{"id":4373,"date":"2023-12-07T10:31:43","date_gmt":"2023-12-07T10:31:43","guid":{"rendered":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=4373"},"modified":"2023-12-07T20:04:45","modified_gmt":"2023-12-07T20:04:45","slug":"einst-ein-staatspolitisches-kuriosum-eidgenoessisches-kanton-war-zugleich-preussisches-fuerstentum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2023\/12\/07\/einst-ein-staatspolitisches-kuriosum-eidgenoessisches-kanton-war-zugleich-preussisches-fuerstentum\/","title":{"rendered":"Eidgen\u00f6ssisches Kanton war preu\u00dfisches F\u00fcrstentum"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4379\" aria-describedby=\"caption-attachment-4379\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4379\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1719-scaled.jpeg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1920\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1719-scaled.jpeg 2560w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1719-370x278.jpeg 370w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1719-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1719-768x576.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1719-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1719-2048x1536.jpeg 2048w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1719-300x225.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4379\" class=\"wp-caption-text\">Blick von der Terrasse vor Neuenburger Kollegiatkirche und Schloss auf Stadt und See, dahinter die milde ansteigenden Bergketten. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Mancher Bruch ist der Stadt am gr\u00f6\u00dften See auf schweizerischem Territorium widerfahren. Lebenswert blieb sie dennoch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">NEUENBURG. Neuch\u00e2tel auf einen Nachmittag, wie wir es uns vorgenommen haben \u2013 das ist ein ambitioniertes Unterfangen; wir versuchen es dennoch und entsteigen dem Wagen am Ufer des gleichnamigen Sees in unmittelbarer Nachbarschaft des Hotels \u201eBeau-Rivage\u201c. \u201eLa Passerelle de l\u2019Utopie\u201c ist jener Steg getauft, der hier auf die weite,<!--more--> opalen schimmernde Wasserfl\u00e4che hinausragt und, bei wolkenverhangenem Himmel, bezaubernde Schau nach S\u00fcden und Westen zul\u00e4sst. Zur\u00fcck auf der Promenade, dem Quai Ostervald, begeben wir uns, die beinahe maritime Stimmung mit Herz und Sinnen aufnehmend, in nord\u00f6stlicher Richtung zum kleinen Hafen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nach Neuch\u00e2tel im schweizerischen Nordwesten reist es sich auch ohne Pl\u00e4ne formidabel. Wir sind davon \u00fcberzeugt, noch ehe es uns ins Stadtinnere hineingezogen hat. Niemand muss sich auf die 44.500-Einwohner-Stadt in der Romandie vorbereiten. Sie empf\u00e4ngt, wie alle Gr\u00fcndungen an pr\u00e4genden Fl\u00fcssen oder Seen, \u00fcberreichlich viel vom Naturraum.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer indes einem Besuch mit Lekt\u00fcre vorbaut, wird in Deutschland heute kaum mehr Bekanntes in Erfahrung bringen, etwa, dass die Stadt bis 1848 \u201eein staatspolitisches Kuriosum\u201c darstellte, \u201eein eidgen\u00f6ssischer Kanton und zugleich noch preu\u00dfisches F\u00fcrstentum\u201c (Fritz Schaffer), das existierte, bis sich die B\u00fcrgerschaft eine republikanische Verfassung gab. Das Unterfangen hatte im Zuge eines royalistischen Aufstands gegen die neuen Umst\u00e4nde diplomatische Verwicklungen zur Folge. Denn einige der Initiatoren wurden festgesetzt, und zwischen der Schweiz und Preu\u00dfen, dessen K\u00f6nig den Landstrich 1707 geerbt hatte, drohte Krieg heraufzuziehen. Franz\u00f6sische Vermittlung bewahrte den Frieden zwar, und das preu\u00dfische K\u00f6nigshaus verzichtete auf seine Rechte. Das galt jedoch nicht f\u00fcr die Titel, sodass noch 1912 Kaiser Wilhelm II. bei einem Staatsbesuch in Z\u00fcrich \u201ein der sonst unbekannten Uniform seines einstigen Neuenburger Sch\u00fctzenbataillons\u201c aufgetreten ist (Richard Z\u00fcrcher).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zahlreiche Adelstitel in der Stadt sollen preu\u00dfischen Ursprungs sein, und wer vormals auf den Namen \u201evon Wunderlich\u201c h\u00f6rte, soll sich fortan \u201ede Merveilleux\u201c genannt haben. Was davon der tats\u00e4chlichen historischen Entwicklung entspricht, k\u00f6nnen wir nicht pr\u00fcfen. Derlei Geschichten, die wir in Margit Wagners vorz\u00fcglichem Jura-F\u00fchrer (1987) gelesen haben, lassen sich aber nach wie vor mit Am\u00fcsement zum Besten geben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir stehen noch immer am Hafen. Die Viertel hier schmiegen sich ebenm\u00e4\u00dfig an den See. Denn vor die mittelalterliche Stadt hat sich das Ufer immer weiter in den gr\u00f6\u00dften, vollst\u00e4ndig auf schweizerischem Territorium liegenden See hineingeschoben. Der aufmerksame Betrachter nimmt beim Blick auf die H\u00f6henz\u00fcge dies Flachland, das sich zwischen erstere und die Wasserfl\u00e4che in verschiedenen Phasen der Landgewinnung ausbreitete, gut wahr. Der Hausberg Chaumont im Norden gewann nach den Aufsch\u00fcttungen Abstand. Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze, Promenaden wurden dem See im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert abgewonnen. Die vordem promenierenden Palais, deren Parks oder G\u00e4rten bis ans Ufer langten, rangieren seither in zweiter Reihe.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir biegen nun in Richtung Altstadt ab, lassen den See, an dem die Kantone Bern, Freiburg, Neuenburg und Waadt zusammentreffen, in unserm R\u00fccken. Von der Rue de l\u2019H\u00f4tel-de-Ville, vorbei am klassizistischen Rathaus mit den m\u00e4chtigen, vorgesetzten S\u00e4ulen, lassen wir uns durch die von Einheimischen und zahllosen Touristen pulsierenden Gassen hineinsaugen in die Altstadt. \u00dcber die Rue de l\u2018H\u00f4pital, die hinter dem Rathaus nach Westen abzweigt, und ihre Verl\u00e4ngerungen geraten wir auf einen kleinen Platz. Jedenfalls erscheint er uns als solcher. Tats\u00e4chlich handelt es sich um eine Gabelung, von der nach Nordwesten die Rue du Ch\u00e2teau schnell an H\u00f6he gewinnt. Wir lassen sie rechts liegen und nehmen \u00fcber Stiegen und kleine Gassen, vorbei an einem blumengeschm\u00fcckten Br\u00fcnnlein, den Weg hinauf zu Schloss und Kollegiatkirche.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4381\" aria-describedby=\"caption-attachment-4381\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4381\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1700-scaled.jpeg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1920\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1700-scaled.jpeg 2560w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1700-370x278.jpeg 370w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1700-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1700-768x576.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1700-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1700-2048x1536.jpeg 2048w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1700-300x225.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4381\" class=\"wp-caption-text\">Im Gewirr der Altstadtgassen, rechts der Tour de Diesse. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Auf der von dem massigen, vielbet\u00fcrmten und in auff\u00e4llig gelbem Sandstein aufgemauerten Gotteshaus dominierten Esplanade, die einst G\u00e4rten und Friedhof aufnahm, rasten wir. Vor dem Hauptportal hebt die Statue eines Mannes mit Barett und wehenden Kleidern aus deutlich hellerem Material, das Buch der B\u00fccher in H\u00e4nden dieselben gen Himmel. \u201eA Guillaume Farel \u2013 Reformateur\u201c, hei\u00dft es auf dem Sockel. Nach einer Predigt des reformierten Theologen, der seit 1538 die Stadt bis zu seinem Lebensende zum Wohn- und Arbeitsort w\u00e4hlte, sind acht Jahre zuvor weite Teile des Kircheninventars unter Beteiligung von Priestern von einer Volksmenge zerst\u00f6rt worden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Farel, Sorbonne-Absolvent und Sohn eines p\u00e4pstlichen Notars, wird als ungemein mitrei\u00dfender Prediger beschrieben. Er gewinnt Stadt und Region f\u00fcr die Reformierten. Das Kircheninnere der \u201eCollegiale\u201c, die einst der Gottesmutter geweiht war und mit deren Bau im sp\u00e4ten 12. Jahrhundert begonnen worden war, wirkt ganz im Sinne der calvinistischen Lehre n\u00fcchtern und schlicht, zeugt aber zugleich von einem harmonischen \u00dcbergang von der Romanik zur Fr\u00fchgotik. Ausnahmen stellen der von goldgelben Sternen \u00fcbers\u00e4te, dunkelblau in die Deckengew\u00f6lbe gemalte \u201eHimmel\u201c dar und der gr\u00f6\u00dfte und \u201efigurenreichste Kenotaph der Vorrenaissance im europ\u00e4ischen Norden\u201c (Jean Courvoisier). Er ist den Grafen von Neuenburg gewidmet. Zw\u00f6lf Statuen von Rittern und Damen aus dem 14. sowie drei aus 15. Jahrhundert halten die H\u00e4nde dem\u00fctig zum Gebet gefaltet. Das Werk ist bei den Ausschreitungen von 1530 besch\u00e4digt und sp\u00e4ter hinter Holztafeln verborgen worden. 1840 hat man es restauriert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4376\" aria-describedby=\"caption-attachment-4376\" style=\"width: 278px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4376 size-medium\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1710-278x370.jpeg\" alt=\"\" width=\"278\" height=\"370\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1710-278x370.jpeg 278w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1710-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1710-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1710-1536x2048.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1710-225x300.jpeg 225w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/IMG_1710-scaled.jpeg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 278px) 100vw, 278px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4376\" class=\"wp-caption-text\">Sucht seinesgleichen n\u00f6rdlich der Alpen: der Kenotaph f\u00fcr die Grafen von Neuenburg. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00dcber den Kreuzgang verlassen wir die Kirche, umrunden sie und stehen bereits vor dem massigen Bau des zwei H\u00f6fe umschlie\u00dfenden Schlosses mit doppelt\u00fcrmigem Tor, der sich in direkter Nachbarschaft befindet. Bis Ende des 15. Jahrhunderts residierten am Ort die Grafen von Neuenburg, anschlie\u00dfend bis 1848 Gouverneure. Seither ist etwa die Kantonsverwaltung darin untergebracht. Wir lassen die wuchtige Anlage mit romanischer Fenstergalerie und Wehrgang links liegen und treten auf eine Terrasse vor der Kirche, von der aus sich ein bezaubernder Blick \u00fcber D\u00e4cher hinweg zum See mit den dahinterliegenden Bergketten bietet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schlie\u00dflich steigen wir \u00fcber Gassen und Stiegen auf anderm Weg wieder hinab in die Stadt, halten jedoch auf halber Strecke inne vor \u201eLe Cabinet d\u2019Amateur\u201c, einem Antiquariat von beachtlicher Vielfalt. Unter einer Gew\u00f6lbetonne ragt es tief hinein in ein Haus am Hang. B\u00fccher vieler Epochen und Themen all\u00fcberall, teils auf m\u00e4chtige St\u00f6\u00dfe geschichtet, an W\u00e4nden, auf Regalen, die sich durch den Raum ziehen und auf dem Boden, dazwischen Kupferstichlandkarten des 17., 18., 19. Jahrhunderts drapiert, auch mit heimatlichen, s\u00e4chsischen Geographien, die Decke \u00fcber warmem Licht von eigenartigen Schriftzeichen \u00fcbers\u00e4ht, die wir in der K\u00fcrze der Zeit nicht zu entschl\u00fcsseln verstehen. Der Wermutstropen: Deutschsprachige Literatur ist rar im Bestand.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dennoch begl\u00fcckt, wandern wir den H\u00fcgel hinab, vor\u00fcber am \u201eTour de Diesse\u201c. Erst am sp\u00e4ten Nachmittag nehmen wir auf einem von Lokalen \u00fcbers\u00e4ten Marktplatz das Mittagessen im Caf\u00e9 des Halles ein. Es ist untergebracht in einem gotisch konzipierten, mit Dekor der Renaissance versehenem Profanbau aus dem 16. Jahrhundert, bekr\u00f6nt von T\u00fcrmchen und Erkern im Berner Stil. Tuche und Getreide wurden hier einst verkauft. Es ist ein Wahrzeichen der B\u00fcrgerstadt. Endlich gest\u00e4rkt, nehmen wir die wenigen Hundert Meter zur\u00fcck zum Parkhaus, halten zuvor jedoch noch einmal, um \u00fcber den weiten See in die Abendsonne zu blinzeln.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mancher Bruch ist der Stadt am gr\u00f6\u00dften See auf schweizerischem Territorium widerfahren. Lebenswert blieb sie dennoch. NEUENBURG. 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