Einstiger Karl-Marx-Städter Studentenseelsorger gestorben

Prä­lat Gün­ter Hanisch, Propst i.R. (Leip­zig 1929 – Dres­den 2020), von 1957 bis 1971 im dama­li­gen Karl-Marx-Stadt im pries­ter­li­chen Dienst. Foto: Bis­tum Dres­den-Mei­ßen

Am Pfingst­tag ist Propst Gün­ter Hanisch gestor­ben, der in der Zeit des Baus der Ber­li­ner Mau­er prä­gen­de Jah­re an der Chem­nitz ver­bracht hat. Die spä­te­re Arbeit des gebür­ti­gen Leip­zi­gers, der sich blei­ben­de Ver­diens­te in der Fried­li­chen Revo­lu­ti­on erwor­ben hat, erreg­te in den 1990er-Jah­ren bun­des­weit Auf­merk­sam­keit, da sie das schwie­ri­ge Ver­hält­nis Kir­che-DDR ver­deut­licht.

CHEMNITZ/LEIPZIG/DRESDEN. Gün­ter Hanisch, der als jun­ger katho­li­scher Pries­ter 1957 nach Karl-Marx-Stadt gekom­men war und bis 1971 blieb, ist tot. Der eins­ti­ge Stu­den­ten­seel­sor­ger an der Tech­ni­schen Hoch­schu­le, die 1986 zur Uni­ver­si­tät erho­ben wur­de, starb am Sonn­tag im Alter von 90 Jah­ren. Das hat der Bischof des Bis­tums Dres­den-Mei­ßen, Hein­rich Tim­me­re­vers, mit­ge­teilt.

Wäh­rend sei­ner Karl-Marx-Städ­ter Zeit war Hanisch Propstei­ka­plan und Rek­tor des in Leis­nig gegrün­de­ten, ab 1967 in Alt­chem­nitz ange­sie­del­ten Semi­nars für den kirch­lich-cari­ta­ti­ven Dienst, in dem Sozi­al­ar­bei­ter („Für­sor­ger“) aus­ge­bil­det wur­den. „Der Mau­er­bau präg­te uns sehr“, sag­te Prä­lat Hell­mut Pusch­mann. Wie Hanisch war er damals Kaplan, jedoch in der Pfar­rei St. Joseph auf dem Son­nen­berg.

Von der Läh­mung, die von der Zemen­tie­rung der deut­schen Tei­lung aus­ging, habe sich Hanisch nicht ent­mu­ti­gen las­sen. Dabei sei­en die Her­aus­for­de­run­gen groß gewe­sen – etwa, als der Staat die Jugend­wei­he in Kon­kur­renz zu Kon­fir­ma­ti­on und Fir­mung immer mehr pro­pa­gier­te. Die Anzahl der Katho­li­ken war zwar durch Ver­trie­be­ne auf dem Gebiet der DDR gewach­sen, blieb aber klein.

Hanisch, der in Pader­born, Luzern und Frei­burg im Breis­gau Theo­lo­gie stu­diert hat­te und am 25. April 1954 in der Dres­de­ner Herz-Jesu-Kir­che in Johann­stadt zum Pries­ter geweiht wur­de, blieb auch nach sei­nem Wech­sel im Jah­re 1971 als Pfar­rer an die dor­ti­ge Hof­kir­che für den Raum Karl-Marx-Stadt zustän­dig – in her­aus­for­dern­der Mis­si­on: Er wur­de 1973 zum bischöf­li­chen Beauf­trag­ten für die Kon­tak­te zu den Räten der Bezir­ke Karl-Marx-Stadt und Dres­den beru­fen. In sei­nen Auf­ga­ben­be­reich fiel es etwa, Aus­rei­sen kirch­li­cher Mit­ar­bei­ter für Ver­wand­ten­be­su­che zu ermög­li­chen.

Im Nach­gang eines sol­chen Falls bot das Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit (MfS) 1981 „wei­te­re Gesprä­che in ’schwie­ri­gen Fäl­len‘ an“, wie der Theo­lo­ge Gre­gor Buß in der Stu­die „Katho­li­sche Pries­ter und Staats­si­cher­heit“ (2017) über den „Fall Hanisch“ schrieb. Der Bischof stimm­te wei­te­ren Ver­hand­lun­gen mit dem MfS zu, das Hanisch fort­an ohne des­sen Wis­sen als Inof­fi­zi­el­len Mit­ar­bei­ter „Dom“ führ­te, nach­dem es ihn lan­ge schon – wie vie­le Pries­ter – hat­te obser­vie­ren las­sen (1975–1981 im Ope­ra­ti­ven Vor­gang „Kle­rus“).

Der Fall wur­de 1993 bun­des­weit bekannt, als die „ARD-Tages­the­men“ dar­über berich­te­ten, so Buß: unter der Über­schrift „Sün­den­fall – Wie ein Sohn der Kir­che sei­ne Mit­brü­der an die Sta­si ver­riet“. Hanisch ging vor Gericht gegen den Autor des Bei­trags, der sich auf die Sta­si-Akte stütz­te. Der Pro­zess mach­te deut­lich, dass bei deren Aus­wer­tung Vor­sicht gebo­ten ist: IM sei nicht gleich IM gewe­sen. Ent­kräf­ten lie­ßen sich die Vor­wür­fe, da etwa kirch­li­che Unter­la­gen zum Abgleich vor­la­gen und zahl­rei­che Zeit­zeu­gen für Aus­künf­te zur Ver­fü­gung stan­den.

Dabei hat­te Hanischs Han­deln 1989 als Propst in Leip­zig längst bewie­sen, wie sehr er die Zustän­de in der DDR miss­bil­lig­te: Mit evan­ge­li­schen Super­in­ten­den­ten war er bei Frie­dens­ge­be­ten, Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen oder am Run­den Tisch sehr aktiv. Für sei­ne Ver­diens­te hat­te ihn Papst Johan­nes Paul II. schon 1979 zum Prä­la­ten ernannt. Und die Bin­dung an Chem­nitz hielt: Stets reis­ten Gra­tu­lan­ten zu sei­nem Alters­sitz in Dres­den, noch zum 90. Geburts­tag im ver­gan­ge­nen Herbst etwa der frü­he­re Stadt­rat Micha­el Wal­ter (CDU) mit sei­nen Eltern. „Sie haben sich“, sag­te er, „bei ihm am Kaß­berg ver­lobt und blie­ben ihm mit sei­ner Beschei­den­heit und dem Ein­satz für die Öku­me­ne eng ver­bun­den.“

Ver­bun­den blieb er auch sei­ner Geburts­stadt Leip­zig. „Bis zuletzt hat­te er nicht nur Zeit­schrif­ten wie die ‚Her­der-Kor­re­spon­denz‘ im Abo oder den evan­ge­li­schen ‚Sonn­tag‘, son­dern auch die ‚Leip­zi­ger Volks­zei­tung‘ “, sag­te Pfar­rer Lau­renz Tammer aus Dres­den-Strie­sen, in des­sen Pfar­rei Hanisch zuletzt gelebt hat­te und (wie andern­orts) bis ins hohe Alter lit­ur­gi­sche Diens­te wahr­nahm. „Noch am Ascher­mitt­woch hat er kon­ze­le­briert und das Asche­kreuz aus­ge­teilt“, so Tammer, der in Hanischs Zeit als Propst in Leip­zig als Kaplan wirk­te.

Prä­lat Gün­ter Hanisch, Propst i.R., wird am 9. Juni 2020, 12 Uhr, auf dem Alten Katho­li­schen Fried­hof in Dres­den-Fried­rich­stadt bei­gesetzt. Zu einem Requi­em wird am glei­chen Tag, 10 Uhr, in die Herz-Jesu-Kir­che zu Dres­den-Johann­stadt gela­den, für das ange­sichts der Coro­na­pan­de­mie eine Anmel­dung beim Dom­pfarr­amt nötig ist.

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