Auf Öl gebaut

Symbol für den Aufstieg einer Stadt: Bürotürme, Astana. Foto: Michael Kunze.
Sym­bol für den Auf­stieg einer Stadt: Büro­tür­me, Asta­na. Foto: Micha­el Kun­ze.

ASTANA. In vier Jah­ren wird die Welt auf Kasach­stan bli­cken. Dar­an arbei­tet jeden­falls Talgat Erme­gi­ya­ev. Er hofft und bangt dar­um, dass das auch gelingt. Der frü­he­re Tou­ris­mus­mi­nis­ter orga­ni­siert die Expo 2017. Drei Mona­te lang soll die Welt­aus­stel­lung in der Haupt­stadt Asta­na wei­len und inter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit auf das Land zwi­schen Russ­land und Chi­na zie­hen. Mit der Expo gerät der zen­tral­asia­ti­sche Staat „zum ers­ten Mal“ aus eige­ner Kraft „in den Blick­punkt der Welt­öf­fent­lich­keit“, sagt Erme­gi­ya­ev. Ihn hat Prä­si­dent Nur­sul­tan Nas­ar­ba­jew mit der Orga­ni­sa­ti­on der Welt­aus­stel­lung beauf­tragt. Ein gro­ße Auf­ga­be. Für Schlag­zei­len darf dann nicht der von den Rus­sen gepach­te­te Welt­raum­bahn­hof Bai­ko­nur oder das frü­he­re Atom­waf­fen­test­ge­län­de der Sowjets in Semi­pa­la­tinsk sor­gen. Alle Bli­cke sol­len sich auf den gan­zen Stolz der Kasa­chen rich­ten: auf die neue Haupt­stadt Asta­na, die seit 1998 in die kar­ge Step­pe hin­ein gepflügt wird. Das ist zumin­dest der Plan.

Auf 113 Hekt­ar Flä­che soll von 2014 an ein eige­ner Expo-Stadt­teil ent­ste­hen, in dem sich das Land in bes­tem Glanz prä­sen­tie­ren will. Kasach­stan will damit weg von dem Bild, das das Land vor­ran­gig als Öl- und Roh­stoff­ex­por­teur zeigt.

Schon jetzt ver­sucht sich die Haupt­stadt in gan­zer Grö­ße zu zei­gen: Immer neue Ban­ken­tür­me und Büro­hoch­häu­ser wach­sen in die Höhe, immer mehr Autos fah­ren über die Stra­ßen mit sechs, acht oder zehn Spu­ren. Ein gewal­ti­ger Bau­boom hält den Nord­os­ten des Lan­des in Atem, seit der Regie­rungs­sitz von Alma­ty im Süden des Lan­des hier­her ver­legt wur­de. 1989 leb­ten in Asta­na weni­ger als 300.000 Men­schen, doch die Ein­woh­ner­zahl hat sich seit­dem fast ver­drei­facht: Heu­te liegt sie knapp unter 800.000. In der Stadt fin­den sich ein Radsport‑, ein Fuß­ball- und ein Eis­sport­sta­di­on, die größ­te Moschee Zen­tral­asi­ens, teu­re Wohn­häu­ser, zahl­rei­che Ein­kaufs­zen­tren – und der rie­si­ge Prä­si­den­ten­pa­last mit blau­er Kup­pel, der dem Macht­an­spruch ent­spre­chend über­di­men­sio­niert erscheint. Medi­en wer­den zen­siert und Regime­kri­ti­ker drang­sa­liert. Stets hat der seit 1991 auto­kra­tisch regie­ren­de Prä­si­dent Nur­sul­tan Nas­ar­ba­jew das letz­te Wort.

In Zen­tral­asi­en gilt Kasach­stan als das wohl­ha­bends­te Land. Der Viel­völ­ker­staat ist in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren öko­no­misch weit vor­an­ge­schrit­ten. Die Wirt­schafts­leis­tung je Ein­woh­ner ist mit 11935 Dol­lar nach Anga­ben der Welt­bank drei Mal so hoch wie in der Ukrai­ne. Für 2017 rech­net der IWF mit 20000 Dol­lar. Auf der Lis­te der wett­be­werbs­fä­higs­ten Staa­ten des Welt­wirt­schafts­fo­rums liegt das Land auf Rang 50 (von 148).

Wich­tigs­ter Trei­ber des Wirt­schafts­wachs­tums bleibt die Roh­stoff­in­dus­trie. Kasach­stan gilt nicht nur als größ­ter Uran­pro­du­zent der Welt, son­dern ver­fügt auch über rei­che Ölvor­kom­men. Das größ­te Feld, das auf der gan­zen Welt in den ver­gan­ge­nen 45 Jah­ren erschlos­sen wur­de, liegt im kasa­chi­schen Teil des Kas­pi­schen Mee­res. Mit der erst im Sep­tem­ber begon­ne­nen För­de­rung im Kaschagan-Feld könn­te das zen­tral­asia­ti­sche Land bald in die Rie­ge der fünf größ­ten Ölex­port­län­der auf­schlie­ßen. Ein inter­na­tio­na­les Kon­sor­ti­um, dem die Ener­gie­kon­zer­ne Eni, Shell und Total ange­hö­ren, hat 50 Mil­li­ar­den Dol­lar in des­sen Erschlie­ßung inves­tiert; auch die Chi­ne­sen wol­len über ihren Staats­kon­zern CNPC ein­stei­gen. Die geplan­te zusätz­li­che För­de­rung allein aus Kaschagan soll zunächst 50 Mil­lio­nen Ton­nen jähr­lich betra­gen, von 2018/19 an sogar 75 Mil­lio­nen. Beträcht­li­che Men­gen fin­den sich in Kasach­stan auch von Stein­koh­le, Eisen­erz, Kup­fer, Chrom, Titan, Wolf­ram, Nickel, Phos­phor, Gips, Sili­zi­um, Blei, Zink, Gold, Sil­ber, Man­gan und Sel­te­ne Erden – es ist eines der roh­stoff­reichs­ten Län­der der Welt.

Dar­in lie­gen Segen und Fluch zugleich: Schon heu­te machen die Ein­nah­men aus För­de­rung und Ver­ar­bei­tung von Roh­öl ein Vier­tel des Brut­to­in­lands­pro­duk­tes aus, die Hälf­te der staat­li­chen Ein­nah­men sowie zwei Drit­tel der Export­erlö­se. Doch die Ein­nah­men dar­aus kom­men in wei­ten Tei­len des Vol­kes nicht an, vor allem in länd­li­chen Regio­nen. Jeder vier­te Beschäf­tig­te arbei­tet in der Land­wirt­schaft, die nur 4,1 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung aus­macht.

Der Gefahr durch die Fokus­sie­rung auf Roh­stof­fe will die Regie­rung mit der 2012 ver­öf­fent­lich­ten Agen­da „Kasach­stan 2050“ ange­hen: Staat­li­che Pro­gram­me sol­len die Indus­tria­li­sie­rung vor­an­trei­ben und den Mit­tel­stand ent­wi­ckeln. Die­ser trägt bis­lang nur ein Zehn­tel zur Wirt­schafts­leis­tung bei, sag­te Albert Rau, deutsch­stäm­mi­ger Ers­ter Vize­mi­nis­ter für Indus­trie und Neue Tech­no­lo­gien, auf einer Rei­se nach Kasach­stan, zu der die kasa­chi­sche Bot­schaft in Deutsch­land ein­ge­la­den hat­te.

Mit­tel­stän­di­sche Unter­neh­mer wie Hans Gün­ter Fun­ke aus Nord­rhein-West­fa­len kom­men den Kasa­chen daher gele­gen. Fun­ke hat seit Jah­res­be­ginn mit kasa­chi­scher Unter­stüt­zung am Stadt­rand von Asta­na eine Pro­duk­ti­ons­stät­te für Fens­ter­pro­fi­le auf­ge­baut, von der aus er den kasa­chi­schen wie den rus­si­schen Markt belie­fert. 65 Ein­hei­mi­sche beschäf­tigt das Fami­li­en­un­ter­neh­men mit Haupt­sitz in Hamm. 15 Aus­bil­der aus Deutsch­land hel­fen, sie zu schu­len. „Wir wol­len deut­sche Qua­li­tät in die Regi­on brin­gen“, sagt er. Obwohl er um etwa 20 Pro­zent teu­rer pro­du­zie­re als die Kon­kur­renz aus der Tür­kei, aus Chi­na oder Russ­land, sieht er das Unter­neh­men gut auf­ge­stellt im Wett­be­werb. Die schlech­te Zah­lungs­mo­ral aber stört ihn. „Alles geht hier über Vor­kas­se. Das gilt für uns, wenn wir unse­re Roh­stof­fe bezie­hen genau­so wie für die Fens­ter­bau­er, an die wir unse­re Pro­fi­le lie­fern.“

Aus­län­di­sche Inves­to­ren schreckt auch die lang­sa­me, teils kor­rup­te Büro­kra­tie ab. Die deut­sche Außen­han­dels­kam­mer (AHK) weist ganz grund­sätz­lich hin auf die „enge Ver­schrän­kung von Staat und Poli­tik, die zum einen zwar eine staat­li­che Unter­stüt­zung sys­tem­re­le­van­ter Indus­trien garan­tiert, oft auch jen­seits wirt­schaft­li­cher Effek­ti­vi­tät, die ande­rer­seits aber stets staat­li­che Regu­lie­rung ermög­licht“. Auch die „rela­tiv hohen Kre­dit­zin­sen“ nen­nen die Fach­leu­te der Kam­mer als Inves­ti­ti­ons­hin­der­nis.

Die kasa­chi­sche Regie­rung selbst will aus der geo­gra­fi­schen Lage des Lan­des mehr Kapi­tal schla­gen. Mit Russ­land teilt es eine der längs­ten Land­gren­zen der Welt, die mehr als 6800 Kilo­me­ter beträgt. Kasach­stans schie­re Grö­ße soll sich als nütz­lich erwei­sen; sie macht das Land zu einer Art Brü­cke zwi­schen Chi­na und West­eu­ro­pa. Bis 2015 will Vize­in­dus­trie­mi­nis­ter Albert Rau den kasa­chi­schen Teil des Süd­west­pro­jek­tes fer­tig­ge­stellt sehen: ein 2700 Kilo­me­ter lan­ges Auto­bahn­stück, das in der Ver­län­ge­rung die Ost­küs­te Chi­nas mit Euro­pa ver­bin­den wird. An die­ser Stre­cke sol­len sich Indus­trie und Gewer­be ansie­deln, hofft die Regie­rung. Zudem soll die Bahn mehr Güter durch das Land fah­ren. „Nam­haf­te Kun­den aus der Elek­tro­nik- und Auto­mo­bil­in­dus­trie fra­gen nach Schie­nen­lö­sun­gen vor allem auf­grund des Zeit­vor­teils“, sagt Ger­hard Fel­ser, Spre­cher der DB Schen­ker Logistics in Frank­furt. „Wäh­rend die See­fracht bis zu 40 Tage unter­wegs ist, errei­chen die Pro­duk­te auf der Schie­ne schon nach 19 bis 22 Tagen ihr Ziel.“ Auch das hört sich noch lang an. Die Ent­fer­nun­gen in dem Land wer­den blei­ben – selbst dann, wenn sich Kasach­stan mit der Expo in vier Jah­ren die Bli­cke der Welt ersehnt.

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