Dresden/Stollberg, 6. September 2015

Kriegen die mich?“ Diese Frage geht mir seit heute Mittag nicht mehr aus dem Kopf, nach einer Premiere. Von Dresden aus, kurz vor der Autobahnauffahrt Altstadt, hatte ich einen Tramper mitgenommen – und fand mich ziemlich mutig dabei. Lachen Sie nicht! „Man weiß ja nie, wer da ins Auto steigt“, damit konnte ich 15 Autofahrer-Jahre lang jeden noch so sehnsuchtsvollen Blick vom „Dresden/Stollberg, 6. September 2015“ weiterlesen

DDR half bei Bergbau unter Kriegsbedingungen

Dass sich die einst größte „Kolonie“ von DDR-Auslandsbürgern ausgerechnet im ostafrikanischen Mosambik befand, weiß heute kaum noch wer. Bei Thomas Klemm ist das anders. Er hat seit den 1970er-Jahren das Gemeinschaftsprogramm für die Steinkohlenförderung zwischen den beiden sozialistischen Ländern geleitet. Eine Erfolgsgeschichte? „DDR half bei Bergbau unter Kriegsbedingungen“ weiterlesen

Bad Füssing, 24. Juli 2015

In Dresden wurden heute, wie ich den Nachrichten entnahm, Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes angegriffen, während sie eine Zeltstadt für Flüchtlinge errichteten. Vom DRK hieß es: „erstmals in einem zivilisierten Land“. Wohl von zwei Dutzend Rechtsextremisten, die der „Asylschwemme“, wie es seit Wochen in sozialen Netzwerken heißt, Einhalt gebieten wollen. „Zeit für Taten“ gewissermaßen – einst ein Wahlslogan der CDU. Wieder viele Blicke auf die Neuen Länder, Sachsen, Dresden. Nun ist es soweit (bin Spätzünder): Ich schäme mich, Dritten gegenüber meinen aktuellen Wohnort „Bad Füssing, 24. Juli 2015“ weiterlesen

Bad Gastein, 23. Juli 2015

Rückkehr nach elf Jahren auf der Durchreise. Meine Erinnerung bestätigt sich: aus der Zeit gefallene Märchenwelt (im 16. Jahrhundert wegen beträchtlicher Goldvorkommen die zweitreichste Stadt des Landes nach Salzburg). Heute: An die Steilhänge über mehrere Ebenen geschmiegte Ruinenpracht, geteilt von einem gewaltigen Wasserfall. Seit Jahren wird im Blätterwald von Auferstehung gemunkelt, seit neue „Art“- oder „Design-Hotels“ mit viel Hipster-Chic entstanden, einige wenige „Bad Gastein, 23. Juli 2015“ weiterlesen

Castel Gandolfo, 17. Juli 2015

Die Ruhe vor dem Sturm - die Pfarrkirche San Tommaso da Villanova auf der Piazza della Libertà in Castel Gandolfo. Foto: Michael Kunze
Die Ruhe vor einer bemerkenswerten Trauung – Pfarrkirche San Tommaso da Villanova auf Castel Gandolfos Piazza della Libertà. Foto: Michael Kunze

Benedikt XVI. ist erst vor drei Tagen aus der päpstlichen Sommerresidenz zurück nach Rom gefahren, während ich heute zufällig in der Kleinstadt oberhalb des Albaner Sees Zeuge einer Hochzeit wurde, in Berninis gar nicht so kleiner Kuppelkirche San Tommaso da Villanova, schräg gegenüber dem Villenkomplex. Zuerst schlugen die Fotografen auf. Dann trudelte die Gesellschaft ein, zuletzt die Braut, die von ihrem Vater zum Altar geleitet wurde. Soweit, so gewöhnlich. Vor dem Café gegenüber, auf der Piazza della Libertà sitzend, konnte ich all das sehen. Der Hitze wegen stand die Kirchentür die ganze Zeit offen. Kaum nahm indes „Castel Gandolfo, 17. Juli 2015“ weiterlesen

Rom, 12. Juli 2015

Premiere – das erste Mal in der Ewigen Stadt. Schon nach wenigen Stunden – das Apartment, 250 Meter vom Petersplatz entfernt, ist gerade erst bezogen – stellt sich ein eigenartiges Gefühl ein, eine Art Aus-der-Zeit-gefallen-Sein, ein die Jetztzeit-Zeugenschaft Hinter-sich-lassen, besser: ein Herausgenommen-, Herausgezogen-werden aus der Gegenwart. Hinein in größere (historische, philosophische, religiöse, architektonische) Zusammenhänge. Trotz so gegenwärtiger, zudringlicher Erscheinungen wie des Massentourismus, viel Hundert Meter langer Warteschlangen vor Sankt Peter oder den Vatikanischen Museen, „Rom, 12. Juli 2015“ weiterlesen

Chemnitz/Langenhessen, 10. Juli 2015

Gestern an der Wursttheke: Die Dame vor mir in hohen Schuhen, gertenschlank und in bestem Alter, sie ordert „eine Scheibe Lachsschinken“ und „eine Wiener, aber kein ganzes Paar, bitte“. Schließlich „80 Gramm Hackepeter“ – für „meinen Mann“, schiebt sie beinahe entschuldigend nach. Prompt erinnere ich mich an meine Kindheit, 25 Jahre her ist das, als ich beim Fleischer anstand, wo der Chef selbst bediente. Um „zwei Pfund Schweinemund“ bat damals eine Frau in gesetztem Alter. „Mir hättn och drey!“, antwortet „Chemnitz/Langenhessen, 10. Juli 2015“ weiterlesen

Dresden, 25. Juni 2015

Sein im Facebook-Zeitalter: Fünf Monate hat es M. B. ausgehalten – so lange war er vom sozialen Netzwerk Facebook abstinent, postete keinen Kommentar, kein Foto. Fünf Monate nicht bei Facebook, das entspricht vermutlich in etwa fünf Jahren von …, ich weiß nicht was. In dieser Zeit: ein riesengroßes Opfer! Oder nicht? Ob er ein anderer Mensch sei, fragte ich, nachdem ich feststellte, er ist wieder aktiv. Oder gar überhaupt wieder Mensch – ohne darüber nachzudenken, was er sonst während der „Dresden, 25. Juni 2015“ weiterlesen

Aus dem sächsischen Werdau ins kaiserliche Wien

Der im südwestsächsischen Werdau geborene Ernst Graner brachte es in Wien als Vedutenmaler zu Renommee. Seine Bilder werden noch immer rege gehandelt, wie das Schaufenster einer namhaften Kunsthandlung in vornehmer Lage zeigt. In seiner Geburtsstadt Inter hingegen längst vergessen. Foto: Michael Kunze
Der im südwestsächsischen Werdau geborene Ernst Graner brachte es in Wien als Vedutenmaler zu einigem Renommee. Seine Bilder werden an der Donau noch immer rege gehandelt, wie das Schaufenster einer Kunsthandlung in vornehmer Lage zeigt. In seiner Geburtsstadt ist er hingegen vergessen. Foto: Michael Kunze

Längst ist der Künstler Ernst Graner an der Pleiße vergessen, dabei wurde er 1865 hier geboren. An der Donau, wo vor allem seine Aquarelle noch rege gehandelt werden, trägt gar eine Gasse seinen Namen „Aus dem sächsischen Werdau ins kaiserliche Wien“ weiterlesen

Dresden, 17. März 2015

Während der eine sich zum Datenverarbeitungskaufmann ausbilden ließ, begann der andere eine Ausbildung zum Offset-Drucker, die er abbrach. Geboren wurden beide in der DDR im Jahre 1973 – der spätere Terrorist Uwe Mundlos in Jena, Peter Richter – heute Journalist, Essayist und Romanautor – in Dresden. Während Mundlos – schon 1988 kahlgeschoren und in Springerstiefeln unterwegs – sich zum Rädelsführer des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ radikalisierte und an zehn, meist rassistisch motivierten Morden beteiligt gewesen sein soll, bevor er sich im November 2011 in Eisenach eine Pumpgun an den Kopf setzte, „Dresden, 17. März 2015“ weiterlesen

Klartext, bitte!

Journalisten sollen präzise und verständlich schreiben. Oft gelingt ihnen das nicht (mehr). Weil die Zeit fehlt, eigene Texte zu überarbeiten, oder es an Fertigkeiten mangelt. Aber auch, weil sie mit der Sprache von Dritten umgehen müssen, die sie gern um Unklaren lassen.

„Ständig“ stehen sie „unter dem Einfluss der Sprache anderer“, schreibt der Medienanalytiker Jürg Häusermann. Denn mit Texten, mit Worten Dritter umzugehen – von Politikern wie Unternehmern, Wissenschaftlern, Hausmännern und Tiefseetaucherinnen, Modeschöpfern oder Terroristen, von Jungen und Alten, Muttersprachlern und Zuwanderern –, das ist die Aufgabe von Journalisten. Wer da was sagt oder schreibt, vor welchem Hintergrund „Klartext, bitte!“ weiterlesen

„Können Sie nicht Ihren Chef schicken?“

Unterschätzt und kaum beachtet: Eine kleine Studie stellt Unternehmerinnen in der DDR vor. Cover: Verlag.
Unterschätzt und bislang kaum beachtet: Eine kleine Studie stellt Unternehmerinnen in der DDR vor. Cover: Verlag.

Die DDR förderte berufstätige Frauen, jedoch nicht nur zur Gleichberechtigung. Ihre Arbeitskraft war dringend erforderlich. In welchem Zwiespalt sich dabei Unternehmerinnen befanden, zeigt eine neue Studie.

CHEMNITZ. Irmgard Fuhrmann, Ulrike Kaufmann und die 2010 verstorbene Eleonore Vogel hatten eines gemeinsam: Sie kämpften auch in der DDR „in einer von Männern dominierten Welt“. Damit waren sie zwar nicht allein. Die meisten Frauen mussten sich aber nicht „gegen das Leitbild des ‚Ausbeuters‘“ wehren. Diese Rolle, schreiben der Paderborner Wirtschaftswissenschaftler Peter Becker und der Politologe Sebastian Liebold von der TU Chemnitz, war unter ihnen den Unternehmerinnen vorbehalten. Unter dem Titel „Kleiner Markt im großen Plan – drei Unternehmerinnen in der DDR“ skizzieren die Forscher Leben und Arbeit der Querfurter Weinhändlerin Fuhrmann, der Inhaberin eines Chemnitzer Medizintechnikvertriebs, Kaufmann, und der Druckereibesitzerin Vogel aus Schwarzenberg unter „„Können Sie nicht Ihren Chef schicken?““ weiterlesen

Dresden, 31. Dezember 2014

Statt eines Rückblicks – mein 2014: Neujahr, einmal mehr, in Dresden; Disputation und Rigorosum mit Thomas von Aquino und China – Dankbarkeit, viel Dankbarkeit gegenüber manchen, einem aber besonders; 85. Geburtstag eines großen Lehrers; Bad Füssing, zum achten und neunten; Ja-Worte; viele Menschen sterben – durch Verfolgung weltweit (auch die Christenheit blutet) und in nächster Nähe: die Mutter meines Patenkindes und ein guter Freund, beide allzu jung; „Depeche Mode“ an der Elbe; in die Tiefe Frankreichs – Metz, Troyes, Tours, Fontevrault, Poitiers, Bordeaux, Wein-Chateaux (Margeaux, Beycherelle, Lafite Rothschild, Mouton Rothschild), Lacanau, St-Michel-de-Montaigne, St Emilion, La Brede, Moissac, Brive-la-Gaillarde, Sarlat, die Höhlen von Pech-Merle -; Schweiz – Genf, Lausanne -; Österreich – Ohlsdorf, Traunsee, Wien -; Abschied in Frankfurt; Volontariatsbeginn in Chemnitz; ein Vierteljahrhundert Mauerfall – welches Glück!; Ostsee – Rostock, Warnemünde, Heiligendamm, Ahrenshoop, Rerik, Poel, Graal-Müritz -; Krankheit; Hamburg; Dom zu Ratzeburg; Lübeck; immer wieder Freude, von der schönsten – der im Alltag. Und doch: ein Jahr voller Dichotomien in Politik, Gesellschaft und Ökonomie: „En vogue war und ist der Zweihänder, nicht die feine Klinge. […] Gut trifft auf böse, richtig auf falsch. Es gibt nur eine Wahrheit, die eigene – alles andere ist erlogen, ja muss es sein“ (Markus Spillmann). Welche Art Feuer mögen die Funken entzünden?

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Ideenhistorische Studie vorgelegt: Sigmund Neumann als Demokratielehrer

Obwohl heute selbst in Fachkreisen vergessen, zählt der 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft emigrierte Historiker und Politikwissenschaftler Sigmund Neumann (1904 bis 1962) zu den Pionieren der vergleichenden Diktatur- und Parteienforschung. Der SPD nahestehend, rechnete sich Neumann wie seine berühmten Lehrer Alfred Weber und Karl Mannheim zu den Demokraten in Weimar, schätzte wissenschaftlich aber auch seinen unter den Nationalsozialisten Karriere machenden Lehrer Hans Freyer, der ihn methodisch maßgeblich beeinflusste. Angesichts des „internationalen Bürgerkriegs“ – ein Begriff, den Neumann ohne Ängste verwendete – verstand er sich von Anfang an als Demokratielehrer.

Die Studie rekonstruiert nun beides: einerseits Neumanns Leben in Deutschland bis zur Emigration nach Großbritannien und in die USA sowie seine Reisen zurück in die Heimat nach 1945 im Auftrag der Amerikaner. Zum anderen gibt sie Aufschluss über seine Arbeit als Wegbereiter der komparatistischen Politikwissenschaft und ordnet diese ein in den Stand der Wissenschaft seiner Zeit, ohne den Blick auf Neumanns Aktualität außer Acht zu lassen.

Michael Kunze

Sigmund Neumann: Demokratielehrer im Zeitalter des internationalen Bürgerkriegs

be.bra wissenschaft verlag, Berlin; Biographische Studien zum 20. Jahrhundert, Band 4; 300 Seiten, gebunden

ISBN 978-3-95410-052-1; erscheint Februar 2015; Preis: 42 Euro

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Trotz mancher Parallele: 2014 ist nicht 1989

Nur weil viele Medien nicht mehr über die Demokratiebewegung in Hongkong berichten, bedeutet das nicht, dass dort jedes Engagement für mehr politische Teilhabe erstorben ist. Wer sich dafür einsetzt, lebt indes seit jeher vielerorts gefährlich – wie vor 1989 östlich des Eisernen Vorhangs. Dass es sich dennoch lohnt, Verantwortung zu übernehmen, zeigt der 9. November „Trotz mancher Parallele: 2014 ist nicht 1989“ weiterlesen

Dresden, 30. September 2014

Zehn Schriften, die (nochmals) zu lesen lohnt …

1. Joseph Roth: Radetzkymarsch (1932).

2. Sándor Márai: Die Glut (1942/2001).

3. Evelyn Waugh: Wiedersehen mit Brideshead. Die heiligen und profanen Erinnerungen des Hauptmanns Charles Ryder (1944/1947).

4. Edith Wharton: Dämmerschlaf (1927/2013).

5. Pedro de Alarcón: Der Dreispitz. Eine spanische Novelle (1874/1940).

6. Rainald Goetz: Loslabern: Bericht Herbst 2008 (2009).

7. Martin Mosebach: Häresie der Formlosigkeit. Die römische Liturgie und ihr Feind (2007).

8. Leo Strauss: Verfolgung und die Kunst des Schreibens (1952/2009)

9. Martin Walser: Über Rechtfertigung, eine Versuchung (2012).

10. Sigmund Neumann: Der demokratische Dekalog: Staatsgestaltung im Gesellschaftswandel. (1962).

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