Dresden, 17. März 2015

Wäh­rend der eine sich zum Daten­ver­ar­bei­tungs­kauf­mann aus­bil­den ließ, begann der ande­re eine Aus­bil­dung zum Off­set-Dru­cker, die er abbrach. Gebo­ren wur­den bei­de in der DDR im Jah­re 1973 – der spä­te­re Ter­ro­rist Uwe Mund­los in Jena, Peter Rich­ter – heu­te Jour­na­list, Essay­ist und Roman­au­tor – in Dres­den. Wäh­rend Mund­los – schon 1988 kahl­ge­scho­ren und in Sprin­ger­stie­feln unter­wegs – sich zum Rädels­füh­rer des „Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unter­grunds“ radi­ka­li­sier­te und an zehn, meist ras­sis­tisch moti­vier­ten Mor­den betei­ligt gewe­sen sein soll, bevor er sich im Novem­ber 2011 in Eisen­ach eine Pump­gun an den Kopf setz­te, stu­dier­te Rich­ter in Ham­burg und Madrid Kunst­ge­schich­te, volon­tier­te bei „Deutsch­land­ra­dio“ und „Deutsch­land­funk“, war dann bei der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung“ unter Ver­trag und berich­tet seit 2012 für die „Süd­deut­sche Zei­tung“ aus New York. Zwei gleich­alt­ri­ge Män­ner, zwei Bio­gra­fie­ent­wür­fe aus Ost­deutsch­land mit ähn­li­chen Aus­gangs­be­din­gun­gen. Die­se Par­al­le­len sei­en für Peter Rich­ter ein wich­ti­ges Motiv gewe­sen, sei­nen neu­en, auto­bio­gra­fisch ange­leg­ten Roman „89/90“ zu schrei­ben, aus dem er heu­te im Kul­tur-Haus Losch­witz bei der Buch­händ­le­rin Susan­ne Dagen in sei­ner Geburts­stadt vor­las. 1973er wie er und Mund­los, arbei­te­te Rich­ter im Gespräch her­aus, sie bil­de­ten den letz­ten Jahr­gang, der das DDR-Stan­dard­pro­gramm für jun­ge Leu­te voll­stän­dig durch­lief, bestehend aus Pio­nier­or­ga­ni­sa­ti­on, Jugend­wei­he, FDJ-Mit­glied­schaft, … Die Per­spek­ti­ven ab 1990 waren dabei zwar nicht für alle gleich, da in den Jahr­zehn­ten vor­her trotz Ein­eb­nung des Sozi­al­ge­fü­ges Schicht­un­ter­schie­de fort­be­stan­den – auch wenn vom alten Bür­ger­tum nur ein kärg­li­cher Rest den Sozia­lis­mus über­dau­ert hat­te. Rich­ter hat­te indes kei­nes­wegs mit sei­nem bil­dungs­bür­ger­li­chen Hin­ter­grund („das Moderns­te, was mei­ne Eltern zu Hau­se hör­ten, war Rach­ma­ni­now“, sag­te er heu­te. Die Iro­nie in sei­ner Stim­me konn­te die tie­fe­re Wahr­heit dar­in jedoch nicht über­spie­len) von vorn­her­ein bes­se­re Kar­ten als Mund­los. Nach dem Mot­to: die bösen Umstän­de, die Gesell­schaft, die ande­ren – sie sind schuld. Denn auch Mund­los‘ Vater ist Mathe­ma­ti­ker und war in den neun­zi­ger Jah­ren Infor­ma­tik­pro­fes­sor an einer Fach­hoch­schu­le; der Ter­ro­rist stammt also aus geord­ne­ten Ver­hält­nis­sen, womit bekannt­lich nach wie vor der Ver­wun­de­rung Aus­druck ver­lie­hen wird, wenn aus der­ar­ti­gen Krei­sen Quer­schlä­ger her­vor­ge­hen (wie bei der RAF). Spä­tes­tens seit 1989 jeden­falls ver­lie­fen Rich­ters und Mund­los‘ Lebens­we­ge grund­ver­schie­den. War­um das so war und sich jen­seits der­art gegen­läu­fi­ger Bei­spie­le noch immer fort­setzt, dar­über wäre zu spre­chen – weit mehr als bis­lang, auch und gera­de im 25. Jahr der Wie­der­ver­ei­ni­gung.

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