{"id":604,"date":"2013-12-06T08:39:27","date_gmt":"2013-12-06T08:39:27","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=604"},"modified":"2014-02-10T16:22:00","modified_gmt":"2014-02-10T16:22:00","slug":"magdeburg-6-dezember-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2013\/12\/06\/magdeburg-6-dezember-2013\/","title":{"rendered":"Magdeburg, 6. Dezember 2013"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich auf dem Weg nach Hamburg, zwingt\u00a0mich der &#8211; wie es in den Nachrichten hie\u00df: &#8222;orkanartige&#8220; &#8211; Sturm zu einem Zwischenhalt im einstigen Zentrum der Ottonen an der Elbe.\u00a0Nach unruhiger Nacht mache ich mich auf den Weg\u00a0ins Stadtinnere, das von zwei Bauten besonders\u00a0dominiert wird: nat\u00fcrlich vom\u00a0ersten gotischen\u00a0Dom auf deutschem Boden, der Grablege des ersten deutschen Kaisers,\u00a0ebenso<!--more--> aber\u00a0von dem ehemaligen\u00a0Kollegiatstift &#8222;Unser Lieben Frauen&#8220;.\u00a0Bald eintausend Jahre ist es her, dass es der damalige Magdeburger Erzbischof Gero n\u00f6rdlich des Domes gegr\u00fcndet hat, wenn auch der heutige Bau erst von einem seiner Nachfolger begonnen wurde. Der Muttergottes geweiht, wurde es reich ausgestattet mit Besitzungen. F\u00fcr den Baustil gilt, der Epoche der Romanik entsprechend, das Gegenteil: Das Stift ist, trotz der fr\u00fchgotischen\u00a0Deckeneinw\u00f6lbung im Langhaus,\u00a0\u00e4u\u00dferst schlicht gehalten.\u00a0Aus eher kleinen Bruchsteinen hat man es errichtet, denen\u00a0die beiden massigen\u00a0Westt\u00fcrme voranstehen.\u00a0Nicht von ungef\u00e4hr\u00a0sprechen Fachleute\u00a0hier von einem &#8222;Riegel&#8220;, so wuchtig kommt der Verbindungsbau zwischen ihnen daher. &#8222;Unser\u00a0Lieben Frauen&#8220; gilt\u00a0noch immer\u00a0als &#8222;Lehrbeispiel f\u00fcr den Sakralbau um 1100&#8220; (Laabs\/Hornemann).\u00a0Die Bedeutung der schon in der DDR profanierten\u00a0Kirche (seit 1977 &#8222;Konzerthalle Georg Philipp Telemann&#8220;)\u00a0wie der gesamten Anlage reichte und reicht dabei weit \u00fcber Fragen von Architektur oder Baustilkunde hinaus. Denn verbunden\u00a0ist sie auch mit einem bedeutenden\u00a0Mann der mittelalterlichen Kirchengeschichte: mit Norbert von Xanten,\u00a0dem Gr\u00fcnder des Pr\u00e4monstratenserordens. Er war es, der das Stift im Jahr 1129 ebendiesem, seinem Orden in der Eigenschaft als Erzbischof von Magdeburg \u00fcbertrug.\u00a0Norbert\u00a0ist seinerzeit, nach dem Hl. Bruno von K\u00f6ln (&#8222;Karth\u00e4user&#8220;),\u00a0erst der zweite deutsche Gr\u00fcnder eines geistlichen Ordens gewesen. Statt, wie\u00a0\u00fcblich, das\u00a0Stift dem Mutterhaus im franz\u00f6sischen Pr\u00e9montr\u00e9 (daher der\u00a0Ordensname) zu unterstellen, nahm er es unter seine eigenen Fittiche. Schnell gewann\u00a0es\u00a0Ansehen, erhielten\u00a0Norberts dortige Sch\u00fcler Bischofsst\u00fchle in Havelberg, Brandenburg und Ratzeburg. Zeitweise bis zu sechzehn Konvente umfasste die\u00a0s\u00e4chsische Pr\u00e4monstratenserordensprovinz.\u00a0Als Norbert 1134 starb,\u00a0erhielt er seine Ruhest\u00e4tte vor dem damaligen Kreuzaltar in der\u00a0Stiftskirche, wurde sp\u00e4ter aber\u00a0unter den Hochchor umgebettet.\u00a0Noch heute, obwohl seit Jahrhunderten verwaist,\u00a0befindet sich das Grabmal dort. Obwohl Norbert 1582 im\u00a0Zuge der Gegenreformation heiliggesprochen worden war, fand dennoch\u00a0neun Jahre sp\u00e4ter\u00a0der\u00a0erste evangelische Gottesdienst in der \u00fcber Jahrzehnte umk\u00e4mpften Kirche statt.\u00a01601 verlie\u00df der letzte\u00a0katholische Konventuale das Stift.\u00a0Ein Vierteljahrhundert\u00a0sp\u00e4ter folgte ihm der Leichnam des Hl. Norbert\u00a0mit\u00a0kaiserlicher Unterst\u00fctzung.\u00a0Er ruht seither im Prager Kloster Strahov.\u00a0Heute jedoch gilt das\u00a0fr\u00fchere Stift, das 1945 betr\u00e4chtliche Sch\u00e4den erlitt,\u00a0als \u00e4ltestes Geb\u00e4ude Magdeburgs und &#8222;wichtigster Ausstellungsort f\u00fcr Gegenwartskunst im Bundesland Sachsen-Anhalt&#8220; (Laabs\/Hornemann). Daf\u00fcr wiederum\u00a0waren die Voraussetzungen\u00a0vor 1990\u00a0gelegt worden, als Magdeburg\u00a0zum Standort der\u00a0&#8222;Nationalen Sammlung Plastik der DDR&#8220; aufstieg &#8211; mit einem Schwerpunkt auf Werken des 20. Jahrhunderts. Der Kellerraum unter der mittleren Gew\u00f6lbetonne birgt\u00a0jedoch\u00a0eine kleine Ausstellung religi\u00f6ser Skulpturen,\u00a0deren Bedeutung mit einem so\u00a0bemerkenswerten wie &#8211; mit Blick auf die\u00a0religi\u00f6se Situation Ostdeutschlands &#8211;\u00a0zutreffenden\u00a0Satz der\u00a0Kuratoren\u00a0klargestellt wird: &#8222;Die hier ausgestellten Skulpturen [&#8230;] [haben] heute alle ihre urspr\u00fcngliche Funktion im Rahmen der Fr\u00f6mmigkeitsgeschichte verloren.&#8220; Interessant zu wissen w\u00e4re, ob es sich bei dieser Formulierung um eine Beschreibung oder um eine Art Deklaration der Ausstellungsmacher handelt; letztere jedenfalls st\u00fcnde nicht au\u00dferhalb der j\u00fcngeren Tradition des Landstrichs.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich auf dem Weg nach Hamburg, zwingt\u00a0mich der &#8211; wie es in den Nachrichten hie\u00df: &#8222;orkanartige&#8220; &#8211; Sturm zu einem Zwischenhalt im einstigen Zentrum der Ottonen an der Elbe.\u00a0Nach unruhiger Nacht mache ich mich auf den Weg\u00a0ins Stadtinnere, das von zwei Bauten besonders\u00a0dominiert wird: nat\u00fcrlich vom\u00a0ersten gotischen\u00a0Dom auf deutschem Boden, der Grablege des ersten deutschen&hellip; <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2013\/12\/06\/magdeburg-6-dezember-2013\/\"><span class=\"screen-reader-text\">Magdeburg, 6. 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