Sahra Wagenknecht, die Mainstream-Ökonomen und die Politik

Wäh­rend ande­re Poli­ti­ker ihre Dok­tor­ti­tel wegen wis­sen­schaft­li­cher Män­gel zurück­ge­ben müs­sen, hat Sah­ra Wagen­knecht ihr seit 2005 lau­fen­des Pro­mo­ti­ons­ver­fah­ren die­se Woche erfolg­reich abschlie­ßen kön­nen. Was jetzt noch aus­steht, ist die Ver­öf­fent­li­chung ihrer Dis­ser­ta­ti­on, die sie im August an der TU Chem­nitz unter dem Titel „The Limits of Choice. Basic Needs and Saving Decisi­ons in Deve­lo­ped Coun­tries“ (deutsch: „Die Gren­zen der Aus­wahl. Spar­ent­schei­dun­gen und Grund­be­dürf­nis­se in ent­wi­ckel­ten Län­dern“) ein­ge­reicht hat­te.

Vor ihrem Dok­tor­va­ter, dem Mikro­öko­no­men Fritz Hel­me­dag, der Prü­fungs­kom­mis­si­on und bei­na­he 120 Inter­es­sier­ten stand sie am Diens­tag­nach­mit­tag jen­seits des poli­ti­schen Par­ketts Rede und Ant­wort zu ihrer Unter­su­chung. Dar­in ging die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te der Links­par­tei, die auch ers­te stell­ver­tre­ten­de Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de ist, am deut­schen und ame­ri­ka­ni­schen Bei­spiel der Fra­ge nach, wann und war­um Pri­vat­haus­hal­te spa­ren.

Gering­ver­die­ner spa­ren pro­zen­tu­al zum Ein­kom­men weni­ger

Ihr Vor­trag, mehr noch aber die anschlie­ßen­de Dis­kus­si­on, gerie­ten dabei zu einer Art wis­sen­schaft­li­cher Recht­fer­ti­gung der poli­ti­schen Ziel­set­zun­gen Wagen­knechts. Sie wies dar­auf hin, dass das Vor­han­den­sein eines hin­rei­chen­den Ein­kom­mens die Vor­aus­set­zung für jede Spar­be­mü­hung in Pri­vat­haus­hal­ten dar­stel­le. Über­ra­schend war die­se Erkennt­nis nicht, das räum­te sie selbst ein, wohl aber als klei­ner Haken gedacht gegen die, wie sie sie nann­te, „Main­stream-Öko­no­men“, die fälsch­li­cher­wei­se noch immer davon aus­gin­gen, dass die Spar­quo­te von Gering­ver­die­nern und Wohl­ha­ben­den ein­an­der ähne­le.

Sie wies auf der Grund­la­ge von ihr aus­ge­wer­te­ter amt­li­cher Daten aus Deutsch­land und Ame­ri­ka dar­auf hin, dass Bezie­her nied­ri­ger Ein­kom­men ent­we­der gar nicht, in jedem Fall pro­zen­tu­al zum Ein­kom­men weni­ger und vola­ti­ler spar­ten als Rei­che, wäh­rend die „Kapi­ta­lis­ten“ von Zin­sen und Zin­ses­zin­sen ihres Ver­mö­gens leb­ten. Gera­de dies füh­re dies‑, mehr noch aber jen­seits des Atlan­tiks spä­tes­tens seit den acht­zi­ger Jah­ren zu einer wach­sen­den Sprei­zung der Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se. Damit ein­her gehe, dass Gering­ver­die­ner kaum mehr in der Lage sei­en, ihre Grund­be­dürf­nis­se abzu­de­cken. Dar­un­ter ver­steht Wagen­knecht Aus­ga­ben, die nicht ver­schieb­bar oder frei wähl­bar sind, zum Bei­spiel für Nah­rungs­mit­tel, Mie­te, Miet­ne­ben­kos­ten, Mobi­li­tät, Kom­mu­ni­ka­ti­on oder Ver­si­che­run­gen.

Erkennt­nis­se für Poli­tik nut­zen

Spar­ten also die einen, wenn sie dazu in der Lage sei­en, weil sie sich kon­kre­te Kon­sum­wün­sche erfül­len woll­ten, sei die Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on für die ande­ren zum Selbst­zweck gewor­den. „Gegen die­se Absur­di­tät habe ich in mei­ner Arbeit ver­sucht anzu­schrei­ben“, bekann­te Wagen­knecht. Offen ließ sie dabei, ob sie der von ihr kri­ti­sier­ten Ent­wick­lung durch staat­lich kon­trol­lier­te Prei­se, zum Bei­spiel bei Ben­zin, begeg­nen wol­le.

Ihre wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se will sie für ihre poli­ti­sche Arbeit nut­zen. Öko­no­mi­sches Wis­sen sei unver­zicht­bar gewor­den, um die rich­ti­gen Fra­gen zu stel­len und pas­sen­de Lösun­gen zu fin­den. Die­se Erkennt­nis ver­band sie wie­der­um mit einer poli­ti­schen Bot­schaft, als sie unter­strich, dass es falsch gewe­sen sei, die Ren­ten­ver­si­che­rung zu pri­va­ti­sie­ren. Vie­le Men­schen sei­en ein­fach nicht in der Lage, selbst vor­zu­sor­gen. Obwohl es zutrifft, dass bei der zu erwar­ten­den Zunah­me der Alters­ar­mut die Fra­ge der Ren­ten­ver­si­che­rung für Gering­ver­die­ner wei­ter aktu­ell blei­ben dürf­te, lies sie gera­de hier Lösungs­an­sät­ze ver­mis­sen. Statt­des­sen plä­dier­te sie dafür – auch dies ist wenigs­tens hier­zu­lan­de kaum mehr umstrit­ten -, davon abzu­se­hen, die Kre­dit­märk­te wei­ter zu libe­ra­li­sie­ren, da hier­durch vor allem „Nor­mal­ver­die­ner in immer höhe­re Schul­den“ gestürzt wür­den. Beson­ders der ame­ri­ka­ni­schen Regie­rung warf sie in die­ser Fra­ge Ver­sa­gen vor, weil sie es ver­säumt habe, den Markt zu regu­lie­ren. Wagen­knecht nann­te als Bei­spiel die Dis­po-Zin­sen, die sich bei 13 bis 14 Pro­zent beweg­ten, obwohl sich Ban­ken Geld für Zin­sen von 0,75 Pro­zent lei­hen.

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