Weltenwanderer Hermann Broch

Kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich ist der Schriftsteller Hermann Broch 1938 verhaftet und von Altaussee nach Bad Aussee abgeführt worden. Im Gefängnis hat er dieses Foto seinem Zellengenossen gewidmet. Foto: Literaturmuseum Altaussee

Wiederholt ist Hermann Broch für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen worden. Letztlich hat er, der sich nicht entscheiden konnte, ob er Wissenschaftler oder Literat sein wollte, nie einen Literaturpreis erhalten. Als Großer gilt er dennoch, zitiert, doch wenig gelesen. Eine Erinnerung zum 75. Todestag.

ALTAUSSEE/WIEN. Die Frage, wer Hermann Broch war, stellt sich längst; vielleicht hat sie sich immer gestellt. Großes Publikum nämlich hat der am 30. Mai 1951 vor 75 Jahren in New Haven (USA) verstorbene Schriftsteller, Spätberufener seines Fachs, nie gefunden. Dabei betörten die Hauptwerke des gebürtigen Wieners – „Die Schlafwandler“ (drei Bände, 1930-32), „Der Tod des Vergil“ (1945), „Die Schuldlosen“ (1950) – Kollegen wie Rezensenten. Thomas Mann rechnete den „Vergil“ zu den „höchsten Leistungen deutschen Schrifttums im Exil“. James Joyce, Thornton Wilder, Albert Einstein, Hannah Arendt, Carl Gustav Jung, Elias Canetti, Eric Voegelin, George Steiner, Gordon Craig – lang ist die Liste seiner Verehrer. Die kürzlich verstorbene Barbara Frischmuth und vor ihr Aldous Huxley, Wolfgang Koeppen oder Milan Kundera haben Brochs Einfluss auf ihr Werk betont. Der moderne österreichische Roman, schrieb der Literaturpromotor Franz Blei, das sei Franz Kafka plus Robert Musil plus Broch. – A writer’s writer? Wohl.

Noch zum 100. Geburtstag, vor vierzig Jahren, erschien im „Spiegel“ eine viereinhalbseitige Würdigung. Die „F.A.Z.“ brachte eine Dreiviertelseite, dichtbedruckt, über den „nobelpreisverdächtigen Emigranten“. Der „Südfunk“ sendete ein Radio-Essay über „Hermann Broch und die Wissenschaft“. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Schon damals lautete aber der Tenor: Broch sei in vieler Fachleute Munde; Dissertationen und Kolloquien spürten ihm nach, auch im Kontext der Forschung zu Hugo von Hofmannsthal, über dessen Zeit er eine Studie verfasst hat. Jenseits kleiner Kreise gelesen werde er hingegen kaum, obwohl eine zehnbändige Werkausgabe im Zürcher Rhein-Verlag, noch von ihm konzipiert, kurz nach dem Tod erschienen war. Später folgte die bis heute maßgebliche bei Suhrkamp.

Wer also war Broch, worüber schrieb er, und warum blieb die Reichweite für sein Werk gering, das er sich innerhalb von zwanzig Jahren in fünfzehn, siebzehn Stunden täglich währender Anstrengung abgerungen hat? Getrieben war er, ständig in Sorge, sein Werk nicht abschließen zu können. Angesichts zahlreicher, Fragment gebliebener Texte war sie berechtigt. 1886 geboren in eine wohlhabende, assimilierte jüdische Familie als erster von zwei Söhnen, erbte der zeitlebens von Frauen Umschwärmte die Spinnfabrik des Vaters im niederösterreichischen Teesdorf mit 800 Beschäftigten. Davon hatte er sich zunächst, durchaus mit Fleiß, Ehrgeiz, geachtet von der Belegschaft, in Beschlag nehmen, zum Textilingenieur ausbilden lassen.

Erst als etwa Vierzigjähriger und gegen den Willen des Vaters, machte er seine neben der Mathematik erkannte Leidenschaft für Philosophie und Literatur zum Beruf, verkaufte die von ihm geleitete Fabrik 1927, rechtzeitig vor der Weltwirtschaftskrise. Nur brachte ihm der Erlös wenig ein, waren damit doch Eltern und Bruder abzusichern. Als Motive für den Ausstieg aus dem trotz Krise mit Immobilienbesitz stabilisierten Leben führte er die „Ungeduld nach Erkenntnis“ an, den Wunsch nach „unmittelbarer ethischer Wirkung“. Mit Max Webers „Gesinnungsethiker“ stand Broch auf gutem Fuße. Früher als andere trat er für die Kodifizierung von Menschenrechten und deren Schutz ein.

Doch zeitlebens konnte sich Broch nicht entscheiden, was er sein wollte: Schriftsteller oder Wissenschaftler. Die sich für ihn aus den politisch-gesellschaftlichen Herausforderungen ergebende Pendelbewegung forderte er auch von andern und kritisierte jene, die sich aus Prinzip gegen politische Einlassungen verwahrten. In seinem Engagement mag jedoch einer der Gründe für seine heute geringe Beachtung liegen. Er, der sich wie seinen „Vergil“ als ohnmächtigen Dichter am Ende einer Kultur begriff, wollte es anders halten, Einfluss nehmen, schrieb bis zuletzt an einer gewaltigen, unvollendeten „Massenwahntheorie“, die die Demokratien wappnen sollte gegen totalitäre Bedrohung. Vorher schon, 1936/37, verfasste er eine Völkerbundresolution wider einen neuen Weltkrieg. Suchen Leser politische Ratschläge indes bei Literaten?

Wagen sich Autoren über „ewige“ Themen – die Liebe, den Tod – hinaus, so Marcel Reich-Ranicki, drohe schnelles Vergessen. Broch glaubte in seiner Zeit das Gegenteil beweisen zu müssen. Doch die Verquickung von Materien und Formen beschert den Ruf, kompliziert zu sein, zu anspruchsvoll. Das will kaum wer lesen. An einer positiven Antwort auf die Frage, ob Literatur gegen die Hitlers und Stalins ankomme, zweifelte Broch selbst, hielt „das Spielerische des Kunstwerks in einer Zeit der Gaskammern [allerdings für] unstatthaft“. Die scharfe Satire als Mittel, geschult an Karl Kraus – vielleicht. Aber sonst? Novellen jedenfalls nicht, Romane, Dramen. So verlegte er sich auf zeit- und gesellschaftskritische Beiträge, von denen einige im Band „Gedanken zur Politik“ zusammengefasst wurden. Die Einordnung des Werkes hat das nicht erleichtert. Hinter alldem stand das ambitionierte Ziel: „Wiederhumanisierung der Welt“.

Broch zeigte den Zerfall der Werte, die „metaphysische Obdachlosigkeit“ (Marko Martin), für die er – sein Bruder war schon als Kind katholisch getauft worden – sich über sein Herkunftsmilieu nicht recht gewappnet gesehen haben muss. Den Zerfallsprozess wollte er in der Arbeit aufgreifen, es dabei aber nicht belassen. Broch konvertierte zum Katholizismus. Die Gründe sind nicht leicht zu sichern. Bekannt ist, dass der Wechsel auch die Voraussetzung darstellte, um 1909 seine erste Ehefrau zu heiraten. Deren Familie hatte darauf gedrungen. Ob das als Erklärung genügt, kann bezweifelt werden, da er nach dem Krieg das Werben eines jüdischen Gönners, zum Bekenntnis der Eltern zurückzukehren, ins Leere laufen ließ. 1910 wurde Brochs Sohn geboren, während die Ehe bald zerbrach.

Der Schriftsteller erlangte währenddessen Zugang zum Kreis um Alfred Polgar, der sich im Wiener „Café Central“ traf. Die Modejournalistin Ea von Allesch wurde seine Muse. Mit Musil und Döblin, deren Werken „Der Mann ohne Eigenschaften“ und „Berlin Alexanderplatz“ Brochs „Schlafwandler“ verwandt sind, verband ihn herzliche Abneigung. Doch das Milieu verband einander. Aufsätze erschienen in Zeitschriften wie „Die Rettung“, „Brenner“, „Summa“. Letztere stand im Kontext der Katholischen Erneuerung mit gewaltigem Autorenspektrum. Es reichte von Ernst Bloch über Max Scheler bis Carl Schmitt. Die teils kurzlebigen Blätter erregten Aufmerksamkeit.

Broch hörte an der Universität Mathematik, Physik, Philosophie, schrieb Theaterstücke, hielt Vorträge. Er freundete sich an mit Elias Canetti, den er als erster in der Öffentlichkeit bekanntmachte. Mit dem Verkauf des Betriebes begannen jedoch lebenslange Geldsorgen. 1936 zog er ins steiermärkische Altaussee, wo ihm Freunde ein Haus überließen. Todesangst brachte der „Anschluss“. Seine Bücher brannten. Er wurde verhaftet, wähnte sich auf dem Weg ins KZ, kam jedoch frei und dank eines mit Joyce‘ Hilfe organisierten Visums nach London. Frank Thiess, gegenüber den Nazis keineswegs über Zweifel erhaben und doch der alte Freund, sandte ihm Manuskripte nach. Der Ire wiederum wurde im gleichen Verlag publiziert wie Broch. Dieser hatte ihm zwei Jahre vorher eine Rede zum 50. Geburtstag verfasst (gedruckt 1936). In Großbritannien angekommen, öffneten Albert Einstein und Thomas Mann den Weg nach Amerika.

Doch Broch fristete, krank und kranker, jenseits des Atlantiks ein kümmerliches Dasein, angewiesen auf Stipendien, Freundesgaben, Honorare, die so spärlich flossen, dass sich der einst reiche Fabrikkapitän, der nur bei den besten Schneidern Wiens verkehrte, in Armut wiederfand, kaum imstande, Arztkosten zu begleichen. Dennoch setzte er sich ein für Flüchtlinge aus Europa, spendete von seinem Wenigen, half bei Visa- und Arbeitsbeschaffung. Legendär war seine Korrespondenz, die er im Umfang von 20 bis 40 Schreibmaschinenseiten täglich abfasste. Einerseits hielt sie ihn im Kreis der Freunde, andererseits drohte sie ihn zu erdrücken. 1942 starb die Mutter im KZ Theresienstadt; vergeblich hatte er versucht, sie zu retten. 1944 wird er amerikanischer Staatsbürger und heiratete fünf Jahre später die Malerin Annemarie Meier-Graefe, Witwe des bedeutenden Kunsthistorikers. Der Tod durch Herzversagen als Folge von Arbeit bis zur Erschöpfung ereilte ihn kurz vor Antritt seiner ersten Europareise.

„Romancier wider Willen“, „gehetzter Engel im Doppelberuf“ – so hat man ihn genannt, der beim Versuch, Wissenschaft, Politik und Dichtung zu einer Synthese zu bringen, zwar zum „vorzüglichen Studienobjekt“ geworden sei, auch aber „zum am wenigsten gelesenen Klassiker der Moderne“ (Leo Kreutzer). Ändern kann das nur Lektüre.

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