Auf die Autorität verweisen

Vor 65 Jah­ren starb der heu­te weit­hin ver­ges­se­ne katho­li­sche Publi­zist Wal­de­mar Guri­an. Es lohnt, das Werk des gebür­ti­gen St. Peters­bur­gers neu zu ent­de­cken.

DRESDEN/BONN. Das Dik­tum vom „Kron­ju­ris­ten des Drit­ten Rei­ches“, mit dem der Publi­zist Wal­de­mar Guri­an im Okto­ber 1934 den Staats­recht­ler Carl Schmitt beleg­te, nach­dem die­ser die von Hit­ler ange­wie­se­nen Mas­sen­er­schie­ßun­gen ohne Gerichts­ver­fah­ren vom 30. Juni in der „Deut­schen Juris­ten­zei­tung“ gerecht­fer­tigt hat­te, ist bekann­ter als sein Urhe­ber. Der war als Spross rus­sisch-arme­ni­scher Juden aus Deutsch­land in die Schweiz geflo­hen und gab dort (mit Otto M. Knab), zum eige­nen Schutz anonym, die auch für deut­sche Leser bestimm­te Wochen­schrift „Deut­sche Brie­fe“ her­aus, die sich bis 1938 hal­ten konn­te. Dabei war deren Ver­brei­tung hier­zu­lan­de umge­hend von der Gesta­po ver­bo­ten wor­den.

In den in klei­ner Auf­la­ge her­aus­ge­brach­ten, teils nach­ge­druck­ten „Brie­fen“, die auch an pro­mi­nen­te Kir­chen­leu­te gelang­ten – Bischö­fe, Äbte, Pries­ter, Wis­sen­schaft­ler –, grif­fen Guri­an und Knab den Natio­nal­so­zia­lis­mus und des­sen Kir­chen­po­li­tik scharf an, was nörd­lich des Boden­sees längst unmög­lich gewor­den war. Zudem dräng­ten sie die Hir­ten zu kla­rer Kri­tik und klag­ten an, wenn dies aus ihrer Sicht unge­recht­fer­tigt unter­blieb. „In allen ihren Urtei­len“, heißt es in einer in Guri­ans Nach­lass über­lie­fer­ten Auf­zeich­nung, wer­den die „Brie­fe“ „bewei­sen, daß sie von Katho­li­ken geschrie­ben sind.“ Freun­de ver­mit­tel­ten aus Deutsch­land dazu Mate­ri­al, das dort ande­ren Pres­se­er­zeug­nis­sen kaum mehr zugäng­lich war.

Schü­ler Max Schelers und Carl Schmitts

Als Guri­an in der Schweiz ankam, war er längst katho­lisch. 1914 hat­te er sich tau­fen las­sen wie sei­ne Mut­ter vor ihm. Aus frü­hes­ter Kind­heit in Mos­kau ist über­lie­fert, dass im dor­ti­gen Wohn­zim­mer Bil­der des Hei­li­gen Fran­zis­kus hin­gen – lan­ge bevor die Mut­ter kon­ver­tier­te. Gebo­ren 1902 in Sankt Peters­burg, war der Spross eines jüdi­schen Kauf­manns mit ihr 1911 nach Ber­lin gekom­men, hat­te in Köln, Bres­lau, Mün­chen, Ber­lin ein Stu­di­um absol­viert, über das nähe­re Anga­ben nicht über­lie­fert sind, außer, dass er bei Max Sche­ler 1923 mit einer Dis­ser­ta­ti­on über „Die deut­sche Jugend­be­we­gung“, der er selbst ange­hör­te, zum Dr. phil. abschloss.

„Seit sei­ner Tau­fe ist sein Leben bis in den äuße­ren Ablauf hin­ein von der Bin­dung an die Kir­che bestimmt gewe­sen“, schrieb Guri­ans Bio­graf Heinz Hür­ten. Nach Abschluss des Stu­di­ums trat er ein in die Redak­ti­on der „Köl­ni­schen Volks­zei­tung“, einem tra­di­ti­ons­rei­chen Blatt des Katho­li­zis­mus. Dass der Publi­zist es als sei­ne Ver­pflich­tung ver­stand, von Anfang an als dezi­diert katho­lisch in Erschei­nung zu tre­ten, wird früh deut­lich, obschon er die Stel­lung als Nacht­re­dak­teur Ende 1924 auf­gab (und fort­an in Godes­berg als frei­er Schrift­stel­ler leb­te) – auch in dem Büch­lein „Der katho­li­sche Publi­zist“.

Dabei han­del­te es sich um die Druck­fas­sung einer Rede, die er wäh­rend der Salz­bur­ger Hoch­schul­wo­che gehal­ten hat­te. Sein Leit­bild ent­wi­ckelt er als Anti­the­se zum Vor­läu­fer­ty­pus des libe­ra­len Publi­zis­ten. Um selbst frei zu wer­den, habe die­ser die ihm ent­ge­gen­ste­hen­de Tra­di­ti­on, auch die Kir­che bekämpft, den Auf­stieg der bür­ger­li­chen Gesell­schaft beför­dert und dies so erfolg­reich getan, dass er die öffent­li­che Mei­nung mit zu beherr­schen schei­ne. Doch dabei sei er nicht selbst ton­an­ge­bend gewor­den, son­dern „Opfer“ Drit­ter, die sich sei­ner bedien­ten. Dass Guri­an, ange­lehnt an Karl Mann­heims Kon­zept vom frei­schwe­ben­den Intel­lek­tu­el­len, Jah­re vor dem Natio­nal­so­zia­lis­mus auch die Bedräng­nis sei­nes Stan­des in Dik­ta­tu­ren wie der Sowjet­uni­on im Sinn hat­te, als er schrieb, dass „der Anspruch des Publi­zis­ten, auto­nom, aus sich her­aus die öffent­li­che Mei­nung als Spre­cher der Ver­nunft zu bestim­men, zur Selbst­ver­nich­tung füh­ren muß“, liegt auf der Hand.

Die Auf­ga­ben des Publi­zis­ten

Den katho­li­schen Publi­zis­ten sah er vor der Her­aus­for­de­rung, die Kir­che einer­seits gegen den Libe­ra­lis­mus, ande­rer­seits vor anti­li­be­ra­len, fal­schen Freun­den zu ver­tei­di­gen – etwa Charles Mau­rras‘ Action Fran­çai­se. Mit die­ser hat­te er sich in dem Büch­lein „Der inte­gra­le Natio­na­lis­mus in Frank­reich“ (1931) aus­ein­an­der­ge­setzt. Es folg­te der Stu­die „Die poli­ti­schen und sozia­len Ideen des fran­zö­si­schen Katho­li­zis­mus 1789/1914“, in der er schluss­fol­ger­te: „Die lai­zis­ti­sche Offen­si­ve ist auch poli­tisch miss­lun­gen. Trotz aller Ver­fol­gungs- und Aus­nah­me­ge­set­ze kann man die Kir­che nicht aus der Gesell­schaft ver­trei­ben.“ Sein Frank­reich-Inter­es­se mün­de­te genau in jenen Jah­ren in meh­re­re Publi­ka­ti­ons­pro­jek­te, als Intel­lek­tu­el­le bei­der­seits des Rheins auf Aus­söh­nung hin­wirk­ten.

Stets ver­stand er die Auf­ga­be des katho­li­schen Publi­zis­ten dar­in, der „nach Erfas­sung der Ewig­keit in sei­ner Zeit Suchen­de“ zu sein, nie aber Auto­ri­tät, son­dern ledig­lich der, der auf sie ver­wei­se. Unsi­cher­heit (auch öko­no­mi­sche, die er selbst durch­leb­te) gehö­re zu den Wesens­merk­ma­len – „als stän­di­ge Mah­nung, sich nicht zufrie­den zu geben, nicht jene Unru­he zu ver­ges­sen, ohne die alle Publi­zis­tik nur eit­ler Zeit­ver­treib“ sei. Es gehe dar­um, die „Aktua­li­tät der Kir­che für alle Zei­ten sicht­bar zu machen“, aber gera­de nicht in der Zeit auf­zu­ge­hen.

Früh erkann­te Guri­an die Bedro­hung, die für die Kir­che von den neu­en Dik­ta­tu­ren aus­ging. Hans Mai­er wies ihn als „Urhe­ber der deut­schen Tota­li­ta­ris­mus­theo­rie“ aus, der das Gemein­sa­me von Bol­sche­wis­mus und Faschis­mus erst­mals „Tota­li­ta­ris­mus“ nann­te. Gleich­zei­tig warb Guri­an, etwa in sei­ner auf­se­hen­er­re­gen­den Schrift „Der Bol­sche­wis­mus. Ein­füh­rung in Geschich­te und Leh­re“ von 1931, für Dif­fe­ren­zie­rung. Er hat­te den Bol­sche­wis­mus nicht aus mar­xis­ti­scher Theo­rie, son­dern von sei­nem Anspruch her, alle Gesell­schafts­be­rei­che zu durch­drin­gen, her­ge­lei­tet und Ita­li­en als „lan­ge nicht so total“ beur­teilt. Der ita­lie­ni­sche Staat erken­ne „wenigs­tens theo­re­tisch einen Bereich der Reli­gi­on an […], den inhalt­lich zu bestim­men er nicht den Anspruch erhebt“.

Han­nah Arendt nach India­na geholt

In der 1932 unter Pseud­onym publi­zier­ten Unter­su­chung „Um des Rei­ches Zukunft“ über­trug er dies auf den Natio­nal­so­zia­lis­mus. Der, schrieb er, „hat den Sinn für den Appell an die Gesin­nung und die Bedeu­tung des poli­ti­schen Füh­rers geweckt wie das Ver­ständ­nis für gesell­schaft­li­che und geschicht­li­che Mäch­te gestei­gert. Doch ist damit sein meta­phy­si­scher  Ein­heits­rausch nicht gerecht­fer­tigt.“ Früh sah Guri­an in NS-Ideo­lo­gie und Bol­sche­wis­mus Cha­rak­ter­zü­ge einer „poli­ti­schen Reli­gi­on“, nann­te einen auto­ri­tä­ren Staat ohne Par­la­ment und Par­tei­en, der Selbst­ver­wal­tung beja­he und Volks­wil­len erfül­le, einen „Traum jen­seits aller Wirk­lich­keit“. Guri­an plä­dier­te für eine „auto­ri­tä­re Demo­kra­tie, wel­che die Anti­the­se Volksstaat–Obrigkeitsstaat zu über­win­den und an Stel­le eines libe­ra­len Gesell­schafts­a­to­mis­mus orga­ni­sche Bin­dun­gen zu set­zen sucht“.

1937 in die USA emi­griert, fass­te er an der katho­li­schen Uni­ver­si­tät Not­re-Dame in India­na Fuß, grün­de­te die ange­se­he­ne Zeit­schrift „Review of Poli­tics“, zu deren frü­hen Bei­trä­gern Jac­ques Mari­tain und Han­nah Arendt zähl­ten. Die Phi­lo­so­phin hol­te er laut Vic­tor Con­ze­mi­us als ers­te Frau zu einer Vor­le­sung in der Män­ner­bas­ti­on.

Guri­an, der 1954 bei einem Erho­lungs­auf­ent­halt am Michi­gan­see starb, kön­ne nur ver­ste­hen, wer ihn erlebt habe, schrieb Karl Jas­pers in einem Nach­ruf mit Blick auf des­sen oft auf Wider­spruch sto­ßen­des Tem­pe­ra­ment. Er, „der in sei­ner Jugend einem supra­na­tu­ra­lis­ti­schen Inte­gra­lis­mus ange­han­gen hat­te und die Kir­che mög­lichst von der Welt hat­te geschie­den sehen wol­len“, so Con­ze­mi­us, „wan­del­te sich in sei­ner letz­ten Lebens­pha­se zu einem über­zeug­ten Anhän­ger von Libe­ra­lis­mus und Demo­kra­tie“.

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