Nazi-Haft, Karriere im Sozialismus oder in Hessens Landesregierung – ein Gruppenporträt dreier Werdauer Arbeitersöhne

Im Südwesten Sachsens ist die SPD längst tot. Zur Zeit Gerhard Wecks, Lothar Rathmanns und Hans Krollmanns war das noch anders - NS- und Kommunismusopfer sowie Oberbürgermeister der eine, der zweite später Rektor der Leipziger Karl-Marx-Universität und der dritte stellvertretender Ministerpräsident Hessens. Einst waren sie alle Kinder aus einfachen Verhältnissen, gehörten zumindest zeitweilig der SPD an, machten nach dem Krieg aber jenseits der Pleiße-Stadt Karriere in Politik und Wissenschaft.

WERDAU/KASSEL. Der Historiker Eberhard Jäckel nannte das 20. Jahrhundert das deutsche - in seiner ganzen Tragik. Wie diese aussehen konnte, hat der gebürtige Werdauer Gerhard Weck erlebt. Er war Sozialdemokrat und landete als NS-Gegner in Buchenwald. Kaum aus dem KZ frei, musste er ins Zuchthaus. Sozialdemokratisches Schicksal in jenen Jahren, schrieb Hermann Kreutzer, wie Weck damals Verfolgter. Nach 1945 war manches anders, aber nicht alles, etwa für Sozialdemokraten, die, wie Kreutzer und Weck, von der Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED nichts hielten.

Noch im August 1946 machten die Sowjets das Arbeiterkind Weck zum Oberhaupt der einst stolzen Arbeiterstadt, in der nach Angaben des Stadtarchivs 1924 und 1928 die SPD zur Reichstagswahl stärkste Kraft war, 1930 und 1933 immerhin nach der NSDAP noch zweitstärkste. Doch bald, "ohne Angabe von Gründen", heißt es in der Stadtchronik, wurde der damals 35-Jährige im Dezember 1948 von den Sowjets verhaftet - nicht aber grundlos. Für den Anhänger Kurt Schumachers mit Kontakt zum SPD-Ostbüro - das genügte -, lautete das Urteil 25 Jahre Zwangsarbeit. In Haft traf er auf den Thüringer Kreutzer. Gemeinsam hielten sie aus im berüchtigten Gelben Elend - wo es zu einem Zwischenfall kam, so Kreutzer im Nachruf auf Weck 1974 in der Zeitung "Die Welt": Saalältester war in Bautzen ein ehemaliger SS-Mann, aber nicht irgendeiner: Er und Weck kannten sich von Buchenwald. Eines Tages, schrieb Kreutzer, wurde unser Raum von der Volkspolizeileitung kontrolliert. Es standen einander gegenüber: der ehemalige SS-Offizier Gustav Wegner, jetzt Gefangener der Kommunisten, SPD-Urgestein Weck, politischer Gefangener von Nazis und Kommunisten, und der neue Chef des kommunistischen Lagers, Erich Reschke, wie Weck ehemaliger Buchenwald-Häftling, dem letzterer im KZ-Steinbruch einst das Leben rettete. "Wer hat uns verraten?" Oder: Der "ganz normale" Wahnsinn eines Werdauers, der nach acht Jahren Haft freikam und mit seinem 1943 in Steinpleis geborenen Sohn Peter in den Westen floh, dort die Frankfurter SPD-Ratsfraktion im "Römer" führte, bevor er Geschäftsführer der Wohnheim-GmbH wurde und 1974 starb - ein Leben, geehrt seit 1992 in Werdau durch eine Straße, das beispielhaft steht für die Opfer, die SPD-Leute brachten in zwei Diktaturen.

Sozialdemokrat ist auch Lothar Rathmann bis zur Zwangsehe mit der KPD 1946 gewesen, wie Weck Arbeiterkind, geboren an der Ferdinandstraße 27. Später zog er an den Steinpöhlwald: "Ich hatte dort eine wunderbare Kindheit." Klaus Vogel, der mit seinen Globen-Modellen über die Stadt hinaus für Aufsehen sorgte, war sein Klassenkamerad. Bevor Rathmann seine Wissenschaftskarriere begann, die ihn 1975 bis 1987 an die Spitze der Leipziger Karl-Marx-Uni führte, kam er 1945, auf 34 Kilogramm abgemagert, aus der Gefangenschaft, wurde noch im September zu einem Auschwitz-Besuch verpflichtet. "Das war furchtbar und änderte alles für mich", sagte er gestern im Gespräch. Rathmann ließ sich zu einem sogenannten Neulehrer ausbilden, kam ins nahe vogtländische Städtchen Neumark. Zu Ehren aber gelangte er nach einem Studium der Geschichte, Geografie, Pädagogik bis 1952 in Leipzig. Dort hörte Rathmann den Philosophen Ernst Bloch (1885 bis 1977) oder den Literaturwissenschaftler Hans Mayer (1907 bis 2001), der später mit Marcel Reich-Ranicki (1920 bis 2013) in der Bundesrepublik im Fernsehen auftrat. Er wurde selbst Professor für Geschichte arabischer Länder, war zuvor monatelang zu einem Forschungsaufenthalt in Kairo (ein seltenes Privileg) und stieg schließlich auf zum Rektor seiner Alma mater - "unter der Bedingung gegenüber dem Ministerium, dass meine Frau den Kontakt zu ihrer Schwester in Nürnberg halten konnte" - Spielräume hoher Funktionäre. Er erhielt den Nationalpreis, den Vaterländischen Verdienstorden, viele weitere Auszeichnungen, wurde 1987 Werdaus Ehrenbürger - eine Würdigung, die ihm so viel bedeute, dass er sie nach der Wende gegenüber der Stadt zur Disposition stellte, da er sich aufgrund seiner DDR-Funktionen als hoher SED-Repräsentant gewissermaßen dazu verpflichtet sah. "Mir ging es", so sagte er gestern am Telefon, "stets um die Humanitas." Die Stadt hielt an der Ehrung fest.

Seit Klaus Vogel gestorben ist, fehlen die Kontakte nach Werdau indes, die Hans Krollmann - auch aus kleinen Verhältnissen, 1929 gebürtig in Werdau - viel früher schon verlor. Seine Mutter, die Verkäuferin Elisabeth Billhardt, wohnte einst am Gartenweg 3 unweit der katholischen Kirche. Sie zog mit ihrem Sohn 1936 nach Hohenlimburg, so auch er gestern telefonisch, heute Stadtteil des nordrhein-westfälischen Hagen, von wo ihr Mann Theodor Krollmann stammte. Krollmann junior, dessen Großvater Artur Billhardt in einer Werdauer Fabrik Feinschlosser war und Messgeräte herstellte, ist mittlerweile 86 und hochbetagt. Noch zum 85. Geburtstag feierte ihn Hessens SPD unter Thorsten Schäfer-Gümbel. Seine Schulzeit verbachte er in Langenhessen, später in Werdau, kehrte nach 1989 aber nie an die Pleiße zurück, nachdem er in Hessen in Verwaltung und Politik Karriere als Kassels Polizeipräsident, Staatssekretär, Minister und stellvertretender SPD-Ministerpräsident gemacht und Gerhard Weck kennengelernt hatte. 2010 erhielt auch er die Ehrenbürgerschaft, nicht seiner Geburts-, sondern die seiner Heimatstadt seit vielen Jahren: die Kassels. Weck, das Opfer zweier Diktaturen, nannte er gestern einen Inspirator, ein Vorbild, weil "fanatischen Demokraten".

Nachtrag

Hans Krollmann ist am 16. März 2016 im 87. Lebensjahr gestorben.

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One thought on “Nazi-Haft, Karriere im Sozialismus oder in Hessens Landesregierung – ein Gruppenporträt dreier Werdauer Arbeitersöhne

  1. Joachim Glaubitz

    Ein hervorragender Essay, der anhand von drei menschlichen Schicksalen den Charakter von Diktaturen enthüllt.

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