Dresden, 17. März 2014

Tschechiens früherer Außenminister Karl zu Schwarzenberg (rechts) im Gespräch mit Dr. Joachim Klose, dem Leiter des Dresdener Bildungswerks der Konrad-Adenauer-Stiftung. Foto: Michael Kunze.
Tsche­chi­ens vor­ma­li­ger Außen­mi­nis­ter Karl zu Schwar­zen­berg (rechts) im Gespräch mit Dr. Joa­chim Klo­se, dem Lei­ter des Dres­de­ner Bil­dungs­werks der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung. Foto: Micha­el Kun­ze.

„Was ist, wenn Euro­pa fällt? Was gin­ge dann – in speng­ler­scher Dik­ti­on – (noch) unter?“ So frag­te Karl zu Schwar­zen­berg, Tsche­chi­ens frü­he­rer Außen­mi­nis­ter, nicht. Er dia­gnos­ti­zier­te viel­mehr: „Euro­pa ist in Gefahr.“ Wäh­rend die Mehr­heit des Publi­kums – um die 350 Gäs­te waren der Ein­la­dung der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung in die Drei­kö­nigs­kir­che gefolgt – dabei an die der­zei­ti­ge Kri­se zwi­schen Ukrai­ne und Russ­land gedacht haben mag, führ­te sie Schwar­zen­berg, der 1937 in Prag gebo­re­ne Nach­fah­re des Ober­be­fehls­ha­bers der anti­na­po­leo­ni­schen Trup­pen in der Völ­ker­schlacht, auf eine ande­re Fähr­te. Zu sich und gegen sich als Euro­pä­er, lie­ße sie sich beschrei­ben. Wenn Euro­pa schei­te­re, lau­te­te sein Cre­do, dann nicht an einem anti­li­be­ra­len Russ­land, das den Euro­pä­ern der­zeit für ihre eige­ne Unent­schlos­sen­heit, ihre über Jahr­zehn­te gefähr­lich ein­sei­ti­ge Ori­en­tie­rung an Kon­sum und wirt­schaft­li­cher Pro­spe­ri­tät bei man­geln­der Ver­tei­di­gungs­be­reit­schaft eine (Teil-?) Rech­nung prä­sen­tie­re, zu deren Deckung Ame­ri­ka mitt­ler­wei­le weder wil­lens noch in der Lage sei. Euro­pa – das heißt für Schwar­zen­berg zunächst: die EU, der es vor allem an Inte­gra­ti­ons­be­mü­hun­gen in den Berei­chen von Außen‑, Sicher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik erman­ge­le, wäh­rend sie andern­orts zu weit getrie­ben wor­den sei­en -, Euro­pa schei­te­re an den Euro­pä­ern und zwar dann, wenn sie nicht ihre Gemein­sam­kei­ten den Unter­schie­den vor­an­stell­ten. Die­sen Ein­druck erweck­ten jedoch die demo­sko­pi­schen Unter­su­chun­gen im Vor­feld der Euro­pa­wahl quer über den Kon­ti­nent. Was seit Jahr­zehn­ten feh­le, sei eine neue poli­ti­sche, eine gesell­schaft­li­che Idee, die Bür­ger und poli­ti­sche Füh­rung antrei­be. Und das Wis­sen um fes­ten Grund, von dem aus sie ent­wi­ckelt wer­den kön­ne. Schwar­zen­berg ließ das Publi­kum nicht im Unge­fäh­ren dar­über, wor­auf er sein Den­ken und Han­deln grün­de: auf das Bewusst­sein für „die vier Hügel“ – den Sinai, Gol­ga­tha (zwei Ber­ge außer­halb des geo­gra­fi­schen Euro­pas – kei­ne neue zwar, doch eine nach wie vor bemer­kens­wer­te Klam­mer), die Athe­ner Akro­po­lis und das römi­sche Kapi­tol. In sei­nem Vor­trag zum The­ma „Demo­kra­tie in Gefahr? Die Bedeu­tung der Euro­päi­schen Uni­on für Län­der in Mit­tel-/Ost-Euro­pa“ hielt sich der 76-Jäh­ri­ge nicht lan­ge auf mit Russ­lands Krim-Poli­tik, wobei ihm die Reak­tio­nen der Euro­pä­er sym­pto­ma­tisch für deren Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit zu ste­hen schie­nen. Auf ande­re, vom Wes­ten aus kri­tisch beäug­te EU-Län­der wie Rumä­ni­en oder Ungarn ging er mil­de ein – und brach­te Ver­ständ­nis auf für deren von Kor­rup­ti­on (Rumä­ni­en) und Diri­gis­mus, von staat­li­cher Wirt­schafts­len­kung oder poli­ti­scher Ein­schüch­te­rung (Ungarn) gepräg­te aktu­el­le Ver­fas­sung. Was man­chen Zuhö­rer ver­wun­dert haben mag. Schwar­zen­berg, der nach der Matu­ra in Wien eben­dort, in Graz und Mün­chen zunächst Rechts‑, dann Forst­wis­sen­schaf­ten stu­dier­te, nann­te es „nach­voll­zieh­bar“, dass die poli­ti­sche Kul­tur die­ser und ande­rer Län­der, die über vie­le Deka­den unter dik­ta­to­ri­schen, jeden­falls nicht rechts­staat­li­chen Bedin­gun­gen exis­tier­ten, nicht innert weni­ger Jahr­zehn­te einer Meta­mor­pho­se unter­zo­gen wer­den kann. Der grei­se Herr riet zu Geduld. Und erin­ner­te sich sei­ner Stu­di­en­zeit im Mün­chen der spä­ten fünf­zi­ger Jah­re, wäh­rend der über die Nazi­ver­gan­gen­heit wesent­li­cher Poli­ti­ker, Rich­ter und Ver­wal­tungs­fach­leu­te in Deutsch­land debat­tiert wur­de. Und deren fort­be­stehen­den Ein­fluss dort, wo sie noch immer ein­ge­setzt waren. „Dabei dau­er­te das ‚Drit­te Reich‘ nur zwölf Jah­re“, gab er zu beden­ken, „nicht mehr als 70 wie der Kom­mu­nis­mus in Russ­land.“ Schwar­zen­berg schloss mit einem Appell an die Euro­pä­er, also auch die Sach­sen und Dres­de­ner, von denen er weiß: Sie teil­ten das tsche­chi­sche Schick­sal der kom­mu­nis­ti­schen Unter­drü­ckung – und las­sen sich den­noch mit­un­ter zu Zynis­mus über die aktu­el­le Lage ver­lei­ten: „Über­las­sen Sie Euro­pa nicht den Poli­ti­kern, gehen Sie selbst ans Werk!“ Sag­te der Poli­ti­ker. Der­art Selbst­iro­ni­sches – in vol­lem Bewusst­sein um den Ernst der Lage – hört man hier­zu­lan­de sel­ten von Ver­tre­tern sei­ner Zunft. Wer sich an die­ser Stel­le Kon­kre­te­res dazu gewünscht hät­te, wie Euro­pa vor­an­zu­brin­gen wäre, wur­de zwar ent­täuscht. Ein Blick auf das bis­he­ri­ge Leben Schwar­zen­bergs mag jedoch Inspi­ra­ti­ons­quel­le genug sein.

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