Dresden, 12. Februar 2014

„Ein Hoch auf das Mit­tel­maß!“, hat mir heu­te ein Freund in einer E‑Mail zuge­ru­fen. Post­wen­dend regt sich Wider­spruch in mir, noch bevor ich gele­sen habe, was er als Begrün­dung anführt. „Das kann er doch nicht …“, den­ke ich, und „das meint er nicht so“. Aber ja doch, schiebt er nach. Und ver­weist – auf das Schick­sal Nietz­sches. Schon mit Mit­te 20 beru­fen, habe der bald unter chro­ni­schen Kopf­schmer­zen gelit­ten, war am Ende „völ­lig plemp­lem“. Trotz ers­ter Pro­fes­sur ohne Dis­ser­ta­ti­on, für Klas­si­sche Phi­lo­lo­gie. Damals, anno 1869, damals ging so was. Auch der Freund ist wie Nietz­sche Geis­tes­wis­sen­schaft­ler, gehört wie die­ser – hof­fent­lich ver­übelt mir kei­ner der bei­den den Ver­gleich – nicht zum Mit­tel­maß, ganz im Gegen­teil. Und doch: Nun rühmt er es. Aus Resi­gna­ti­on. Ja, lei­der. Ich weiß es. Aus Ein­sicht auch, wegen Nietz­sches Bei­spiel. Unter ande­ren. Es ist nicht leicht, heu­te als jun­ger Geis­tes­wis­sen­schaft­ler vor­an­zu­kom­men, von einem befris­te­ten Ver­trag zum nächs­ten hechelnd, bei hohen Lehr­de­pu­ta­ten, mit, jeden­falls im Mit­tel­bau, im Ver­gleich zur Wirt­schaft unter­ir­di­scher Bezah­lung. „Nur wer schreibt, bleibt.“ Lau­tet eine der Weis­hei­ten, mit denen die Jun­gen der Zunft bei bit­ter­sü­ßem Lächeln von man­chem Chef bei der Stan­ge gehal­ten wer­den. Dazu unter den Stu­den­ten immer weni­ger Leis­tungs­be­reit­schaft, Lese­wil­le, Neu­gier. Statt­des­sen Auf­müp­fig­keit, viel­fach dumm­dreis­tes Fin­ger­ha­keln, kurz: Schwanz­ver­gleich mit ande­ren Mit­teln. Wie hohe Stu­den­ten­zah­len gel­ten längst ein­ge­wor­be­ne Dritt­mit­tel mehr denn huma­nis­ti­sche Bil­dung, Cha­rak­ter, päd­ago­gi­sches Ethos. Publi­ka­ti­ons­lis­ten ran­gie­ren vorn, wenn die Zahl ver­zeich­ne­ter Titel groß, nicht not­wen­di­ger­wei­se deren Gehalt bei gerin­ge­rer Schlag­zahl hoch ein­ge­stuft wird. „Wir soll­ten nicht nur über Pla­gia­te reden, denn dage­gen vor­zu­ge­hen, ver­steht sich von selbst“, merkt er noch an, bei­na­he trot­zig mit Blick auf sein Hohe­lied auf das Mit­tel­maß. „Son­dern über Qua­li­tät.“

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