{"id":891,"date":"2013-11-15T17:42:06","date_gmt":"2013-11-15T17:42:06","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/?p=891"},"modified":"2020-05-22T12:08:44","modified_gmt":"2020-05-22T12:08:44","slug":"ich-habe-nie-das-gefuhl-gehabt-der-arbeit-mude-geworden-zu-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2013\/11\/15\/ich-habe-nie-das-gefuhl-gehabt-der-arbeit-mude-geworden-zu-sein\/","title":{"rendered":"\u201eIch habe nie das Gef\u00fchl gehabt, der Arbeit m\u00fcde geworden zu sein\u201c. Die Ursula-Peter-Sch\u00fclerin Ute Loos ist in den Ruhestand getreten"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_947\" aria-describedby=\"caption-attachment-947\" style=\"width: 739px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-947 size-large\" src=\"http:\/\/michael-kunze.net\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/Foto-Ute-Loos-Oktober-2013-1024x915.jpeg\" alt=\"Im Th\u00fcringischen und ganz bei sich: Ute Loos mit Instrument im Oktober 2013. 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Sie hat die j\u00fcngere Chemnitzer Musikgeschichte wesentlich mitgepr\u00e4gt. Und auch wenn Ute Loos das Urteil \u00fcber sich gern anderen \u00fcberl\u00e4sst, sprechen die Fakten eine klare Sprache: Die geb\u00fcrtige Hohenstein-Ernstthalerin verbrachte 44 von 47 Jahren ihres Berufslebens als Lehrerin f\u00fcr Klassische Gitarre <!--more-->in Chemnitz, auch als es Karl-Marx-Stadt hie\u00df. Hunderte Sch\u00fcler bildete sie an der St\u00e4dtischen Musikschule aus, die genaue Zahl wei\u00df sie selbst nicht. Was f\u00fcr sie 1969 am fr\u00fcheren Standort des Hauses an der Dresdener Stra\u00dfe in einem dunklen Hinterhof begann, fand seit Mitte der achtziger Jahre, nach der Geburt ihres Sohnes, seine Fortsetzung am heutigen Standort auf dem Ka\u00dfberg.<\/p>\n<p>Ihr Weg zu einem Leben mit der Musik war dabei keineswegs vorgezeichnet, wenn auch ihre Familie gute Voraussetzungen bot: Ihr Gro\u00dfvater leitete den Posaunenchor der evangelischen St.-Christophori-Kirchgemeinde in Ernstthal und ihre Mutter hatte Violine und Klavier gelernt. Seit fr\u00fchester Kindheit erhielt Loos deshalb Blockfl\u00f6tenunterricht. \u201eVolksinstrumente wie dieses \u2013 auch Mandoline, Gitarre oder Akkordeon \u2013 wurden in der DDR anfangs gegen\u00fcber Klavier oder Streichern besonders gef\u00f6rdert\u201c, erinnert sich die 1943 geborene, zierliche Frau.<\/p>\n<p>Im Alter von neun Jahren kam sie dann als eine der ersten auf die neugegr\u00fcndete Volksmusikschule Hohenstein-Ernstthal, und zum Fl\u00f6tenspiel gesellte sich die Klassische Gitarre. H\u00f6here Weihen winkten, als sie im achten Schuljahr zur Musikhochschule in Weimar zugelassen wurde. \u201eMich trieb damals der kindliche Wunsch, in einem Schloss wohnen zu k\u00f6nnen\u201c, bekennt sie, da die Unterstufe im Weimarer \u201eBelvedere\u201c untergebracht war.<\/p>\n<p>Einerseits folgten nun bunte Jugenderlebnisse, andererseits harte Arbeit im doppelten Sinne: Die Sch\u00fcler mussten winters die \u00d6fen ihrer Klassenzimmer selbst befeuern und daf\u00fcr das Holz im Schlossgarten sammeln, und wurden im Sommer zur Ernte auf den umliegenden Feldern herangezogen. Sonst stand strenges Lernen auf dem Programm. Zu ihren Lehrern z\u00e4hlte dabei die \u00fcber die DDR hinaus bekannte sp\u00e4tere Professorin Ursula Peter (1924-1989), die zahlreiche Musiklehrb\u00fccher verfasste, die noch immer gut verkauft werden.<\/p>\n<p>Ihre erste eigene Gitarre erhielt Loos als Geschenk ihrer Gro\u00dfmutter. 300 DDR-Mark kostete sie; das war kein Pappenstiel, nichts aber im Vergleich zu ihrer bald darauf angeschafften ersten Wei\u00dfgerber-Gitarre. \u201eDer Klang dieses Namens hatte seinen Preis\u201c, sagt Loos. \u201eDie 1500 Mark bedeuteten f\u00fcr meine Mutter mehr als drei Monatsl\u00f6hne.\u201c<\/p>\n<p>Nach der Unterstufe wechselte Loos 1962 auf die eigentliche Hochschule, wo sie 1966 ihr Examen ablegte. Die erste Lehrerstelle bot sich an der Musikschule Bitterfeld, wo Frank Beierlein, heute in Erfurt Leiter der gr\u00f6\u00dften Musikschule Th\u00fcringens, zu ihren ersten Sch\u00fclern geh\u00f6rte. Beierlein steht dabei stellvertretend f\u00fcr die ungew\u00f6hnlich hohe Zahl von mehr als 25 Sch\u00fclern, die heute allein mit ihrem oder durch ihr Instrument den Lebensunterhalt verdienen: als Gitarrelehrer oder Solok\u00fcnstler, in F\u00fchrungsfunktionen bedeutender Musikschulen oder, wie einer ihrer letzten Sch\u00fcler, als Musikinstrumentenbauer.<\/p>\n<p>Nach wie vor rege ist der Austausch vieler Sch\u00fcler mit der fr\u00fcheren Lehrerin. In Scharen pilgern sie nach Obergneus, ein kleines D\u00f6rfchen im Th\u00fcringischen, wo Loos seit Jahrzehnten einen alten Bauernhof bewohnt. Gern berichtet sie dann, umgeben von 94 Kamelien, aus alten Zeiten: zum Beispiel davon, was die DDR-Losung, Arbeiterkinder gegen\u00fcber b\u00fcrgerlichen Spr\u00f6sslingen zu bevorzugen, im Musikschulalltag bedeutete. \u201eDie Bewerbungsunterlagen von Arbeiterkindern waren mit einer roten Ecke markiert. Es war nun interessant\u201c, bekennt sie schmunzelnd, trotz der im Einzelfall damit verbundenen Ungerechtigkeit, \u201ewer auf einmal Arbeiterkind war.\u201c \u00c4rzte h\u00e4tten sich als Werkzeugmacher, Ingenieure als Maurer ausgegeben. In Erinnerung blieb ihr auch der Fall eines Kindes, dessen Unterrichtung sie mangels Eignung ablehnen musste. Die Auswahl war streng; jeder Anw\u00e4rter musste, anders als heute, eine Pr\u00fcfung ablegen. Obwohl als Arbeitsort des Vaters \u201eMinisterium des Innern\u201c in den Unterlagen vermerkt war, dachte\u00a0 sich die heute 70-J\u00e4hrige zun\u00e4chst nichts dabei. \u201eVielleicht sitzt der in der Verwaltung, nahm ich an, und es ging ja um die Sache\u201c, sagt sie. Wenig sp\u00e4ter wurde sie zur SED-Bezirksparteileitung vorgeladen, wo sich der Vater \u00fcber Loos beschwert hatte. Rechtfertigen musste sie sich zwar, die bef\u00fcrchteten Konsequenzen blieben aber aus.<\/p>\n<p>Die Jahre seit 1989\/90 brachten dann viele Neuerungen: Wie in Loos\u2018 Kindheit war nun wieder Gruppenunterricht m\u00f6glich, aber auch n\u00f6tig, um bei schwieriger finanzieller Ausstattung der Musikschule der Bewerberschar Herr zu werden. Einzelunterricht findet seither wahlweise 45, oder nur noch 30 Minuten lang statt, doch dies sei auch eine Frage des Geldbeutels. Die Kosten f\u00fcr eine Dreiviertelstunde Unterricht w\u00f6chentlich stiegen je Schuljahr von 60 DDR-Mark auf aktuell 582 Euro.<\/p>\n<p>Ihren Beruf habe sie dennoch vom ersten bis zum letzten Arbeitstag in diesem Sommer au\u00dferordentlich gern ausge\u00fcbt \u2013 und nirgends kommt dies besser zum Ausdruck, als im Urteil ihrer Sch\u00fcler: \u201eIch hoffe, Sie werden, auch wenn Sie in Rente gehen, niemals aufh\u00f6ren, Gitarre zu spielen. Sie sind f\u00fcr mich die beste Lehrerin, die man sich vorstellen kann\u201c, schrieb ihr zum Abschied die 12-j\u00e4hrige Jasmin Gl\u00e4ser aus Chemnitz, die Loos sechs Jahre unterrichtete. Nicht nur deshalb glaubt man ihr gern, wenn sie sagt: \u201eIch habe nie das Gef\u00fchl gehabt, der Arbeit m\u00fcde geworden zu sein.\u201c<\/p>\n<p><em>Nachtrag:<\/em> Von Februar 2014 an war Ute Loos f\u00fcr einige Monate abermals in Chemnitz in Dienst. Sie vertrat in der Musikschule &#8211; nach eigener Auskunft &#8222;f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit&#8220; &#8211; w\u00f6chentlich f\u00fcr zwei Tage einen Kollegen.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>CHEMNITZ. Sie hat die j\u00fcngere Chemnitzer Musikgeschichte wesentlich mitgepr\u00e4gt. 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