Weltkulturerbe auf Katholisch

Der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterović, ist am 12. November im mittelsächsischen Wechselburg zu Gast gewesen. Anlass dafür war die Erhebung der Kirche zur ersten "Basilica minor" jenseits Berlins in Ostdeutschland durch Papst Franziskus. Foto: Michael Kunze
Der Apos­to­li­sche Nun­ti­us in Deutsch­land, Erz­bi­schof Niko­la Eter­ović, ist am 12. Novem­ber im mit­tel­säch­si­schen Wech­sel­burg zu Gast gewe­sen. Anlass dafür war die Erhe­bung der ehe­ma­li­gen Stifts­kir­che zur „Basi­li­ca minor“. Foto: Micha­el Bau­disch

Die ehe­ma­li­ge Stifts­kir­che in Wech­sel­burg ist als ers­te jen­seits Ber­lins in Ost­deutsch­land zur „Basi­li­ca minor“ erho­ben wor­den. Was bedeu­tet das?

WECHSELBURG. Seit dem 18. Jahr­hun­dert wird der Ehren­ti­tel „Basi­li­ca minor“ von den Päps­ten in Rom an beson­de­re Kir­chen welt­weit ver­lie­hen – nun auch an die frü­he­re Wech­sel­bur­ger Stifts- und heu­ti­ge Pfarr‑, Klos­ter- und Wall­fahrts­kir­che „Hei­lig Kreuz“. Längst wird sie im Volks­mund „Basi­li­ka“ genannt, trägt fort­an aber jenen Zusatz, der auf mehr als nur den Bau­ty­pus hin­weist und wört­lich zunächst nur „klei­ne­re“ bedeu­tet. Pri­or Mau­rus Kraß vom benach­bar­ten Bene­dik­ti­ner­klos­ter, das die Kir­che seit 25 Jah­ren mit­nutzt, und der Bischof von Dres­den-Mei­ßen, Hein­rich Tim­me­re­vers, haben die päpst­li­che Ehrung im Sep­tem­ber bei einer Wall­fahrt vor 2700 Gläu­bi­gen in Wech­sel­burg (Kreis Mit­tel­sach­sen) ver­kün­det.

Was aber bedeu­tet sie, und wie kommt die Wech­sel­bur­ger Kir­che dazu? Seit der römi­schen Anti­ke wer­den bestimm­te Kir­chen auf­grund ihrer Bau­art „Basi­li­ka“ genannt. Auch das vor 850 Jah­ren erst­mals erwähn­te spät­ro­ma­ni­sche Wech­sel­bur­ger Got­tes­haus zählt zu die­sem Typus. Über­nom­men und wei­ter­ent­wi­ckelt haben ihn die frü­hen Chris­ten im vier­ten Jahr­hun­dert von bis dato als Handels‑, Geld­ge­schäfts- oder Gerichts­or­ten welt­lich genutz­ten römi­schen Vor­läu­fer­an­la­gen zum Bau ihrer lit­ur­gi­schen Ver­samm­lungs­stät­ten. Die Innen­räu­me der oft nach den Stif­ter­fa­mi­li­en benann­ten Gebäu­de zeich­ne­ten sich durch meist zwei oder drei par­al­le­le Schif­fe aus mit umlau­fen­den Säu­len- oder Pfei­l­er­rei­hen, abge­schlos­sen durch eine fla­che oder in der Kai­ser­zeit oft ein­ge­wölb­te Decke.

Detail­lier­ter Fra­ge­bo­gen aus Rom

Als am 12. Novem­ber der Apos­to­li­sche Nun­ti­us, Erz­bi­schof Niko­la Eter­ović, als Bot­schaf­ter des Paps­tes in Deutsch­land nach Mit­tel­sach­sen kam, wür­dig­te er aber nicht nur einen bedeu­ten­den Kir­chen­bau durch die for­ma­le Erhe­bung zur „Basi­li­ca minor“ – der vom Wech­sel­bur­ger Bene­dik­ti­ner­klos­ter bean­trag­ten und vom Bis­tum unter­stütz­ten Ehrung hat­te zunächst auch die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz zustim­men müs­sen. Die Hoff­nung auf einen posi­ti­ven Bescheid ver­ban­den die Ein­rei­cher des Antrags, Bene­dik­ti­ner-Pater Mau­rus Kraß aus Wech­sel­burg und Abt Bar­na­bas Bög­le in der Mut­ter­ab­tei Ettal, die schon seit 1920 den glei­chen Titel trägt, mit dem Wunsch, mehr als Stei­ne, Geschich­te und Kunst her­vor­zu­he­ben.

„Wir woll­ten drei­er­lei“, sagt Pater Mau­rus: die Katho­li­ken wür­di­gen, die in der DDR unter vie­len Ent­beh­run­gen die­sen Ort als durch­be­te­ten erhiel­ten. „Das hät­te auch ein Muse­um wer­den kön­nen“, sagt er. Außer­dem gehe es um jene, die heu­te in der Pfar­rei mit­tun, auf deren Ter­rain nur 1,8 Pro­zent der Bür­ger Katho­li­ken sind – die mit­tun, um das Got­tes­haus zu erhal­ten, zu schmü­cken, die zu Gebet und Lit­ur­gie zusam­men­kom­men. Schließ­lich, sagt der Pri­or, soll­te auch an die gedacht und denen gedankt wer­den, die seit der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung in Wech­sel­burg Seel­sor­ge geleis­tet haben und leis­ten. Jüngst ist mit Pater Gabri­el Heu­ser einer der Grün­dungs­mön­che in Wech­sel­burg 78-jäh­rig ver­stor­ben, des­sen Wir­ken über­kon­fes­sio­nel­le Aner­ken­nung weit über die Regi­on hin­aus genoss.

„Unab­hän­gig davon ist der Titel eine Emp­feh­lung an die Öffent­lich­keit, dass das ein beson­de­rer Ort ist“, sagt Pater Mau­rus. Er war es auch, der den zwölf­sei­ti­gen, durch­weg in Latein abge­fass­ten Fra­ge­bo­gen von der vati­ka­ni­schen Kon­gre­ga­ti­on für den Got­tes­dienst und die Sakra­men­ten­ord­nung aus­füll­te. „Das ist das Antrags­ver­fah­ren für eine Art Unesco-Welt­kul­tur­er­be auf Katho­lisch“, sagt er schmun­zelnd. Gefor­dert waren aus Rom detail­lier­te Anga­ben zu Bau­ge­schich­te und Aus­stat­tung der Kir­che, Got­tes­diens­ten, die täg­lich statt­fin­den müs­sen, und regel­mä­ßi­gem Stun­den­ge­bet. Außer­dem habe er lücken­los für das ver­gan­ge­ne Jahr sämt­li­che Wall­fahr­ten aus Nah und Fern auf­ge­lis­tet. Eine umfang­rei­che Foto­do­ku­men­ta­ti­on von Kir­che, Lett­ner, Altar und vie­lem ande­ren sei ange­fer­tigt wor­den. Der Bischof von Dres­den-Mei­ßen muss­te schrift­lich Stel­lung neh­men. Pater Mau­rus hat­te Hein­rich Tim­me­re­vers schon bei des­sen Antritts­be­such in Wech­sel­burg 2016 mit Blick auf das in die­sem Jahr gefei­er­te 850. Kirch­weih­ju­bi­lä­um ange­spro­chen und einen der­ar­ti­gen Antrag ins Gespräch gebracht, den die Got­tes­dienst­kon­gre­ga­ti­on schließ­lich prüf­te und posi­tiv beschied.

„Durch den Titel soll die Bedeu­tung die­ser Kir­che für das Umland her­vor­ge­ho­ben und die Ver­bin­dung mit der Kir­che von Rom und dem Hei­li­gen Vater gestärkt wer­den“, erklärt Bischof Hein­rich Tim­me­re­vers. Als äuße­res Erken­nungs­zei­chen ziert den Ein­gang des Gebäu­des bald das Wap­pen des jeweils regie­ren­den Paps­tes. Der Ehren­ti­tel sei „immer Ver­pflich­tung und Ansporn“, so der Bischof.

Welt­weit etwa 1770 Basi­li­cae mino­res

Der Lit­ur­gie­wis­sen­schaft­ler Heinz­gerd Brak­mann weist zudem dar­auf hin, dass in einer „Basi­li­ca minor“ jene kirch­li­chen Fes­te fei­er­lich zu bege­hen sei­en, die in Bezie­hung zum Apos­tel Petrus und dem Papst­amt ste­hen; Pre­digt- und Beicht­dienst sol­le beson­de­re Auf­merk­sam­keit gewid­met wer­den, dazu der reli­giö­sen Bil­dungs­ar­beit, die in Wech­sel­burg durch die Bene­dik­ti­ner längst über­re­gio­na­le Reso­nanz fin­det. Schließ­lich, so Brak­mann in sei­nem Bei­trag für das „Lexi­kon für Theo­lo­gie und Kir­che“, sei­en dabei „die römi­schen Ver­laut­ba­run­gen zu stu­die­ren und zu ver­brei­ten“.

Der Titel „Basi­li­ca minor“ wur­de zuletzt 2015 an Got­tes­häu­ser in den Bis­tü­mern Trier und Hil­des­heim ver­lie­hen. Von den welt­weit etwa 1770 der­art geehr­ten Kir­chen befin­den sich 77 in Deutsch­land, dar­un­ter die Wall­fahrts­kir­che Vier­zehn­hei­li­gen in Ober­fran­ken, die 1897 die ers­te in Deutsch­land so gewür­dig­te war. Dass es bis­lang nicht mehr der­ar­ti­ge Basi­li­ken in Ost­deutsch­land gibt, erklärt Pater Mau­rus auch mit der Refor­ma­ti­ons­ge­schich­te. Zahl­rei­che her­aus­ra­gen­de Kir­chen wie die Dome in Mag­de­burg, Hal­ber­stadt, Mei­ßen, Naum­burg sind sei­ner­zeit evan­ge­lisch gewor­den.

Die­se klei­nen päpst­li­chen Basi­li­ken in aller Welt besit­zen gegen­über den weni­gen, sämt­lich in Rom und Assi­si befind­li­chen „Basi­li­cae maio­res“, die schon vor dem 18. Jahr­hun­dert als „Papst­kir­chen“ fir­mier­ten, zwar eine nie­de­re lit­ur­gi­sche Rang­stu­fe, hat Ulrich Ner­sin­ger einst in der Zei­tung „Die Tages­post“ geschrie­ben. Auch ver­füg­ten sie über weni­ger Vor­rech­te. Sie ste­hen aber jeder nicht der­art pri­vi­le­gier­ten Kir­che vor­an.

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