{"id":91,"date":"2012-06-04T11:18:21","date_gmt":"2012-06-04T11:18:21","guid":{"rendered":"http:\/\/michael-kunze.net\/?p=91"},"modified":"2014-07-03T12:39:54","modified_gmt":"2014-07-03T12:39:54","slug":"der-osten-ist-mehr-als-die-solarindustrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/2012\/06\/04\/der-osten-ist-mehr-als-die-solarindustrie\/","title":{"rendered":"Der Osten ist mehr als die Solarindustrie"},"content":{"rendered":"<p>Die Insolvenzen in der deutschen Solarindustrie rei\u00dfen nicht ab und der Osten ist besonders betroffen: Nach Q-Cells und Sovello aus Bitterfeld hat das Berliner Unternehmen Inventux<!--more--> Insolvenzantrag gestellt, der Solarzulieferer Roth &amp; Rau mit Stammsitz im s\u00e4chsischen Hohenstein-Ernstthal will Hunderte Mitarbeiter entlassen. Auch First Solar schlie\u00dft sein Werk in Frankfurt an der Oder. Welchen Einfluss dieser Niedergang auf den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland hat, ist allerdings umstritten.<\/p>\n<p>Der stellvertretende Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Dresdner Ifo-Instituts, Joachim Ragnitz, sieht die neuen L\u00e4nder nicht am Abgrund: \u201eWir haben dort mittlerweile eine breit aufgestellte Wirtschaft. Was wir jetzt erleben, ist eine hysterische Debatte, denn die Solarbranche ist \u00fcber einzelne, wirklich eng gefasste Regionen hinaus nicht systemrelevant\u201c, sagt er. In den neuen L\u00e4ndern h\u00e4tten sich viele Zentren herausgebildet, die f\u00fcr unterschiedliche Branchen st\u00fcnden: Jena f\u00fcr eine erfolgreiche optische Industrie, der Raum Chemnitz-Zwickau f\u00fcr Maschinen- und Automobilbau, die Ostseek\u00fcste f\u00fcr attraktiven Tourismus, Sachsen-Anhalt und Brandenburg neben der Solarbranche f\u00fcr Windenergie und die chemische Industrie.<\/p>\n<p>\u201eAuch im Westen starke Unterschiede\u201c<\/p>\n<p>Matthias Brachert, Solarfachmann vom Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung in Halle (IWH), pflichtet Ragnitz bei: Die Solarindustrie komme auf 12.000 bis 15.000 Besch\u00e4ftigte in Ostdeutschland, die zwar forschungsintensive und gutbezahlte Stellen h\u00e4tten. Bei 7,5 Millionen Erwerbst\u00e4tigen entspricht das aber nur einem Anteil von 0,2 Prozent. Bracherts einstiger Chef, der fr\u00fchere IWH-Pr\u00e4sident Ulrich Blum, hatte auf die aus seiner Sicht herausragende Bedeutung der Solarindustrie hingewiesen: \u201eIch sehe nicht, wo der Osten mit einer anderen modernen Technologie auf dem Weltmarkt mitspielen k\u00f6nnte.\u201c F\u00fcr Brachert dagegen ist selbst ein Zusammenbruch der Solarbranche in den neuen Bundesl\u00e4ndern keinesfalls gleichbedeutend mit dem wirtschaftlichen Kollaps der Region.<\/p>\n<p>Ifo-Forscher Ragnitz benennt ein Grundproblem in der Wahrnehmung: Die Politik habe \u201efatalerweise\u201c den Ostdeutschen eingebleut, die vollst\u00e4ndige Angleichung an das Westniveau sei realistisch, anstatt den internationalen Vergleich mit \u00e4hnlich strukturierten Regionen zu suchen. Erschwerend komme hinzu, dass alle mit \u201edem Westen\u201c die L\u00e4nder Baden-W\u00fcrttemberg, Bayern oder Hessen meinten, obwohl diese eher Ausnahmef\u00e4lle darstellten. \u201eBaden-W\u00fcrttemberg ist nicht typisch. Auch im Westen sehen wir von der Nordsee bis an die Alpen starke Unterschiede\u201c, sagt Ragnitz.<\/p>\n<p>Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums erreichte Brandenburg 2010 ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner von 22.300 Euro, in Sachsen waren es immerhin 22.900 Euro. Rheinland-Pfalz und Niedersachsen lagen mit jeweils rund 27.000 Euro nicht weit davon entfernt. Baden-W\u00fcrttemberg, Bayern und Hessen stachen hingegen unter den Fl\u00e4chenl\u00e4ndern mit einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 34.000 bis 37.000 Euro deutlich hervor. In Ostdeutschland stieg das Pro-Kopf-Einkommen von 1991 bis 2010 von 43 auf 73 Prozent des Westniveaus. Polen, Tschechien und Ungarn erreichten 2010 nach Angaben von Eurostat hingegen nur Werte von 15.300, 19.400 und 15.800 Euro. Diese L\u00e4nder befanden sich 1990 in einer \u00e4hnlichen Ausgangslage wie die untergegangene DDR, mussten aber ohne den reichen Westen auskommen.<\/p>\n<p>Dass es mit dem Osten zuletzt aufw\u00e4rtsging, zeigt auch das Bruttoanlageverm\u00f6gen je Erwerbst\u00e4tigen, das deutlich anschwoll. Es stieg von 1991 bis 2010 von 46 auf 85 Prozent des Westniveaus. Zum Bruttoanlageverm\u00f6gen z\u00e4hlen alle Verm\u00f6gensg\u00fcter, die l\u00e4nger als ein Jahr in der Produktion eingesetzt werden &#8211; zum Beispiel Geb\u00e4ude, Stra\u00dfen, Fahrzeuge, Maschinen und Software.<\/p>\n<p>Trotz hoher Exportzuw\u00e4chse sei jedoch die au\u00dfenwirtschaftliche Verflechtung des Ostens nach wie vor gering, sagt IWH-Forscher G\u00f6tz Zeddies. Sie aber gilt als wichtiger Gradmesser internationaler Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Der Anteil des Warenexports am ostdeutschen BIP stieg nach IWH-Angaben von 1995 mit 5 Prozent auf 23 Prozent im Jahr 2010. Der ostdeutsche Anteil an der gesamtdeutschen Ausfuhr nahm von 3 Prozent im Jahr 1995 auf 7 Prozent im Jahr 2010 zu. W\u00e4hrend im Westen freilich 2011 46 Prozent des Exports auf das wichtige Feld der Investitionsg\u00fcter entfiel, kommt der Osten nur auf etwas mehr als 32 Prozent.<\/p>\n<p>Dass die Exportquoten ostdeutscher Betriebe gering seien, liege an ihrer nach wie vor kleinteiligen Struktur, sagt Zeddies. Auch sei das traditionell exportorientierte verarbeitende Gewerbe weiter unterrepr\u00e4sentiert. Nur auf sehr lange Sicht k\u00f6nne der Osten zu den alten L\u00e4ndern aufschlie\u00dfen. \u201eDurch die starke Spezialisierung auf Vorleistungsg\u00fcter, die in gro\u00dfem Umfang nach Westdeutschland geliefert werden und dort in die Endmontage flie\u00dfen, sind die neuen Bundesl\u00e4nder in nicht unerheblichem Ma\u00df indirekt an den westdeutschen Exporterfolgen beteiligt\u201c, sagt Zeddies.<\/p>\n<p>Eigenst\u00e4ndige Innovationsf\u00e4higkeit<\/p>\n<p>Freilich weist gerade dieser Umstand auf die vielfach kritisierten \u201everl\u00e4ngerten Werkb\u00e4nke\u201c hin, denen Wertsch\u00f6pfungstiefe sowie Forschungs- und Entwicklungskapazit\u00e4ten fehlen. Die Forscher Jutta G\u00fcnther und Philipp Marek schrieben deshalb 2011 in einer IWH-Analyse, die Unternehmen im Osten d\u00fcrften nicht mehr nur Westkonzepte imitieren. Eigenst\u00e4ndige Innovationsf\u00e4higkeit sei gefragt. Kleinen Betrieben mit zehn bis 49 Mitarbeitern gelinge dies sogar; sie seien in den neuen L\u00e4ndern viel \u00f6fter darin erfolgreich, innovative Produkte auf den Markt zu bringen als die gr\u00f6\u00dferen Betriebe.<\/p>\n<p>Die Ostbetriebe machen dabei aus der Not eine Tugend. Weil gro\u00dfe Unternehmen fehlen, f\u00e4llt der Beitrag der kleinen besonders ins Gewicht: \u201eWenn die Kapazit\u00e4ten dieser innovationsfreudigen kleinen Unternehmen wachsen und sie ihre technologische Leistungsf\u00e4higkeit weiterentwickeln, k\u00f6nnen sie einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung in den neuen L\u00e4ndern leisten\u201c, schreiben G\u00fcnther und Marek.<\/p>\n<p>[ratings]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Insolvenzen in der deutschen Solarindustrie rei\u00dfen nicht ab und der Osten ist besonders betroffen: Nach Q-Cells und Sovello aus Bitterfeld hat das Berliner Unternehmen Inventux<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[19,8],"tags":[45,24,58,38,49,57,67,34,48],"class_list":["post-91","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-wirtschaft","tag-chemnitz","tag-demografie","tag-industrie","tag-mittelstand","tag-ostdeutschland","tag-sachsen","tag-solarindustrie","tag-wiedervereinigung","tag-wohlstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=91"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1172,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91\/revisions\/1172"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=91"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/michael-kunze.net\/category\/artikel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}