Das Schwarze Brett fürs Handy

Silicon Valley von Chemnitz: Die Softwareschmiede Staffbase setzt auf tierischen Beistand. Wichtiger aber: Sie hat eine App entwickelt, mit der auch Beschäftigte erreicht werden können, die keinen PC-Arbeitsplatz haben. Foto: Michael Kunze
Sili­con Val­ley in Chem­nitz: Die Soft­ware­fir­ma Staff­ba­se um Geschäfts­füh­rer Mar­tin Böh­rin­ger setzt auf tie­ri­schen Bei­stand. Wich­ti­ger aber: Sie hat eine neu­ar­ti­ge Web­an­wen­dung ent­wi­ckelt. Foto: Micha­el Kun­ze

Nicht jeder Mit­ar­bei­ter hat Lap­top oder PC am Arbeits­platz. Erreich­bar ist er den­noch – dank einer App der Chem­nit­zer Soft­ware­schmie­de Staff­ba­se.

CHEMNITZ. Das eige­ne Fir­men­lo­go neben Whats­app auf den Pri­vat-Smart­pho­nes der Beleg­schaft – wie das geht? Die Ant­wort dürf­te man­chem Unter­neh­mens­chef auch Lösun­gen für ande­re Her­aus­for­de­run­gen ver­schaf­fen: schnell in Erfah­rung zu brin­gen etwa, wer eine Son­der­schicht über­nimmt oder um durch­zu­ge­ben, dass mor­gen der Betriebs­park­platz gesperrt ist. Das klappt mit einem Aus­hang oder per E‑Mail längst nicht mehr zuver­läs­sig – beson­ders dann, wenn ein Groß­teil der Mit­ar­bei­ter kei­ne Fir­men-Mail­adres­se hat, kei­nen PC-Arbeits­platz oder Zugriff aufs Intra­net.

Der Aus­weg für Chefs von Zug­be­glei­tern, Ver­tre­tern, Mon­teu­ren: Sie könn­ten zum Hörer grei­fen, die betref­fen­den Leu­te anru­fen – oder sich die App der Chem­nit­zer Fir­ma Staff­ba­se unter die Lupe neh­men. Das im Dezem­ber 2014 gegrün­de­te Unter­neh­men konn­te laut Mar­tin Böh­rin­ger, einem der drei Geschäfts­füh­rer, seit Grün­dung immer­hin rund 2,5 Mil­lio­nen Euro Wag­nis­ka­pi­tal für das dahin­ter­ste­cken­de Kon­zept bei Finan­ziers wie Capna­mic oder Kizoo ein­sam­meln.

Indi­vi­du­el­le Gestal­tung dank eines Bau­kas­ten­sys­tems

Die Geschäfts­idee: eine mobil ver­füg­ba­re Mit­ar­bei­ter- und Intra­net-Soft­ware, die vor allem für Fir­men mit vie­len Beschäf­tig­ten bestimmt ist, die über kei­nen Rech­ner­ar­beits­platz ver­fü­gen, wohl aber über ein eige­nes Han­dy. „Wir haben eine Anwen­dung für Per­so­nal ohne Zugriff auf fir­men­in­ter­ne Netz­wer­ke ent­wi­ckelt“, sagt der pro­mo­vier­te Wirt­schafts­in­for­ma­ti­ker. Staff­ba­se macht es Unter­neh­men mög­lich, mit weni­gen Klicks eine eige­ne App zu akti­vie­ren, die auf Basis eines Bau­kas­ten­sys­tems indi­vi­du­ell aus­ge­stal­tet und bei der Inhal­te über eine Brow­ser­an­wen­dung ver­wal­tet wer­den kön­nen. Eine geschlos­se­ne Ent­wick­lungs­um­ge­bung soll gewähr­leis­ten, Fir­men­in­ter­na auch über exter­ne Kanä­le sicher tei­len zu kön­nen.

Zwi­schen Zim­mer­grün und von viel Glas umge­ben, in den hohen, wei­ten Räu­men einer ehe­ma­li­gen, back­stei­ner­nen Fabrik­hal­le schafft das inner­halb eines Jah­res von zehn auf zwan­zig Mit­ar­bei­ter gewach­se­ne Staff­ba­se-Team dafür die Vor­aus­set­zun­gen. In für die süd­west­säch­si­sche Indus­trie­stadt unge­wöhn­li­chem Hips­ter-Chic und nur einen Stein­wurf ent­fernt vom Gun­zen­hau­ser-Muse­um, das voll ist mit moder­ner Kunst von Dix bis Jaw­len­sky, Mün­ter bis Schmidt-Rottluff, tüf­teln Soft­ware-Ent­wick­ler an neu­en Funk­tio­nen, wer­ben Ver­triebs­leu­te Kun­den, wäh­rend die Labra­dor­hün­din­nen Coco und Pol­ly von Zeit zu Zeit für Ablen­kung sor­gen. „Lie­ber Dog-In als Burn-Out“, lau­tet das Cre­do des 31-jäh­ri­gen Böh­rin­ger über die vier­bei­ni­ge Gesell­schaft im 350 Qua­drat­me­ter gro­ßen Büro. Ab und an schallt Geläch­ter durch die Hal­le, wäh­rend der Fami­li­en­va­ter, der in Chem­nitz und im süd­ost­eng­li­schen Nor­wich stu­dier­te, Fir­men mit min­des­tens 500 Mit­ar­bei­tern als Haupt­ziel­grup­pe unter sei­nen Kun­den benennt. Doch auch deut­lich grö­ße­re ste­hen in der Kar­tei – etwa T‑Systems oder Viess­mann, Adi­das, Pau­la­ner, die Ber­li­ner Ver­kehrs­be­trie­be, Sie­mens.

„Wenn Fir­men mutig sind, las­sen sie Mit­ar­bei­ter­kom­men­ta­re zu“

Etwa 100 Neu­kun­den sei­en 2016 gewon­nen wor­den – weil sie via Inter­net­su­che selbst auf Staff­ba­se auf­merk­sam wur­den, bei Fach­mes­sen, durch Ver­triebs­part­ner in Län­dern von den USA über Süd­afri­ka bis Aus­tra­li­en. „Mit unse­rer App kön­nen Fir­men ihre Mit­ar­bei­ter umge­hend errei­chen – egal, wo sie gera­de sind und bevor die ‚Bild‘-Zeitung berich­tet“, sagt Böh­rin­ger schmun­zelnd. Das klappt sowohl kon­zern­weit wie auf bestimm­te Teams begrenzt oder ein­zel­ne Per­so­nen – mit Doku­men­ten, Mit­ar­bei­ter- und Tele­fon­ver­zeich­nis­sen, der Arbeits­zeit­er­fas­sung, Schicht­plä­nen, Auf­trä­gen. „Wenn Fir­men mutig sind, las­sen sie Mit­ar­bei­ter­kom­men­ta­re zu, etwa zu getrof­fe­nen stra­te­gi­schen Ent­schei­dun­gen, oder einen anony­men Kum­mer­kas­ten“, ergänzt er.

Abge­rech­net wird die App über einen Lauf­zeit­ver­trag wie bei einem Han­dy, der ab 900 Euro für ein­ma­li­ge Ein­rich­tungs­kos­ten und je 100 Euro monat­lich für eher klei­ne­re Fir­men zu haben ist. Die Beträ­ge stei­gen signi­fi­kant – abhän­gig davon, wel­chen Soft­ware-Paket­um­fang ein Kun­de kauft und wie vie­le Mit­ar­bei­ter ver­sorgt wer­den sol­len. Da schon jetzt die Hälf­te der Kun­den außer­halb Deutsch­lands sit­ze – vor­ran­ging in den Bran­chen Trans­port und Logis­tik, Pro­duk­ti­on oder Pro­mo­ti­on –, hat sein 41 Jah­re alter Geschäfts­füh­rer­kol­le­ge Frank Wolf, der einst 14 Jah­re in der Indus­trie arbei­te­te, mit der Unter­neh­mens­toch­ter Staff­ba­se Inc. im ver­gan­ge­nen Jahr ein Stand­bein in New York errich­tet.

In Chem­nitz „sind wir die Rock­stars“

„Hät­ten wir das nicht gemacht, wür­den wir schon pro­fi­ta­bel arbei­ten, könn­ten aber nicht so schnell wach­sen – unser Umsatz hat sich inner­halb eines Jah­res ver­fünf­facht“, sagt Böh­rin­ger, der wäh­rend­des­sen mit dem pro­mo­vier­ten Betriebs­wirt Lutz Ger­lach als Drit­tem im Bun­de die Geschäf­te vom Chem­nit­zer Stand­ort aus koor­di­niert. Mit der Regi­on, aus der nicht nur die Grün­der, son­dern auch vie­le Mit­ar­bei­ter stam­men, ist er zufrie­den. Sie über­zeu­ge durch meh­re­re Tech­ni­sche Uni­ver­si­tä­ten und Fach­hoch­schu­len und bie­te gutes Poten­ti­al, geeig­ne­te Mit­ar­bei­ter zu fin­den: „Wäh­rend wir in Ber­lin nur ein Unter­neh­men unter vie­len wären und dort Ent­wick­ler längst Man­gel­wa­re sind“, sagt Böh­rin­ger, „sind wir hier die Rock­stars.“ Klap­pern gehört zum Geschäft.

Neben Infor­ma­ti­kern sind vor allem Anglis­ten im Team, auch ein Poli­to­lo­ge. Ein Drit­tel der Mit­ar­bei­ter ist weib­lich, vie­le haben Fami­lie, län­ger als bis 18 Uhr dau­ert für die meis­ten sel­ten ein Arbeits­tag. Das ist so gewollt, sagt der Geschäfts­füh­rer und ver­weist auf den Alters­schnitt der Kol­le­gen von etwa 30 Jah­ren, den er selbst nur leicht hebt. Obwohl er auch Deutsch­land lobt, in dem wegen vie­ler Fami­li­en­un­ter­neh­men inter­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on tra­di­tio­nell wich­tig sei, gel­ten ihm die USA schon jetzt eben­falls als einer der wich­tigs­ten Märk­te. Inner­halb von fünf Jah­ren peilt die Soft­ware­schmie­de dort den Bör­sen­gang an. 200 eige­ne Mit­ar­bei­ter hält er für mög­lich. Die Vor­aus­set­zun­gen für die gesteck­ten Zie­le schätzt Böh­rin­ger als gut ein, auch da der Jah­res­um­satz mitt­ler­wei­le bei monat­lich 15 Pro­zent Wachs­tum einen sie­ben­stel­li­gen Euro-Betrag erreicht habe. „Ein Ver­kauf der Fir­ma ist daher nicht unser pri­mä­res Ziel.“ Nach „Sag nie­mals nie“ klingt das ein biss­chen – dem Böh­rin­ger ambi­tio­niert nach­setzt: „Wir wol­len glo­ba­ler Markt­füh­rer wer­den.“

Dass dies gelin­gen könn­te, auch wenn es Zeit braucht, sieht er damit unter­mau­ert, dass ame­ri­ka­ni­sche Fir­men aus­ge­rech­net auf dem von Staff­ba­se beacker­ten Geschäfts­feld der­zeit noch nicht vor­weg­stürm­ten. Doch Unter­neh­men wie McK­in­sey, Micro­soft und Star­tups wie sei­nes sei­en mitt­ler­wei­le auf das Metier der Süd­westsach­sen auf­merk­sam gewor­den und dabei, ähn­li­che Pro­duk­te auf den Markt zu brin­gen.

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