Aus einer andern Welt

Der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach hat am 13. September im Dresdener Kulturpalast aus seinem Buch über die koptischen Martyrer gelesen, das er nach einer Reise nach Ägypten geschrieben hatte. Er diskutierte darüber mit Joachim Hake, dem Direktor der Katholischen Akademie Berlin. Foto: Michael Kunze
Schrift­stel­ler Mar­tin Mose­bach (links) las am 13. Sep­tem­ber 2019 in Dres­den aus dem Buch „Die 21“ über christ­li­che Mar­ty­rer und dis­ku­tier­te mit Joa­chim Hake, Direk­tor der Katho­li­schen Aka­de­mie Ber­lin. Foto: Micha­el Kun­ze

Der Büch­ner­preis­trä­ger Mar­tin Mose­bach las im Dresd­ner Kul­tur­pa­last aus sei­nem beklem­men­den Rei­se­buch über kop­ti­sche Mar­ty­rer.

DRESDEN. Über ein erns­tes The­ma hat der Frank­fur­ter Schrift­stel­ler, Büch­ner- und Kleist­preis­trä­ger Mar­tin Mose­bach am Frei­tag­abend im Dresd­ner Kul­tur­pa­last gespro­chen: den Tod von zwan­zig Ägyp­tern und einem Gha­na­er – alle­samt Chris­ten, bis auf jenen einen ihrer Her­kunft nach Kop­ten. Sie sind 2015 vom Isla­mi­schen Staat ent­haup­tet wor­den – vor der lau­fen­den Kame­ra ihrer Mör­der, nur weil sie eben­dies waren. Das Video ging um die Welt. Der Katho­lik Mose­bach woll­te mehr über die Umstän­de wis­sen und jene seit der mus­li­mi­schen Erobe­rung Ägyp­tens unter mal grö­ße­rem, mal gerin­ge­rem Druck leben­de beträcht­li­che Min­der­heit, deren Schick­sal im Wes­ten kaum bekannt ist.

Das kommt – neben man­geln­dem Inter­es­se nörd­lich des Mit­tel­meers – nicht von unge­fähr; ihre Kir­che mit eige­nem Papst ver­ließ die Ein­heit mit der von Rom lan­ge vor der Ortho­do­xie, hat­te kei­ne Refor­ma­ti­on, Gegen­re­for­ma­ti­on, erkennt die Tau­fe ande­rer nicht an, sei von der Erwar­tung der Apo­ka­lyp­se, der End­zeit, wie sie die Bibel schil­dert, durch­drun­gen und lebe dar­auf hin. Inso­fern ist es kein Zufall, wenn die, die ihr ange­hö­ren, den Tod von Söh­nen, Ehe­män­nern, Freun­den an einem Strand in Liby­en so deu­ten: Stand­haf­tig­keit im Glau­ben mehr wür­di­gend als sie das damit ver­bun­de­ne Ver­bre­chen bekla­gen. Wer das isla­mi­sche Bekennt­nis „Es gibt kei­nen Gott außer Gott. Moham­med ist der Gesand­te Got­tes“ gespro­chen hät­te, wäre wohl sei­nem Schick­sal ent­ron­nen.

Mose­bach hat das umge­trie­ben; vor zwei­ein­halb Jah­ren brach er zu einer „Rei­se ins Land der kop­ti­schen Mar­ty­rer“ auf, über die er das Buch „Die 21“ ver­öf­fent­lich­te. Nun las er auf Ein­la­dung von Zen­tral­bi­blio­thek und Katho­li­scher Aka­de­mie vor rund sech­zig Zuhö­rern dar­aus vor.

Ent­stan­den ist ein beklem­men­der, gera­de­zu scheu­er, aus der lär­men­den Gegen­wart fort­füh­ren­der Text, der einer Welt näher­zu­kom­men sucht, die hier­zu­lan­de fremd (gewor­den) ist. Mose­bach schil­dert sie nicht glatt­ge­zo­gen, einer Art idyl­li­schem Arka­di­en ent­sprun­gen, das man eher mit sol­cher Glau­bens­fes­tig­keit asso­zi­ier­te – wie auf Dar­stel­lun­gen alter Male­rei. Er zeigt sie in ihren Wider­sprü­chen mit gewal­ti­gen öko­lo­gi­schen Pro­ble­men, ver­weist auf die Arbeits­lo­sig­keit, die die Män­ner trotz bekann­ter Gefah­ren ins Nach­bar­land zwang, auf städ­te­bau­li­che Wüs­ten. Nicht nur die Anzahl der Mus­li­me wächst, auch die der Kop­ten; Klös­ter platz­ten aus allen Näh­ten, die Reli­gi­on spie­le im All­tag eine gewal­ti­ge Rol­le. Vie­le der 21 „konn­ten weder lesen noch schrei­ben“, sag­te er. Sie fie­len ihren Häschern in einer Arbei­ter­un­ter­kunft in die Hän­de.

Trotz ihres Todes sei bei Hin­ter­blie­be­nen sel­ten Trau­er spür­bar: Im Vor­der­grund gestan­den habe die Freu­de, nun einen Für­spre­cher im Him­mel zu wis­sen. Dass Mose­bach, der als Ver­fech­ter einer hier­ar­chi­schen Kir­che immer wie­der kri­ti­siert wird, ein Signal set­zen woll­te ange­sichts viel­fa­cher Igno­ranz hier­zu­lan­de gegen­über Chris­ten, die in Unter­drü­ckung leben, liegt auf der Hand: „Die­ses Mar­ty­ri­um ist ja etwas ande­res als das Abschlach­ten von Unschul­di­gen“, sag­te er und ver­wies auf die schon bei Jesus am Kreuz ersicht­li­che „Pas­si­vi­tät des Lei­dens“, die doch eine bestimm­te, uner­hör­te Akti­vi­tät zei­ge.

Kri­ti­ker haben ihm vor­ge­wor­fen, er über­neh­me über Gebühr das Selbst­bild der Kop­ten, um damit kir­chen­po­li­ti­sche Debat­ten zu beein­flus­sen. Das kann man so sehen. Dass zur Lesung bei die­sem The­ma kei­ne füh­ren­den Ver­ant­wort­li­chen hie­si­ger Kir­chen zuge­gen waren, dürf­te eher den Kri­ti­kern sol­cher Ein­wür­fe Recht geben.

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