“Der erste Reflex muss sein: sich in Sicherheit zu bringen”

Nach dem Angriff eines Asylbewerbers auf Reisende in einem Zug bei Würzburg hat Michael Kunze mit dem Gewalt-Deeskalationstrainer und Polizeiausbilder Heinz Kraft gesprochen. Dabei ging es um die Frage, wie man sich in einer vergleichbaren Bedrohungslage verhalten soll und ob Deutschland noch sicher ist.

Michael Kunze: Hätten sich die Insassen des Zuges auf den Angriff am Montag vorbereiten können - was hätten Sie ihnen geraten?

Heinz Kraft: Entscheidend ist, wo genau ein Angriff stattfindet. Daraus leiten sich die Möglichkeiten ab, die man hat. Sollte es sich in einem Zug um Sitzgruppen handeln, zwischen denen man attackiert wird, hat der Angreifer vielleicht jemand im Rücken. So könnte man ihn in die Zange nehmen. Zweiersitze sind ungünstiger, sie schränken die eigene Beweglichkeit ein.

Sie empfehlen also, sich gegen einen Angreifer zu wehren?

Das kommt darauf an. Der erste Reflex muss sein: sich in Sicherheit zu bringen, zu flüchten. Nur wenn das nicht oder nicht mehr möglich ist und man sich nicht verstecken kann, sollte man sich zur Wehr setzen.

Was kann tun, wer nicht direkt betroffen ist, aber Zeuge eines Angriffs wird?

Nicht selbst eingreifen, denn die eigene Sicherheit hat Priorität. Wer jemand retten will, wird womöglich selbst Opfer. Man sollte aber andere Menschen warnen, die die Lage vielleicht noch nicht richtig erfasst haben. Dann wegrennen, so schnell und so weit es geht, um schließlich die Polizei zu verständigen. Wichtig dabei: den genauen Ort nennen, wo der Angriff stattfindet.

Für den Fall, dass man nicht wegrennen kann - was in einem Zug oder Bus schwierig ist - und man selbst Ziel eines Angriffs ist: Wie soll man sich verhalten?

Bei Terroristen oder Amokläufern haben Gespräche, die den Angreifer von seiner Tat abbringen sollen, keinen Sinn. Eine Möglichkeit wäre das Mittel der paradoxen Intervention.

Worum geht es dabei?

Man versucht, den Täter zu irritieren, ihn aus seinem Konzept zu bringen. Halten Sie ihm eine Aktentasche hin; damit rechnet er nicht. Oder man kann so tun, als befinde sich jemand hinter seinem Rücken. Wichtig ist, das mit wenigen Worten und klarer Körpersprache zu versuchen, denn nicht jeder Angreifer versteht Deutsch. Oft geht es nur um Sekunden, dann fliegt der eigene Schwindel auf. Die können aber ausreichen, um zu flüchten oder vorher den Angreifer zu überrumpeln.

Wenn der sich umdreht, um nachzusehen: Was dann?

Dann ist jedes Mittel recht. Ihn schubsen, zu Boden stoßen, ihm mit einem Hilfsmittel auf den Kopf schlagen. Es handelt nicht erst in Notwehr, wer verwundet ist. Die Konsequenzen trägt der Angreifer, er kann ja von seiner Tat ablassen.

Was ist gefährlicher: Angriffe mit Messer, Axt oder Pistole?

Der Messer- oder Axtangriff ist oft gefährlicher. Das wird unterschätzt. Denn der Täter steht einem räumlich näher; das verringert die Handlungsmöglichkeiten für den, der attackiert wird.

Bei einem Messerangriff im Zug ist also guter Rat teuer?

Wie bei jedem Angriff, denn der Attackierte ist immer erst einmal überrascht. Aus dieser Schockstarre muss man so schnell wie möglich heraus. Im Zug kann man sich vielleicht, wenn Zeit bleibt, vor dem Täter verbarrikadieren - mit Gepäck zum Beispiel.

Ein anderes Beispiel: Eine Schulklasse hat das schon in ihrem Zimmer getan. Die Tür ist verrammelt. Dann merkt sie: Ein Schüler steht noch draußen, der kurz auf der Toilette war. Was tun?

Das ist eine Frage von hohem ethischen Anspruch. In allen Schulungen zum Thema lautet das Credo: Die Sicherheit von vielen ist in so einem Fall wichtiger als die des einzelnen. Niemals bereits erreichte Sicherheitsstandards nochmals senken und damit das Wohl einer Gruppe abermals gefährden! Das sehen Juristen womöglich anders.

Bedeuten nun Angriffe wie der bei Würzburg, dass sich jeder Gedanken machen muss, wo jeweils geeignete Fluchtwege sind - im Zug, im Gasthaus, überall?

Wer sich rechtzeitig überlegt, was er in einer konkreten Situation tun kann, verkürzt seine Reaktionszeit. Darum geht es auch dann, wenn die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, selbst betroffen zu sein.

Ist Deutschland nicht mehr sicher?

Niemand sollte in Alarmismus verfallen. Deutschland ist ein sicheres Land, nach wie vor. Kriminalität gab es immer. Doch die Gewaltbereitschaft ist größer geworden, und politische Süppchen werden mitunter auf der Flamme der Angst gekocht.

 

Zur Person: Heinz Kraft

Der studierte Diplom-Verwaltungswirt ist ausgebildeter Trainer für die Fortbildung der nordrhein-westfälischen Polizei und von Führungskräften. Der 67-Jährige aus Ennepetal (Nordrhein-Westfalen) unterrichtet zudem beispielsweise Mitarbeiter von Jobcentern im Umgang mit gewaltbereiten Kunden oder Sicherheits- und Wachpersonal, Pforten- und Empfangsdienste.

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