Das Abendland ist Thema – nur wenige interessiert es

Joa­chim Klo­se, von 2000 bis 2007 Grün­dungs­di­rek­tor der Katho­li­schen Aka­de­mie des Bis­tums Dres­den-Mei­ßen, im Gespräch mit dem Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Hans Mai­er am Abend des 25. Aprils 2022 im Frei­ber­ger Schloss­quar­tier. Foto: Micha­el Kun­ze

Der frü­he­re CSU-Poli­ti­ker und Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Hans Mai­er hat in der Berg­aka­de­mie Frei­berg an einen ihrer bedeu­tends­ten Stu­den­ten erin­nert: den Dich­ter Nova­lis, des­sen 250. Geburts­tag ansteht. Nur drei Dut­zend Zuhö­rer waren gekom­men.

FREIBERG. Was wür­de Nova­lis, der vor rund 220 Jah­ren an der Berg­aka­de­mie stu­diert hat, Euro­pa heu­te ins Stamm­buch schrei­ben? Das frag­te der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Hans Mai­er, der zu den bedeu­tends­ten deut­schen Intel­lek­tu­el­len sei­ner Genera­ti­on zählt, am Mon­tag­abend im Schloss­platz­quar­tier beim Nova­lis­fo­rum der Katho­li­schen Aka­de­mie. Wäre die­ser, so Mai­er, auch heu­te so spon­tan, kühn, unbe­re­chen­bar, anstö­ßig wie zu Leb­zei­ten? Könn­te der Natur­wis­sen­schaft­ler und Poet, der eigent­lich Fried­rich von Har­den­berg (1772–1801) hieß und zu den nam­haf­tes­ten Ver­tre­tern der Früh­ro­man­tik zähl­te, dar­über hin­weg­se­hen, „dass das Chris­ten­tum in Euro­pa in vie­len Län­dern in die Min­der­heit gera­ten ist“? Wür­de ihn dies her­aus­for­dern? „Die Mei­nung von der Nega­ti­vi­tät des Chris­ten­tums ist vor­treff­lich“, notier­te Nova­lis zehn Jah­re nach Aus­bruch der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on pro­vo­zie­rend in einer reli­gi­ons­kri­ti­schen Gemenge­la­ge. Im Wider­spruch zu gro­ßen Krei­sen sei­ner und unse­rer Zeit sah er das Chris­ten­tum auf dem Weg zur Grund­la­ge „eines leben­di­gen mora­li­schen Raums“, erin­ner­te Mai­er.

Dar­über mag strei­ten, wer in einer Regi­on lebt, in der weni­ger als ein Vier­tel der Bür­ger einer Kir­che ange­hört. Der Rele­vanz des The­mas ist damit in einer Zeit andau­ern­der beträcht­li­cher Migra­ti­on nichts genom­men. In gro­ßer Anzahl gelan­gen Men­schen aus der Ukrai­ne und seit Jah­ren etwa aus Nord­afri­ka auch nach Sach­sen, mit ihren Prä­gun­gen.

Fra­gen, so lie­ße sich die Dis­kus­si­on zwi­schen Mai­er und dem eins­ti­gen Aka­de­mie-Grün­dungs­di­rek­tor Joa­chim Klo­se zusam­men­fas­sen, sind auch dann zu stel­len, wenn man sie nicht an sich rich­tet, son­dern ande­re sie auf­wer­fen. Nova­lis hat die Debat­te über die Rol­le der Reli­gi­on geführt, im Chris­ten­tum und des­sen Wer­ten Tra­gen­des für sei­ne Zeit gese­hen – und eben­falls in einer Pha­se gro­ßer Gewalt­tä­tig­keit gelebt, so Mai­er.

„Es wird solan­ge Blut über Euro­pa strö­men“, zitier­te die­ser den Roman­ti­ker mit bemer­kens­wer­ter Aktua­li­tät, „bis die Natio­nen ihren fürch­ter­li­chen Wahn­sinn gewahr wer­den, der sie im Krei­se her­um­treibt.“ Das noch heu­te in die­sem Zusam­men­hang viel beach­te­te Mani­fest „Die Chris­ten­heit oder Euro­pa“ ent­stand 1799. Euro­pa war geis­tig und poli­tisch zer­bro­chen, Goe­thes Begeg­nung mit Napo­le­on in Erfurt habe nicht dar­über hin­weg­täu­schen kön­nen. Der Natio­na­lis­mus habe sich durch­ge­setzt. Was trägt unter die­sen Umstän­den?, lau­te­te eine Fra­ge des Abends. „Euro­pa – geeint durch Reli­gi­on?“, so war das Abend­mot­to ange­kün­digt. Davon kann der­zeit kei­ne Rede sein; was die Zukunft bringt, ist indes offen.

Nova­lis hat die Hän­de nicht in den Schoß gelegt, die Ver­ant­wort­li­chen der Aka­de­mie auch nicht, als sie 2002 das Forum ins Leben rie­fen. Dass nur knapp drei Dut­zend Inter­es­sier­te der Vor­trags­ein­la­dung gefolgt waren, wirft jedoch Fra­gen auf. Absicht zur Grün­dung vor zwan­zig Jah­ren war es laut einer Ankün­di­gung, eine „akti­ve Gesprächs­kul­tur“ an einem Uni­ver­si­täts­stand­ort zu pfle­gen, dem eine geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Fakul­tät fehlt. Nova­lis als Namens­ge­ber zu wäh­len, kann auch durch des­sen Bezü­ge zu Frei­berg als glück­lich gel­ten, ent­deck­te er doch wäh­rend der Stu­di­en von Berg­werks­kun­de, Mathe­ma­tik und Che­mie sei­ne dich­te­ri­sche Ader und wähl­te hier sein Pseud­onym. Dass die Reso­nanz auf einen zur abend­län­di­schen Kul­tur­ge­schich­te sel­ten kun­di­gen Refe­ren­ten, der andern­orts Hun­der­te Zuhö­rer anzieht, auch in Coro­na­zei­ten der­art gering aus­ge­fal­len ist, obwohl Cha­rak­ter und Zukunft des „Abend­lan­des“ auch in Frei­berg seit Jah­ren Gegen­stand oft hit­zi­ger Debat­ten sind, stimmt den­noch nach­denk­lich.

Hans Mai­er wur­de 1931 in Freiburg/Breisgau gebo­ren, stu­dier­te in sei­ner Geburts­stadt, in Mün­chen und Paris Geschich­te, Ger­ma­nis­tik, Roma­nis­tik, Phi­lo­so­phie. Seit 1962 war er Pro­fes­sor für poli­ti­sche Wis­sen­schaft am Geschwis­ter-Scholl-Insti­tut in Mün­chen, von 1970 bis 1986 baye­ri­scher Kul­tus­mi­nis­ter. Er schied im Streit mit Minis­ter­prä­si­dent Franz-Josef Strauß aus dem Amte. Spä­ter lehr­te er Christ­li­che Welt­an­schau­ung, Reli­gi­ons- und Kul­tur­theo­rie auf dem Roma­no-Guar­di­ni-Lehr­stuhl an der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät und war Prä­si­dent des Zen­tral­ko­mi­tees der Deut­schen Katho­li­ken. Der ver­hei­ra­te­te Vater von sechs Töch­tern ist pas­sio­nier­ter Orga­nist, lebt in Mün­chen und hält zahl­rei­che Wür­den und Ehren aus dem In- und Aus­land. Im Jah­re 2011 leg­te er sei­ne Auto­bio­gra­phie „Böse Jah­re, gute Jah­re. Ein Leben 1931 ff.“ im Ver­lag C.H. Beck, Mün­chen, vor.

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