Dresden, 29. Dezember 2013

Für den Arzt und Gulag-Insassen Wilhelm Starlinger lag China in den fünfziger Jahren zwar zunächst einmal "hinter Russland", worauf auch der Titel seines Buches hinwies. Dass das Land schon damals dabei war, sich aus dieser Randlage herauszuarbeiten, war Starlinger im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen aber nicht verborgen geblieben: "Die Zeit geht heute schnell - [...] auch [...] im Morgenland, seit China sich entschloß, nicht mehr Jahrhunderte zu meditieren, sondern in Jahren und Jahrzehnten zielbewußt zu handeln!" Foto: Michael Kunze.
Für Wil­helm Star­lin­ger lag Chi­na in den fünf­zi­ger Jah­ren zwar zunächst ein­mal „hin­ter Russ­land“, wor­auf der Titel sei­nes Buches hin­wies. Dass das Land aber dabei war, sich aus die­ser Rand­la­ge her­aus­zu­ar­bei­ten, war Star­lin­ger im Gegen­satz zu vie­len sei­ner Zeit­ge­nos­sen nicht ver­bor­gen geblie­ben: „Die Zeit geht heu­te schnell – […] auch […] im Mor­gen­land, seit Chi­na sich ent­schloß, nicht mehr Jahr­hun­der­te zu medi­tie­ren, son­dern in Jah­ren und Jahr­zehn­ten ziel­be­wußt zu han­deln!“ Foto: Micha­el Kun­ze
Gehypt wird Chi­na nicht erst seit Mona­ten, son­dern Jah­ren – von west­li­chen Medi­en, Poli­ti­kern auf der gan­zen Welt und von Unter­neh­men sowie­so. Es stimmt auch: Das Land hat einen bei­spiel­lo­sen Auf­hol­pro­zess gegen­über dem Wes­ten zurück­ge­legt – vor allem unter öko­no­mi­schen Gesichts­punk­ten. Denn kul­tu­rell anzie­hend und inter­es­sant war es auch in der Zeit des poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Nie­der­gangs. Heu­te zeu­gen Schieß­pul­ver und Por­zel­lan, die Gro­ße Mau­er oder die Ter­ra­kot­ta-Armee höchs­tens in his­to­ri­schen Betrach­tun­gen von der Bedeu­tung des Lan­des, wäh­rend die, die sich mit der Gegen­wart beschäf­ti­gen, auf die rasan­te tech­ni­sche und wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung schau­en, die seit eini­gen Jah­ren von einem gehö­ri­gen poli­ti­schen Selbst­be­wusst­sein flan­kiert wird. Inwie­weit es begrün­det ist, wird die Zukunft zei­gen. Der ame­ri­ka­ni­sche Poli­to­lo­ge David Sham­bau­gh hat jeden­falls in sei­ner neu­en Stu­die „Chi­na Goes Glo­bal. The Par­ti­al Power“, erschie­nen bei Oxford Uni­ver­si­ty Press, vor­der­hand Zwei­fel ange­mel­det: Chi­na sei kei­ne Welt­macht, auch wenn es Boden gut­ge­macht habe; der öffent­lich ver­tre­te­ne Anspruch decke sich, wenigs­tens bis­lang, nicht mit der recht beschränk­ten mili­tä­ri­schen und diplo­ma­ti­schen Potenz. Auch unter öko­no­mi­schen Gesichts­punk­ten bestün­den Defi­zi­te: Die gro­ßen Unter­neh­men des Lan­des lägen in punc­to Inter­na­tio­na­li­sie­rung ihrer Beleg­schaf­ten und Höhe der Aus­lands­in­ves­ti­tio­nen nach wie vor abge­schla­gen hin­ter west­li­cher Kon­kur­renz.

Dar­über hin­aus sei es Chi­na nicht gelun­gen, belast­ba­re Freund­schafts­ban­de zu ande­ren Län­dern zu knüp­fen – es lie­ße sich ein­schie­ben: so wie sie zwi­schen Deutsch­land und sei­nen Nach­barn bestehen, beson­ders zu Frank­reich, den Bene­lux-Län­dern, Öster­reich. Chi­na kennt in sei­ner Liga nur gegen­über Russ­land enge­re Bin­dun­gen, die tra­di­tio­nell aber nie span­nungs­arm waren. Dar­über täuscht auch die Koope­ra­ti­on im UN-Sicher­heits­rat nicht hin­weg. Vor­be­halt­los als Part­ner und Ver­bün­de­ten oder gar Freund betrach­tet kaum ein Land Chi­na, weder Japan, mit dem es in Feh­de liegt (für die die Ursa­chen auf bei­den Sei­ten zu suchen sind), oder Euro­pa, auch nicht der gro­ße asia­ti­sche Wett­be­wer­ber Indi­en, noch die direk­ten süd­ost­asia­ti­schen Nach­barn, die seit jeher die chi­ne­si­sche Domi­nanz fürch­ten. Nie­mand kann sich Chi­na sicher sein. In Betracht zie­hen jedoch, lie­ßen sich Sham­bau­ghs Aus­füh­run­gen wei­ter­spin­nen, muss das Land heu­te poli­tisch und öko­no­misch jeder, mili­tä­risch gilt dies immer­hin für den ost- und süd­ost­asia­ti­schen Raum. Nicht nur die Regie­rung, son­dern auch immer mehr Bür­ger des Lan­des wis­sen um die poli­ti­sche Stel­lung Chi­nas, wor­auf sie gern mit ras­seln­den Säbeln auf­merk­sam machen. Den­noch macht Sham­bau­gh eine „Dis­kre­panz zwi­schen dem diplo­ma­ti­schen Aktio­nis­mus und der star­ken Zurück­hal­tung […] bei der Bewäl­ti­gung glo­ba­ler Pro­ble­me“ aus, wie Jür­gen Kahl in einer Bespre­chung des Buches für die „Neue Zür­cher Zei­tung“ schrieb. Chi­na gel­te als „zöger­lich, risi­ko­scheu und in sehr engem Sin­ne vom Eigen­nutz bestimmt“, gibt Kahl Sham­bau­ghs Urteil wie­der. Groß sei die Gefahr, die vom „Land der Mit­te“ aus­ge­he, dann, bekun­det der Poli­to­lo­ge, wenn es über­schätzt wer­de oder sich selbst über­schät­ze. Mit Rat­schlä­gen für den Wes­ten, wie mit Chi­na umzu­ge­hen sei, hält er sich indes zurück. Die Fra­ge nach der Ursa­che dafür, die Kahl auf­wirft, beant­wor­tet die­ser sich gleich selbst mit Bezug auf den Unter­ti­tel der Stu­die: „Das mag dar­an lie­gen, dass Sham­bau­gh sonst ein­räu­men müss­te, dass es Chi­na welt­weit mit Groß­mäch­ten zu tun hat, die alle­samt selbst nur noch als ‚par­ti­al powers‘ in Erschei­nung tre­ten.“ Die Gewich­te ver­schie­ben sich. Den­noch wäre es zu früh, dem Nie­der­gang des Wes­tens und sei­ner Vor­rei­ter­rol­le in Ame­ri­ka das Wort zu reden.

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