Mit punktgenauer Hitze gegen Plastikberge

Die Ver­pa­ckungs­in­dus­trie woll­te sie anfangs nicht. Des­halb haben For­scher mit ihrer Kunst­stoff­tech­no­lo­gie die Fir­ma Watt­tron gegrün­det – und eine ande­re Bran­che ins Boot geholt.

FREITAL. Wie sich der Kunst­stoff­ver­brauch ver­rin­gern lässt, ist eines der For­schungs­fel­der der Ver­pa­ckungs­in­dus­trie. Das dach­ten sich vor Jah­ren vier Wis­sen­schaft­ler in Dres­den. Doch weit gefehlt: Denn als die sei­ner­zeit am dor­ti­gen TU-Insti­tut für Natur­stoff­tech­nik und in einer Fraun­ho­fer-Ein­rich­tung täti­gen Maschi­nen­bau­er Ver­pa­ckungs­her­stel­lern ihre Matrix-Heiz­tech­no­lo­gie schmack­haft machen woll­ten, ern­te­ten sie nur Absa­gen. „Wir woll­ten sie bei gro­ßen Maschi­nen­bau­ern etwa für die Joghurt­be­cher-Pro­duk­ti­on lizen­sie­ren las­sen. Immer­hin wer­den täg­lich in der EU mehr als 8550 Ton­nen ther­mo­ge­form­te Kunst­stoff­ver­pa­ckun­gen – vie­le davon der­ar­ti­ge Becher – her­ge­stellt“, sagt Mar­cus Stein. „Doch kein Unter­neh­men hat­te Inter­es­se“, fügt der 29 Jah­re alte Inge­nieur hin­zu.

Stein hat mit sei­nen Wis­sen­schaft­ler­kol­le­gen dar­auf­hin 2016 in Frei­tal die Fir­ma Watt­tron gegrün­det, um Pro­dukt­ent­wick­lung und Markt­ein­füh­rung selbst vor­an­zu­trei­ben. Wie sich Joghurt­be­cher und Zahn­bürs­ten, Tablet­ten, Sham­poos oder Dru­cker­pa­tro­nen im Ver­gleich zu kon­ven­tio­nel­len Ver­fah­ren mit deut­lich weni­ger Mate­ri­al- und Ener­gie­ein­satz her­stel­len oder ver­pa­cken las­sen, lau­te­te eine der Fra­gen, für deren Klä­rung das Team 2007 ers­te Paten­te anmel­de­te – und seit­her vie­le Prei­se gewann.

Mate­ri­al- und Ener­gie­ver­brauch ver­rin­gern

Der Vor­teil ihrer Metho­de: Sie kann Kunst­stof­fe der­art prä­zi­se erhit­zen, dass die­se sich in der gewünsch­ten Mate­ri­al­ver­tei­lung for­men las­sen. Dazu wird in Ver­pa­ckungs­ma­schi­nen eine Heiz­ma­trix instal­liert, deren Ober­flä­che mit Lei­ter­bah­nen aus­ge­stat­tet ist. Damit kann der Kunst­stoff auf kleins­ter Flä­che je ver­schie­de­nen Tem­pe­ra­tu­ren aus­ge­setzt wer­den. „Bei kon­ven­tio­nel­len Ver­fah­ren ist mal die Becher­wand am dicks­ten und der Boden am dünns­ten – oder anders­her­um. Das kön­nen wir ver­mei­den“, sagt Stein. Des­halb lie­ßen sich die Grün­der durch die Absa­gen aus der Ver­pa­ckungs­bran­che nicht ent­mu­ti­gen und stell­ten ihre Ent­wick­lung nam­haf­ten Lebens­mit­tel­her­stel­lern vor. „Denn was unser Sys­tem leis­tet – 30 Pro­zent Mate­ri­al und min­des­tens eben­so viel Ener­gie ein­zu­spa­ren -, ist auch für sie inter­es­sant“, so der Watt­tron-Geschäfts­füh­rer. Mit der Hard- und selbst ent­wi­ckel­ter Soft­ware las­sen sich zudem tra­di­tio­nel­le Anla­gen nach­rüs­ten.

Das Poten­zi­al, damit den Markt auf­zu­rol­len, haben Lebens­mit­tel­her­stel­ler wie Proc­ter & Gam­ble erkannt: Um die Leis­tungs­fä­hig­keit des Heiz­sys­tems unter Beweis zu stel­len, arbei­tet Watt­tron mit die­sen und ande­ren Kon­zer­nen der­zeit an Mach­bar­keits­stu­di­en, sagt Stein.

Im Zen­trum steht der Nach­weis, dass die Modu­le mit je 64, auf vier mal vier Zen­ti­me­ter Flä­che ange­ord­ne­ten Heiz­pi­xeln für den gefor­der­ten Lang­zeit­ein­satz tau­gen. Gelingt er, wie­gen wei­te­re Vor­tei­le: Die dün­nen kera­mi­schen Plat­ten, deren Heiz­krei­se im Sieb­druck­ver­fah­ren auf­ge­tra­gen wer­den, kom­men mit einer kur­zen Auf­heiz­pha­se aus, sind also schnell ein­satz­fä­hig und las­sen sich indi­vi­du­ell anord­nen. Dank inte­grier­ter Sen­so­ren kann der Vor­gang in Echt­zeit aus­ge­wer­tet und ange­passt wer­den.

Neben der Matrix-Tech­no­lo­gie haben die Frei­ta­ler unter Füh­rung von Stein, Mit-Geschäfts­füh­rer Sascha Bach (40), Pro­ku­rist und Pro­duk­ti­ons­lei­ter Ronald Claus von Nord­heim (36) sowie Volks­wir­tin Michae­la Wach­tel (34) mit nun­mehr 17 Mit­ar­bei­tern ein Sie­gel-Heiz­sys­tem ent­wi­ckelt. Damit kann Kunst­stoff geschweißt wer­den – nicht nur in Ring­for­men mit unter­schied­li­chen Brei­ten und Durch­mes­sern, fügt Stein hin­zu, son­dern welt­weit erst­ma­lig kom­pli­zier­te, unre­gel­mä­ßi­ge Ver­pa­ckungs­geo­me­trien.

Markt­ein­tritt in Ame­ri­ka im Fokus

Obwohl sich sämt­li­che Ver­fah­ren in der Pilot­pha­se befin­den, fuhr Watt­tron seit der Grün­dung Umsatz ein. 2016: 100.000 Euro, 2017: 500.000 Euro, jeweils pro­fi­ta­bel. Die­ses Jahr soll die Mil­lio­nen-Euro-Mar­ke beim Umsatz geknackt wer­den, auch wenn ange­sichts des Wachs­tums­kur­ses dies­mal mit roten Zah­len gerech­net wird. „Des­halb wach­sen wir lang­sam mit unse­ren Koope­ra­ti­ons­part­nern und deren Markt­wis­sen“, sagt Stein. Auch Maschi­nen­bau­er sei­en nun im Boot. Schließ­lich ber­ge die Tech­no­lo­gie zudem Anwen­dungs­mög­lich­kei­ten etwa bei der Aus­for­mung von Kaf­fee­kap­seln oder der Ver­sie­ge­lung von Beu­teln aller Art. Für das Früh­jahr rech­net Stein mit der Seri­en­rei­fe des Sie­gel- und für Ende 2019 mit der des Matrix-Heiz­sys­tems.

Dass die Grün­der von Watt­tron – aus „Watt“ für die gleich­lau­ten­de Leis­tungs­maß­ein­heit und „tron“ für „Elek­tro­nik“ – in der Regi­on geblie­ben sind, haben sie nicht bereut. Trotz des schwie­ri­gen Rufes, der Sach­sen der­zeit man­cher­orts vor­aus­eilt. „Wir hat­ten auch schon aus­län­di­sche Inter­es­sen­ten, die mit Ver­weis auf den Fir­men­sitz eine Stel­le nicht ange­tre­ten haben“, sagt Stein. Trotz der­ar­ti­ger Her­aus­for­de­run­gen sei das Team aus Maschi­nen­bau­ern, Infor­ma­ti­kern, Mathe­ma­ti­kern und Tech­ni­kern inter­na­tio­nal zusam­men­ge­setzt.

Für die nächs­ten Jah­re for­mu­liert Stein ein ambi­tio­nier­tes Ziel: Man wol­le mit den Part­nern ein Platt­form­an­ge­bot schaf­fen, das etwa auch in der che­mi­schen Indus­trie und welt­weit zum Ein­satz kom­men kann. Die Inter­na­tio­na­li­sie­rung der Absatz­märk­te wer­de ange­sichts von rund 80 Pro­zent Export­quo­te im Maschi­nen­bau von den Kun­den selbst vor­an­ge­trie­ben, sagt er. Zunächst ste­he zwar Euro­pa im Fokus. „Wir kön­nen uns“, so Stein, „nicht auf Deutsch­land beschrän­ken.“ Für die USA sei mit dem baden-würt­tem­ber­gi­schen Mit­tel­ständ­ler Lau­da bereits ein Koope­ra­ti­ons­part­ner für den Markt­ein­tritt gefun­den.

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