Als die LPG das Kloster abreißen wollte

Im einstigen Nonnenkloster im Crimmitschauer Ortsteil Frankenhausen wurde bis zur Reformation nach den Regeln der Zisterzienser gelebt, obwohl es nie dem Orden angehörte. Foto: Michael Kunze
Im 1276 vom Wet­ti­ner Diet­rich von Lands­berg gestif­te­ten Non­nen­klos­ter im Crim­mit­schau­er Orts­teil Fran­ken­hau­sen wur­de bis zur Refor­ma­ti­on nach den Regeln der Zis­ter­zi­en­ser gelebt, obwohl es nie dem Orden ange­hör­te, son­dern dem Naum­bur­ger Bischof unter­stand. Foto: Micha­el Kun­ze

Im süd­west­säch­si­schen Fran­ken­hau­sen machen sich Bür­ger seit 1985 für den Erhalt eines Klein­ods stark, das zur Pil­ger­her­ber­ge aus­ge­baut wer­den soll. Dabei soll­te es in der DDR zunächst einer Groß­kü­che wei­chen.

FRANKENHAUSEN. Bis die Pil­ger­her­ber­ge an einem der Aus­läu­fer des säch­si­schen Jakobs­wegs bezugs­fer­tig ist, geht noch Zeit ins Land, sagt Lutz Kretz­sch­mar, wäh­rend er vor dem Gebäu­de steht, in dem sie unter­kom­men soll. Als Vor­sit­zen­der des aus einer DDR-Natur- und Umwelt­grup­pe her­vor­ge­gan­ge­nen Ver­eins Säch­si­scher Hei­mat­schutz im Crim­mit­schau­er Orts­teil Fran­ken­hau­sen (Kreis Zwi­ckau) hat er sich mit Mit­strei­tern den Erhalt des eins­ti­gen Non­nen­klos­ters auf die Fah­nen geschrie­ben.

Von den 1270er-Jah­ren bis zum Ver­kauf an den für Kai­ser Karl V. bis nach Rom stür­men­den, dann ins Refor­ma­ti­ons­la­ger über­ge­tre­te­nen Rit­ter Wil­helm von Thumbs­hirn vor 475 Jah­ren wur­de hier nach den Regeln des Zis­ter­zi­en­ser­or­dens gelebt. „Der Naum­bur­ger Bischof behielt [aber] stets die Juris­dik­ti­on“, schreibt Tho­mas Ster­ba in „Her­ders Neu­es Klös­ter­le­xi­kon“ (2010). Eine Ordens­mit­glied­schaft kön­ne also aus­ge­schlos­sen wer­den. Wäh­rend das im Volks­mund als Klos­ter­schu­le bekann­te Gebäu­de (in dem nie eine sol­che unter­ge­bracht war) mit alter Holz­de­cke, Sitz­ni­schen an den Fens­tern, his­to­ri­schen Bema­lungs­res­ten und sol­chen einer Schwarz­kü­che sowie Stu­fen­gie­bel dank gro­ßen Auf­wands des Ver­eins erstrahlt und zum Tag des offe­nen Denk­mals oder beim Oster­feu­er vie­le Gäs­te anzieht, liegt das spä­ter errich­te­te „Wit­wen­haus“ wie ande­re Bau­ten noch brach. Dabei hat die Arbeit in des­sen Innern, die nach dem Plei­ße-Hoch­was­ser 2013 drin­gend wur­de, längst begon­nen, sagt Kretz­sch­mar.

Frau­en­klös­ter als Orte weib­li­cher Auto­no­mie im mit­tel­al­ter­li­chen Patri­ar­chat

Auch bis dahin sanier­te Tei­le der einst von Ange­hö­ri­gen des nie­de­ren plei­ßen- und vogt­län­di­schen Adels besie­del­ten Anla­ge, die, anders als das eins­ti­ge Prä­mons­tra­ten­ser­stift Mil­den­furth im nahen Wün­schen­dorf, wohl nie über eine geschlos­se­ne Klau­sur ver­füg­te, tru­gen Bles­su­ren davon: Ris­se im Gewöl­be, nas­se Mau­ern. Die Elek­trik muss­te aber­mals auf  Vor­der­mann gebracht wer­den. 253.000 Euro sind für die Sanie­rung des „Witwenhaus“-Erdgeschosses, über dem die Her­ber­ge ein­ge­rich­tet wird, ein­ge­plant. „Um die Kos­ten im Rah­men zu hal­ten, fin­den regel­mä­ßig Arbeits­ein­sät­ze statt“, sagt Kretz­sch­mar. Eini­ge nicht in Ver­eins­be­sitz befind­li­che Gebäu­de wie das eben­falls mit Stu­fen­gie­bel ver­se­he­ne Prior­haus ver­fal­len indes. Ein Ita­lie­ner hat sie in den 1990er-Jah­ren gekauft, ohne zu sanie­ren. Wie es damit wei­ter­geht, sei offen. Seit Jah­ren hof­fen man­che im Ort auf eine Ent­eig­nung, um die his­to­risch wert­vol­le Sub­stanz zu ret­ten.

Nach dem Krieg zog einst eine Land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­ons­ge­nos­sen­schaft (LPG) auf das Are­al, ohne für den Erhalt zu sor­gen. Eini­ge Fran­ken­hau­se­ner konn­ten den Abriss ver­hin­dern, so Kretz­sch­mar: „Man woll­te hier eine Groß­kü­che errich­ten.“ Seit 1990 flos­sen mit­hil­fe von Spon­so­ren, Unter­stüt­zung der Stadt, vom Denk­mals­schutz und wei­te­rer Kräf­te rund 540.000 Euro in die einst von dem Wet­ti­ner Diet­rich von Lands­berg gestif­te­te und von Non­nen aus dem thü­rin­gi­schen Grün­berg besie­del­te Anla­ge. Die im Zuge der Refor­ma­ti­on erfolg­te Auf­lö­sung als „Befrei­ungs­tat“ zu deu­ten, hält der pro­tes­tan­ti­sche Fran­ken­hau­se­ner His­to­ri­ker Mat­thi­as Klu­ge für ein „evan­ge­li­sches Ste­reo­typ“. Gera­de bei Non­nen­klös­tern lie­ge man damit immer wie­der falsch, hät­ten sich die Frau­en doch „häu­fig vehe­ment dage­gen gewehrt, weil sie im Klos­ter über einen Bil­dungs- und Auto­no­mie­sta­tus ver­füg­ten, den ihnen die patri­ar­cha­li­sche Gesell­schaft außer­halb ver­wehr­te“.

Die Fol­gen des Welt­kriegs füg­ten der benach­bar­ten evan­ge­li­schen Kir­che ein katho­li­sches Kapi­tel hin­zu. Denn Ver­trie­be­ne, die sich um Crim­mit­schau nie­der­lie­ßen, such­ten bei beschwer­li­chen Ver­kehrs­ver­hält­nis­sen auf dem Lan­de nach einem Ort, an dem sie die Hei­li­ge Mes­se fei­ern konn­ten. „Von 1954 bis 2011 fand die­se ein­mal im Monat in der Kir­che statt. Das war ein Zei­chen der Öku­me­ne, für das wir dank­bar sind“, sagt der frü­he­re katho­li­sche Pfar­rer von Crim­mit­schau, Micha­el Gehr­ke. Die Geschich­te der Kir­che ist dabei eine, die sich nicht voll­ends mit Blick auf ihre Bezie­hung zum Klos­ter klä­ren lässt, so Klu­ge. Einer­seits dien­te der spä­ter baro­cki­sier­te Bau schon der Gemein­de, als das Klos­ter ange­sie­delt wur­de. Ande­rer­seits fehl­ten Zeug­nis­se für eine sepa­ra­te Klos­ter­kir­che. Ob das Got­tes­haus einst dank einer Empo­re oder ande­ren bau­li­chen Tren­nung Gebets­ort der Non­nen war, sei offen. Pil­ger kön­nen jeden­falls hof­fen, nach 2020 in Fran­ken­hau­sen auf his­to­ri­schem Grund ras­ten zu kön­nen. „Vier Dop­pel- und ein Ein­zel­zim­mer“, sagt Lutz Kretz­sch­mar, „soll es geben.“

Non­nen in poli­ti­scher Mis­si­on – die Klos­ter­an­fän­ge

Als Papst Inno­zenz IV. 1245 Kai­ser Fried­rich II. für abge­setzt erklär­te, brach das Inter­re­gnum an – eine Zwi­schen­zeit, in der sich die feu­da­le Zen­tral­ge­walt in Deutsch­land auf­lös­te. Im Plei­ßen­land kam es zum Macht­kampf zwi­schen den wet­ti­ni­schen Mark­gra­fen sowie sich ver­selbst­stän­di­gen­den Reichs­mi­nis­te­ria­len, denen einst vom Kai­ser das ihm direkt unter­ste­hen­de Gebiet über­ant­wor­tet wor­den war, schreibt Rei­ner Groß in sei­ner „Geschich­te Sach­sens“ (2001).

Als Ange­hö­ri­ge eines die­ser Beam­ten­ge­schlech­ter sind 1276 die von Polekes/von Pol­ken­bergs nach­ge­wie­sen. Das Cas­trum Fran­ken­hau­sen, ein befes­tig­ter Ort, unter­stand ihnen – und war damit den Wet­ti­nern im Weg. Mark­graf Diet­rich von Lands­berg (1242 bis 1285) ließ es zer­stö­ren und über­gab es bis dato im nahen Grün­berg leben­den Non­nen. Mit ihrer Ansied­lung in Fran­ken­hau­sen soll­te der wet­ti­ni­sche Anspruch auf die Regi­on gefes­tigt wer­den. Unter Äbtis­sin Chris­ti­na wur­de der Umzug 1292 abge­schlos­sen. Mark­graf Fried­rich Tuta von Lands­berg stell­te das Klos­ter unter Schutz, König Adolf von Nas­sau gewähr­te Steu­er­pri­vi­le­gi­en, so Tho­mas Ster­ba im „Klös­ter­le­xi­kon“.

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