Alles, was jüdisch ist

Im Leipziger "Haus des Buches" und neuen Domizil des 1982 in Berlin gegründeten Verlags Hentrich & Hentrich: Thomas Schneider, Kaufmännischer und Herstellungsleiter, Verlegerin Nora Pester sowie Lektorin Wilma Schütze. Foto: Michael Kunze
Im Leip­zi­ger „Haus des Buches“ und neu­en Domi­zil des 1982 in Ber­lin gegrün­de­ten Ver­lags Hen­t­rich & Hen­t­rich: Tho­mas Schnei­der, Kauf­män­ni­scher und Her­stel­lungs­lei­ter, Ver­le­ge­rin Nora Pes­ter (Mit­te) sowie Lek­to­rin Wil­ma Schüt­ze. Foto: Micha­el Kun­ze

Der Ver­lag Hen­t­rich & Hen­t­rich, spe­zia­li­siert auf jüdi­sche Kul­tur und Geschich­te, ist ein Uni­kum im deut­schen Sprach­raum, sagt des­sen Che­fin. Nun ist er von Ber­lin nach Leip­zig gezo­gen.

LEIPZIG. Zwei hel­le Räu­me, tie­fe Fens­ter und Schreib­ti­sche, dar­auf Com­pu­ter und die Wän­de dicht bestückt mit Rega­len vol­ler Bücher – so sieht es aus, das neue Leip­zi­ger Domi­zil von Hen­t­rich & Hen­t­rich, dem nach eige­nen Anga­ben ein­zi­gen eigen­stän­di­gen Ver­lag für jüdi­sche Kul­tur und Zeit­ge­schich­te im deut­schen Sprach­raum. Im Spät­som­mer 2018 ist er von der Spree an die Plei­ße gezo­gen.

Mitt­ler­wei­le hat man sich ein­ge­rich­tet am tra­di­ti­ons­rei­chen Stand­ort „Haus des Buches“, Gerichtsweg/Ecke Pra­ger Stra­ße. Bis zur Zer­stö­rung 1943 durch Bom­ben befand sich hier das schmu­cke Buch­händ­ler­haus des Bör­sen­ver­eins. Der Ver­lag zog in Räu­me, die zuvor das 2017 insol­ven­te, auf Kunst und Kunst­ge­schich­te spe­zia­li­sier­te Tra­di­ti­ons­haus See­mann-Hen­schel nutz­te.

„Hen­t­rich war mehr als drei­ßig Jah­re in Ber­lin“, sagt Ver­le­ge­rin Nora Pes­ter. Seit der Grün­dung 1982, ab 1998 unter dem heu­ti­gen Namen. Doch der Miet­ver­trag an der Wil­helm­stra­ße lief aus. „Hät­ten wir zen­tral in der Haupt­stadt blei­ben wol­len, wäre eine Miet­erhö­hung von 150 Pro­zent ein­zu­pla­nen gewe­sen“, so die 41-Jäh­ri­ge. Wegen der schwie­ri­gen Ver­kehrs­la­ge und lan­ger Wege sei ein Wech­sel an die Ber­li­ner Peri­phe­rie nicht infra­ge gekom­men, wenn­gleich wie­der eine klei­ne Depen­dance an der Spree eröff­nen soll.

Neu­start in einer Stadt, in der das Bewusst­sein für das Medi­um wei­ter stark ist

Für die gebür­ti­ge Leip­zi­ge­rin und pro­mo­vier­te Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin, die Hen­t­rich & Hen­t­rich als Nicht-Jüdin im Janu­ar 2010 nach dem Tod des Grün­ders Ger­hard Hen­t­rich (1924–2009) von des­sen Sohn Harald, Anti­quar in Ber­lin-Ste­glitz, über­nom­men hat­te, war es eine Rück­kehr in die Hei­mat. „Mei­ne Her­kunft war aber kein Argu­ment“, erklärt sie, der Wech­sel aber die Chan­ce zum Neu­start in einer Buch­stadt, in der das Bewusst­sein für die­ses Medi­um wei­ter stark ist und die bezahl­ba­re Räu­me bie­tet.

Die drei­köp­fi­ge Mann­schaft, die nach Bedarf frei­be­ruf­li­che Gra­fi­ker oder Lek­to­ren hin­zu­zieht und mit einer Hand­voll Dru­cke­rei­en koope­riert, bringt jähr­lich rund 50 Neu­erschei­nun­gen her­aus „über alles, was jüdisch ist“, so Pes­ter. Von den aktu­ell etwa 400 lie­fer­ba­ren Titeln, mit denen zuletzt rund eine hal­be Mil­li­on Euro Umsatz erwirt­schaf­tet wur­de, ent­fal­len weni­ge auf Bel­le­tris­tik. Doch das Spek­trum ist weit: Es reicht vom poli­ti­schen Sach­buch über jüdi­sche Gebets‑, Ethiktex­te und Aus­stel­lungs­ka­ta­lo­ge bis zu Bio­gra­fien, Schul‑, Kin­der- und Jugend­li­te­ra­tur.

Von den kon­ven­tio­nel­len Ver­käu­fen kön­ne ein klei­ner Ver­lag aber kaum mehr leben. Das Wer­be­bud­get ist schmal. Ziel­grup­pen­ge­nau sor­tier­te Bücher­ti­sche bei Ver­an­stal­tun­gen und Min­dest­ab­nah­men durch Muse­en, Stif­tun­gen, Bil­dungs­trä­ger bei kon­kret ver­ein­bar­ten Buch­pro­jek­ten wür­den immer wich­ti­ger, da der Han­del mit hohen Rabatt­for­de­run­gen gewal­tig Druck aus­übe – ein Los, das wei­ten Tei­len der Ver­lags­welt zuge­fal­len ist.

Unter den Autoren sind weni­ger bekann­te wie auch nam­haf­te, so der Schrift­stel­ler Ste­fan Zweig, der His­to­ri­ker Juli­us Schoeps oder der eins­ti­ge Gene­ral­se­kre­tär des Zen­tral­rats der Juden, Ste­phan Kra­mer. Auch Nicht­ju­den publi­zie­ren; dazu kom­men The­men, die über das jüdi­sche Milieu hin­aus­wei­sen. So erschien 2016 Karl Kar­di­nal Leh­manns Por­trät über den von den Nazis ermor­de­ten Pries­ter und Pazi­fis­ten Max Josef Metz­ger.

Auch regio­na­le The­men sind prä­sent, etwa in Dani­el Ris­taus Band „Bruch­stü­cke“, der sich den Novem­ber­po­gro­men von 1938 in Sach­sen wid­met. Die Rei­he „Jüdi­sche Minia­tu­ren“ ver­zeich­net eine umfang­rei­che Bro­schü­re über die Gör­lit­zer Syn­ago­ge. Ein ande­res Buch stellt den Alten Jüdi­schen Fried­hof in Dres­den vor. Den­noch wol­le man kein Regio­na­lia-Ver­lag wer­den, macht Pes­ter deut­lich, die vor Hen­t­rich beim Leip­zi­ger Forum-Ver­lag tätig war, bei Pas­sa­gen in Wien oder Mat­thes & Seitz in Ber­lin.

Ängs­te nach „Chem­nitz“

In Sach­sen sei man mit offe­nen Armen emp­fan­gen wor­den. Selbst der Impuls, sich in Leip­zig nie­der­zu­las­sen, kam aus dem Frei­staat. „Eine Zwi­ckau­er Hoch­schul­pro­fes­so­rin“, sagt die Ver­le­ge­rin, „brach­te mich auf die Idee.“ Schnell wur­den Füh­ler in die Mes­se­stadt aus­ge­streckt. Bereits Ende August – im zeit­li­chen Kon­text zum gewalt­sa­men Tod eines Chem­nit­zer Fami­li­en­va­ters, mut­maß­lich durch Asyl­be­wer­ber, und den fol­gen­den Aus­schrei­tun­gen – konn­ten die Räu­me bezo­gen wer­den. „Einer unse­rer Autoren“, ergänzt sie, „schrieb mir dar­auf­hin, er wer­de nie wie­der einen Fuß auf säch­si­schen Boden set­zen.“ Dabei sei die Sicher­heits­la­ge mit der in Ber­lin, wo es mit­un­ter vor allem Pro­ble­me mit der links­ex­tre­mis­ti­schen Anti-Isra­el-Lob­by gege­ben habe, nicht ver­gleich­bar und bis dato viel bes­ser. Dar­um habe sie sich gefreut, als ein aus Isra­el stam­men­der ande­rer Autor damals trotz Beden­ken sei­ne Lese­rei­se antrat – und sich begeis­tert gezeigt habe von Neu­gier und Offen­heit bei Ter­mi­nen in Dres­den, Leip­zig, Zwi­ckau, Bad Mus­kau.

Was Pes­ter wie vie­le Ver­lags­leu­te auch umtreibt, ist die Sor­ge um die Lese­kom­pe­tenz in der Gesell­schaft. Die Fähig­keit, län­ge­re Tex­te zu erfas­sen, neh­me ab. „Wir wer­den zu Über­schrif­ten­scan­nern.“ Dar­auf böten auch E‑Books kei­ne Ant­wort; die­se feh­len – anders als etwa DVDs von Kon­zert­mit­schnit­ten – im Pro­gramm. Nora Pes­ter mahnt: „Wir dür­fen das Lesen nicht ver­ler­nen.“

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