Ein Fluss, der Leonardo und Sankt Martin verbindet

Wie Gott in Frank­reich – im Schloss­gar­ten von Vil­lan­dry. Foto: Micha­el Kunze

Gleich einer Per­len­ket­te rei­hen sich zahl­lo­se Schmuck­stü­cke zu bei­den Sei­ten der Loire anein­an­der. Sie zeu­gen von Gel­tungs­drang, Lebens­lust und tie­fer Gottesbeziehung.

REIMS/TOURS/NANTES. Wer wie wir von Nord­os­ten ins Französische hineinfährt, kann bei­na­he nicht anders, als in Reims und Char­tres halt­zu­ma­chen, selbst wenn das geo­gra­phi­sche Ziel der Rei­se Hun­der­te Kilo­me­ter ent­fernt liegt. Gilt die Rede vom Weg als Ziel etwas, dann in sol­cher Hin­sicht. Wir müssen uns die­sen Gebir­gen aus Stein aus­set­zen, den Kathe­dra­len bei­der Orte und der Basi­li­ka Saint-Remi. Während die Reim­ser Kathe­dra­le umringt steht von Men­schen­scha­ren und Bau­ma­schi­nen an der Fas­sa­de rat­tern, liegt die kei­ne zwei Kilo­me­ter ent­fern­te, eins­ti­ge Abtei­kir­che im Stil­len. Bei­de sind im Ers­ten Welt­krieg von deut­schem Beschuss schwer ver­sehrt wor­den. An Saint-Remi rekon­stru­ier­te man 40 Jahre.

Einem der Gebäude den Vor­zug zu geben, fällt schwer. Schon im 7. Jahr­hun­dert ist für den Vorgängerbau von Saint-Remi ein Bene­dik­ti­ner­kon­vent bezeugt. Das Patro­zi­ni­um ehrt den Fran­ken-Apos­tel, der im Chor ruht. Mit Karl­mann ist ein Bru­der Karls des Gro­ßen hier bestat­tet, zudem der Karo­lin­ger Lud­wig IV., sein Sohn Lothar. 1049 hat Papst Leo IX. die heu­ti­ge Kir­che geweiht. Mit sei­nen far­bi­gen Fens­tern verzückt der frühgotische Umgangs­chor. Jahr­hun­der­te­lang wur­de in der zur Revo­lu­ti­on auf­ge­ho­be­nen Abtei das Öl zur Sal­bung der Könige auf­be­wahrt. Am 7. Mai 1945 unter­zeich­ne­ten die Deut­schen in Gene­ral Eisen­ho­wers Reim­ser Haupt­quar­tier die Kapi­tu­la­ti­on. 1962 tra­fen Charles de Gaul­le und Kon­rad Ade­nau­er in der Stadt in gro­ßer Versöhnungsgeste zusam­men; Foto­gra­fien in der Kathe­dra­le erin­nern dar­an. Uns geht ein Schau­er über den Rücken.

Im Chor der Reim­ser Basi­li­ka Saint-Remi ruht der Fran­ken-Apos­tel, unter des­sen Patro­zi­ni­um sie steht. Vier­zig Jah­re lang dau­er­te nach Zer­stö­run­gen durch deut­schen Beschuss im Ers­ten Welt­krieg der Wie­der­auf­bau der Kir­che. Foto: Micha­el Kunze

Auch die Kathe­dra­le hat etwas Betörendes. Was ist zu erwähnen? Der überreiche Figu­ren­schmuck innen wie außen, am berühmtesten der lächelnde Engel, Chagalls Fens­ter, das ers­te voll­ent­wi­ckel­te Maß­werk der Archi­tek­tur­ge­schich­te, die eins­ti­ge Dom­schu­le, die mit dem Mathe­ma­ti­ker Ger­bert von Aur­il­lac (später Papst Sil­ves­ter II.) oder Bru­no von Köln gro­ße Leh­rer gese­hen hat. Letzt­lich indes tau­gen sum­ma­risch vor­ge­tra­ge­ne Fak­ten wenig, um die Bedeu­tung die­ser Häuser zu fas­sen. Ent­schei­dend bleibt, dass sich in ihnen Men­schen von Got­tes Geist anrühren lassen.

Wir fah­ren nach Char­tres. Beim Ein­tritt in die Kathe­dra­le kommt uns der Bischof aus der Kryp­ta ent­ge­gen, umge­ben von einem Kame­ra­team – wie sich her­aus­stellt: aus Ame­ri­ka. Der Bild­hau­er Augus­te Rodin hat die Kir­che als „Akro­po­lis Frank­reichs“ bezeich­net. Von nah und fern strömen Wall­fah­rer und Tou­ris­ten ihr zu. Die Ame­ri­ka­ner tref­fen wir auf dem Vor­platz wie­der. Einer nach dem andern sinkt vor dem Bischof auf die Knie und erbit­tet zum Abschied den Segen. Aus unse­rer Grup­pe sieht es einer, macht drei Sprünge und tut es ihnen gleich. Tage­lang wird er von die­sem Erleb­nis, das noch vor weni­gen Jahr­zehn­ten der Form nach das Übli­che gewe­sen ist, berich­ten. Als „Bischof war er immer und zuerst zum Seg­nen bereit, das war sei­ne eigent­li­che Funk­ti­on“. An Mar­tin Mose­bachs Wor­te aus „Die 21“ den­ken wir, während es näher hin­an geht an die Loire. Mit mehr als 1000 Kilo­me­tern ist sie der längste Fluss Frank­reichs, der sich vom Zen­tral­mas­siv gen Nor­den wen­det und bei Orléans gen Wes­ten, um bei Saint-Nazai­re in den Atlan­tik zu münden. Dazwi­schen: altes, überreiches Kul­tur­land, an dem uns das sich sanft win­den­de Nass natur­be­las­sen und für Schiff­fahrt wenig taug­lich erscheint, dafür als Para­dies für Vögel und Fische.

Als nächstes neh­men wir Quar­tier in Noi­zay, umge­ben von Wald und Wein­re­ben, zehn Kilo­me­ter östlich von Tours. Die eins­ti­ge Abtei von Fron­tev­raud, Grab­le­ge der eng­li­schen Könige Richard Löwenherz und sei­nes Vaters, Hein­richs II., dazu der schil­lern­den Mut­ter und Gat­tin, Eleo­no­res von Aqui­ta­ni­en, las­sen wir bei­sei­te; wir sind schon dort gewesen.

Am Alters­sitz von Leo­nar­do da Vinci

Die Schlösser von Cham­bord, Blois und Ambo­i­se mit den ver­mu­te­ten Gebei­nen des Uni­ver­sal­ge­nies Leo­nar­do da Vin­ci (man weiß es nicht sicher) sind Magne­te – dar­an kom­men wir nicht vorüber. Während die Anla­ge von Blois innen enttäuscht – wenig alte Aus­stat­tung, gro­ßer Andrang –, ist der äußere, Stadt und Land­schaft prägende Ein­druck ein gro­ßer. Ambo­i­se war­tet mit his­to­ri­schem Inte­ri­eur auf. Das wei­te Pla­teau, auf dem der Bau steht, bie­tet gute Schau über Stadt und Loire­tal. Unten, im Ort, steht da Vin­cis Wohn­haus: Le Clos Lucé. Hier hat der Meis­ter sei­ne letz­ten Jah­re ver­bracht. Er starb 1519 laut Gior­gio Vasa­ri in den Armen des Königs. Der hielt sich sei­ner­zeit aller­dings nicht in Ambo­i­se auf. Man liest es den­noch gern.

Gene­ra­tio­nen von Poten­ta­ten und Gelehr­ten haben sich mit Schlössern an der Loire ver­ewigt. Unmöglich, sie selbst in wochen­lan­gen Streifzügen alle zu besich­ti­gen. Wir haben acht Tage. Das über den Cher errich­te­te Chenon­ceau muss sein. Glei­ches gilt für Vil­lan­dry und den mit bei­spiel­lo­sem Auf­wand gepfleg­ten Schloss­gar­ten. Drei gewal­ti­ge Par­terres sind es, ver­bun­den mit Trep­pen und Ram­pen. Dar­auf: geo­me­trisch geschnit­te­ne Bee­te vol­ler Orna­men­te, von Blu­men gefüllt, Brun­nen, ein baro­cker Was­ser­gar­ten, dazu einer für Gemüse, den der spa­ni­sche Arzt Car­vallo, der das Anwe­sen 1906 erwarb, beson­ders geschätzt haben soll.

Schließ­lich fah­ren wir nach Azay-le-Rideau. Bal­zac hat die Anla­ge im Roman „Die Lilie im Tal“ einen geschlif­fe­nen Dia­man­ten gehei­ßen. Nicht weni­ge hal­ten das von Was­ser umge­be­ne Schloss, das nie einem König gehörte, für das schönste der Renais­sance in der Region. 

Der Sonn­tag gehört Tours. Die Mes­se in der Kathe­dra­le voll jun­ger Leu­te – Zei­chen für jene Tau­fen und Kon­ver­sio­nen, von denen aus Frank­reich berich­tet wird? Auch vor dem Grab von Sankt Mar­tin ähnliche Bil­der. Auf den in der Revo­lu­ti­on unter­ge­gan­ge­nen Vorgängerbau, Vor­bild für Sant­ia­go de Com­pos­te­la, folg­te der heu­ti­ge in roma­nisch-byzan­ti­ni­schem Stil, errich­tet bis 1902. Für uns Fügung: Knapp 1300 Kilo­me­ter von der Hei­mat steht unver­ab­re­det ein Bekann­ter vor dem Ein­gang zur Kryp­ta. Der Hei­li­ge, der selbst­los sei­nen Man­tel mit dem Bett­ler teil­te, bleibt Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur. Unzählige Votiv­ta­feln, auch aus Deutsch­land, künden davon. Wir hal­ten betend inne, dass all die Ablen­kun­gen und Ver­zü­ckun­gen uns nicht blind und taub machen mögen gegen­über dem Leid auch in unse­ren Tagen.

Am Gra­be des Hei­li­gen Mar­tin von Tours. Foto: Micha­el Kunze

Die­se Gegen­sät­ze! Über Sau­mur geht es nach Nan­tes, in die eins­ti­ge Haupt­stadt der Bre­ta­gne: eine quir­li­ge, jun­ge Groß­stadt, in der die Syn­the­se aus Alt und Neu geglückt zu sein scheint. Der Dom – kei­ne Tür lässt sich öff­nen – wird saniert, im Zen­trum ansons­ten ein für Auswärtige kaum durch­dring­li­ches Ein­bahn­stra­ßen- und Bau­stel­len­ge­wirr. Am Stadt­rand empfängt uns Hen­ri Ducel­lier auf Château de Thoua­ré. 1565 hat es König Karl IX. besucht. Die Fami­lie des Phi­lo­so­phen Des­car­tes war mit dem Schloss ver­bun­den. In einem mächtigen Rund­turm neh­men wir Woh­nung, umge­ben von Barockmöbeln und einer ansehn­li­chen Biblio­thek. Mon­sieur Ducel­lier, einst erfolg­rei­cher Indus­trie­ma­na­ger und Besit­zer des Schlos­ses, ver­sieht uns mit Aus­flugs­tipps. Er berei­tet das Frühstück zu, emp­fiehlt die schönste Bras­se­rie Frank­reichs. „La Ciga­le“ (die Gril­le) mit üppigem Innen­de­kor aus dem Übergang vom His­to­ris­mus zum Jugend­stil sei jedoch nie ein Geheim­tipp gewe­sen. Das Lokal ist zwar abends immer­zu aus­ge­bucht, doch der oft früher als Fran­zo­sen auf­schla­gen­de Deut­sche hat einen Vorteil.

Die schöns­te Bras­se­rie Frank­reichs: „La Ciga­le“ in Nan­tes (vor dem all­abend­li­chen Ansturm). Foto: Micha­el Kunze

Wir machen den unver­meid­li­chen Abste­cher zum Atlan­tik. Ducel­lier hat­te zwar von La Bau­le-Escoub­lac, dem berühmtesten Bade­ort weit und breit, abge­ra­ten. Nach dem Krieg hat die his­to­ri­sche Sub­stanz in der ers­ten Rei­he Bet­ten­bur­gen Platz machen müssen. Wir fah­ren den­noch, da die Wasserqualität stimmt. Ganz in der Nähe muss man wegen Bak­te­ri­en­be­falls im Was­ser mit Strand­sper­run­gen rechnen.

Das ein­zi­ge erhal­te­ne karo­lin­gi­sche Mosaik

Ist’s am schönsten, soll man wei­ter. Zwei Orte haben wir 370 Kilo­me­ter stromaufwärts bei der Anfahrt bei­sei­te gelas­sen. Den Anfang macht Germigny-des-Prés. Die äußerlich beschei­den wir­ken­de Kir­che scheint nichts mehr zu sein als der Orts­mit­tel­punkt, schrieb Wil­fried Hans­mann. Dabei gebühre ihr in der europäischen Archi­tek­tur­ge­schich­te hoher Rang. Theo­dulf von Orléans, Kanz­ler Karls des Gro­ßen, Dich­ter und Bischof, hat den Zen­tral­bau wohl 806 als Pri­vat­ka­pel­le geweiht – mit dem ein­zi­gen aus karo­lin­gi­scher Zeit erhal­te­nen Mosa­ik. Es zeigt die Bun­des­la­de, flan­kiert von Engeln; die Far­ben sind kräftig. Theo­dulfs Vil­la ging ver­lo­ren, das Got­tes­haus hielt. Abseits gro­ßer Stra­ßen: Stil­le, die zur Rast einlädt. Das gilt auch für den Nach­bar­ort Saint-Benoît‑sur-Loire, in dem sich eine gewal­ti­ge Abtei befin­det, der Theo­dulf vor­ge­stan­den hat. Deren Kir­che ist ein Meis­ter­werk der Roma­nik. Die Mönche aber lagen jahr­hun­der­te­lang im Streit mit Mon­te­cas­si­no: über die Authentizität der in der Kryp­ta ver­ehr­ten Gebei­ne von Ordens­va­ter Benedikt.

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