{"id":4359,"date":"2023-10-17T09:11:13","date_gmt":"2023-10-17T09:11:13","guid":{"rendered":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=4359"},"modified":"2026-05-22T13:48:05","modified_gmt":"2026-05-22T13:48:05","slug":"der-alltagsrezensent","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2023\/10\/17\/der-alltagsrezensent\/","title":{"rendered":"Der Alltagsrezensent"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4362\" aria-describedby=\"caption-attachment-4362\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4362 size-medium\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_3527-370x301.jpeg\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"301\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_3527-370x301.jpeg 370w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_3527-1024x833.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_3527-768x625.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_3527-1536x1250.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_3527-2048x1667.jpeg 2048w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_3527-300x244.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 370px) 100vw, 370px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4362\" class=\"wp-caption-text\">F\u00fcr den Einstieg: der 1975 im Verlag &#8222;Volk und Welt&#8220; erschienene Sammelband &#8222;Die Mission des Luftballons&#8220;, dazu der Text &#8222;An den Freund&#8220; in dem bei Rowohlt 1929 ver\u00f6ffentlichten Auswahl-Buch &#8222;Schwarz auf Wei\u00df&#8220;. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Vor 150 Jahren wurde der \u00f6sterreichische Journalist und Kritiker Alfred Polgar geboren<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">WIEN\/BERIN. Die Suche nach einem Hauptwerk wird als vergebliche enden. Alfred Polgar hat keines hinterlassen. Der sp\u00e4tere \u201eMeister der kleinen Form\u201c erblickte vor 150 Jahren in der Wiener Leopoldstadt das Licht der Welt, am 17. Oktober 1873. Der Last, die solche Zuschreibung trotz Vielseitigkeit mit sich brachte, wurde er sich bewusst: \u201eIch bin\u201c, schrieb er 1951 an Alfred Neumann, \u201eseit Jahr und Tag als Feuilletonist stigmatisiert.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zurecht oder nicht: Darin liegt der Hauptgrund, warum sein Name, anders als noch vor drei\u00dfig, vierzig Jahren, bei vielen Zeitgenossen kaum mehr Assoziationen hervorruft. Wenige sind noch am Leben, die seine Texte in den Zeitungen gelesen haben. Also: \u201eWarum und zu welchem Ende studieren wir <!--more-->Alfred Polgar?\u201c, schrieb Ulrich Weinzierl 1977 und rief damit eine Frage in Erinnerung, die schon Kurt Tucholsky zu Polgars 50. Geburtstag gestellt hatte. Sie ist legitim geblieben. Mittlerweile wird man den Sohn des Klavierlehrers Josef Polak zur Riege jener Klassiker z\u00e4hlen m\u00fcssen, die mehr gelobt denn gelesen werden. Vorangestellt sei daher eine andere: Wer war Polgar, der 1914 diesen Namen hatte eintragen lassen, der im Ungarischen \u201eB\u00fcrger\u201c bedeutet?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch habe vielerlei studiert und nichts gelernt. War Journalist, Parlamentsberichterstatter, Theaterkritiker. \u00dcbersiedelte 1927 nach Berlin und ging 1933 wieder nach Wien zur\u00fcck. Besondere Kennzeichen meines Lebens: keine.\u201c Diese Selbstauskunft hatte er 1937 f\u00fcr die Zeitschrift \u201eDas Wort\u201c abgegeben. Wer aber wollte ernstnehmen, was hier mit gespielter \u201eSelbstverkleinerung\u201c (Andreas Nentwich) von einem der bedeutendsten Feuilletonisten zum Besten gegeben wurde?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er stand in einer Reihe mit namhaften (Kaffeehaus-) Literaten, die von Peter Altenberg \u00fcber Egon Friedell, mit dem er eng befreundet war, bis zu seinem Vorbild Karl Kraus reichte. Zeitlebens schrieben sie \u201ean einem imagin\u00e4ren Wien-Buch [\u2026], in dem sich die Menschheit erkennen mu\u00dfte\u201c (Karin Kathrein).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Darin bestand seine eigentliche Leistung, darum studieren wir Polgar: da er etwas vom Menschen verstanden und treffend wie wenige zu Papier gebracht hatte, als Frucht eingehender Beobachtung, tagesaktuell, ohne Theorien auf der Spur zu sein, vielmehr den Gl\u00fcckszust\u00e4nden und Anfechtungen, Freuden und Abgr\u00fcnden der gro\u00dfen und vielleicht mehr noch der vermeintlich kleinen Leute. Er \u201erezensierte den Alltag\u201c, befand Marcel Reich-Ranicki. Polgar schaute oft auf das, was vordergr\u00fcndig keine Geschichte hergeben mochte: auf die Faszination eines Kindes \u00fcber einen Luftballon, den letzten Spaziergang einer Frau mit ihrem Hund, einen Hasen, der als Braten endete \u2013 und je eine zweite, dritte Ebene davor, dahinter, darunter, dar\u00fcber. Unz\u00e4hlige seiner Feuilletons sind in Sammelb\u00e4nden erschienen, auch bei dem gro\u00dfen Dampfer Rowohlt. Den wohl repr\u00e4sentativsten Querschnitt liefert das 1975 bei \u201eVolk und Welt\u201c herausgebrachte Buch \u201eDie Mission des Luftballons. Skizzen und Erw\u00e4gungen\u201c. Hermann Kesten, das wird darin deutlich, nannte ihn an anderer Stelle einen \u201edeutschen Stilisten aus dem alten \u00d6sterreich\u201c. Dabei sei es ein \u201eeinsames Vergn\u00fcgen, ein deutscher Stilist von Rang zu sein\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was ihn auszeichnete, waren \u2013 Kafka \u00e4hnlich \u2013 absurde Komik und moralische Rigorosit\u00e4t. Mit dem \u201ePrager Tagblatt\u201c, der \u201eWiener Allgemeinen Zeitung\u201c, der \u201eSchau-\u201c, sp\u00e4ter: \u201eWeltb\u00fchne\u201c oder der Zeitung \u201eDer Morgen\u201c fand er f\u00fcr seine Arbeiten namhafte Abnehmer, z\u00f6gerte indes nicht, auch kleinen H\u00e4usern seine Worte in den Bleisatz zu diktieren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4418\" aria-describedby=\"caption-attachment-4418\" style=\"width: 1415px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4418\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_5698.jpeg\" alt=\"\" width=\"1415\" height=\"1505\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_5698.jpeg 1415w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_5698-348x370.jpeg 348w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_5698-963x1024.jpeg 963w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_5698-768x817.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_5698-282x300.jpeg 282w\" sizes=\"auto, (max-width: 1415px) 100vw, 1415px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4418\" class=\"wp-caption-text\">Im Kaffeehaus, eine Lithographie aus dem Jahre 1929, gesehen von dem \u00f6sterreichischen Maler, Graphiker und Schriftsteller Alfred Gerstenbrand (1881-1977). Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Von 1925 bis 1933 lebte er \u00fcberwiegend in Berlin, da die wirtschaftlichen Perspektiven sich nach dem Zerfall der Doppelmonarchie in seiner Geburtsstadt verdunkelt hatten. Er schrieb f\u00fcr das \u201eBerliner Tageblatt\u201c, bearbeitete und \u00fcbersetzte Theaterst\u00fccke. 1926 erschien Robert Musils Portr\u00e4t \u201eInterview mit Alfred Polgar\u201c in der \u201eLiterarischen Welt\u201c: \u201ePolgar\u201c, hei\u00dft es darin, \u201e\u2026 l\u00e4\u00dft die Dinge laufen, wie sie behaupten, es zu k\u00f6nnen; er sieht ihnen blo\u00df zu und beschreibt sie. Aber seit Busch hat niemand ihre Misere so boshaft freundlich beschrieben wie er, und offenbar geht er nur darum ins Theater, weil er das Leben dort sucht, wo es am l\u00e4cherlichsten ist.\u201c \u201eDie Million\u00e4re der Sprache sind in ihren Mitteln am sparsamsten.\u201c (Kesten) So wurde seine \u201eProsa [\u2026] zeitlos darin, dass sie das Misstrauen an sprachlichen \u00dcbereink\u00fcnften spielerisch weckt.\u201c (Nentwich)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als die bittere L\u00e4cherlichkeit und weit \u00fcber das Metier der Sprache hinausreichende \u201e\u00dcbereink\u00fcnfte\u201c auf der politischen B\u00fchne \u00fcberhandnahmen, fiel ihm zu Hitler \u201enichts ein\u201c. Polgar floh mit seiner Frau Elise (1891-1973), die er 1929 geheiratet hatte, au\u00dfer Landes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Begonnen hatte er seine journalistische Arbeit schon vor der Jahrhundertwende als idealistischer Anarchist und K\u00e4mpfer f\u00fcr die Moderne. Um 1900 traten psychologisierende Erz\u00e4hlungen hinzu, die im Kaffeehausmilieu entstanden. Sie wurden abgel\u00f6st von antimilitaristischen Texten in waffenklirrender Zeit, Satirischem, Pazifistischem \u2013 w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs, den er mit Stefan Zweig im Kriegsarchiv zu Wien absolvierte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenige Tage vor dem Reichstagsbrand verlie\u00dfen die Polgars Berlin nach Prag. Auch seine B\u00fccher warfen die Nazis ins Feuer. Zum 60. Geburtstag publizierte die Baseler \u201eNational-Zeitung\u201c einen \u201eDank an Alfred Polgar\u201c mit Texten der Br\u00fcder Mann, Joseph Roths, Carl Seeligs, Albert Bassermanns, Leo Slezaks, Paula Wesselys. 1937 verfasste er eine 70-seitige Biografie \u00fcber Marlene Dietrich, die nie erschien. \u00dcber die Schweiz, Frankreich, Spanien flohen die Polgars nach Lissabon, schifften sich mit Heinrich und Golo Mann, Franz und Alma Werfel nach den Vereinigten Staaten ein. In Hollywood erhielt er wie Alfred D\u00f6blin oder Franz Mehring einen Vertrag als Drehbuchautor. Tats\u00e4chlich t\u00e4tig wurde er nicht. Die Stellen erwiesen sich als Frucht von Symbolpolitik. Konnte man das aber den Amerikanern vorwerfen? Sie hatten die Juden nicht vertrieben. Immerhin floss Einkommen, fand sich obendrein mit der New Yorker Exilzeitschrift \u201eAufbau\u201c ein Publikationsorgan. Sp\u00e4ter bereitete er mit Friedrich Torberg und Leopold Schwarzschild eine deutsche Ausgabe des \u201eTime\u201c-Magazins vor, die nach dem Krieg erscheinen sollte. Das Projekt kam \u00fcber eine Null-Nummer nicht hinaus. 73-j\u00e4hrig erhielt er die amerikanische Staatsb\u00fcrgerschaft.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dann war der Krieg aus. Polgar nahm die F\u00e4den zum Rowohlt-Verlag wieder auf, bereiste Europa aber erst 1949. Es ging nach Paris, Z\u00fcrich, Wien, Salzburg, M\u00fcnchen. Anderthalb Jahre dauerte der Aufenthalt auf dem alten Kontinent, fortan wechselte er mit seiner Frau hin und her. Die Anziehungskraft des deutschsprachigen Raums blieb \u00fcbergro\u00df, die Skepsis kaum geringer. Schlie\u00dflich eine sp\u00e4te Ehrung durch die Geburtsstadt: Sie verlieh ihm den Preis der Stadt Wien f\u00fcr Publizistik. Er schrieb wieder Kritiken.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Am 23. April 1955 schloss er in seinem Z\u00fcrcher Hotel den Text \u201eDrei Theaterabende in Deutschland\u201c ab. Er war f\u00fcr Torbergs Wiener Zeitschrift \u201eForum\u201c bestimmt. Tags darauf ein Herzinfarkt, schnell ein zweiter. Den Notarzt hatte er noch verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen. Doch er starb und wurde im Mai in Z\u00fcrich beigesetzt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4364\" aria-describedby=\"caption-attachment-4364\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4364 size-large\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_3536-1024x727.jpeg\" alt=\"\" width=\"739\" height=\"525\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_3536-1024x727.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_3536-370x263.jpeg 370w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_3536-768x545.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_3536-1536x1091.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_3536-2048x1454.jpeg 2048w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IMG_3536-300x213.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 739px) 100vw, 739px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4364\" class=\"wp-caption-text\">Alfred Polgars Todesschein, ausgestellt im Zivilstandskreis Z\u00fcrich. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schon 1929, vor dem gro\u00dfen Wahnsinn, hatte er den Auswahl-Band \u201eSchwarz auf Wei\u00df\u201c ver\u00f6ffentlicht, darin der Text \u201eAn den Freund\u201c. Es ist einer seiner sch\u00f6nsten, bleibend: \u201eDu kennst die feineren Techniken der Freundschaft\u201c, notierte er, \u201edas Ausweichen, das Nicht-Fragen, die rechtzeitige Blindheit und Ertaubung. Du l\u00e4\u00dft dem Freund nicht Gerechtigkeit widerfahren, wie sie Deine Gesetze statuieren, sondern duldest, da\u00df er nach seinen Gesetzen irre. Du ziehst ihm nicht die Kr\u00fccken weg, an denen er humpelt, zerst\u00f6rst nicht das wunderbar komplizierte, kunstvoll gef\u00fcgte System von Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen und T\u00e4uschungen, in das sein Leben eingeflochten ist.\u201c Tiefe und Sch\u00f6nheit, idealisiert, \u00fcber dreieinhalb Seiten hinweg, die zwar aus Menschenkenntnis gebrochen, doch beschlossen werden damit, dass \u201eschon der Gedanke, da\u00df es Dich, und zwar ohne jede Suspendierung der Naturgesetze, doch eigentlich ganz gut geben k\u00f6nnte\u201c, Trostreiches habe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 150 Jahren wurde der \u00f6sterreichische Journalist und Kritiker Alfred Polgar geboren WIEN\/BERIN. Die Suche nach einem Hauptwerk wird als vergebliche enden. Alfred Polgar hat keines hinterlassen. Der sp\u00e4tere \u201eMeister der kleinen Form\u201c erblickte vor 150 Jahren in der Wiener Leopoldstadt das Licht der Welt, am 17. Oktober 1873. 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