Der Kapitän aus dem Erzgebirge

Sven Spiel­vo­gel hat 2019 mit einem Com­pa­gnon die ab 1895 in Dres­den-Lau­be­gast auf­ge­bau­te Werft der Wei­ßen Flot­te gekauft. Wenn es nach sei­nem Wil­len geht, könn­ten die Damp­fer bald dazu­kom­men – im Hin­ter­grund die 1898 als „König Albert“ in Dienst gestell­te „Pir­na“ auf der Slip­an­la­ge. Foto: Micha­el Kunze

In Aue auf­ge­wach­sen, gehört Sven Spiel­vo­gel zur CDU-Genera­ti­on Minis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­schmers. Doch poli­tisch aktiv ist er nicht mehr. Statt­des­sen hat der Immo­bi­li­en­un­ter­neh­mer im Herbst die Werft der ins Strau­cheln gera­te­nen Rad­damp­fer­flot­te in Dres­den gekauft. Dabei soll es nicht bleiben.

AUE/DRESDEN. Wäre Sven Spiel­vo­gel den Weg gleich­alt­ri­ger Par­tei­kol­le­gen gegan­gen, säße er nun womög­lich auch im Land- oder im Bun­des­tag – so wie eini­ge aus sei­ner Genera­ti­on, die in den Bie­den­kopf-Jah­ren der säch­si­schen CDU bei­tra­ten und vor­an­ge­kom­men sind: Minis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­schmer, Kul­tus­mi­nis­ter Chris­ti­an Piwarz, der Ost­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung, Mar­co Wan­der­witz, oder die vogt­län­di­sche Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Yvonne Mag­was, um nur eini­ge der bekann­tes­ten zu nennen.

Spiel­vo­gel indes, auf­ge­wach­sen in Schnee­berg und Aue, schon in den frü­hen 90er-Jah­ren in der Jun­gen Uni­on aktiv, deren Bun­des­vor­stand er 2002 bis 2008 ange­hör­te, 1999 bis 2014 Stadt­rat in Aue, bis 2009 Kreis­rat und noch 2019 Auf­sichts­rat der Auer Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft, steht nun nicht im Land­tag oder in einem Dresd­ner Minis­te­ri­um und den­noch am Elb­ufer. Dass es eini­ge Kilo­me­ter wei­ter süd­öst­lich sind, auf dem weit­läu­fi­gen, ab 1895 errich­te­ten, denk­mal­ge­schütz­ten Werft­ge­län­de, auf dem die ins Strau­cheln gera­te­ne ältes­te Rad­damp­fer­flot­te der Welt ihre his­to­ri­schen Schif­fe war­tet, stört ihn nicht.

Son­nen­schein, blau­er Him­mel, Dres­den-Lau­be­gast – erst weni­ge Tage her ist das. Die Damp­fer „Krip­pen“ und „Pir­na“ lie­gen an Land, „Kur­ort Rathen“ ver­täut im Elb­was­ser. Sven Spiel­vo­gel strahlt. Für Poli­tik, sagt der ver­hei­ra­te­te Vater drei­er Kin­der, hat er kei­ne Zeit mehr. Doch dem Aue-Bad Schle­ma­er CDU-Orts­ver­band gehört er wei­ter an. Nun war­tet der Immo­bi­li­en­un­ter­neh­mer nicht als Tou­rist auf eine technik­his­to­ri­sche Füh­rung, son­dern ist einer der Eigen­tü­mer des 3,3‑Hektar-Werftareals und erklärt selbst, wie es damit wei­ter­ge­hen soll. Erst im Novem­ber 2019 hat er es mit einem Com­pa­gnon gekauft.

„Bis 2013 wur­den hier Schif­fe gebaut, Fäh­ren für die Dresd­ner Ver­kehrs­be­trie­be, einst auch Rad­damp­fer. Nun wird nur noch instand gesetzt“, sagt der 45-Jäh­ri­ge. Das Gros der Damp­fer, deren Betrei­ber im Juni bei wei­ter­lau­fen­den Fahr­ten Antrag auf Eröff­nung eines Insol­venz­ver­fah­rens in Eigen­ver­wal­tung gestellt hat, geht alle zwei Jah­re an Land, wird über­holt, sagt Spielvogel.

„Ohne Werft in Lau­be­gast kei­ne Wei­ße Flot­te“, ist sich der Unter­neh­mer sicher, für den die schmu­cken, in Weiß und Grün getünch­ten alten Damen zu Dres­den gehö­ren „wie Eier­sche­cke zum Reper­toire säch­si­scher Back­kunst“. Dabei wirkt die Werft auf den ers­ten Blick wie ein Relikt aus Urgroß­va­ters Zei­ten: Hal­len mit mat­tem Ober­licht, ver­nie­te­te Stahl­pfei­ler, urtüm­li­che neben moder­nen Maschi­nen, eine Schmie­de mit offe­ner Feu­er­stel­le, auch wenn die längst kalt ist. Noch hand­schrift­lich geführ­te, 110 Jah­re alte Bücher über Pen­si­ons­zah­lun­gen längst ver­ges­se­ner Schiffs­be­sat­zun­gen lagern in einer Vitri­ne, als sei­en sie Anschau­ungs­ob­jek­te zum Jahr der Industriekultur.

Kann man unter die­sen Umstän­den Geld ver­die­nen? „Mit heu­ti­gen Kos­ten­struk­tu­ren ist so eine alte Werft schwer zu ver­ein­ba­ren“, bekennt Spiel­vo­gel und spricht von „einem Wirt­schafts­be­trieb mit his­to­ri­schem Cha­rak­ter“. Seit der Über­nah­me sei­en zwar die Ein­künf­te, die das Are­al abwirft, um 30 Pro­zent gestei­gert wor­den. Pro­fi­ta­bel sei der Stand­ort aber noch nicht. Vie­les, was Platz bean­sprucht, die­ne ein­zig dazu, die Schif­fe in Fahrt zu hal­ten. Spiel­vo­gel ver­mie­tet dem kom­pli­ziert struk­tu­rier­ten Unter­neh­men mit knapp 500 Eigen­tü­mern, an dem der Frei­staat über eine GmbH als haf­ten­der Gesell­schaf­ter betei­ligt ist, Gebäu­de, Tech­nik, Hilfs­mit­tel. Da Inves­ti­tio­nen nötig sind, soll die Werft mit eige­ner Tisch­le­rei und Schlos­se­rei Platz für wei­te­re Mie­ter schaf­fen. Gesprä­che über Test­an­la­gen für For­schungs­in­sti­tu­te der TU Dres­den, die in den Mit­tel­trakt zie­hen könn­ten, sei­en im Gan­ge. Schon ansäs­sig sind ein Yacht­be­trieb, Tanz­stu­dio, KfZ-Prüf­stel­le, Haus­meis­ter­dienst, Klein­ge­wer­be. Die Fir­men hiel­ten rund 45 Beschäf­tig­te in Lohn und Brot. Pri­vat­leu­te kön­nen Boo­te und Wohn­mo­bi­le abstellen.

Da geht noch was: Erst vor weni­gen Tagen zitier­te die Lokal­pres­se den Unter­neh­mer mit der Idee, die durch jah­re­lan­ges Nied­rig­was­ser, teu­re Umwelt­auf­la­gen und Coro­na­pan­de­mie zu Kos­ten­sen­kung gezwun­ge­ne Dampf­schiff­fahrt könn­te mit wei­te­ren Geschäfts­be­rei­chen nach Lau­be­gast zie­hen. Das mache über meh­re­re Eta­gen gemie­te­te Räu­me unweit der Frau­en­kir­che über­flüs­sig, die üppig zu Buche schla­gen sol­len. Ob es so kommt, ist offen. Eine Ent­schei­dung dar­über hän­ge davon ab, wie es mit der Säch­si­schen Dampf­schiff­fahrt (SDS) wei­ter­geht, füg­te Spiel­vo­gel hinzu.

Das Werft­ge­län­de mit Aus­blick auf Pill­nitz, Elb­tal, Fern­seh­turm und Barock­kirch­lein geizt jeden­falls nicht mit Rei­zen. Die Slip­an­la­ge, über die Schif­fe an Land gezo­gen und nach Repa­ra­tur wie­der zu Was­ser gelas­sen wer­den, bean­sprucht rund ein Drit­tel der Flä­che. Hin­zu kom­men 5500 Qua­drat­me­ter bereits bebau­ten Grun­des. „Jen­seits des Ufers, das zum Hoch­was­ser­schutz frei­blei­ben muss, bleibt Platz, den wir ent­wi­ckeln wol­len“, sagt er und will Tem­po. „Wir pla­nen einen Büro­neu­bau; die Abstim­mung mit der Geneh­mi­gungs­be­hör­de läuft“, ergänzt der Diplom-Geo­graf, der nach dem Stu­di­um an der TU Dres­den zunächst im Lan­des­amt für Umwelt und Geo­lo­gie arbei­te­te. Seit 2012 ist er einer der bei­den Geschäfts­füh­ren­den Gesell­schaf­ter der mit­tel­stän­di­schen Immo­bi­li­en­fir­ma Richert & Co., die dar­auf spe­zia­li­siert ist, Alt­bau­ten zu revitalisieren.

„Die Unter­neh­mens­grup­pe“, heißt es selbst­be­wusst auf der Inter­net­sei­te, „befin­det sich auf Expan­si­ons­kurs.“ Rund 1200 Woh­nun­gen mit Schwer­punk­ten in Dres­den, Leip­zig, Chem­nitz gehör­ten zum Fir­men­be­stand, ein Ärz­te- und Geschäfts­haus auf dem Gelän­de des einst über Sach­sen hin­aus renom­mier­ten Lah­mann-Sana­to­ri­ums in Dres­den-Wei­ßer Hirsch, ein Gast­hof. Nun die Werft. Wie passt die ins Port­fo­lio? „Sehr gut“, fin­det Spiel­vo­gel, „sie diver­si­fi­ziert es.“ Sie schnell zu ver­kau­fen, sei nicht geplant. Seit Ber­lin an Bedeu­tung ein­ge­büßt habe, sei­en die Spiel­räu­me in Dres­den grö­ßer gewor­den. „Nach den Ent­schei­dun­gen zur staat­li­chen Miet­preis­fest­set­zung“, erklärt der Unter­neh­mer, „hat sich der Markt an der Spree selbst marginalisiert.“

Für die Wei­ße Flot­te – neun bis 1929 gebau­te Damp­fer sowie zwei moder­ne Salon­schif­fe – will sich auch der säch­si­sche Minis­ter­prä­si­dent stark­ma­chen. Wie sein eins­ti­ger JU-Kol­le­ge schätzt er grif­fi­ge Ver­glei­che: Die Flot­te, sag­te Micha­el Kret­schmer kürz­lich der Zeit­schrift „Super­il­lu“, sei Kul­tur­gut „wie die Frau­en­kir­che“. Der Frei­staat habe „in den letz­ten Jah­ren mehr­mals ein­ge­grif­fen und das Unter­neh­men in Kri­sen unter­stützt“. Auch dies­mal sol­le gehol­fen werden.

Spiel­vo­gel, nach wie vor gut in der Par­tei ver­netzt, hat­te die Werft für einen mitt­le­ren ein­stel­li­gen Mil­lio­nen-Euro-Betrag gekauft; schon wirbt er für den Umzug von Flot­ten­per­so­nal nach Lau­be­gast. Ist das alles? „Über einen Anle­ger auf dem Gelän­de könn­ten bald Char­ter­schif­fe die Werft anlau­fen. Dafür“, sagt er, „spre­chen wir gera­de mit dem Was­ser- und Schifffahrtsamt.“

Und sonst? Die Nach­fra­ge folgt Tage spä­ter. Der Ver­ein „Wei­ße Flot­te Dres­den – Freun­de der Säch­si­schen Dampf­schif­fahrt“ hat am Mon­tag Zwei­fel an deren pri­vat­wirt­schaft­li­chem Betrieb ange­mel­det. Die Insol­venz zei­ge, so der Zusam­men­schluss von Dampf­schiff-Enthu­si­as­ten, dass pri­va­te Eigen­tums­ver­hält­nis­se für das „fah­ren­de Muse­um“ unge­eig­net sei­en. Dar­um wol­len die Mit­glie­der Geld für des­sen Erwerb sam­meln, hof­fen auf Hil­fe von Frei­staat und Kom­mu­nen. Zur Über­nah­me sei ein mitt­le­rer ein­stel­li­ger Mil­lio­nen-Euro-Betrag nötig, heißt es in einer Vereinsmitteilung.

Am Diens­tag geht die Dres­de­ner Stadt­rats­frak­ti­on von Bünd­nis 90/Die Grü­nen mit einem Eil­an­trag für die Rats­sit­zung am 16. Juli an die Öffent­lich­keit. Die­ser sieht vor, den Ober­bür­ger­meis­ter zu beauf­tra­gen, „schnellst­mög­lich mit dem Frei­staat und den Regio­nen Säch­si­sche Schweiz und Mei­ßen eine Bie­ter­ge­mein­schaft zu grün­den“, um sich „mit einem soge­nann­ten nicht indi­ka­ti­ven Gebot, also zunächst einer Inter­es­sen­be­kun­dung“ am Insol­venz­ver­fah­ren der Dampf­schiff­fahrt zu betei­li­gen, sagt Tors­ten Schul­ze, der wirt­schafts­po­li­ti­sche Frak­ti­ons­spre­cher, auf Nach­fra­ge. Die Initia­to­ren des Antrags haben nach Gesprä­chen mit der Geschäfts­füh­rung „die Idee ent­wi­ckelt, eine Bie­ter­ge­mein­schaft zu grün­den“. Ziel sei es, die his­to­ri­sche Damp­fer­flot­te in öffent­li­che Hand zu über­füh­ren. Bei Ein­stieg eines Pri­vat­in­ves­tors wird auch die Zer­schla­gung der Flot­te befürchtet.

Unter­neh­mer Spiel­vo­gel plä­diert für den Bestand der Flot­te und sagt Tage nach der Werft-Visi­te am Tele­fon: „Wir haben Inter­es­se ange­mel­det, die SDS mit den Toch­ter­un­ter­neh­men Elbe­zeit, einem Cate­ring­dienst, und der Ver­an­stal­tungs­fir­ma Crash-Ice zu über­neh­men.“ Auch ein kon­kre­tes Kauf­an­ge­bot sei mitt­ler­wei­le vor­ge­legt wor­den. Nun stün­den Gesprä­che mit Insol­venz­ver­wal­ter, Frei­staat und ande­ren an. Die SDS-Geschäfts­füh­rung bestä­tigt die Offer­te nicht. Ein Spre­cher ver­weist auf mehr als einen und weni­ger als zehn Über­nah­me-Inter­es­sen­ten. Zu Details äuße­re man sich nicht, auch um ande­ren „die Tür wei­ter offen zu las­sen“. Nur soviel: Ent­schei­dend für einen Ver­kauf sei­en die Kom­bi­na­ti­on aus Kon­zept und Kauf­preis sowie der Wil­le, Flot­te und Arbeits­plät­ze zu erhalten.

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