„Mein Bild von Europa hat mit der aktuellen Organisationsform wenig zu tun“

FRANKFURT/DRESDEN. Zum 30. Jah­res­tag des Mau­er­falls blickt der Frank­fur­ter Schrift­stel­ler Mar­tin Mose­bach zurück und vor­aus: wo und wie er den Mau­er­fall 1989 erleb­te und die Jah­re seit der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung. Außer­dem gibt der 68 Jah­re alte Büch­ner- und Kleist­preis­trä­ger Aus­kunft dar­über, was für ihn Euro­pa mit der Euro­päi­schen Uni­on zu tun hat und wel­che Rol­le er sei­nem Berufs­stand in poli­ti­schen Debat­ten und der Kir­che in unsi­che­ren Zei­ten bei­misst.

Herr Mose­bach, erin­nern Sie sich noch an den 9. Novem­ber 1989 – wo Sie sich auf­hiel­ten, wie Sie ihn ver­bracht haben?

Ja, ich erin­ne­re mich genau. Ich habe damals an den Dreh­ar­bei­ten eines Films von Rebec­ca Horn teil­ge­nom­men, in der Nähe von Coim­bra in Por­tu­gal. Wir wohn­ten in einem her­un­ter­ge­kom­me­nen Grand­ho­tel auf dem Land, es gab ein ein­zi­ges Schwarz-Weiß-Fern­seh­ge­rät, das wur­de im Spei­se­saal auf­ge­stellt. Der Emp­fang war sehr schlecht, die Bil­der unscharf wie bei der Über­tra­gung von der ers­ten Mond­lan­dung. Die Kame­ra­män­ner kamen alle aus Ber­lin und waren ver­zwei­felt, nicht zu Hau­se zu sein: „Wir hän­gen hier rum, und in Ber­lin geht die Post ab!“ Eine sehr ele­gan­te links­li­be­ra­le Jour­na­lis­tin, die eine Repor­ta­ge über den Dreh schrieb, belehr­te mich streng: „Das bedeu­tet aber kei­nes­falls eine Wie­der­ver­ei­ni­gung, das Volk der DDR will das nicht – die wol­len ihren eige­nen Weg gehen.“

Sind Sie vor­her ein­mal in der DDR gewe­sen, etwa für Ver­wand­ten­be­su­che?

Ich hat­te kei­ne Ver­wand­ten und über­haupt kei­ne per­sön­li­chen Ver­bin­dun­gen. In den sieb­zi­ger Jah­ren habe ich aber zwei Kunst­rei­sen nach Thü­rin­gen und Sach­sen gemacht, nach Wei­mar und Dres­den.

Wie haben Sie den Land­strich erlebt?

Ich muss beken­nen, dass mich bei­de Rei­sen bedrückt haben. Der Ver­fall der Städ­te, der Geruch vom Schwamm in alten Häu­sern, der Minol­ge­ruch, eine Atmo­sphä­re von unab­läs­si­ger Zurecht­wei­sung und Abkan­ze­lung durch Poli­zis­ten und das Per­so­nal der Hotels führ­te bei­de Mal zu Auf­at­men, als ich die Gren­ze wie­der über­schritt. Bei­de Rei­sen fan­den aller­dings im Win­ter statt, das ver­stärk­te den Ein­druck, sich in einer Art Unter­welt zu befin­den. Es war mir danach unbe­greif­lich, wie irgend­je­mand, der in der DDR gewe­sen war, sich über den öko­no­mi­schen Zustand dort die gerings­ten Illu­sio­nen machen konn­te.

Kürz­lich waren Sie zur Lesung aus Ihrem Buch „Die 21“ in Dres­den, sind zudem immer wie­der in Thü­rin­gen unter­wegs. Wie beur­tei­len Sie die Lage heu­te?

Die Wie­der­ver­ei­ni­gung war für mich eine gro­ße Freu­de und ist es immer noch. Sie steht ja in Ver­bin­dung mit dem Ende des Kal­ten Krie­ges und der Tei­lung Euro­pas; allein das wird immer beglü­ckend sein. Mit Erwar­tun­gen bin ich aber stets vor­sich­tig gewe­sen. Die DDR unter­schied sich von vie­len ande­ren Län­dern des Ost­blocks dar­in, dass es hier nicht weni­ge über­zeug­te Kom­mu­nis­ten gab, die an ihrem Staat, der für mich nur eine sowje­ti­sche Satra­pie war, hin­gen. Die Ent­eig­nung und Ver­trei­bung der länd­li­chen Nota­beln und des wohl­ha­ben­den Bür­ger­tums hat­te eine nicht ohne wei­te­res kor­ri­gier­ba­re gesell­schaft­li­che Ver­ar­mung geschaf­fen, die gera­de auch in den schö­nen alten Städ­ten, die vom Krieg ver­schont geblie­ben sind, spür­bar ist.

Auch der Athe­is­mus ist ein Erbe des Kom­mu­nis­mus …

Ja, es heißt, Sach­sen sei heu­te eines der athe­is­tischs­ten Län­der Euro­pas. Das sind Ein­brü­che, die mit kei­nem Geld und kei­nem guten oder bösen Wil­len der Welt zu hei­len sind. Dass die Ein­woh­ner der soge­nann­ten Neu­en Län­der dar­über hin­aus von staat­li­cher Erzie­hung und Beein­flus­sung genug haben, kann man ihnen nicht ver­den­ken.

Der Unter­gang des Bol­sche­wis­mus war jeden­falls nicht das Ende der Geschich­te; eine mili­tan­te Aus­klam­me­rung Got­tes gewinnt anders auch im Wes­ten Ein­fluss, etwa bei vor­ge­burt­li­chen Unter­su­chun­gen auf Behin­de­run­gen, dem ver­meint­li­chen Recht auf Abtrei­bung, beim Umgang mit Pfle­ge­be­dürf­ti­gen. Wer der­ar­ti­ge „Befrei­un­gen“ ablehnt, wird oft öffent­lich­keits­wirk­sam geäch­tet. 

Ich stim­me Ihnen zu – der Unter­schied ist nur der, dass die Reli­gi­on bei Nazis und Kom­mu­nis­ten im Zei­chen staat­li­cher ideo­lo­gi­scher Unter­drü­ckung bekämpft wur­de und heu­te eher gesell­schaft­lich im Zei­chen der Frei­heit und eines schran­ken­lo­sen Indi­vi­dua­lis­mus. Es soll­te nach­denk­lich stim­men, dass die Reli­gi­on seit dem 20. Jahr­hun­dert weder von der Dik­ta­tur noch von der Demo­kra­tie Wohl­wol­len zu erwar­ten hat. Das sagt viel­leicht etwas über ihr Wesen aus und müss­te die Kir­che gegen­über jeder Ver­su­chung zu einem Aggior­na­men­to skep­tisch stim­men.

Wäh­rend das Chris­ten­tum in Euro­pa ange­schla­gen ist, erle­ben wir andern­orts Reli­gi­on in gro­ßer Vita­li­tät. Sie haben das am Bei­spiel des Islams wie des kop­ti­schen Chris­ten­tums in Ägyp­ten schrift­stel­le­risch ver­ar­bei­tet. Sehen Sie in Ihrem Buch „Die 21“ eine Art Lehr­stück?

Es ist unmög­lich, die Erfah­run­gen der Kop­ten unmit­tel­bar auf die euro­päi­schen Ver­hält­nis­se zu über­tra­gen. Die Euro­pä­er ken­nen Kir­chen­ver­fol­gun­gen unter­schied­li­cher Art erst seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on – die Kop­ten sind weit über 1000 Jah­re unter­drückt und haben doch über­lebt.

Was isla­mi­sche Herr­scher seit der mus­li­mi­schen Erobe­rung im 7. Jahr­hun­dert nicht erreicht haben, scheint den Kom­mu­nis­ten in der DDR in 40 Jah­ren gelun­gen zu sein …

… so ist es, doch zur Geschich­te der Kir­che des Wes­tens gehört auch ihre lan­ge Ver­bin­dung mit der poli­ti­schen Macht – die Kop­ten hat­ten die­se Ver­bin­dung nie­mals, sie sind das Bei­spiel einer nicht ent­mach­te­ten, son­dern immer schon macht­lo­sen Kir­che. Das Geheim­nis ihres Über­le­bens scheint in eiser­nem Fest­hal­ten der Über­lie­fe­rung und in der Bereit­schaft zum Mar­ty­ri­um zu lie­gen.

Die DDR, die von stand­haf­ten Chris­ten auch Opfer erfor­der­te, ist unter­ge­gan­gen. Von Anfang an wird die deut­sche Wie­der­ver­ei­ni­gung im Kon­text euro­päi­scher Eini­gung gedeu­tet, aber der­art, als müs­se Euro­pa poli­tisch auf die EU hin­aus­lau­fen, als sei das Auf­ge­hen des Kon­ti­nents als hete­ro­ge­nem kul­tu­rel­len, öko­no­mi­schen, auch reli­giö­sen Genera­tio­nen­ge­bäu­de in der EU, die noch nicht geklärt hat, was sie sein will, der ein­zi­ge logi­sche Schluss. 

Man darf nicht unter­schät­zen, wel­che Besorg­nis die Wie­der­ver­ei­ni­gung bei den Nach­barn her­vor­ge­ru­fen hat. Der Fall der Mau­er, das Ende des War­schau­er Pakts und damit der ein­ge­fro­re­nen Macht­ver­hält­nis­se las­sen wie­der den Zustand vor dem Ers­ten Welt­krieg erah­nen. Kohl zitier­te im klei­nen Kreis öfter Bis­marcks Wort vom „cau­che­mar des alli­an­ces“ – vom Alb­traum, alle Nach­bar­staa­ten könn­ten sich gegen Deutsch­land ver­bün­den. Man kennt das raf­fi­nier­te Bünd­nis­sys­tem Bis­marcks, mit dem er ver­such­te, mög­li­che Fein­de aus­ein­an­der­zu­hal­ten. Es über­leb­te kaum das Ende sei­ner Amts­zeit.

Kohl ver­such­te es anders­her­um.

Durch ein sehr weit­ge­hen­des Ver­trags­sys­tem woll­te er Deutsch­land so ein­bin­den, man könn­te auch sagen: fes­seln, dass die Nach­barn ihre Furcht ver­lö­ren. Man darf des­halb nicht ver­ges­sen, dass es bei der von ihm vor­an­ge­trie­be­nen euro­päi­schen Inte­gra­ti­on vor allem um die Inte­gra­ti­on Deutsch­lands geht – die ande­ren Natio­nen haben für sich der­glei­chen erheb­lich weni­ger im Sinn, wie sich immer deut­li­cher zeigt.

Was ist „Euro­pa“ für Sie?

Mein Bild von Euro­pa hat mit der aktu­el­len Orga­ni­sa­ti­ons­form wenig zu tun. Es besteht für mich aus den Län­dern, die Erben des Römi­schen, selbst­ver­ständ­lich auch des Ost­rö­mi­schen Rei­ches sind. Aus die­sem Römi­schen Reich ist eine der schöns­ten und reichs­ten Erschei­nun­gen der Welt­ge­schich­te her­vor­ge­gan­gen: die euro­päi­schen Natio­nen, von denen bei­na­he jede die gemein­sa­me Mut­ter in irgend­ei­ner Bezie­hung noch über­trof­fen hat. Die­se euro­päi­schen Natio­nen sind sozu­sa­gen Volks­per­sön­lich­kei­ten, jede hat das römi­sche Erbe in ande­rer Wei­se ent­wi­ckelt. Jede die­ser Natio­nen ist unver­zicht­bar in dem gro­ßen euro­päi­schen Kon­zert, das aber nur ent­steht, wenn jedes Land sei­ne Eigen­tüm­lich­kei­ten eifer­süch­tig bewahrt.

Für Sie ist die EU mit Blick auf die Zukunft Euro­pas dem­nach nicht ent­schei­dend?

Das kul­tu­rel­le und reli­giö­se Euro­pa hat doch mit der EU nicht das Gerings­te zu tun. Die Regie­run­gen haben gera­de­zu beses­sen dar­auf Wert gelegt, dass die gemein­sa­me Prä­gung durch das Chris­ten­tum für die­ses poli­ti­sche Gebil­de nicht die gerings­te Rol­le spie­len dürf­te, und als geis­ti­ges Fun­da­ment soge­nann­te Wer­te der Auf­klä­rung genannt, ohne nur zu defi­nie­ren, was man unter „Auf­klä­rung“ ver­ste­hen woll­te. Das poli­ti­sche Euro­pa der EU wird wie jedes gro­ße Reich nur eine Epi­so­de sein – Euro­pa war auch schon ein­mal unter spa­ni­scher Herr­schaft ver­eint, es gab ein fran­zö­si­sches Euro­pa. Es soll­te – lei­der beson­ders fatal – ganz kurz auch ein deut­sches Euro­pa geben. Es gab den öster­rei­chisch-unga­ri­schen Viel­völ­ker­staat. Die Fra­ge, wie die euro­päi­schen Län­der sich gegen­über ame­ri­ka­ni­schem und chi­ne­si­schem Druck behaup­ten kön­nen, ohne Vasal­len­staa­ten zu wer­den, bleibt aller­dings bestehen. Viel­leicht ist ein klei­ne­rer, homo­ge­ne­rer Staa­ten­bund die­ser Auf­ga­be eher gewach­sen.

In Groß­bri­tan­ni­en hat sich eine Mehr­heit der Bür­ger gegen das Gros von Pro-EU-Eli­ten ent­schie­den. In Deutsch­land ver­tritt die AfD einen EU-kri­ti­schen Kurs, vie­le Mit­glie­der und Anhän­ger leh­nen die EU rund­weg ab. Die Par­tei hat bei Wah­len wie in Sach­sen und Bran­den­burg Rekord­ergeb­nis­se erzielt. Wor­in sehen Sie Ursa­chen für den dar­in auch her­vor­tre­ten­den Bruch zwi­schen Ost und West, wo die AfD stets schwä­che­re Resul­ta­te erzielt?

Ich ver­mu­te, dass die soge­nann­ten sou­ve­rä­nis­ti­schen Bewe­gun­gen über­all dort beson­ders stark sind, wo man in fins­te­ren Jah­ren einer Vasal­len­staat­lich­keit erfah­ren hat, was es für ein Volk bedeu­tet, nicht selbst über sein Schick­sal bestim­men zu kön­nen. Zu erle­ben, dass man die­ses Joch abschüt­teln konn­te, nur um dann gleich dar­auf ein ande­res auf sich zu neh­men – wenn das auch mit noch so vie­len öko­no­mi­schen Vor­tei­len ver­bun­den war -, das will offen­bar vie­len Bür­gern der ehe­ma­li­gen War­schau­er-Pakt-Staa­ten nicht ein­leuch­ten. „Sozia­lis­ti­scher Inter­na­tio­na­lis­mus“ war für die­se Völ­ker eben zuerst ein­mal eine For­mel der Unter­drü­ckung – da liegt der Ver­dacht, mit der Glo­ba­li­sie­rung ver­hal­te es sich eben­so, nicht fern. West­deutsch­land hat den Zustand ein­ge­schränk­ter Sou­ve­rä­ni­tät nie als bedrü­ckend emp­fun­den, es ließ sich präch­tig dabei ver­die­nen. Ich mei­ne des­halb eine gewis­se Ver­ach­tung der West­deut­schen durch die Ost­deut­schen zu erken­nen.

Pha­sen von „Vasal­len­staat­lich­keit“ haben aber Groß­bri­tan­ni­en oder Frank­reich mit eben­falls star­ken EU-kri­ti­schen Bewe­gun­gen nicht erlebt.

Das stimmt, aber hier han­delt es sich um Staa­ten, die bis heu­te stark mit ihrer Geschich­te ver­bun­den sind. Frank­reich und Eng­land haben die Ent­ste­hung ihrer moder­nen Staat­lich­keit als Tri­umph nach gro­ßen inne­ren und äuße­ren Kämp­fen erlebt. Die Begrif­fe „Nati­on“ und „Sou­ve­rä­ni­tät“ sind für sie iden­tisch. Moder­ne Deut­sche emp­fin­den das Abwer­fen der Last der Geschich­te hin­ge­gen als Erleich­te­rung – sie  kön­nen nicht ver­ste­hen, dass das in andern Län­dern nicht so gese­hen wird. Deut­sche sind kon­ster­niert, wenn der öko­no­mi­sche Erfolg nicht der ein­zi­ge Maß­stab poli­ti­schen Han­delns sein soll. Des­halb hat sie zum Bei­spiel die Bre­x­it-Bewe­gung völ­lig unvor­be­rei­tet getrof­fen.

Es fällt auf, dass sich Schrift­stel­ler heu­te nur mehr sel­ten poli­tisch äußern, anders als etwa noch Grass oder Enzens­ber­ger. Vie­le Intel­lek­tu­el­le tra­ten gar Par­tei­en bei, misch­ten in Wahl­kämp­fen mit. Heu­te schei­nen sie in öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen eine immer gerin­ge­re Rol­le zu spie­len.

Ja, und ich glau­be, das ist ein Zei­chen, dass die Schrift­stel­ler etwas gelernt haben. Ein Autor scha­det sich meis­tens, wenn er sich in die Tages­po­li­tik ver­stri­cken lässt.

War­um?

Lite­ra­tur lässt sich nicht ein­deu­tig für eine Par­tei ver­ein­nah­men, jeden­falls wenn sie eine gewis­se Qua­li­tät hat. Die Welt ist kom­pli­zier­ter, als es das bestehen­de Par­tei­en­sche­ma sug­ge­riert. Mit kon­kre­ten poli­ti­schen Stel­lung­nah­men gehen die Autoren bei­na­he immer unter ihr Niveau. Ihr Res­sort ist die Wider­sprüch­lich­keit der Welt – das der Poli­ti­ker ist die Ver­ein­fa­chung. Schrift­stel­ler, soweit sie auch eine his­to­ri­sche Ader haben, wis­sen außer­dem, dass das, was an dem einen Tag gut war, an einem ande­ren böse Fol­gen haben konn­te: „Ver­nunft wird Unsinn, Wohl­tat Pla­ge“ heißt es im „Faust“. Mit der Beschrei­bung der Phä­no­me­ne hat der Autor schon genug zu tun – von deren Deu­tung hält er sich bes­ser fern.

Wie wür­den Sie Ihr schrift­stel­le­ri­sches Selbst­ver­ständ­nis in die­sen Wand­lungs­pro­zess ein­ord­nen? Die einen sehen in Ihnen einen Roman­cier, der sich fast durch­weg der Tages­po­li­tik fern­hält, wofür Sie hier wie­der plä­die­ren. Ande­re ver­wei­sen auf ein Buch wie „Die 21“, das sich gera­de in der Aus­ein­an­der­set­zung mit der Stel­lung von Reli­gio­nen als hoch­po­li­tisch erweist.

In den „21“ ging es neben man­chem andern gewiss auch dar­um, wie eine christ­li­che Mino­ri­tät in einer feind­se­li­gen Majo­ri­tät bestehen kann. Das ist auch eine poli­ti­sche Fra­ge – und auch die Ant­wort ist poli­tisch fol­gen­reich: Eben nicht dadurch, dass die Mino­ri­tät Rech­te ein­for­dert – die gab und gibt es in Ägyp­ten nicht, son­dern wenn sie stand­hält und bereit ist, die sich dar­aus erge­ben­den Nach­tei­le klag­los in Kauf zu neh­men.

Auch die „Häre­sie der Form­lo­sig­keit“ ist min­des­tens der­art poli­tisch, dass Kul­tus nie Pri­vat­an­ge­le­gen­heit war – und weder Islam noch Chris­ten­tum, schon von ihren Grün­dern her, Bekennt­nis als Pri­vat­sa­che anse­hen durf­ten. Was sie ver­kün­den, hat selbst auf die, die nicht glau­ben, Aus­wir­kung – im Islam noch heu­te etwa auf die Stel­lung in der Gesell­schaft bei Steu­er­po­li­tik, Aus­schluss aus Hier­ar­chien usw., im Chris­ten­tum immer­hin bei der Fra­ge nach dem Jen­seits, die Ange­hö­ri­ge eines mis­sio­na­ri­schen Glau­bens nie die Hän­de in den Schoß legen las­sen darf.

Sie haben Recht: „Häre­sie der Form­lo­sig­keit“, soeben in erwei­ter­ter Form bei Rowohlt erschie­nen, die klei­ne Auf­satz­samm­lung „Der Ultra­mon­ta­ne“ und „Die 21“ sind Bücher mit poli­ti­schen Aspek­ten, wie sie in mei­nen Roma­nen nur in höchst ver­mit­tel­ter Form zu fin­den wären, auch des­we­gen, weil es das rein Unpo­li­ti­sche gar nicht gibt. Dávi­la sagt das sehr schön: „Wer behaup­tet, er sei unpo­li­tisch, gehört zur unter­le­ge­nen Par­tei.“ In den Roma­nen ging es mir dar­um, kei­ne Urtei­le zu fäl­len, das Ver­fah­ren offen­zu­hal­ten, Cha­rak­te­re und Anschau­un­gen, die mir zuwi­der sind, den­noch gel­ten zu las­sen. In den genann­ten Büchern habe ich jedoch enga­giert und gewiss pole­misch Stel­lung bezo­gen und von dem gespro­chen, was ich glau­be. Und ich glau­be nun ein­mal, dass das Heil der Welt auf ihrem Weg durch die Geschich­te davon abhängt, dass die Kir­che den Geist des his­to­ri­schen Jesus, wie die Evan­ge­li­en, die apos­to­li­schen Brie­fe und die Kir­chen­vä­ter ihn zu erken­nen geben, getreu bewahrt und dass die­ses Bewah­ren vor allem in der über­lie­fer­ten Lit­ur­gie durch die Jahr­tau­sen­de hin­durch gelun­gen ist und auch heu­te gelingt. Ich glau­be, dass wir beru­hig­ter kom­men­den Kata­stro­phen ent­ge­gen­ge­hen kön­nen, wenn die Kir­che ein Leucht­turm des Über­na­tür­li­chen in der Welt bleibt.

Wel­che Rol­le mes­sen Sie der Lite­ra­tur in die­sen unru­hi­gen Zei­ten zu?

Sie ver­wei­sen selbst dar­auf: Wir leben in unru­hi­gen Zei­ten. Ich gebe mich nicht wei­ter mit Pro­phe­ti­en ab. Man­che haben gute Argu­men­te dafür, dass die Lite­ra­tur schon bald über­haupt kei­ne Rol­le mehr spie­len wird, und das müss­te kei­nes­wegs nur mit ver­än­der­ten Lese­ge­wohn­hei­ten zu tun haben. Ich könn­te mir vor­stel­len, dass das 21. Jahr­hun­dert schließ­lich dahin gelangt, das gesam­te 20. Jahr­hun­dert, durch­aus auch unge­recht, zu ver­wer­fen. Das war ja tat­säch­lich das schwär­zes­te Jahr­hun­dert der Mensch­heits­ge­schich­te. Es wäre in Euro­pa übri­gens nicht das ers­te Mal, dass es weder Lite­ra­tur noch ein lite­ra­ri­sches Publi­kum gibt. In den Jahr­hun­der­ten der Völ­ker­wan­de­rung hät­te es fast gar kei­ne Lite­ra­tur gege­ben, wenn Karl der Gro­ße die Skrip­to­ri­en der Klös­ter nicht ange­wie­sen hät­te, die Res­te der anti­ken Lite­ra­tur auf Per­ga­ment abzu­schrei­ben. Ver­gli­chen mit den gro­ßen Epo­chen der euro­päi­schen Lite­ra­tur haben wir heut­zu­ta­ge einen Über­schuss an lite­ra­ri­scher Pro­duk­ti­on – die Reak­ti­on dar­auf pflegt in der Geschich­te ein unter­schieds­lo­ses Abwer­fen der kul­tu­rel­len Las­ten zu sein.

Sie zeich­nen eine trüb­se­li­ge Per­spek­ti­ve. Wür­den Sie da noch einen Apfel­baum pflan­zen?

Mich hält das jeden­falls nicht davon ab, ein nächs­tes Buch zu schrei­ben.

Mar­tin Mose­bach, gebo­ren 1951 in Frank­furt am Main, wo er, ver­hei­ra­tet, lebt. Er war zunächst Jurist. Der Schrift­stel­ler ist einer der bedeu­tends­ten im deutsch­spra­chi­gen Raum und Trä­ger zahl­rei­cher Prei­se, dar­un­ter der Gro­ße Lite­ra­tur­preis der Baye­ri­schen Aka­de­mie der Schö­nen Küns­te und die Goe­the-Pla­ket­te der Stadt Frank­furt. Seit 1983 ent­stan­den Roma­ne, Erzäh­lun­gen, Dreh­bü­cher, Libret­ti, dazu Essays zu Kunst, Reli­gi­on, Rei­sen und Lite­ra­tur.

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