Antiquariate haben es in Zeiten grassierender Lesefaulheit und von Internetmonopolisten schwer. Wer reüssieren will, muss neben einem überzeugenden Angebot vor allem eine einnehmende Persönlichkeit haben.
BAUTZEN. Erst seit knapp fünf Jahren führe ich als ehemaliger Zeitungsjournalist ein Ladengeschäft für alte Bücher und Grafiken im Schatten des Bautzener Domes in der Oberlausitz. Wenige Meter weiter hatte zuvor für 26 Jahre ein Kollege das seine betrieben und, um die 60 Jahre alt, aufgegeben, als das Barockhaus, in dem es untergebracht gewesen war, für eine Sanierung geräumt werden musste. Auszug auf unbestimmte Zeit mit der einzigen Gewissheit: Danach steigt die Miete merklich; darauf hat er sich nicht eingelassen. Voraussetzung für meinen Einstieg ins Metier war aber die Einrichtung eines solchen Geschäftes. Handel allein übers Internet, wie es viele Kollegen längst halten, schied für mich aus. Ich will nicht bloß verpacken und versenden, sondern obendrein Gespräche führen über Gott und die Welt und wie sie zwischen Buchdeckeln verhandelt werden. Dabei sind Buchläden, nicht nur antiquarische, längst keine Orte mehr, vor denen Schlange gestanden wird. Ausnahmen – wie jüngst in Hamburg am Traditionshaus „Felix Jud“, als Angela Merkel ihre Memoiren signierte und Hunderte warteten, bestätigen die Regel.
Buchhändler im Allgemeinen und Antiquare im Besonderen, die überregionale Bekanntheit erzielen, über ein Metier von Eingefleischten hinaus, sind rarer als in Muscheln herangewachsene Perlen. Dass einer, wie im vergangenen Jahr der nun verstorbene Kölner Kollege Klaus Willbrand dank ins Netz gestellter Videos einer jungen Mitarbeiterin zum Medienphänomen mit Zehntausenden Anhängern wird, hängt nicht allein vom Produkt ab, das er feilbietet.
Der antiquarische Markt ist in gewaltigem Umbruch begriffen. Da jene, die vorrangig lesen wollen, ohne auf die besondere Ausgabe eines Buches aus zu sein, seltener werden, finden sie so günstig und bequem Nachschub wie nie. Längst nicht mehr nur in Groß- oder Hochschulstädten kostenfrei: in Schuhkartons am Hauseingang, in denen großelterlicher Hausrat ausrangiert wird, in Bücherzellen oder ‑regalen. Ein Hoch auf die Nachhaltigkeit! So landet das den Nachfahren überflüssig Gewordene vielleicht in eines Andern Regal, wenn es nach dem ersten Regenguss nicht doch entsorgt wird. Für Antiquare ist alles, was auf solche Weise regelmäßig in Umlauf gelangt, verloren.
Das, was jenseits der Fünf- oder Acht-Euro-Schwelle landet – den Marktwert bestimmt das Netz –, wird von mit Versandrabatten wirtschaftenden Online-Großhändlern aufgesogen. Sie unterbieten stetig, was kleine Händler nehmen müssen, um kostendeckend zu arbeiten. Verdient wird in dem Segment nur mit großen Stückzahlen, die keine Einzellage mehr zuwege bringt. Verschärft wird die Konkurrenz durch Privatanbieter, die im Netz auf ein Zubrot aus sind und günstiger ausweisen, was Händler im Haupterwerb verlangen müssen.
Am anderen Ende der Nahrungskette, im bibliophilen Delikatessenbereich, der den internationalen Markt bedient, rangieren Ikonen wie Heribert Tenschert oder Jörn Günther. Museen, Scheichs, Leitmessen von Amerika bis Fernost – in diesen Kreisen ziehen sie ihres Weges. Von der Krise am Buchmarkt sind sie kaum oder nicht betroffen. Die Stücke, die sie handeln, tau- gen als Wertanlage.
Anders steht es um das weite Feld von Händlern dazwischen, eine vielfältige Mittelschicht. Die wenigsten können, wenn sie ohne eigene Immobilie noch auf ein Ladengeschäft setzen, markante Innenstadtlagen halten. Das Antiquariat mit geregelten Öffnungszeiten dient nun vorrangig als Anlaufstelle für Verkäufer. Kundschaft strebt ihm immer seltener zu. In teuren Städten wie München verschwinden die Antiquariate aus den Zentren. Sie ziehen sich zurück in erschwinglichere Viertel oder Hochschulnähe, ins Netz oder hören auf. Doch selbst aus einer sich als traditionell, geschichts- und kunstinteressiert rühmenden Stadtgesellschaft wie der Dresdener mit günstigeren Mieten ist die Branche fast verschwunden. Einst große Antiquariatsstandorte machen Restaurants Platz, die Busladungen von Touristen zu verköstigen und also höhere Mieten zu zahlen imstande sind. Drei, vier antiquarische Ladengeschäfte, bei mehr als 560 000 Einwohnern – mehr sind nicht geblieben. Ein Kollege geht auf die 80 zu, ein anderer ist jenseits der 60.
Wo der Beruf sich hält, überlebt er entweder als der des mobilen Delikatessen-Agenten, mit Suchlisten und Kontaktdaten der Klienten immerfort unterwegs, um Gesuchtes aufzuspüren, ohne Laden und Lager. Noch vom Ort eines Fundes nehmen sie Kontakt auf, um Käufe – eigene Margen bereits berücksichtigend – anzubahnen. Solches Verfahren setzt mehr als bei stationären Händlern vorzügliche Orientierung über Kunst- und Buchbestände, Preise, Kundeninteressen voraus. Mancher Kollege verdient auch hinzu: Dieser fährt Taxi, jener arbeitet als Statist am Theater, ein Dritter war halbtags Küster einer Kirche, der Autor dieser Zeilen schreibt Texte für Zeitungen. Vielleicht springt in anverwandter Branche einmal eine Vakanzvertretung heraus – der Fachkräftemangel treibt manche Blüte –, in der sich einige Monate unter- kommen lässt.
Mein Alltag in Bautzen geht noch konven- tionell über die Bühne. Bücher für die meist historisch informierten Texte, die ich verfasse, stehen in den Regalen. Um 14 Uhr sperre ich winters den Laden auf, sommers eine Stunde früher. Nicht selten warten schon ältere Herrschaften, bepackt mit gewichtigen Taschen, vor der Tür. Selten ist etwas darunter, wofür sich noch Kundschaft findet. Interessante Ankäufe werden oft über Monate hin angebahnt. Viele Anbieter wissen mittlerweile, wie die Umstände liegen. Andere brauchen kein Geld, sind nur darauf aus, dass das „Problem“ gelöst wird: raus mit den Büchern. Erstausgaben von Kafka, Thomas Mann oder Joseph Roth kann jeder verkaufen, auch in der Provinz. Die Herausforderung, sie zu beschaffen, ist die größere: zu Preisen, die Anbietern kein Unrecht tun, wenn sie nicht wissen, was sie vorzeigen, aber dem Händler eine Marge lassen. Für das, was billig ist und „out“ noch Kunden zu finden, darin liegt eine zweite.
Bautzen ist keine Hochschulstadt, Bürgertum rar. Es kommt hinzu, dass der Wertewandel in allen Milieus um sich greift. An vielen Tagen stehen deutlich mehr Leute im Laden, die verkaufen wollen, denn Käufer. „Wenn Sie die Bücher nicht nehmen, fahren wir zum Wertstoffhof, oder sie landen in der Tonne.“ Längst sind viele in der DDR oft auf holzhaltigem Papier in Großauflagen gedruckte Exemplare, insofern inhaltlich noch gefragt, für den Wiederverkauf viel zu billig. Mit den wenigen dafür verbliebenen Kunden lässt sich nicht kostendeckend arbeiten.
Dass Angehörige eines auf Schmuckstücke bedachten Montanwissenschaftlers oder eines früheren lokalhistorisch informierten Museumsdirektors eine Bibliothek anbieten, ist selten. Dazu tritt der Wettstreit um Aufmerksamkeit in einer reizübersättigten Internetgemeinde, wo heute die meisten Kunden gewonnen werden. Jeder muss sich etwas einfallen lassen. Langeweile bedeutet eine ständige Herausforderung. Die einen
verlegen Jahresgaben oder schreiben persönliche Briefe an wichtige Kunden, andere machen kleine Geschenke, gewähren Rabatte, laden zu Vorträgen oder Lesungen, setzen auf Events. Für den Dante-Lesezirkel ist Bautzen zu klein. Wenn zur Langen Nacht der Kultur in die Altstadt geladen wird, stehen die Leute sich in Geschäften, Kirchen, Museen hingegen auf den Füßen. Am Folgetag sind die gleichen Häuser leergefegt. Bis zum nächsten Ereignis.
Klaus Willbrand konnte aus einem über Jahrzehnte hinweg aufgebauten Erfahrungsschatz schöpfen und sich als Botschafter seines Angebots wie auch von Schriftstellern, von denen er manchen persönlich gekannt hat, profilieren. Er war, schon seiner Erscheinung nach, ein Unikum – dennoch war er vor seiner jungen Mitarbeiterin, die im Netz für Resonanz sorgte, betriebswirtschaftlich so in Schwierigkeiten gera- ten, dass er sein Geschäft hatte schließen wollen.
Viele Faktoren müssen also zusammenkommen; es gibt kein Patentrezept. Jeder Antiquar muss sowohl als Persönlichkeit als auch mit seinem Angebot überzeugen. Das gute Gespräch wird für die Kundenbindung wichtiger. Junge Leute für das Buch und das Lesen zu gewinnen, auch wenn ihr Taschengeld ihnen enge Grenzen setzt, darin liegt eine Herausforderung. Sie dann – begeistert von neuentdeckten Welten – glücklich zu sehen, ihnen beim Denken und Träumen zuschauen zu können, kann zwar nicht Lohn genug sein, bleibt aber indes auch einem Buchhändler eine Freude.
