{"id":638,"date":"2013-12-16T21:55:56","date_gmt":"2013-12-16T21:55:56","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=638"},"modified":"2017-02-27T08:55:00","modified_gmt":"2017-02-27T08:55:00","slug":"aus-dem-chemnitzer-osten-in-die-datenwolke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2013\/12\/16\/aus-dem-chemnitzer-osten-in-die-datenwolke\/","title":{"rendered":"Aus dem Chemnitzer Osten in die Datenwolke"},"content":{"rendered":"<p>Martin B\u00f6hringer und seine Mitstreiter arbeiten an unternehmensinternen Kommunikationsmedien.<\/p>\n<p>CHEMNITZ. Am Anfang stand die Cloud, die Datenwolke des Internets &#8211; &#8222;und ein Abbruchhaus im Chemnitzer Osten&#8220;, f\u00fcgt Martin B\u00f6hringer hinzu. Dort n\u00e4mlich fanden der 28-J\u00e4hrige und seine drei Mitstreiter zun\u00e4chst Unterschlupf, als sie im<!--more--> Januar 2011 die Firma Hojoki GmbH gr\u00fcndeten.<\/p>\n<p>Verstr\u00f6mte das damalige Domizil noch den DDR-Charme eines fr\u00fcheren Beh\u00f6rdenstandorts der Stadtverwaltung, das allerdings f\u00fcr 100 Euro Monatsmiete zu haben war, ist heute vieles anders. Das noch immer junge Unternehmen logiert l\u00e4ngst am entgegengesetzten Ende der Stadt im herausgeputzten Gr\u00fcnderzeitviertel Ka\u00dfberg in einem herrschaftlichen Eckhaus am Hang. Statt des Linoleumbodens ist hier Parkett verlegt, im Besprechungsraum steht das elektronische Schlagzeug eines Mitarbeiters, und neben den gl\u00e4sernen Konferenztisch sind Sitzs\u00e4cke am Boden drapiert. Skizzen- und Stichwortgewirr f\u00fcllt die wei\u00dfe Tafel an der Wand.<\/p>\n<p>Nicht nur B\u00f6hringer macht sich hier seine Gedanken, sondern auch seine drei Mitgr\u00fcnder Lutz Gerlach (39 Jahre), Danilo H\u00e4rtzer (36) und Thilo Schmalfu\u00df (32). Sie t\u00fcfteln mit acht Mitarbeitern &#8211; die meisten sind Programmierer, drei wurden promoviert &#8211; an den Dienstleistungen von Hojoki. Dabei versteht sich die Firma als sogenannter Cloudaggregator: B\u00f6hringer &amp; Co. entwickeln f\u00fcr ihre Kunden &#8211; vor allem kleine und mittelgro\u00dfe Unternehmen der internetgetriebenen Kreativbranche &#8211; einen zentralen, aktivit\u00e4tsstrombasierten Zugang zu einer Vielzahl von Cloud-Apps.<\/p>\n<p>&#8222;Was sich damit anstellen l\u00e4sst?&#8220; Diese Frage werde B\u00f6hringer von Au\u00dfenstehenden immer wieder gestellt. &#8222;In einer fortlaufenden Chronologie, die der von Facebook \u00e4hnelt, machen wir mit Hojoki den aktuellen Status von Arbeitsprojekten sichtbar&#8220;, erkl\u00e4rt er. Dazu k\u00f6nnten dann Aufgaben, Dokumente, Kontakte oder Termine eingespeist werden. Beteiligte Mitarbeiter, ob aus einem oder verschiedenen Unternehmen, k\u00f6nnten so in Echtzeit die Arbeitsfortschritte verfolgen, sie kommentieren, mit Kollegen dar\u00fcber diskutieren. Ziel sei es, verschiedene Internetanwendungen oder -hilfsmittel auf Cloudbasis schneller und mit weniger Reibungsverlusten zu koordinieren. Es gehe darum, getrennte Systeme zusammenzuf\u00fchren und f\u00fcr die Firmenkommunikation intern, zwischen Unternehmen oder einzelnen Mitarbeitern nutzbar zu machen.<\/p>\n<p>Hojoki programmiert daf\u00fcr die Web- und Smartphone-Anwendungen, die Cloud-Apps wie Dropbox, Google Drive, Github oder Evernote auf einer gemeinsamen Oberfl\u00e4che miteinander vernetzen. Nach Angaben B\u00f6hringers haben die Chemnitzer damit bislang 115.000 Nutzer \u00fcberzeugen k\u00f6nnen. Die meisten verwendeten nach wie vor die kostenlose Version, weshalb das Unternehmen bislang keineswegs profitabel arbeite. Deshalb sei k\u00fcrzlich eine kostenpflichtige Premiumvariante freigeschaltet worden, die mehr Anwendungsm\u00f6glichkeiten bietet.<\/p>\n<p>So weit der technische Hintergrund von Hojoki, dessen Name von einem japanischen Buch aus dem 13. Jahrhundert herr\u00fchrt. Der Inhalt der historisch-philosophischen Abhandlung wurde sp\u00e4ter immer wieder mit der Formel &#8222;Panta rhei&#8220; (&#8222;Alles flie\u00dft&#8220;) aus der griechischen Antike in Verbindung gebracht &#8211; kommt somit also nicht von ungef\u00e4hr. &#8222;Die Ereignisse bestimmen den Fluss&#8220;, erkl\u00e4rt B\u00f6hringer. &#8222;Und wir stellen den Arbeitsalltag als Fluss der Ereignisse dar.&#8220;<\/p>\n<p>Ganz gl\u00fccklich ist er &#8211; trotz des literarisch-philosophischen Tiefgangs &#8211; in der R\u00fcckschau aber nicht mit der Namenswahl: &#8222;In Amerika, von wo immerhin die meisten unserer Kunden kommen, konnten viele Leute kaum das Wort aussprechen, geschweige denn, sich etwas darunter vorstellen&#8220;, bekennt er schmunzelnd. Deshalb habe &#8222;Catchapp&#8220;, die zweite Anwendung des Hauses, die k\u00fcrzlich zum Verkauf an die Appstores gegangen sei, einen auch f\u00fcr englischsprachige Kunden eing\u00e4ngigeren Namen erhalten. &#8222;Catchapp&#8220;, sagt B\u00f6hringer, &#8222;ist eine Anwendung f\u00fcr den modernen Manager, f\u00fcr einen, der mit seinen Mitarbeitern an der Basis eng zusammenarbeitet.&#8220; Die fr\u00fcher \u00fcblichen w\u00f6chentlichen Statusberichte zwischen den Hierarchieebenen w\u00fcrden damit \u00fcberfl\u00fcssig. Der Manager sehe auf der Applikation, wann wer mit wem einen Termin vereinbart, welchen Fortschritt ein konkretes Projekt erzielt oder wo Hindernisse zu \u00fcberwinden sind.<\/p>\n<p>Entstanden sei die neue Anwendung nicht zuf\u00e4llig als Reaktion auf den Erstling des Hauses. &#8222;Wir suchen noch den idealen Nutzer und sind dabei, die Bed\u00fcrfnisse unserer Kunden kennenzulernen&#8220;, sagt der studierte Wirtschaftsinformatiker, der in Chemnitz promoviert wurde, verheiratet ist und Vater einer zweij\u00e4hrigen Tochter. Diese Suche brauche jedoch Zeit, und davon wiederum sei die Finanzierungsfrage abh\u00e4ngig. Das internationale Team aus Iren, Russen und Deutschen &#8211; auch ein Amerikaner sei schon dabei gewesen &#8211; schlug auch hier einen unkonventionellen Weg ein.<\/p>\n<p>Nach einem sogenannten Future-Sax-Gr\u00fcndungsstipendium des S\u00e4chsischen Wirtschafts- und Arbeitsministeriums ging B\u00f6hringer auf die Suche nach einem neuen Geldgeber. Er fand ihn in dem Fremdkapitalgeber Kizoo aus Karlsruhe, von dem er 450.000 Euro einsammelte. Im vergangenen Jahr floss abermals Wagniskapital, diesmal in &#8222;siebenstelliger H\u00f6he&#8220;. Wiederum sei Kizoo im Boot gewesen, aber auch die Bad Homburger Fondsgesellschaft Creathor Venture, die bereits das Jenaer Softwareunternehmen Intershop unterst\u00fctzte.<\/p>\n<p>Ausgestattet mit neuen Mitteln, soll nun die Produktentwicklung beschleunigt werden. Dar\u00fcber hinaus will B\u00f6hringer mehr Nutzer gewinnen, nicht nur auf dem deutschen Markt, sondern auch dort, wo Hojoki bislang schon stark ist: neben den Vereinigten Staaten in Kanada und Japan, S\u00fcdafrika und Australien. Sein Ziel ist es, mit dem gerade entstehenden Markt zu wachsen. &#8222;Damit&#8220;, so hofft er, &#8222;wollen wir noch mehr die Brauchbarkeit unserer Anwendungen unter Beweis stellen&#8220; &#8211; und schlie\u00dflich: profitabel werden. &#8222;Irgendwann k\u00f6nnte ein B\u00f6rsengang folgen &#8211; oder: ein Verkauf.&#8220;<\/p>\n<p>Dass es sich in Sachen Verkauf nicht um ein blo\u00dfes Gedankenspiel handeln k\u00f6nnte, zeigt der Fall des amerikanischen Wettbewerbers Yammer. Wie Hojoki vorrangig ein Netzwerk zur firmeninternen Kommunikation, wurde es im Juli 2012 von Microsoft \u00fcbernommen. F\u00fcr 1,2 Milliarden Dollar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin B\u00f6hringer und seine Mitstreiter arbeiten an unternehmensinternen Kommunikationsmedien. CHEMNITZ. Am Anfang stand die Cloud, die Datenwolke des Internets &#8211; &#8222;und ein Abbruchhaus im Chemnitzer Osten&#8220;, f\u00fcgt Martin B\u00f6hringer hinzu. 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