{"id":87,"date":"2012-08-06T11:16:04","date_gmt":"2012-08-06T11:16:04","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/?p=87"},"modified":"2014-07-03T12:39:02","modified_gmt":"2014-07-03T12:39:02","slug":"der-kakao-anbau-ist-keine-heile-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2012\/08\/06\/der-kakao-anbau-ist-keine-heile-welt\/","title":{"rendered":"\u201eDer Kakao-Anbau ist keine heile Welt\u201c"},"content":{"rendered":"<p>600.000 Minderj\u00e4hrige haben nach Angaben der Organisation Transfair angeblich 2010 auf Kakaoplantagen in Westafrika gearbeitet. Die Kinderorganisation der Vereinten Nationen Unicef<!--more--> kommt auf andere Zahlen. Demnach gibt es rund 200.000 Kinder auf Kakaoplantagen in Elfenbeink\u00fcste, Mali, Burkina Faso und Togo. 15 Stunden t\u00e4glich m\u00fcssen sie laut Transfair unter unmenschlichen Bedingungen schuften. Seit Jahren geistern Zahlen wie diese durch die Medien.<\/p>\n<p>Fernsehdokumentationen und Studien entstanden, und im M\u00e4rz dieses Jahres stimmte das EU-Parlament einem Kakao-Abkommen zu, das sich gegen \u201ebillige Kinderarbeit\u201c wendet. Die Schokoladenbranche konnte diese Zahlen nicht l\u00e4nger ignorieren. Einer ihrer wichtigsten Grundstoffe ist Kakao, aus dem Kakaomasse und Kakaobutter gewonnen werden &#8211; oft allerdings in Staaten, in denen es um die politischen und sozialen Verh\u00e4ltnisse nicht zum Besten bestellt ist.<\/p>\n<p>Geschwafel einiger \u00d6kofreaks<\/p>\n<p>Noch vor Jahren taten die Vertreter der Lebensmittelindustrie dieses Thema als Geschwafel einiger \u00d6kofreaks ab. Nun haben es deren Marketingstrategen l\u00e4ngst aus eigenem Interesse aufgegriffen. Sie kalkulieren mit dem Gewissen ihrer Kunden, haben aber, wie Nestl\u00e9 zum Beispiel, auch andere Ziele im Fokus: \u201eNur auf einen Mindestpreis zu achten greift uns zu kurz\u201c sagt Achim Drewes, Unternehmenssprecher von Nestl\u00e9 Deutschland. Begriffe wie \u201efair\u201c oder \u201enachhaltig\u201c seien mit Vorsicht zu genie\u00dfen, da sie inhaltlich wenig aussagten.<\/p>\n<p>\u201eWir sprechen lieber \u00fcber das, was wir konkret tun, um die Rahmenbedingungen zu verbessern\u201c, sagt Drewes. Zertifizierung k\u00f6nne eine Rolle spielen, ersetze aber nicht eigene Schritte. Neben sozialen Standards, die zum Beispiel Kinderarbeit ausschlie\u00dfen und eine gerechte Bezahlung vorsehen, stehe f\u00fcr das Schweizer Unternehmen eine m\u00f6glichst hohe Qualit\u00e4t des Kakaos im Mittelpunkt.<\/p>\n<p>\u00dcber moderne Anbaumethoden aufkl\u00e4ren<\/p>\n<p>Nestl\u00e9 hat deshalb 2009 einen eigenen Kakao-Plan aufgelegt, der \u00f6konomische, \u00f6kologische und soziale Ma\u00dfnahmen miteinander verbindet. Kinderarbeit ist in den Augen von Drewes dabei mehr Symptom als Ursache f\u00fcr Missst\u00e4nde in der Kakao-Produktionskette. Eine Realit\u00e4t auf den Kakaoplantagen in der Elfenbeink\u00fcste sei sie dennoch. Jahrelang h\u00e4tten Unternehmen und Regierungen in den Anbaul\u00e4ndern den Kakao-Anbau vernachl\u00e4ssigt. Auch die Hersteller h\u00e4tten sich zu sehr auf ihre Lieferanten verlassen, gesteht er ein. Nestl\u00e9, das j\u00e4hrlich 400.000 Tonnen Kakao verarbeitet oder verarbeiten l\u00e4sst und auf das damit 10 Prozent der Weltjahresproduktion entfallen, will dies \u00e4ndern.<\/p>\n<p>20 Prozent des Kakaos, der in Produkten des Konzerns in Deutschland verkauft wird, ist heute von der unabh\u00e4ngigen Stiftung UTZ Certified als nachhaltig zertifiziert. Das Siegel orientiert sich an europ\u00e4ischen Standards und erm\u00f6glicht es, die Herkunft von Produkten zur\u00fcckzuverfolgen. Bis 2015 sollen 100 Prozent des Nestl\u00e9-Kakaos derart gekennzeichnet sein. Das ehrgeizige Ziel ist nur mit drastischen Produktivit\u00e4tssteigerungen erreichbar, die Nestl\u00e9 durch Schulungen von Bauern in den Anbaul\u00e4ndern erzielen will. Allein im vergangenen Jahr wurden laut Nestl\u00e9 rund 20.000 Landwirte weitergebildet, um sie \u00fcber moderne Anbaumethoden aufzukl\u00e4ren. Nestl\u00e9 zahlt dazu als Anreiz an Bauern Pr\u00e4mien aus, die in ihren \u00f6rtlichen Kooperativen je nach den erzielten Mengen und Qualit\u00e4ten 10 Prozent des Marktpreises ausmachen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Untersuchung mit ern\u00fcchterndem Ergebnis<\/p>\n<p>Um die Arbeitsbedingungen in den vornehmlich afrikanischen L\u00e4ndern zu \u00fcberwachen &#8211; Elfenbeink\u00fcste und Ghana sind die beiden gr\u00f6\u00dften Kakaoproduzenten -, holte der Konzern die Fair Labour Association (FLA) ins Boot, einen Zusammenschluss von Universit\u00e4ten, Nichtregierungsorganisationen und Unternehmen, der nach eigenen Angaben das Ziel verfolgt, Arbeitsrecht und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Eine von Nestl\u00e9 in Auftrag gegebene Untersuchung der Vereinigung ergab ein ern\u00fcchterndes Ergebnis: \u201eDer Kakao-Anbau ist nach wie vor keine heile Welt, wenn sich auch in Ghana und Elfenbeink\u00fcste einiges getan hat\u201c, sagt Nestl\u00e9-Sprecher Drewes. Aber auch heute sei erst ein Bruchteil des Anbaus \u201ezertifizierungsf\u00e4hig\u201c f\u00fcr nachhaltigen Kakaoanbau, und die Strukturen in den Anbaul\u00e4ndern erschwerten eine \u00dcberpr\u00fcfung.<\/p>\n<p>Ein untr\u00fcgliches Zeichen daf\u00fcr, dass nachhaltige Produktionsverfahren und Lieferketten nicht mehr nur f\u00fcr gro\u00dfe Lebensmittelkonzerne auf die Agenda dr\u00e4ngen, ist die j\u00fcngste Initiative des Bundesverbands der Deutschen S\u00fc\u00dfwarenindustrie (BDSI). Gemeinsam mit Bundesregierung und Lebensmittelhandel hat der Verband das \u201eForum Nachhaltiger Kakao\u201c ins Leben gerufen, dessen Sekretariat bei der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Internationale Zusammenarbeit und Entwicklung (GIZ) liegt.<\/p>\n<p>Zwiespalt zwischen NGOs und S\u00fc\u00dfwarenherstellern<\/p>\n<p>Sie soll nach eigenen Angaben die \u201eAktivit\u00e4ten des Forums koordinieren und relevante Akteure aus Deutschland mit denen aus den Produktionsl\u00e4ndern sowie internationalen Initiativen\u201c zusammenbringen. Den Bauern wolle man vermitteln, \u201ewie sie Kakao produktiver, sozialer und zugleich umweltvertr\u00e4glich anbauen, Marktanforderungen erf\u00fcllen und somit ein stabiles Einkommen sichern k\u00f6nnen\u201c, sagt Elena Rueda, die Leiterin des Sekretariats.<\/p>\n<p>Der Zwiespalt zwischen Nichtregierungsorganisationen (NGO) wie Fairtrade Deutschland, die unter fairer Wirtschaft zuerst strategische Armutsbek\u00e4mpfung verstehen, und dem, was S\u00fc\u00dfwarenhersteller als nachhaltige Wirtschaft bezeichnen, ist nicht \u00fcberwunden. Fairtrade, das Standards f\u00fcr gerechtes Produzieren und gerechten Handel entwickelt, betreut auch die \u00f6rtlichen Produzentengruppen. Der NGO geht es in erster Linie um Handelsbeziehungen, die die Situation benachteiligter Produzentenfamilien in Afrika, Asien und S\u00fcdamerika verbessern, die Binnenwirtschaft st\u00e4rken und langfristig ungerechte Weltwirtschaftsstrukturen abbauen sollen. Vor allem die kleineren und mittelst\u00e4ndischen Betriebe der kakaoverarbeitenden Industrie, an die sich die BDSI-Initiativen besonders richten, m\u00fcssen in erster Linie die Kosten im Blick behalten, die nach Angaben von Drewes f\u00fcr nachhaltig zertifizierten Kakao zu etwa 10 Prozent \u00fcber denen von konventionellem liegen.<\/p>\n<p>Mittelstand zieht nach<\/p>\n<p>Auch wenn die Preise f\u00fcr konventionell erzeugten Kakao laut der Commerzbank-Analystin Melanie Kuhl Mitte Juli um 4,5 Prozent gefallen sind, wird mittelfristig wieder mit einem Preisanstieg gerechnet. Der d\u00fcrfte auch nachhaltig zertifizierten Kakao treffen. Die Fachleute der Commerzbank machen f\u00fcr den aktuellen Preisverfall eine sinkende Nachfrage in Europa verantwortlich, die im Kontext der Schulden- und Wirtschaftskrise zu sehen sei. Wie aus Branchenkreisen verlautet, d\u00fcrfte es sich um eine vor\u00fcbergehende Entwicklung handeln, da wegen des Wetterph\u00e4nomens El Ni\u00f1o mit Ernteausf\u00e4llen in Afrika zu rechnen sei, von wo 70 Prozent der Weltkakao-Produktion stammen. Allein im drittgr\u00f6\u00dften Anbauland Nigeria wird durch feuchtigkeitsbedingten Pilzbefall f\u00fcr die Ernte in diesem Jahr ein Produktionsr\u00fcckgang von 30 Prozent gegen\u00fcber 2011 erwartet.<\/p>\n<p>Da Konzerne wie Nestl\u00e9 seit Jahren mit nachhaltigen Herstellungsverfahren offensiv werben &#8211; das Unternehmen hat dazu unter dem Namen \u201eNestl\u00e9 Marktplatz\u201c eine eigene Internetseite eingerichtet -, zieht mittlerweile der Mittelstand nach. Der Hersteller Griesson-de Beukelaer (\u201cPrinzenrolle\u201c) in Polch bei Koblenz zum Beispiel hat k\u00fcrzlich bekanntgegeben, sein S\u00fc\u00dfwarensortiment vollst\u00e4ndig auf Kakao umzustellen, den wie bei Nestl\u00e9 die Stiftung UTZ zertifiziert. Das k\u00f6nnen nicht alle.<\/p>\n<p>Das Vorhaben w\u00e4re in diesem Umfang f\u00fcr den Gro\u00dfkonzern Nestl\u00e9 nicht umsetzbar, da die Produktionsmengen am Markt gegenw\u00e4rtig nicht gedeckt werden k\u00f6nnten, gibt Drewes zu bedenken. Auch kleinere Hersteller wie die \u00e4lteste Schokoladenfabrik Deutschlands, der im sachsen-anhaltischen Halle beheimatete Hersteller Halloren, besch\u00e4ftigen sich nach eigenen Angaben mit dem Thema Nachhaltigkeit. \u201eGespr\u00e4che mit unseren Schokoladen- und Kakaolieferanten laufen auf Hochtouren\u201c, teilte Sprecher Tino M\u00fcller auf Anfrage mit, ohne Einzelheiten zu nennen.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>600.000 Minderj\u00e4hrige haben nach Angaben der Organisation Transfair angeblich 2010 auf Kakaoplantagen in Westafrika gearbeitet. 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