{"id":501,"date":"2013-11-12T16:54:23","date_gmt":"2013-11-12T16:54:23","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=501"},"modified":"2016-08-13T15:20:47","modified_gmt":"2016-08-13T15:20:47","slug":"dresden-12-november-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2013\/11\/12\/dresden-12-november-2013\/","title":{"rendered":"Dresden, 12. November 2013"},"content":{"rendered":"<p>Eine Freundin aus Studienzeiten hatte mich auf ihn aufmerksam gemacht. Nun ist er da, Alain Badiou, in Fleisch und Blut: der Althusser-Sch\u00fcler und fr\u00fchere Maoist, der Philosoph und Romancier, zu Vortrag und Diskussion<!--more--> im Deutschen Hygienemuseum. Und ich, ich sitze im Publikum. Badious Interesse, hatte mir die Freundin noch vorab geschrieben, gelte &#8222;neben formallogischen Arbeiten&#8220; dem &#8222;politischen Subjekt nach dem Scheitern des Marxismus&#8220;. Aha, dachte ich. Das k\u00f6nnte spannend werden. Nach &#8222;dem neuen Politischen\/der neuen Politik\/der neuen Philosophie&#8220; suche er &#8211; und befasse sich &#8222;nebenbei [&#8230;] mit der Krise des Marxismus im Anschluss an den Totalitarismus, da Staat und Politik miteinander identifiziert scheinen&#8220;. Soweit die Worte besagter Freundin, die sich &#8211; anders als ich &#8211; mit Badiou schon intensiver auseinandergesetzt hat. Dann schwebt er herein, Badiou, der 76-J\u00e4hrige. Mit schlohwei\u00dfem Haar, in Hemd und Pullover. Leger nimmt auf dem Podium Platz. Der alte Mann, 1937 im marokkanischen Rabat geboren, will \u00fcber &#8222;Poesie und Gemeinsinn&#8220; referieren. Wer sich an Gro\u00dfes wagt, darf die gro\u00dfen Linien nicht aus den Augen verlieren. Badiou liebt sie &#8211; sagt zum Einstieg S\u00e4tze wie: &#8222;Im 20. Jahrhundert sind viele Poeten Kommunisten gewesen.&#8220; Ein Trauerflor scheint sie zu umgeben, seine Erinnerung an Brecht zum Beispiel. Diesem und anderen habe man ihre politische Einstellung als Folge ideologischer Verf\u00fchrung ausgelegt, als Irrglaube gar. Das sei zu unrecht geschehen, meint Badiou, der zwischen Poesie und Kommunismus &#8222;eine innere Verbindung&#8220; ausmacht. Denn: Ist es nicht der Poet, der sich darin versucht, das Unaussprechliche zur Sprache zu bringen? Nat\u00fcrlich nicht, um es f\u00fcr sich zu behalten, sondern: um seine Empfindungen zu teilen. Abstrakter: Zur Poesie geh\u00f6rten immer die Utopie und das Gemeinsame. Poesie, sagt Badiou, sei somit gelebter Kommunismus. Darum h\u00e4lt er es auch nicht f\u00fcr verwunderlich, dass sich so viele Poeten im Spanischen B\u00fcrgerkrieg als Kommunisten begriffen. Ihre Erfahrung als Poeten h\u00e4tten sie\u00a0dann auf die Politik angewandt.\u00a0Schlie\u00dflich kommt Badiou zu sich selbst, schlussfolgert, was er seit Jahren schlussfolgert: Jeder Mensch, sagt er, sei grunds\u00e4tzlich f\u00fcr Poesie empf\u00e4nglich. Deshalb sei auch der Kommunismus &#8211; immer &#8211; m\u00f6glich. Dem wiederum entgegen aber stehe die erlebte Wirklichkeit, das wirkliche Scheitern des realexistierenden Kommunismus in der Sowjetunion, auf Kuba, in China, wo auch immer. Als reale M\u00f6glichkeit sei er daher ad absurdum gef\u00fchrt. Et voil\u00e0: Da ist sie, die badiousche Paradoxie. Mit der er seine Leser und Zuh\u00f6rer gern zur\u00fcckl\u00e4sst. Oder? Nicht ganz: Im Anschluss an seinen Vortrag schwang Badiou dann &#8211; er ist wirklich ein Schlitzohr &#8211; den Zeigefinger empor. Warnte und mahnte: dass der, der jene Paradoxie ignoriere, sich leicht zum Parteig\u00e4nger eines Staatsabsolutismus mache &#8211; nicht also eines Kommunismus, wie er ihn verstehe. Behutsame sozialpolitische Verbesserungen hier, eine karitative Wohltat dort &#8211; das scheint er ihm heute zu sein: der Kommunismus.<\/p>\n<p>Zu diesem jedoch, wendet ein kritischer Geist nach der Veranstaltung mir gegen\u00fcber ein, &#8222;zum Kommunismus geh\u00f6rt ja nicht nur ein Appell ans Gemeinsame&#8220;, denn &#8211; streng genommen &#8211; appelliere doch jede Ideologie mehr oder minder an alle. Zum Kommunisten, sagt dieser, wird man doch nicht Kraft eigenen Willens. Die Revolution werde doch vielmehr durch bestimmte Strukuren erzeugt. Da hat einer, dachte ich, seinen Marx noch gelesen. Er schob nach: Was Dichter d\u00e4chten, spiele keine Rolle. Badiou jedenfalls, soviel sei sicher, ist kein Kommunist. Was bleibe, von diesem Abend, sei Gerede &#8211; sch\u00f6nes zwar, aber eben doch nur: Gerede. Besorgt sein, gab er sich eher belustigt als resigniert, m\u00fcsse nach diesem Vortrag niemand. Von\u00a0hier, von heute, von Badiou gehe gewiss nicht die Weltrevolution aus. Das B\u00fcrgertum k\u00f6nne ruhig schlafen. Und ich? Ich ging ruhig schlafen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Freundin aus Studienzeiten hatte mich auf ihn aufmerksam gemacht. 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