{"id":77,"date":"2012-10-24T11:08:35","date_gmt":"2012-10-24T11:08:35","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/?p=77"},"modified":"2014-12-27T11:25:07","modified_gmt":"2014-12-27T11:25:07","slug":"sigmund-neumann-ein-vergessener-lehrer-der-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2012\/10\/24\/sigmund-neumann-ein-vergessener-lehrer-der-demokratie\/","title":{"rendered":"Sigmund Neumann: Ein vergessener Lehrer der Demokratie"},"content":{"rendered":"<p>Als Sigmund Neumann 1933 Deutschland aufgrund seiner j\u00fcdischen Herkunft verlassen musste, war er als Wissenschaftler keineswegs schon ein \u201egemachter Mann\u201c. Er hatte in Leipzig,<!--more--> Grenoble und Heidelberg Geschichte, National\u00f6konomie und Sozialwissenschaften studiert. Im Mai 1904 hineingeboren in eine j\u00fcdische Leipziger Kaufmannsfamilie, hatte er aber doch mit zwei B\u00fcchern in Wissenschaftskreisen f\u00fcr Aufmerksamkeit gesorgt.<\/p>\n<p>\u00dcber \u201eDie Stufen des preu\u00dfischen Konservatismus\u201c, eine Arbeit, deren Idee auf Alfred Weber zur\u00fcckging, war Neumann 1927 bei Hans Freyer promoviert worden. Er ging darin der Frage nach, wie sich die Entstehung des Kapitalismus auf die Stellung des Adels in der preu\u00dfischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ausgewirkt hatte. Der Adel habe &#8211; unumkehrbare &#8211; Phasen durchlaufen, nach einer \u201eromantischen\u201c eine \u201eliberale\u201c und schlie\u00dflich eine \u201erealistische\u201c. Der Soziologe Herbert Sultan sah die Untersuchung \u201emit allen soziologischen Wassern gewaschen\u201c, auch wenn es sich in erster Linie noch um eine ideengeschichtliche Arbeit handelte.<\/p>\n<p>Ein Klassiker der Parteienforschung<\/p>\n<p>Jene fr\u00fche akademische Qualifizierungsschrift gab dabei methodisch einen Tenor vor, der, weiterentwickelt, Neumanns gesamtes wissenschaftliches Arbeiten pr\u00e4gen sollte: Er emanzipierte sich von den seit etwa 1900 sich ausdifferenzierenden Forschungstraditionen der Ereignis-, der sp\u00e4ter folgenden Volks- und der fr\u00fcheren Staatengeschichte. Als \u201ehistorisch orientierter Sozialwissenschaftler\u201c verbindet Neumann die \u201eMethoden der komparativ arbeitenden Politikwissenschaft und Soziologie mit denen der Sozial-, Wirtschafts- und Geistesgeschichte\u201c, schrieb der Politologe Peter L\u00f6sche.<\/p>\n<p>Nach Neumanns Wechsel von Leipzig an die Deutsche Hochschule f\u00fcr Politik in Berlin rief er 1931 mit Albert Salomon und Alfred von Martin die Schriftenreihe \u201eSoziologische Gegenwartsfragen\u201c ins Leben. Mit \u201eDie deutschen Parteien. Wesen und Wandel nach dem Kriege\u201c legte er ein Jahr sp\u00e4ter seine bis heute bedeutendste Untersuchung vor. Sie hob Neumann in eine Reihe mit anerkannten Soziologen wie Arthur Rosenberg, schrieb Karl Dietrich Bracher &#8211; obwohl dem Buch durch den Nationalsozialismus zun\u00e4chst seine Wirkung versagt blieb. Bracher gab es nach dem Krieg lediglich mit neuem Titel in vier Auflagen neu heraus &#8211; und die Arbeit gilt noch immer als Klassiker der fr\u00fchen Parteienforschung: \u201eZeitgen\u00f6ssische Studien von solchem Rang besitzen ohnehin Seltenheitswert\u201c (Horst M\u00f6ller). Sigmund Neumann lieferte darin nicht nur eine konzise Parteiengeschichte der Weimarer Republik, die abgesehen von Neugr\u00fcndungen wie der NSDAP eine gro\u00dfe organisatorische und personelle Kontinuit\u00e4t zum Kaiserreich aufgewiesen habe, sondern er entwickelt auch eine Typologie moderner Parteien. Aus der \u201enachliberalen Integrationspartei\u201c (Otto Heinrich von der Gablentz) sei eine \u201eabsolutistische\u201c Variante hervorgegangen. W\u00e4hrend zum ersten Typ Parteien wie das Zentrum oder die SPD zu z\u00e4hlen seien, rechnet Neumann zum zweiten geradezu idealtypisch die NSDAP, deren Entstehen ebenso wie das der KPD vom \u201eUnverm\u00f6gen\u201c der etablierten Parteien zeuge, die Fragen der Zeit zu beantworten. Neumann geht in seinem Urteil noch weiter: \u201eWas als Parteienkrisis erscheint, ist vielmehr die Krise der Demokratie, der \u00f6konomisch-sozialen Welt, des europ\u00e4ischen Menschen \u00fcberhaupt\u201c, schreibt er.<\/p>\n<p>Merkmale von Diktaturen<\/p>\n<p>Mit seinem Studium der Parteien, die zwar nach Macht strebten, aber auch den \u201echaotischen Einzelwillen\u201c zu personellen und inhaltlichen Alternativen b\u00fcndelten, wies er ihnen nicht nur einen bedeutsamen Platz in der Demokratie zu, sondern er trug dazu bei, dass sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Parteienforschung als eigenst\u00e4ndige Disziplin der Politikwissenschaft etablierte.<\/p>\n<p>In der Emigration erarbeitete er f\u00fcnf Merkmale, die totalit\u00e4ren Diktaturen gemeinsam seien: Sie verspr\u00e4chen soziale wie \u00f6konomische Stabilit\u00e4t, setzten auf Dynamik und Aktion anstelle von Programmatik und bedienten sich pseudodemokratischer Legitimation. Daneben tr\u00e4ten das F\u00fchrerprinzip sowie &#8211; begrifflich an Trotzkis ber\u00fchmte Formulierung angelehnt &#8211; die Erkl\u00e4rung einer kriegs\u00e4hnlichen \u201epermanenten Revolution\u201c.<\/p>\n<p>Ein Klassiker der Totalitarismusforschung<\/p>\n<p>Eine gleichnamige Studie legte er 1942 an der Wesleyan University in Connecticut vor. \u201ePermanent Revolution\u201c, das noch heute als sein bekanntestes Werk in englischer Sprache und in Deutschland als \u201evergessener Klassiker\u201c (Alfons S\u00f6llner) gilt, ist als doppelter sozialwissenschaftlicher Vergleich angelegt: einerseits zwischen den modernen europ\u00e4ischen Diktaturen, zum anderen zwischen diesen und ihren demokratischen Antipoden.<\/p>\n<p>Einen ausgefeilten theoretischen Beitrag zur Totalitarismusforschung wollte Neumann mit dem Buch, das derzeit am Sigmund-Neumann-Institut der TU Dresden erstmals ins Deutsche \u00fcbertragen wird, nicht leisten. Dennoch gilt das Werk heute genauso als grundlegender Beitrag zur Diktaturforschung wie die deutlich sp\u00e4ter publizierten, aber ungleich bekannteren Arbeiten des Marxisten Franz Neumann (\u201cBehemoth\u201c) oder von Hannah Arendt (\u201cThe Origins of Totalitarianism\u201c). Sigmund Neumann interpretierte die totalit\u00e4ren Regime als \u201epolitische Religionen\u201c, die alle Sph\u00e4ren des \u00f6ffentlichen und privaten Lebens mittels ausgefeilter Propaganda und \u201einstitutionalisiertem Terror\u201c unter ihre Kontrolle bringen wollten.<\/p>\n<p>R\u00fcckkehr nach dem Krieg<\/p>\n<p>Obwohl es ihm mit \u201ePermanent Revolution\u201c vor allem darum ging, Hierarchien und Institutionengef\u00fcge in totalit\u00e4ren Systemen zu untersuchen, untersetzte er seine Analyse mit sozialwissenschaftlichen und psychologischen Beobachtungen, die ihn veranlassen, die Zeit zwischen 1914 und 1945 als einen \u201einternationalen B\u00fcrgerkrieg\u201c zu deuten. Diesem zugrunde liege mit der Zwischenkriegszeit ein Generationenkonflikt, dessen \u201eebenso ,falsche\u2019 wie dynamische L\u00f6sung (&#8230;) nicht nur in einer bislang unbekannten Mythologisierung der revoltierenden Jugend (bestand), sondern in deren Verschmelzung mit dem Mythos des Krieges\u201c, schrieb der Politikwissenschaftler Alfons S\u00f6llner in Anlehnung an Neumann.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Krieges hatte Neumann unter anderen Gastdozenturen an der Columbia, Harvard und Yale University inne. Im Gr\u00fcndungsjahr der Bundesrepublik kehrte er erstmals seit 1933 nach Deutschland zur\u00fcck und beteiligte sich am Aufbau der Politikwissenschaft &#8211; nicht nur, aber besonders an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t in M\u00fcnchen und an der Freien Universit\u00e4t zu Berlin. Daf\u00fcr ehrten ihn beide Hochschulen mit Ehrendoktorw\u00fcrden (1949 und 1962). Eine von Neumann zeitweise durchaus erwogene dauerhafte R\u00fcckkehr nach Deutschland scheiterte indes.<\/p>\n<p>Vater der Politikwissenschaft<\/p>\n<p>Im Mai 1962, bereits von schwerer Krankheit gezeichnet, hielt Neumann w\u00e4hrend seines letzten Deutschland-Besuchs unter dem Titel \u201eDer Demokratische Dekalog\u201c einen Vortrag, der zum Verm\u00e4chtnis des Demokratielehrers wurde, als den er sich zeitlebens sah. Ausgehend vom Begriff der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t, analysierte Neumann die Kernmerkmale demokratischer Staaten &#8211; von der Bedeutung der Rechtssicherheit bis zum Pluralismus. Das \u201evitalste Element\u201c sei jedoch: der \u201emenschliche Einsatz\u201c.<\/p>\n<p>2007 gelangte Neumanns umfangreicher Nachlass, der der Forschung neue Impulse verlieh, aus Amerika nach Deutschland. Er lagert heute im Frankfurter Exilarchiv. Wenig sp\u00e4ter konnte das Dresdner Sigmund-Neumann-Institut die viele hundert B\u00e4nde umfassende Privatbibliothek des Wissenschaftlers erwerben, die sich bis zuletzt in Familienbesitz befand. Am 22. Oktober 1962 starb Neumann, der als einer der Gr\u00fcndungsv\u00e4ter der deutschen Politikwissenschaft als Demokratiewissenschaft gelten muss und dennoch weitgehend in Vergessenheit geriet.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Sigmund Neumann 1933 Deutschland aufgrund seiner j\u00fcdischen Herkunft verlassen musste, war er als Wissenschaftler keineswegs schon ein \u201egemachter Mann\u201c. 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