{"id":4529,"date":"2025-04-03T20:07:36","date_gmt":"2025-04-03T20:07:36","guid":{"rendered":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=4529"},"modified":"2026-05-22T13:47:07","modified_gmt":"2026-05-22T13:47:07","slug":"hueter-des-buches","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2025\/04\/03\/hueter-des-buches\/","title":{"rendered":"H\u00fcter des Buches"},"content":{"rendered":"<div class=\"page\" title=\"Page 1\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p>Antiquariate haben es in Zeiten grassierender Lesefaulheit und von Internetmonopolisten schwer. Wer reu\u0308ssieren will, muss neben einem <span style=\"font-size: 1rem;\">u\u0308berzeugenden Angebot vor allem eine einnehmende Perso\u0308nlichkeit haben.<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight: 400;\">BAUTZEN. Erst seit knapp fu\u0308nf Jahren fu\u0308hre ich als ehemaliger Zeitungsjournalist ein Ladengescha\u0308ft fu\u0308r alte Bu\u0308cher und Grafiken im Schatten des Bautzener Domes in der Oberlausitz. Wenige Meter weiter <!--more-->hatte zuvor fu\u0308r 26 Jahre ein Kollege das seine betrieben und, um die 60 Jahre alt, aufgegeben, als das Barockhaus, in dem es untergebracht gewesen war, fu\u0308r eine Sanierung gera\u0308umt werden musste. Auszug auf unbestimmte Zeit mit der einzigen Gewissheit: Danach steigt die Miete merklich; darauf hat er sich nicht eingelassen. Voraussetzung fu\u0308r meinen Einstieg ins Metier war aber die Einrichtung eines solchen Gescha\u0308ftes. Handel allein u\u0308bers Internet, wie es viele Kollegen la\u0308ngst halten, schied fu\u0308r mich aus. Ich will nicht blo\u00df verpacken und versenden, sondern obendrein Gespra\u0308che fu\u0308hren u\u0308ber Gott und die Welt und wie sie zwischen Buchdeckeln verhandelt werden. Dabei sind Buchla\u0308den, nicht nur antiquarische, la\u0308ngst keine Orte mehr, vor denen Schlange gestanden wird. Ausnahmen \u2013 wie ju\u0308ngst in Hamburg am Traditionshaus \u201eFelix Jud\u201c, als Angela Merkel ihre Memoiren signierte und Hunderte warteten, besta\u0308tigen die Regel.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Buchha\u0308ndler im Allgemeinen und Antiquare im Besonderen, die u\u0308berregionale Bekanntheit erzielen, u\u0308ber ein Metier von Eingefleischten hinaus, sind rarer als in Muscheln herangewachsene Perlen. Dass einer, wie im vergangenen Jahr der nun verstorbene Ko\u0308lner Kollege Klaus Willbrand dank ins Netz gestellter Videos einer jungen Mitarbeiterin zum Medienpha\u0308nomen mit Zehntausenden Anha\u0308ngern wird, ha\u0308ngt nicht allein vom Produkt ab, das er feilbietet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der antiquarische Markt ist in gewaltigem Umbruch begriffen. Da jene, die vorrangig lesen wollen, ohne auf die besondere Ausgabe eines Buches aus zu sein, seltener werden, finden sie so gu\u0308nstig und bequem Nachschub wie nie. La\u0308ngst nicht mehr nur in Gro\u00df- oder Hochschulsta\u0308dten kostenfrei: in Schuhkartons am Hauseingang, in denen gro\u00dfelterlicher Hausrat ausrangiert wird, in Bu\u0308cherzellen oder -regalen. Ein Hoch auf die Nachhaltigkeit! So landet das den Nachfahren u\u0308berflu\u0308ssig Gewordene vielleicht in eines Andern Regal, wenn es nach dem ersten Regenguss nicht doch entsorgt wird. Fu\u0308r Antiquare ist alles, was auf solche Weise regelma\u0308\u00dfig in Umlauf gelangt, verloren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das, was jenseits der Fu\u0308nf- oder Acht-Euro-Schwelle landet \u2013 den Marktwert bestimmt das Netz \u2013, wird von mit Versandrabatten wirtschaftenden Online-Gro\u00dfha\u0308ndlern aufgesogen. Sie unterbieten stetig, was kleine Ha\u0308ndler nehmen mu\u0308ssen, um kostendeckend zu arbeiten. Verdient wird in dem Segment nur mit gro\u00dfen Stu\u0308ckzahlen, die keine Einzellage mehr zuwege bringt. Verscha\u0308rft wird die Konkurrenz durch Privatanbieter, die im Netz auf ein Zubrot aus sind und gu\u0308nstiger ausweisen, was Ha\u0308ndler im Haupterwerb verlangen mu\u0308ssen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Am anderen Ende der Nahrungskette, im bibliophilen Delikatessenbereich, der den internationalen Markt bedient, rangieren Ikonen wie Heribert Tenschert oder Jo\u0308rn Gu\u0308nther. Museen, Scheichs, Leitmessen von Amerika bis Fernost \u2013 in diesen Kreisen ziehen sie ihres Weges. Von der Krise am Buchmarkt sind sie kaum oder nicht betroffen. Die Stu\u0308cke, die sie handeln, tau- gen als Wertanlage.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Anders steht es um das weite Feld von Ha\u0308ndlern dazwischen, eine vielfa\u0308ltige Mittelschicht. Die wenigsten ko\u0308nnen, wenn sie ohne eigene Immobilie noch auf ein Ladengescha\u0308ft setzen, markante Innenstadtlagen halten. Das Antiquariat mit geregelten O\u0308ffnungszeiten dient nun vorrangig als Anlaufstelle fu\u0308r Verka\u0308ufer. Kundschaft strebt ihm immer seltener zu. In teuren Sta\u0308dten wie Mu\u0308nchen verschwinden die Antiquariate aus den Zentren. Sie ziehen sich zuru\u0308ck in erschwinglichere Viertel oder Hochschulna\u0308he, ins Netz oder ho\u0308ren auf. Doch selbst aus einer sich als traditionell, geschichts- und kunstinteressiert ru\u0308hmenden Stadtgesellschaft wie der Dresdener mit gu\u0308nstigeren Mieten ist die Branche fast verschwunden. Einst gro\u00dfe Antiquariatsstandorte machen Restaurants Platz, die Busladungen von Touristen zu verko\u0308stigen und also ho\u0308here Mieten zu zahlen imstande sind. Drei, vier antiquarische Ladengescha\u0308fte, bei mehr als 560 000 Einwohnern \u2013 mehr sind nicht geblieben. Ein Kollege geht auf die 80 zu, ein anderer ist jenseits der 60.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wo der Beruf sich ha\u0308lt, u\u0308berlebt er entweder als der des mobilen Delikatessen-Agenten, mit Suchlisten und Kontaktdaten der Klienten immerfort unterwegs, um Gesuchtes aufzuspu\u0308ren, ohne Laden und Lager. Noch vom Ort eines Fundes nehmen sie Kontakt auf, um Ka\u0308ufe \u2013 eigene Margen bereits beru\u0308cksichtigend \u2013 anzubahnen. Solches Verfahren setzt mehr als bei stationa\u0308ren Ha\u0308ndlern vorzu\u0308gliche Orientierung u\u0308ber Kunst- und Buchbesta\u0308nde, Preise, Kundeninteressen voraus. Mancher Kollege verdient auch hinzu: Dieser fa\u0308hrt Taxi, jener arbeitet als Statist am Theater, ein Dritter war halbtags Ku\u0308ster einer Kirche, der Autor dieser Zeilen schreibt Texte fu\u0308r Zeitungen. Vielleicht springt in anverwandter Branche einmal eine Vakanzvertretung heraus \u2013 der Fachkra\u0308ftemangel treibt manche Blu\u0308te \u2013, in der sich einige Monate unter- kommen la\u0308sst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Mein Alltag in Bautzen geht noch konven- tionell u\u0308ber die Bu\u0308hne. Bu\u0308cher fu\u0308r die meist historisch informierten Texte, die ich verfasse, stehen in den Regalen. Um 14 Uhr sperre ich winters den Laden auf, sommers eine Stunde fru\u0308her. Nicht selten warten schon a\u0308ltere Herrschaften, bepackt mit gewichtigen Taschen, vor der Tu\u0308r. Selten ist etwas darunter, wofu\u0308r sich noch Kundschaft findet. Interessante Anka\u0308ufe werden oft u\u0308ber Monate hin angebahnt. Viele Anbieter wissen mittlerweile, wie die Umsta\u0308nde liegen. Andere brauchen kein Geld, sind nur darauf aus, dass das \u201eProblem\u201c gelo\u0308st wird: raus mit den Bu\u0308chern. Erstausgaben von Kafka, Thomas Mann oder Joseph Roth kann jeder verkaufen, auch in der Provinz. Die Herausforderung, sie zu beschaffen, ist die gro\u0308\u00dfere: zu Preisen, die Anbietern kein Unrecht tun, wenn sie nicht wissen, was sie vorzeigen, aber dem Ha\u0308ndler eine Marge lassen. Fu\u0308r das, was billig ist und \u201eout\u201c noch Kunden zu finden, darin liegt eine zweite.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bautzen ist keine Hochschulstadt, Bu\u0308rgertum rar. Es kommt hinzu, dass der Wertewandel in allen Milieus um sich greift. An vielen Tagen stehen deutlich mehr Leute im Laden, die verkaufen wollen, denn Ka\u0308ufer. \u201eWenn Sie die Bu\u0308cher nicht nehmen, fahren wir zum Wertstoffhof, oder sie landen in der Tonne.\u201c La\u0308ngst sind viele in der DDR oft auf holzhaltigem Papier in Gro\u00dfauflagen gedruckte Exemplare, insofern inhaltlich noch gefragt, fu\u0308r den Wiederverkauf viel zu billig. Mit den wenigen dafu\u0308r verbliebenen Kunden la\u0308sst sich nicht kostendeckend arbeiten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dass Angeho\u0308rige eines auf Schmuckstu\u0308cke bedachten Montanwissenschaftlers oder eines fru\u0308heren lokalhistorisch informierten Museumsdirektors eine Bibliothek anbieten, ist selten. Dazu tritt der Wettstreit um Aufmerksamkeit in einer reizu\u0308bersa\u0308ttigten Internetgemeinde, wo heute die meisten Kunden gewonnen werden. Jeder muss sich etwas einfallen lassen. Langeweile bedeutet eine sta\u0308ndige Herausforderung. Die einen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">verlegen Jahresgaben oder schreiben perso\u0308nliche Briefe an wichtige Kunden, andere machen kleine Geschenke, gewa\u0308hren Rabatte, laden zu Vortra\u0308gen oder Lesungen, setzen auf Events. Fu\u0308r den Dante-Lesezirkel ist Bautzen zu klein. Wenn zur Langen Nacht der Kultur in die Altstadt geladen wird, stehen die Leute sich in Gescha\u0308ften, Kirchen, Museen hingegen auf den Fu\u0308\u00dfen. Am Folgetag sind die gleichen Ha\u0308user leergefegt. Bis zum na\u0308chsten Ereignis.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Klaus Willbrand konnte aus einem u\u0308ber Jahrzehnte hinweg aufgebauten Erfahrungsschatz scho\u0308pfen und sich als Botschafter seines Angebots wie auch von Schriftstellern, von denen er manchen perso\u0308nlich gekannt hat, profilieren. Er war, schon seiner Erscheinung nach, ein Unikum \u2013 dennoch war er vor seiner jungen Mitarbeiterin, die im Netz fu\u0308r Resonanz sorgte, betriebswirtschaftlich so in Schwierigkeiten gera- ten, dass er sein Gescha\u0308ft hatte schlie\u00dfen wollen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Viele Faktoren mu\u0308ssen also zusammenkommen; es gibt kein Patentrezept. Jeder Antiquar muss sowohl als Perso\u0308nlichkeit als auch mit seinem Angebot u\u0308berzeugen. Das gute Gespra\u0308ch wird fu\u0308r die Kundenbindung wichtiger. Junge Leute f\u00fcr das Buch und das Lesen zu gewinnen, auch wenn ihr Taschengeld ihnen enge Grenzen setzt, darin liegt eine Herausforderung. Sie dann \u2013 begeistert von neuentdeckten Welten \u2013 glu\u0308cklich zu sehen, ihnen beim Denken und Tra\u0308umen zuschauen zu ko\u0308nnen, kann zwar nicht Lohn genug sein, bleibt aber indes auch einem Buchha\u0308ndler eine Freude.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antiquariate haben es in Zeiten grassierender Lesefaulheit und von Internetmonopolisten schwer. Wer reu\u0308ssieren will, muss neben einem u\u0308berzeugenden Angebot vor allem eine einnehmende Perso\u0308nlichkeit haben. BAUTZEN. Erst seit knapp fu\u0308nf Jahren fu\u0308hre ich als ehemaliger Zeitungsjournalist ein Ladengescha\u0308ft fu\u0308r alte Bu\u0308cher und Grafiken im Schatten des Bautzener Domes in der Oberlausitz. 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