uns aber imponiert besonders jene der Gem\u00e4lde. Courbet ist in seiner Heimat ausgiebig vertreten, \u00fcberhaupt das 19. Jahrhundert, Ingres, Renoir, dazu vorz\u00fcgliche \u00e4ltere St\u00fccke der Genremalerei, Bronzinos \u201eBeweinung Christi\u201c, beide Cranachs, die Moderne auch mit Picasso. Am nachhaltigsten w\u00e4hrt der Eindruck von Dantes H\u00f6llenvision, des neunten Kreises, wie sie Gustave Courtois (1852-1923) interpretiert hat. Wir sitzen lange vor dem Gem\u00e4lde von 1879.<\/span><\/p>\n<p>Heraus aus dem Museum, schl\u00e4gt unserer Ergriffenheit der wohlig-warme Sommer entgegen. Wir gr\u00fc\u00dfen ihn freudig und gehen doch stille hin\u00fcber zu der weiten Place Granvelle, benannt nach dem anliegenden Renaissance-Palais mit pr\u00e4chtigem Innenhof, das Karls V. Kanzler im 16. Jahrhundert errichten lie\u00df. In dem Palast ist seit reichlich zwanzig Jahren das Museum der Zeit untergebracht. Es erinnert an die gro\u00dfe Geschichte der Uhrenindustrie Besan\u00e7ons. Da die Ewigkeit, hier die Zeit \u2013 ein Memento? Wir treten aus dem Hof an den Platz, auf dem sich ein Konzertpavillon erhebt; Musik dringt her\u00fcber. Ein Dutzend Paare tanzt zu Kl\u00e4ngen aus der Konserve in den Sommerabend hinein; versonnen schauen wir ihnen zu.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keltischen Ursprungs, war Besan\u00e7on lange Zeit r\u00f6misch, sp\u00e4ter reichsunmittelbar und liegt f\u00fcr viele deutsche Reisende doch nur am Weg gen S\u00fcden. Dabei hat die Stadt Aufmerksamkeit verdient. 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