{"id":570,"date":"2013-12-02T07:56:07","date_gmt":"2013-12-02T07:56:07","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=570"},"modified":"2020-05-22T12:08:07","modified_gmt":"2020-05-22T12:08:07","slug":"auf-ol-gebaut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2013\/12\/02\/auf-ol-gebaut\/","title":{"rendered":"Auf \u00d6l gebaut"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_580\" aria-describedby=\"caption-attachment-580\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-580 size-large\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_5741-1024x682.jpg\" alt=\"Symbol f\u00fcr den Aufstieg einer Stadt: B\u00fcrot\u00fcrme, Astana. Foto: Michael Kunze.\" width=\"739\" height=\"492\" srcset=\"https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_5741-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_5741-300x200.jpg 300w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_5741-624x416.jpg 624w, https:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_5741-960x640.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 739px) 100vw, 739px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-580\" class=\"wp-caption-text\">Symbol f\u00fcr den Aufstieg einer Stadt: B\u00fcrot\u00fcrme, Astana. Foto: Michael Kunze.<\/figcaption><\/figure>\n<p>ASTANA. In vier Jahren wird die Welt auf Kasachstan blicken. Daran arbeitet jedenfalls Talgat Ermegiyaev. Er hofft und bangt darum, dass das auch gelingt. Der fr\u00fchere Tourismusminister organisiert die Expo 2017. Drei Monate lang soll<!--more--> die Weltausstellung in der Hauptstadt Astana weilen und internationale Aufmerksamkeit auf das Land zwischen Russland und China ziehen. Mit der Expo ger\u00e4t der zentralasiatische Staat \u201ezum ersten Mal\u201c aus eigener Kraft \u201ein den Blickpunkt der Welt\u00f6ffentlichkeit\u201c, sagt Ermegiyaev. Ihn hat Pr\u00e4sident Nursultan Nasarbajew mit der Organisation der Weltausstellung beauftragt. Ein gro\u00dfe Aufgabe. F\u00fcr Schlagzeilen darf dann nicht der von den Russen gepachtete Weltraumbahnhof Baikonur oder das fr\u00fchere Atomwaffentestgel\u00e4nde der Sowjets in Semipalatinsk sorgen. Alle Blicke sollen sich auf den ganzen Stolz der Kasachen richten: auf die neue Hauptstadt Astana, die seit 1998 in die karge Steppe hinein gepfl\u00fcgt wird. Das ist zumindest der Plan.<\/p>\n<p>Auf 113 Hektar Fl\u00e4che soll von 2014 an ein eigener Expo-Stadtteil entstehen, in dem sich das Land in bestem Glanz pr\u00e4sentieren will. Kasachstan will damit weg von dem Bild, das das Land vorrangig als \u00d6l- und Rohstoffexporteur zeigt.<\/p>\n<p>Schon jetzt versucht sich die Hauptstadt in ganzer Gr\u00f6\u00dfe zu zeigen: Immer neue Bankent\u00fcrme und B\u00fcrohochh\u00e4user wachsen in die H\u00f6he, immer mehr Autos fahren \u00fcber die Stra\u00dfen mit sechs, acht oder zehn Spuren. Ein gewaltiger Bauboom h\u00e4lt den Nordosten des Landes in Atem, seit der Regierungssitz von Almaty im S\u00fcden des Landes hierher verlegt wurde. 1989 lebten in Astana weniger als 300.000 Menschen, doch die Einwohnerzahl hat sich seitdem fast verdreifacht: Heute liegt sie knapp unter 800.000. In der Stadt finden sich ein Radsport-, ein Fu\u00dfball- und ein Eissportstadion, die gr\u00f6\u00dfte Moschee Zentralasiens, teure Wohnh\u00e4user, zahlreiche Einkaufszentren &#8211; und der riesige Pr\u00e4sidentenpalast mit blauer Kuppel, der dem Machtanspruch entsprechend \u00fcberdimensioniert erscheint. Medien werden zensiert und Regimekritiker drangsaliert. Stets hat der seit 1991 autokratisch regierende Pr\u00e4sident Nursultan Nasarbajew das letzte Wort.<\/p>\n<p>In Zentralasien gilt Kasachstan als das wohlhabendste Land. Der Vielv\u00f6lkerstaat ist in den vergangenen 20 Jahren \u00f6konomisch weit vorangeschritten. Die Wirtschaftsleistung je Einwohner ist mit 11935 Dollar nach Angaben der Weltbank drei Mal so hoch wie in der Ukraine. F\u00fcr 2017 rechnet der IWF mit 20000 Dollar. Auf der Liste der wettbewerbsf\u00e4higsten Staaten des Weltwirtschaftsforums liegt das Land auf Rang 50 (von 148).<\/p>\n<p>Wichtigster Treiber des Wirtschaftswachstums bleibt die Rohstoffindustrie. Kasachstan gilt nicht nur als gr\u00f6\u00dfter Uranproduzent der Welt, sondern verf\u00fcgt auch \u00fcber reiche \u00d6lvorkommen. Das gr\u00f6\u00dfte Feld, das auf der ganzen Welt in den vergangenen 45 Jahren erschlossen wurde, liegt im kasachischen Teil des Kaspischen Meeres. Mit der erst im September begonnenen F\u00f6rderung im Kaschagan-Feld k\u00f6nnte das zentralasiatische Land bald in die Riege der f\u00fcnf gr\u00f6\u00dften \u00d6lexportl\u00e4nder aufschlie\u00dfen. Ein internationales Konsortium, dem die Energiekonzerne Eni, Shell und Total angeh\u00f6ren, hat 50 Milliarden Dollar in dessen Erschlie\u00dfung investiert; auch die Chinesen wollen \u00fcber ihren Staatskonzern CNPC einsteigen. Die geplante zus\u00e4tzliche F\u00f6rderung allein aus Kaschagan soll zun\u00e4chst 50 Millionen Tonnen j\u00e4hrlich betragen, von 2018\/19 an sogar 75 Millionen. Betr\u00e4chtliche Mengen finden sich in Kasachstan auch von Steinkohle, Eisenerz, Kupfer, Chrom, Titan, Wolfram, Nickel, Phosphor, Gips, Silizium, Blei, Zink, Gold, Silber, Mangan und Seltene Erden \u2013 es ist eines der rohstoffreichsten L\u00e4nder der Welt.<\/p>\n<p>Darin liegen Segen und Fluch zugleich: Schon heute machen die Einnahmen aus F\u00f6rderung und Verarbeitung von Roh\u00f6l ein Viertel des Bruttoinlandsproduktes aus, die H\u00e4lfte der staatlichen Einnahmen sowie zwei Drittel der Exporterl\u00f6se. Doch die Einnahmen daraus kommen in weiten Teilen des Volkes nicht an, vor allem in l\u00e4ndlichen Regionen. Jeder vierte Besch\u00e4ftigte arbeitet in der Landwirtschaft, die nur 4,1 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht.<\/p>\n<p>Der Gefahr durch die Fokussierung auf Rohstoffe will die Regierung mit der 2012 ver\u00f6ffentlichten Agenda \u201eKasachstan 2050\u201c angehen: Staatliche Programme sollen die Industrialisierung vorantreiben und den Mittelstand entwickeln. Dieser tr\u00e4gt bislang nur ein Zehntel zur Wirtschaftsleistung bei, sagte Albert Rau, deutschst\u00e4mmiger Erster Vizeminister f\u00fcr Industrie und Neue Technologien, auf einer Reise nach Kasachstan, zu der die kasachische Botschaft in Deutschland eingeladen hatte.<\/p>\n<p>Mittelst\u00e4ndische Unternehmer wie Hans G\u00fcnter Funke aus Nordrhein-Westfalen kommen den Kasachen daher gelegen. Funke hat seit Jahresbeginn mit kasachischer Unterst\u00fctzung am Stadtrand von Astana eine Produktionsst\u00e4tte f\u00fcr Fensterprofile aufgebaut, von der aus er den kasachischen wie den russischen Markt beliefert. 65 Einheimische besch\u00e4ftigt das Familienunternehmen mit Hauptsitz in Hamm. 15 Ausbilder aus Deutschland helfen, sie zu schulen. \u201eWir wollen deutsche Qualit\u00e4t in die Region bringen\u201c, sagt er. Obwohl er um etwa 20 Prozent teurer produziere als die Konkurrenz aus der T\u00fcrkei, aus China oder Russland, sieht er das Unternehmen gut aufgestellt im Wettbewerb. Die schlechte Zahlungsmoral aber st\u00f6rt ihn. \u201eAlles geht hier \u00fcber Vorkasse. Das gilt f\u00fcr uns, wenn wir unsere Rohstoffe beziehen genauso wie f\u00fcr die Fensterbauer, an die wir unsere Profile liefern.\u201c<\/p>\n<p>Ausl\u00e4ndische Investoren schreckt auch die langsame, teils korrupte B\u00fcrokratie ab. Die deutsche Au\u00dfenhandelskammer (AHK) weist ganz grunds\u00e4tzlich hin auf die \u201eenge Verschr\u00e4nkung von Staat und Politik, die zum einen zwar eine staatliche Unterst\u00fctzung systemrelevanter Industrien garantiert, oft auch jenseits wirtschaftlicher Effektivit\u00e4t, die andererseits aber stets staatliche Regulierung erm\u00f6glicht\u201c. Auch die \u201erelativ hohen Kreditzinsen\u201c nennen die Fachleute der Kammer als Investitionshindernis.<\/p>\n<p>Die kasachische Regierung selbst will aus der geografischen Lage des Landes mehr Kapital schlagen. Mit Russland teilt es eine der l\u00e4ngsten Landgrenzen der Welt, die mehr als 6800 Kilometer betr\u00e4gt. Kasachstans schiere Gr\u00f6\u00dfe soll sich als n\u00fctzlich erweisen; sie macht das Land zu einer Art Br\u00fccke zwischen China und Westeuropa. Bis 2015 will Vizeindustrieminister Albert Rau den kasachischen Teil des S\u00fcdwestprojektes fertiggestellt sehen: ein 2700 Kilometer langes Autobahnst\u00fcck, das in der Verl\u00e4ngerung die Ostk\u00fcste Chinas mit Europa verbinden wird. An dieser Strecke sollen sich Industrie und Gewerbe ansiedeln, hofft die Regierung.\u00a0Zudem soll die Bahn mehr G\u00fcter durch das Land fahren. \u201eNamhafte Kunden aus der Elektronik- und Automobilindustrie fragen nach Schienenl\u00f6sungen vor allem aufgrund des Zeitvorteils\u201c, sagt Gerhard Felser, Sprecher der DB Schenker Logistics in Frankfurt. \u201eW\u00e4hrend die Seefracht bis zu 40 Tage unterwegs ist, erreichen die Produkte auf der Schiene schon nach 19 bis 22 Tagen ihr Ziel.\u201c Auch das h\u00f6rt sich noch lang an. Die Entfernungen in dem Land werden bleiben \u2013 selbst dann, wenn sich Kasachstan mit der Expo in vier Jahren die Blicke der Welt ersehnt.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ASTANA. In vier Jahren wird die Welt auf Kasachstan blicken. Daran arbeitet jedenfalls Talgat Ermegiyaev. Er hofft und bangt darum, dass das auch gelingt. Der fr\u00fchere Tourismusminister organisiert die Expo 2017. Drei Monate lang soll<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,1,8],"tags":[1271,1272,1277,27,1280,269,1275,1274,1269,1278,1270,38,1273,1229,37,79,1279,655,1276,39],"class_list":["post-570","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-politik","category-wirtschaft","tag-almaty","tag-astana","tag-baikonur","tag-china","tag-deutsche-bahn","tag-deutschland","tag-expo","tag-expo-2017","tag-kasachstan","tag-kaspisches-meer","tag-landerbericht","tag-mittelstand","tag-nursultan-nasarbajew","tag-ol","tag-rohstoffe","tag-russland","tag-seidenstrase","tag-turkei","tag-weltausstellung","tag-zentralasien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/570","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=570"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/570\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3798,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/570\/revisions\/3798"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=570"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=570"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=570"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}