Gott suchen, wo er nicht vermisst wird

Pater Maurus Kraß, der Prior des im sächsischen Wechselburg seit 1993 beheimateten Benediktiner-Konvents, vor der Westfront der einstigen Stiftsbasilika, die heute als Pfarr- und Klosterkirche genutzt wird. Foto: Michael Kunze
Pater Mau­rus Kraß, der Pri­or des im säch­si­schen Wech­sel­burg seit 1993 behei­ma­te­ten Bene­dik­ti­ner-Kon­vents, vor der West­front der eins­ti­gen Stifts­ba­si­li­ka, die heu­te als Pfarr- und Klos­ter­kir­che genutzt wird. Hin­ten rechts: die seit Aus­zug eines Kin­der­kran­ken­hau­ses im Jahr 2005 ver­wais­te vor­ma­li­ge Resi­denz der Gra­fen von Schön­burg. Foto: Micha­el Kun­ze

Vor 850 Jah­ren ist die Basi­li­ka im säch­si­schen Wech­sel­burg geweiht wor­den. Lett­ner und Tri­um­ph­kreuz­grup­pe sind von über­re­gio­na­ler kunst­his­to­ri­scher Bedeu­tung. Wenn nun das Jubi­lä­um gefei­ert wird, so auch die Wie­der­be­sied­lung des eins­ti­gen Stifts durch Bene­dik­ti­ner vor 25 Jah­ren in einem Land­strich mit weni­gen Chris­ten.

WECHSELBURG. Auf einem Berg­sporn über einer Fluss­schlei­fe der Zwi­ckau­er Mul­de, inmit­ten von der­zeit früh­lings­grü­nen Wäl­dern und raps­gel­ben Fel­dern gele­gen, erhebt sich in rotem Por­phyr-Tuff 27 Kilo­me­ter nord­west­lich von Chem­nitz die eins­ti­ge Stifts­ba­si­li­ka zu Wech­sel­burg. Geweiht vor 850 Jah­ren als Teil eines Haus­klos­ters des Wet­ti­ners Dedo von Groitzsch, zunächst von Augus­ti­ner-Chor­her­ren besie­delt und um 1180 voll­endet, liegt die kunst­his­to­ri­sche Bedeu­tung des spät­ro­ma­ni­schen Baus vor allem bei sei­nem um 1230 ent­stan­de­nen Lett­ner und der Tri­um­ph­kreuz­grup­pe. Das Beson­de­re: eine damals sel­te­ne „Monu­men­ta­li­tät, die der see­li­schen Grö­ße der Gestal­ten Aus­druck ver­leiht“, schrieb der Kunst­his­to­ri­ker Hein­rich Magi­ri­us und deu­te­te sie als wohl „von der fran­zö­si­schen Kathe­dral­plas­tik inspi­riert“. Das Werk gilt nach Art und Qua­li­tät ange­sichts zahl­rei­cher Ver­lus­te zwi­schen Harz und Elbe als das weit und breit bedeu­tends­te.

1,8 Pro­zent der Bür­ger in der Regi­on sind Katho­li­ken

Wel­ches Anse­hen die Kunst­ge­schichts­schrei­bung einem Ort ent­ge­gen­bringt, ist das eine, sagt Bene­dik­ti­ner-Pater Mau­rus Kraß, der Pri­or des vier Mön­che umfas­sen­den Kon­vents, der sich vom Mut­ter­klos­ter im ober­baye­ri­schen Ettal aus im August 1993 hier nie­der­ge­las­sen hat. Das ande­re ist die reli­giö­se Rele­vanz ange­sichts von heu­te 1,8 Pro­zent Katho­li­ken unter den Bür­gern, die auf dem Gebiet der Pfar­rei Hei­lig Kreuz leben (sach­sen­weit: vier Pro­zent).

Dia­spo­ra. Bekennt­nis­ort. „Glau­bens­in­sel“? Die Fra­ge nach Gott ist nach zwei, das Chris­ten­tum bekämp­fen­den Dik­ta­tu­ren sel­ten gewor­den in der Regi­on, das damit ver­bun­de­ne kul­tu­rel­le Wis­sen weit­ge­hend ver­duns­tet. Der „Offen­heit und Gebor­gen­heit“ lau­ten­de Grund­satz der Wech­sel­bur­ger Bene­dik­ti­ner sucht auf bei­des zu reagie­ren: einer­seits Ort zu sein für Katho­li­ken, um auch in der Min­der­heit Gemein­schaft zu (er-) leben, sagt Pater Ans­gar Orgaß, der mit der Pfarr‑, Not­fall- und Poli­zei­seel­sor­ge in Wech­sel­burg und Umge­bung betraut ist. Ander­seits geht es dar­um, eine Situa­ti­on zu berück­sich­ti­gen, in der mehr als drei Vier­tel der Bewoh­ner des Land­strichs kon­fes­si­ons­los sind. Man­che Mis­si­ons­hoff­nung hat sich nach 1990 nicht erfüllt: Vie­le Men­schen sto­ßen in ihrem All­tag nicht mehr auf die Got­tes­fra­ge. Der Titel einer jüngst eröff­ne­ten Aus­stel­lung zur Geschich­te des und zum Leben im Klos­ter ist mit „Wech­sel­burg ent­de­cken – Gott suchen, wo er nicht ver­misst wird“ denk­wür­dig gewählt.

Die 25-Jahr-Fei­er der mön­chi­schen Wie­der­be­sied­lung eines der ost­deut­schen Bio­to­pe des Glau­bens fällt nun nicht nur mit Kirch­weih- und Gemein­de­ju­bi­lä­um zusam­men, son­dern auch mit der Eröff­nung des teils aus dem 15. Jahr­hun­dert stam­men­den, grund­le­gend sanier­ten Tor­hau­ses unweit der als Klos­ter- wie Pfarr­kir­che genutz­ten Basi­li­ka. „Nach vier Jah­ren Arbeit haben wir in dem Gebäu­de Platz für die Aus­stel­lung, dazu acht Feri­en­woh­nun­gen mit 28 Bet­ten und einen Semi­nar­raum. Hier hei­ßen wir jene will­kom­men, die ent­we­der zu Ein­kehr­ta­gen zu uns kom­men oder Urlaub machen möch­ten mit der Mög­lich­keit, täg­lich die Hei­li­ge Mes­se mit­zu­fei­ern oder das Stun­den­ge­bet“, so Pater Mau­rus.

Aus Zschil­len wur­de Wech­sel­burg

Eben­falls im Tor­haus unter­ge­bracht ist der Klos­ter­la­den und das Besu­cher­zen­trum des Prio­rats, das nach den Augus­ti­ner-Chor­her­ren vom 13. Jahr­hun­dert bis zur Refor­ma­ti­on vom Deut­schen Orden genutzt wur­de. Nach dem Tod Her­zog Georgs von Sach­sen ging der Kom­plex mit dazu­ge­hö­ri­gen Dör­fern 1543 in einem Gebiets­tausch an die Gra­fen von Schön­burg. In der Zeit taucht erst­mals statt des ursprüng­li­chen Namens Zschil­len „Wech­sel­burg“ auf. Die (damals evan­ge­li­schen) Schön­bur­ger lie­ßen spä­ter ein baro­ckes, drei­flü­ge­li­ges Schloss errich­ten. Der weit­hin sicht­ba­re, 1945 ent­eig­ne­te Bau im heu­ti­gen Besitz des Land­krei­ses Mit­tel­sach­sen steht – obwohl bau­li­ches Bin­de­glied zwi­schen Basi­li­ka und Bene­dik­ti­ner­klos­ter – leer. Hän­de­rin­gend wird nach einer Nut­zung gesucht.

Die Schloss- und vor­ma­li­ge Stifts­kir­che war bereits im 19. Jahr­hun­dert aber­mals römisch-katho­lisch gewor­den. Graf Carl von Schön­burg-For­der­glauchau (1832–1898) kon­ver­tier­te nebst Gat­tin, einer frän­ki­schen Grä­fin, im März 1869 in Rom, was unter sei­nen luthe­ri­schen Stan­des­ge­nos­sen in Sach­sen für hef­ti­ge Kon­tro­ver­sen sorg­te. Dar­auf­hin hat­te er die Kir­che restau­rie­ren und umge­stal­ten las­sen. 1957 schließ­lich – die Anzahl der Katho­li­ken hat­te sich durch Ver­trie­be­ne deut­lich erhöht – wur­de die Basi­li­ka Pfarr­kir­che; schon zuvor hat­ten Wall­fahr­ten ein­ge­setzt.

Die Gra­fen­fa­mi­lie – abge­se­hen von Fran­zis­ka von Schön­burg, die in Sach­sen blieb und in der katho­li­schen Frau­en­seel­sor­ge tätig war – floh in den Wes­ten. Die Bin­dung an die eins­ti­ge Resi­denz riss aber nicht ab. Wech­sel­bur­ger Bür­ger berich­ten noch heu­te über Besu­che von Fami­li­en­mit­glie­dern, etwa der jun­gen Glo­ria von Thurn und Taxis in den 1980er-Jah­ren – sie ist eine gebo­re­ne von Schön­burg. Ihr Vater Joa­chim, ab 1990 in der Regi­on Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter für die CDU, wur­de nach sei­nem Tod 1998 in der Basi­li­ka bei­gesetzt.

Wäh­rend die eins­ti­ge Schön­burg­sche Resi­denz seit Aus­zug eines bis 2005 ansäs­si­gen Kin­der­kran­ken­hau­ses einer Nut­zung harrt, ist das angren­zen­de Klei­ne Schloss Klos­ter sowie Jugend- und Fami­li­en­haus der Bene­dik­ti­ner. Bei 50 Bet­ten in jugend­her­bergs­ähn­li­cher Aus­stat­tung zähl­te Pri­or Mau­rus 2017 knapp 10.400 Über­nach­tun­gen. Ein Drit­tel der Gäs­te sei kon­fes­si­ons­los. Wenn er im 14 Hekt­ar gro­ßen Schloss­park spa­zie­ren gehe, wer­de er von denen, die es ihm gleich­tun, mit­un­ter gefragt, ob er ange­sichts sei­nes Ordens­ha­bits „echt“ sei – nicht bloß kos­tü­miert für einen der in der Regi­on oft aus­ge­rich­te­ten Mit­tel­al­ter-Märk­te. Auf die­se kom­me es an: Echt­heit – nicht auf die Klei­dung redu­ziert, son­dern bezo­gen auf den gan­zen Men­schen, Chris­ten, Mönch. „Das ist auch eine Form der Gewis­sens­prü­fung“, sagt der 58-Jäh­ri­ge. Nur durch ein authen­ti­sches Leben aus Gott kön­ne es gelin­gen, der­art Zeug­nis abzu­le­gen, dass Suchen­de sich ange­spro­chen füh­len. Vor­aus­set­zun­gen dafür sei­en das Gebet und die Fra­ge: „Leben wir so, dass uns der Herr Beru­fun­gen anver­trau­en kann?“

Neu­gie­rig auf Wech­sel­burg machen soll auch das dich­te Fest­pro­gramm im Jubi­lä­ums­jahr: Vom 1. bis 3. Juni wird mit der Kom­mu­ne die 850-Jahr-Fei­er began­gen. Am 1. Juni hält der Etta­ler Abt Bar­na­bas den Fest­vor­trag, wäh­rend am Mor­gen des 3. Juni ein öku­me­ni­scher Got­tes­dienst statt­fin­det. „Zum Jubi­lä­um ist im Leip­zi­ger St.-Benno-Verlag zudem das Büch­lein ‚Basi­li­ka und Klos­ter Wech­sel­burg. Ein Wall­fahrts­ort im Wan­del‘ erschie­nen“, so Pater Mau­rus.

Über das Juni-Wochen­en­de hin­aus geht es im Jubi­lä­ums­pro­gramm wei­ter: Am 28. August zele­brie­ren Bischof Hein­rich von Dres­den-Mei­ßen sowie Abt Bar­na­bas eine Mes­se in Erin­ne­rung an die Besied­lung vor 25 Jah­ren, für die Hein­richs Vor-Vor­gän­ger Joa­chim einst empha­tisch in Ettal gewor­ben habe. „Und dies nicht, um im Bis­tum bloß zwei, drei Pfarr­stel­len beset­zen zu kön­nen“, erin­nert sich Pater Mau­rus an den Besuch im Herbst 1992.

Im Sep­tem­ber die­ses Jah­res wird zudem nicht nur zum Bis­tums­ju­gend­tag, son­dern auch zu einer Bis­tums­wall­fahrt gela­den. Am 12. Novem­ber, dem Wei­he­tag, fin­det eine Fest­mes­se statt. Schon im Okto­ber kom­men Sol­da­ten der ost­deut­schen Bun­des­wehr­stand­or­te zur Fuß­wall­fahrt. Wenn dann wäh­rend, zwi­schen, nach den Jubi­lä­en Ruhe ein­kehrt im Klos­ter, sind die Mön­che das, was sie zu allen Zei­ten waren: stell­ver­tre­ten­de Beter vor Gott. Auch für die, die ihn nicht ver­mis­sen.

Gabri­el Heuser/Maurus Kraß u.a.: Basi­li­ka und Klos­ter Wech­sel­burg. Ein Wall­fahrts­ort im Wan­del. Geschich­te und Spi­ri­tua­li­tät, St.-Benno-Verlag, Leip­zig 2018, 96 Sei­ten, 12,95 Euro.

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