{"id":4391,"date":"2023-11-30T10:25:08","date_gmt":"2023-11-30T10:25:08","guid":{"rendered":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=4391"},"modified":"2024-01-02T10:58:06","modified_gmt":"2024-01-02T10:58:06","slug":"ein-haus-der-polnischen-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2023\/11\/30\/ein-haus-der-polnischen-kultur\/","title":{"rendered":"Ein Haus der polnischen Kultur"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4393\" aria-describedby=\"caption-attachment-4393\" style=\"width: 2560px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4393\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3069-scaled.jpeg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"1920\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3069-scaled.jpeg 2560w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3069-370x278.jpeg 370w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3069-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3069-768x576.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3069-1536x1152.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3069-2048x1536.jpeg 2048w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3069-300x225.jpeg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4393\" class=\"wp-caption-text\">Dresdener Wohnstatt des polnischen Exilanten und Schriftstellers J. I. Kraszewski in den Jahren 1873 bis 1879, seit 1960 Museum zu seinen Ehren. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wenig bekannt ist das Dresdener Kraszewski-Museum. Dabei erinnert es an einen der produktivsten Schriftsteller aller Zeiten, viele andere &#8211; und taugt auch als Begegnungsort.<\/p>\n<p>DRESDEN.\u00a0Als gr\u00fcnes Refugium, noch im Herbst, liegt es in der Gro\u00dfstadt: das einstige Anwesen des polnischen Schriftstellers J\u00f3zef Ignacy Kraszewski (1812-1887). Von 1873 bis 1879 lebte der produktivste Autor des Nachbarlandes \u2013 er hinterlie\u00df allein mehr als 220 Romane \u2013 in dem sp\u00e4tklassizistischen Landhaus <!--more-->am Prie\u00dfnitz-Ufer im\u00a0fr\u00fcheren Preu\u00dfischen Viertel der s\u00e4chsischen Landeshauptstadt. B\u00fcsche, Hecken, B\u00e4ume und an der Fassade sich hinaufrankendes Ge\u00e4st verdecken von der Stra\u00dfe aus beinahe den Blick auf das zur\u00fcckgesetzte, nicht sonderlich gro\u00dfe Geb\u00e4ude im Schweizer Stil, in dem sich seit 1960 ein Museum zu Ehren des vormaligen Besitzers befindet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bald 100 Jahre fr\u00fcher, 1863, war er in Dresden angelangt \u2013 in der Hoffnung, es w\u00fcrde ein Aufenthalt weniger Monate. Der Weitgereiste aus wenig beg\u00fctertem polnischen Adel, der in Wilna einige Zeit Medizin und Philosophie studiert hatte, kannte die Stadt von einem Zwischenstopp f\u00fcnf Jahre zuvor, auf dem Weg nach Westeuropa. Nun hatte er Warschau, seine Geburtsstadt fern der Heimat im damaligen Ostpolen, w\u00e4hrend des gegen die Teilung des Landes gerichteten Januar-Aufstands verlassen m\u00fcssen und entging damit der Verbannung nach Sibirien. \u201eMan hat mir deutlich zu verstehen gegeben\u201c, schrieb er in einem Brief vom Februar des Jahres, \u201edass, falls ich nicht in den Westen zu reisen w\u00fcnschte, man mir eine Reise in den Osten erleichtern w\u00fcrde.\u201c Kraszewski blieb an der Elbe, wo er aus Angst vor \u201eInsurgenten\u201c von der Polizei \u00fcberwacht wurde, f\u00fcr 21 Jahre \u2013 trotz Pl\u00e4nen, nach Frankreich weiterzuziehen. 1866 erhielt er die \u00f6sterreichische, sp\u00e4ter die s\u00e4chsische Staatsb\u00fcrgerschaft. Nirgends sonst hat er l\u00e4nger gelebt als in Dresden. Seine polnische Identit\u00e4t gab er gleichwohl nicht preis \u2013 im Gegenteil, bekannte aber: \u201eDie uns mit Sachsen seit alters her verbindenden Beziehungen lie\u00dfen Dresden zu einem Unterschlupf, einer Herberge und Heimstatt f\u00fcr viele werden, denen die eigene Heimat nunmehr verschlossen wurde oder keine Lebensm\u00f6glichkeiten mehr bot. Wer von den Leidenden und Heimatlosen kam nicht durch Dresden? Wer fand nicht Aufnahme im \u201aGoldenen Engel\u2018, im \u201aPolnischen Hof\u2018 und im \u201aHotel de Saxe\u2018?\u201c, notierte er in \u201eSchlaflose N\u00e4chte\u201c. Dresden rangierte nach Paris im 19. Jahrhundert auf Rang zwei unter den Exilst\u00e4dten der Polen westlich ihrer Heimat.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4395\" aria-describedby=\"caption-attachment-4395\" style=\"width: 1920px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4395\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3070-scaled.jpeg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"2560\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3070-scaled.jpeg 1920w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3070-278x370.jpeg 278w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3070-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3070-1152x1536.jpeg 1152w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3070-1536x2048.jpeg 1536w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3070-225x300.jpeg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4395\" class=\"wp-caption-text\">An der Fassade des einstigen Wohnhauses, das unweit des Fl\u00fcsschens Prie\u00dfnitz liegt, hat man dem Schriftsteller eine Gedenktafel gewidmet. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schon bei fr\u00fcheren Aufst\u00e4nden und der Verfolgung ihrer Bef\u00fcrworter fanden zahlreiche Studenten, Liberale, Revolution\u00e4re in Sachsen Unterschlupf. Zensur und Unterdr\u00fcckung, besonders in Russisch-Polen, lie\u00dfen ihnen kaum eine Wahl, sollte ihr Streben nach nationaler Selbstbestimmung nicht in Gef\u00e4ngnis oder Lager enden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sachsen taugte als Auffangstation vor allem durch geografische N\u00e4he. Auch wenn nach der S\u00e4chsisch-Polnischen Union (1697-1763) und dem wettinischen Intermezzo im Herzogtum Warschau von Napoleons Gnaden (1807-1815) mancher Keil zwischen beiden V\u00f6lkern klemmte, hatte man auch gute Erinnerungen, Netzwerke, geteilte Erfahrungen, an die sich anschlie\u00dfen lie\u00df.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr Kraszewski wurden die Dresdener Jahre \u00fcberaus sch\u00f6pferische. Dutzende B\u00e4nde, vor allem historische Romane, darunter die \u201eSachsentrilogie\u201c, Reiseberichte, Feuilletons hat er hier zu Papier gebracht, viele davon in eigener Druckerei herstellen lassen, die er in Posen gekauft und \u00fcberf\u00fchrt hatte. Er gab Zeitschriften heraus, malte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bei dem Dresdener Museum handelt es sich um den einzigen polnischen Ausstellungsort in Deutschland, ein Gemeinschaftsprojekt des \u00f6rtlichen Stadtmuseums mit dem Adam-Mickiewicz-Museum in Warschau \u2013 nicht von ungef\u00e4hr, denn der Nationaldichter Mickiewicz (1798-1855) hat in Dresden 1832 den dritten Teil seines Dramas \u201eDie Ahnenfeier\u201c (auch \u201eDie Totenfeier\u201c) verfasst. F\u00fcr viele Polen war die Elbestadt im 19. Jahrhundert Fluchtziel, Begegnungs- und Musenort. So weilte 1829 der Komponist Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin in der Stadt, besuchte Baudenkm\u00e4ler, Gem\u00e4ldegalerie, eine \u201eFaust\u201c-Auff\u00fchrung; dreimal kehrte er zur\u00fcck, fuhr auch nach Leipzig, wo er mit Robert und Clara Schumann Bekanntschaft schloss. Spuren dieser Zeit lassen sich auf dem Alten Katholischen Friedhof ausmachen, der einst als \u201epolnischer Friedhof\u201c bekannt gewesen ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die neben politischem auf pers\u00f6nlichem Austausch gr\u00fcndenden Beziehungen zwischen Polen und Sachsen waren vielf\u00e4ltig, Chopins Begegnung mit den Schumanns hatte Felix Mendelssohn Bartholdy angebahnt \u2013 und in diesem Museum lassen sie sich, wie nirgends sonst in Deutschland, vor allem f\u00fcr das 18. und 19. Jahrhundert studieren: anhand von Dokumenten, Handschriften, B\u00fcchern, Fotografien, Gem\u00e4lden, Graphik.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4399\" aria-describedby=\"caption-attachment-4399\" style=\"width: 1734px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4399\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3082.jpeg\" alt=\"\" width=\"1734\" height=\"2186\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3082.jpeg 1734w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3082-293x370.jpeg 293w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3082-812x1024.jpeg 812w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3082-768x968.jpeg 768w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3082-1218x1536.jpeg 1218w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3082-1625x2048.jpeg 1625w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/IMG_3082-238x300.jpeg 238w\" sizes=\"auto, (max-width: 1734px) 100vw, 1734px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4399\" class=\"wp-caption-text\">J. I. Kraszewski auf einem \u00d6lgem\u00e4lde aus der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts. Die Arbeit befindet sich im Museum. Der K\u00fcnstler ist unbekannt. Foto: Michael Kunze<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mag sein, dass die Konzeption etwas textlastig daherkommt. Dennoch! Es ist eine Freude, sich durch die Zitatsammlungen mit viel Zeitkolorit zu arbeiten. Ohne Ausdauer geht es nicht. Damit indes lassen sich in dem kleinen, an originalen Ausstattungsst\u00fccken eher armen Hause \u00fcber beide Etagen zwei, zweieinhalb Stunden leicht zubringen. Es wird nicht langweilig. Wir haben die unsern an einem Wochenendnachmittag mit der liebensw\u00fcrdigen Aufsicht ganz allein verbracht. Und fragten uns: warum? Bevor die Gedanken dar\u00fcber tr\u00fcbe wurden, ging der Blick in den Garten, wie ihn Kraszewski einst genossen haben wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Im Osten Deutschlands ist der Schriftsteller noch immer f\u00fcr ebenjene Trilogie ber\u00fchmt: die in den 1870er-Jahren geschriebenen Barockzeit-Romane \u201eGr\u00e4fin Cosel\u201c, \u201eBr\u00fchl\u201c und \u201eAus dem Siebenj\u00e4hrigen Krieg\u201c. Zusammen mit der die vorgeschichtlichen Anf\u00e4nge Polens rekapitulierenden Erz\u00e4hlung \u201eEine alte M\u00e4r\u201c (1875) sind es seine meistgelesenen. Die aufwendige sechsteilige, in der DDR produzierte und 1985 erstmals ausgestrahlte Verfilmung der ersten drei B\u00fccher unter dem Titel \u201eSachsens Glanz und Preu\u00dfens Gloria\u201c mit Rolf Hoppe als August III. oder Leander Hau\u00dfmann als dem Grafen Br\u00fchl hat Kraszewskis Bekanntheit weiter gesteigert. Zahlreiche seiner Werke sind ins Deutsche \u00fcbersetzt worden, manche noch nach 1990.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Er war ein Homo politicus, ergriff Partei f\u00fcr die polnischen Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfer (so in \u201eDas Kind der Altstadt\u201c, 1863). Anders aber als sein schottischer Schriftstellerkollege Walter Scott lehnte er sensationsheischende Fiktion ab, pl\u00e4dierte f\u00fcr Quellentreue und eine kritische Perspektive gegen\u00fcber der Geschichte, auch wenn seine Romane den Erkenntnissen historiographischer Studien vielfach nicht standhalten. Aber das m\u00fcssen sie auch nicht. Das Zeitbild, das er zu zeichnen suchte, schildert plausibel den Niedergang des polnischen Adels. Mit Kritik an konservativen Klerikern hielt er nicht hinterm Berg, auch am Unfehlbarkeitsdogma. Er setzte f\u00fcr eine polnische Erneuerung auf B\u00fcrgertum, Handwerker und Intellektuelle.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Stilistisch anfangs unter dem Einfluss Lawrence Sternes und von E.T.A. Hoffmanns romantischer Phantastik stehend, gab er seinem Werk sp\u00e4ter \u201egleicherma\u00dfen \u2026 romantische und realistische Z\u00fcge\u201c (El\u017cbieta Szyma\u0144ska). Dabei war er viel mehr als ein Romancier: auch Dichter, Dramaturg und Theaterdirektor, Musik- und Literaturkritiker, Publizist und Journalist, Herausgeber, (Chef-) Redakteur, (Kunst-) Historiker, kurz: eine \u00f6ffentliche Person, in Polen wie Sachsen und dar\u00fcber hinaus. Sein Umzug an die Elbe hinderte ihn nicht daran, auf Reisen in die Heimat zur\u00fcckzukehren, auch wenn er bis zu seinem Tode w\u00e4hrend eines Erholungsurlaubs in Genf dort nicht mehr dauerhaft Wohnung nahm.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Verhindert hat dies auch ein geh\u00f6riger Skandal im Jahre 1883, der sein Ansehen besch\u00e4digte. Aus polnisch-patriotischen Motiven der Spionage f\u00fcr Frankreich bezichtigt, war er in Berlin auf Betreiben Otto von Bismarcks verhaftet und in Leipzig vor dem Reichsgericht zu dreieinhalb Jahren Festungshaft verurteilt worden, die er angesichts angeschlagener Gesundheit nicht vollst\u00e4ndig verb\u00fc\u00dfen musste. Verstorben an seinem Namenstag, wurde er in der Krakauer \u201eKrypta der Verdienten\u201c im Paulinen-Kloster mit gro\u00dfer Anteilnahme beigesetzt.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenig bekannt ist das Dresdener Kraszewski-Museum. 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