Görlitz – Tokio – Euba

Im Ein­klang mit sich und der Welt – obgleich er erleb­te, wie sie aus den Fugen geriet: der Japa­no­lo­ge und Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Joa­chim Glau­bitz im Chem­nit­zer Orts­teil Euba. Foto: Micha­el Kun­ze.

Joa­chim Glau­bitz war Sta­tist am Gör­lit­zer Thea­ter, stu­dier­te bei Ernst Bloch in Leip­zig und ging dann in den Wes­ten. Er lei­te­te das Goe­the-Insti­tut in Tokio und beriet nach sei­ner Rück­kehr deut­sche Poli­ti­ker und Indus­tri­el­le wie Bert­hold Beitz. Seit 1996 lebt der Japa­no­lo­ge in Chem­nitz-Euba – und fei­er­te kürz­lich sei­nen 85. Geburts­tag. 

EUBA. Der His­to­ri­ker Eber­hard Jäckel hat das 20. Jahr­hun­dert als das deut­sche bezeich­net – in sei­ner gan­zen Tra­gik, gekenn­zeich­net durch zwei Welt­krie­ge und am Ende des Kal­ten Kriegs durch die Über­win­dung des Eiser­nen Vor­hangs auch in der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung. Der Euba­er Joa­chim Glau­bitz erlebt die­se Tra­gik, all die Span­nun­gen dies- wie jen­seits der Elbe und vom Aus­land aus mit. Gebo­ren 1929 öst­lich von Gör­litz, will er zunächst Schau­spie­ler wer­den. Sein Ent­schluss steht fest, schon wäh­rend der Schul­zeit. Jah­re­lang arbei­tet er als Sta­tist am Gör­lit­zer Thea­ter. Nach Schau­spiel­un­ter­richt und Abitur erfüllt sich sein Jugend­traum: mit einem Enga­ge­ment am Glauchau­er Stadt­thea­ter. Doch zuvor, noch in den letz­ten Kriegs­wo­chen, droht ihm, dem damals Sech­zehn­jäh­ri­gen, unweit von Gör­litz der Front­ein­satz. Dass es dazu nicht kommt, ist eine eige­ne Geschich­te. Glau­bitz hat­te Glück. Der Arzt hin­ge­gen, der ihn und ande­re vom Front­dienst frei­stellt, ver­schwin­det spur­los nach Sibi­ri­en.

Das Thea­ter jedoch bleibt Epi­so­de, Glau­bitz will es so: „Ich merk­te doch schnell, das ist nichts für mich“, sagt er knapp. Und wird statt­des­sen Leh­rer. Glau­bitz lernt in einem Inten­siv­kurs Rus­sisch, zunächst in Mei­ßen, dann in Leip­zig. Aber­mals kommt es zu einer Wen­de: Obwohl schon aus­ge­bil­det zum Rus­sisch­leh­rer, fas­zi­niert ihn nun die chi­ne­si­sche Schrift der­art, dass er sich für ein Stu­di­um der Sino­lo­gie ent­schei­det. Das arran­giert ein Pro­fes­sor des Fachs, den Glau­bitz zufäl­lig in Leip­zig wäh­rend sei­ner Rus­sisch­kur­se ken­nen­lernt. Nun ist es also Chi­na, dem er sich wid­met – und des­sen Schrift und Spra­che. Bis Janu­ar ´53 hört er aber auch den Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Hans May­er (1907–2001) in Leip­zig, der mit Brecht in Kon­takt steht und spä­ter im Wes­ten mit Reich-Rani­cki im Fern­se­hen auf­tritt. Nie­mand gerin­ge­res als Ernst Bloch (1885–1977) prüft ihn schließ­lich im obli­ga­to­ri­schen Fach Mar­xis­mus-Leni­nis­mus. Wobei er durch­fällt. Das räumt er ein.

Nicht aber des­halb will Glau­bitz Anfang ´53 weg aus der DDR. Son­dern wegen der ein­sei­ti­gen Poli­ti­sie­rung des Stu­di­ums an der Leip­zi­ger Uni und des Lebens im Lan­de all­ge­mein. „Das SED-Regime bestand aus Lüge und Gewalt. Wer die Lüge nicht akzep­tier­te“, beschreibt er das Dilem­ma, „bekam die Gewalt zu spü­ren.“ Die von ihm in der Anfangs­zeit als „noch recht offen“ beschrie­be­ne Dis­kus­si­ons­kul­tur in den Semi­na­ren weicht mehr und mehr ideo­lo­gi­scher Ver­bohrt­heit. Wer anders denkt als es die SED vor­gibt, hütet sich ent­we­der, dar­über offen zu spre­chen oder muss mit Kon­se­quen­zen rech­nen. Oder: sie selbst zie­hen. Das tut Glau­bitz dann, gera­de 23 Jah­re alt. Wie 13 der 15 Schü­ler sei­ner Abitur­klas­se ver­lässt er die DDR. Über Ber­lin geht es in den Wes­ten. Sei­ne Eltern blei­ben in Gör­litz; Jahr für Jahr besucht er sie nun in der alten Hei­mat, wäh­rend er in Ham­burg Japa­no­lo­gie stu­diert.

Mit den Rei­sen in den Osten ist es bald aber vor­erst vor­bei. Seit 1958 ver­wei­gert der SED-Staat Repu­blik­flücht­lin­gen wie ihm die Ein­rei­se. Glau­bitz ist nun Wis­sen­schaft­ler, ein Ost­asi­en­fach­mann, er wird in Japa­no­lo­gie pro­mo­viert. Fünf Spra­chen beherrscht er mitt­ler­wei­le: Neben sei­ner Mut­ter­spra­che sind dies Man­da­rin, Eng­lisch, Japa­nisch und Rus­sisch. Die Zeit, in der er sich in Ham­burg zunächst als Tel­ler­wä­scher ver­dingt, aber auch die Schau­spiel­er­le­gen­de Gus­taf Gründ­gens als Mephis­to am Thea­ter erlebt, sie ist vor­über, als Glau­bitz sich bei Indus­trie­gi­gan­ten wie Höchst oder Bay­er bewirbt. Wäh­rend es dort nicht klappt, tut sich am Goe­the-Insti­tut in Mün­chen eine ande­re Per­spek­ti­ve auf. Die 1951 gegrün­de­te Sprach- und Kul­tur­ein­rich­tung sucht Ende der 50er-Jah­re hän­de­rin­gend nach Per­so­nal. Gast­ar­bei­ter, die sei­ner­zeit tau­send­fach in die Bun­des­re­pu­blik strö­men, sol­len Deutsch ler­nen. Glau­bitz ist einer von denen, die sie fort­an unter­rich­ten, bis er 1962 die Zel­te abbricht. Und ins Schiff steigt. Von Genua aus beginnt eine acht­wö­chi­ge Rei­se nach Japan. Die Fahrt selbst ist eine Geschich­te für sich und gerät ihm und sei­ner Fami­lie zu einer heu­te sel­ten gewor­de­nen Ent­schleu­ni­gungs­er­fah­rung in einer schon damals hek­ti­schen Welt. Mit Frau und Toch­ter in Tokio ange­kom­men, ist ihm, dem Japa­no­lo­gen, sagt er, zunächst „alles neu“. Glau­bitz lei­tet für drei Jah­re das Goe­the-Insti­tut in der japa­ni­schen Haupt­stadt. Eine Art sprach­kul­tu­rel­ler Bot­schaf­ter sei­ner Hei­mat ist er.

Er reist viel – nicht nur in Japan, son­dern auch nach Korea. 1964 steht er dann erst­mals in Chi­na vor der Gro­ßen Mau­er. Doch ver­kehr­te Welt: Alles ist anders als heu­te. „Es gab kei­ne Tou­ris­ten. Ich war ein ein­sa­mer Besu­cher, kei­ne Autos, aber Fahr­rä­der, kei­ne Elek­tri­zi­tät jen­seits weni­ger gro­ßer Städ­te“ – wäh­rend er Hong­kong, die bri­ti­sche Kron­ko­lo­nie, als „bro­deln­de, fun­keln­de, kapi­ta­lis­ti­sche Groß­stadt“ erlebt. Shen­zhen, heu­te eine 10-Mil­lio­nen-Ein­woh­ner-Metro­po­le, liegt statt­des­sen als „win­zi­ges Ört­chen“ in der Land­schaft.

1966 kehrt er aus Japan nach Deutsch­land zurück. Der 37-Jäh­ri­ge geht nach Köln an das Bun­des­in­sti­tut zur Erfor­schung des Mar­xis­mus-Leni­nis­mus. Zwei Jah­re nur bleibt er, wech­selt dann nach Mün­chen, da er unzu­frie­den ist mit der inhalt­li­chen Enge der Behör­de. Sei­ne neue Sta­ti­on ist anders – anre­gen­der, viel­sei­ti­ger: die Stif­tung Wis­sen­schaft und Poli­tik (SWP). An der größ­ten Ein­rich­tung ihrer Art in Euro­pa berät er Bun­des­tag und Bun­des­re­gie­rung in außen- und sicher­heits­po­li­ti­schen Fra­gen. Glau­bitz lie­fert Ana­ly­sen zur poli­ti­schen Lage im sowje­ti­schen Macht­be­reich und in Fern­ost, habi­li­tiert sich 1973 mit einer Arbeit über die chi­ne­sisch-rus­si­schen Bezie­hun­gen und wird Pro­fes­sor an der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät. Längst ist er ein Fach­mann, der gehört wird an höchs­ter Stel­le. Von Poli­ti­kern zum Bei­spiel oder in der Esse­ner Vil­la Hügel, wo er dem Thys­sen-Krupp-Patri­ar­chen Bert­hold Beitz (1913–2013) per­sön­lich vor­trägt.

Schließ­lich, 1992, wird er pen­sio­niert. Deutsch­land ist da längst wie­der­ver­ei­nigt. Wie vie­le, so hat auch er auf „die­ses Glück“ kaum mehr zu hof­fen gewagt. Viel­mehr erscheint ihm Hon­eckers Staats­be­such in Bonn fünf Jah­re zuvor wie „eine Besie­ge­lung der Zwei­staat­lich­keit“. Dass er nach 1981, als er für eine wis­sen­schaft­li­che Kon­fe­renz erst­mals ins dama­li­ge Karl-Marx-Stadt fährt, noch ein­mal dahin zurück­keh­ren wür­de, gar auf Dau­er, steht zunächst nicht zur Debat­te. Doch kaum zwei Jah­re nach sei­ner Pen­sio­nie­rung erhält sei­ne zwei­te Ehe­frau, die Poli­to­lo­gin Bea­te Neuss, eine Pro­fes­sur an der TU Chem­nitz. Auch Glau­bitz erteilt hier anfangs noch Semi­na­re. Gar nicht so weit weg von Glauchau, der kurz­zei­ti­gen Wir­kungs­stät­te als Schau­spie­ler, bau­en bei­de ein Haus. Und zie­hen 1996 nach Euba. Seit­her, sagt er, „hat sich Chem­nitz dra­ma­tisch zum Bes­se­ren ver­än­dert“. Glau­bitz schätzt die „inter­es­san­te Kunst­sze­ne, Aus­stel­lun­gen, das Thea­ter“. Und die „wun­der­ba­re Stil­le“. In Euba. Seit Jah­ren spielt er Schach im TSV Ifa Chem­nitz und sagt von sich doch, dass er „kein gro­ßer Schach­spie­ler“ sei. „Die Qua­li­tät mei­ner Nie­der­la­gen hat sich aber ver­bes­sert“, schiebt er nach, mit einer für ihn typi­schen Mischung aus Beschei­den­heit und Iro­nie.

Joa­chim Glau­bitz ist ein stil­ler Arbei­ter, ein Gelehr­ter alter Schu­le, einer, der zuhört und noch immer auf­merk­sam das Welt­ge­sche­hen ver­folgt. Aus dem Rus­si­schen ins Deut­sche über­trägt er noch im Jahr 2011 knapp 140 Doku­men­te Michail Gor­bat­schows und sei­ner Bera­ter zur deut­schen Fra­ge; in Heft 2 (2014) der Jena­er Zeit­schrift „Ger­ber­gas­se 18“ erscheint nun aber­mals eine Über­set­zung von ihm, dies­mal die eines Bei­trags von Roman Bol­dy­rew zum The­ma „All­tags­le­ben sowje­ti­scher Mili­tär­an­ge­hö­ri­ger in Doku­men­ten der poli­ti­schen Ver­wal­tung der SMAD“.

Lese­tipp: Alex­san­dr Galkin/Anatolij Tschern­ja­jew (Her­aus­ge­ber): Michail Gor­bat­schow und die deut­sche Fra­ge. Sowje­ti­sche Doku­men­te 1986–1991, über­setzt von Joa­chim Glau­bitz, erschie­nen im Olden­bourg-Ver­lag, Mün­chen 2011, 640 Sei­ten, 69,80 Euro.

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4 Gedanken zu „Görlitz – Tokio – Euba

  1. Ich habe Herrn Glau­bitz die­ser Tage anläß­lich sei­nes her­vor­ra­gen­den Vor­trags über Gor­bat­schow in Leip­zig erlebt und bin sehr erfreut, hier ein so umfas­sen­de Bio­gra­fie lesen zu kön­nen.

    1. Vie­len Dank für Ihren Zuspruch! Eine gekürz­te Ver­si­on erschien im Som­mer in der Chem­nit­zer „Frei­en Pres­se“.

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